Gespannfahren Test, Erfahrungen und Testberichte vom Verbraucher
Radfaktor 1,5/Spaßfaktor 1000 - dagegen ist Jahrmarkt ein Sanatorium
ein Testbericht von Allgäuer2003-03-20 23:58:07vom 20.03.2003Empfehlung: ja
Vorteile: Kein Fahrgeschäft auf dem Jahrmarkt kann mir das bieten...Nachteile/Kritik: für mich keines
Was ist Gespannfahren? Zunächst einmal muß der Begriff definiert werden, denn es gibt Wohnwagengespanne, Pferdegespanne und natürlich Motorradgespanne. Ich will hier nur das Motorradgespannfahren beschreiben, denn es gibt kaum eine Fahrzeugart, die so polarisiert wie ein Motorradgespann.
Da steh´ich ja genau wie mit dem Auto im Stau! Da kauf ich mir doch lieber ein Cabrio! Was willst du denn mit so einem Buswartehäuschen? Brauchst wohl Stützräder? Solche und noch weitere Sprüche muß man sich als Fahrer eines Motorradgespannes anhören. Die echten Gespannfreaks lächeln darüber, denn diese Sprüche beweisen, dass ihre Urheber keine Ahnung vom Gespannfahren haben.
Ich bin der Auffassung, dass heutzutage ein Gespann niemals eine Zulassung bekommen würde, wenn es diese Art von Fahrzeug nicht schon gäbe. Das hat folgende Gründe:
Ein Motorradgespann fährt ohne Lenkkorrektur nicht geradeaus
Bei Kurvenfahrt ist wegen der Fahrwerksgeometrie immer ein Rad, das radiert. Es ist das einzige Gefährt dessen gedachte Verlängerungen der Achsen bei Kurvenfahrt keinen gemeinsamen Schnittpunkt haben.
Starke Lastwechselreaktionen, d.h. Beschleunigen und Bremsen führt zum seitlichen Versetzen des Fahrzeugs.
Die Ursache dafür ist die Tatsache, dass weder Schwerpunkt noch das in der Regel einzige Antriebsrad in der Mitte des Gespannes, sondern seitlich angeordnet sind. Das Motorrad mit dem Fahrer ist wesentlich schwerer als der Seitenwagen. Deswegen befindet sich der Schwerpunkt zwar zwischen Motorrad und Seitenwagen, aber deutlich näher beim Motorrad. Das führt zu einem Fahrverahlten, das mit dem keines anderen Fahrzeugs vergleichbar ist und das darüberhinaus, je nach Beladungszustand, zu unterschiedlich heftigen Reaktionen führt. So spielt es bei meinem Gespann eine erhebliche Rolle ob der Zusatztank im Seitenwagen voll oder leer ist.
Einige gravierende Unterschiede zum Solomotorrad machen das Gespann zu einem besonderen Fortbewegungsmittel. Trotz der zweiten Spur ist es, rechtlich gesehen, ein Motorrad Es darf also nur mit dem dafür geeigneten Führerschein Klasse A (früher 1) gefahren werden, es besteht Helmpflicht für alle Insassen und es wird wie ein Solomotorrad versichert und versteuert.
Das Solomotorrad wird durch Gewichtsverlagerung gelenkt, es reagiert symmetrisch, d.h. beim Bremsen bleibt es normalerweise in der Spur und Beschleunigung führt nicht zum seitlichen Versetzen des Fahrzeugs sondern höchstens zu einem Wheelie. In Rechtskurven neigt sich das Solomotorrad nach rechts, in Linkskurven nach links, so wie wir es auch vom Fahrrad her kennen.
Bei einem Motorradgespann kann durch die angebaute zweite Spur nicht durch Gewichtsverlagerung und Schräglage gelenkt werden. Es ist notwendig mit dem Lenker durch Einschlagen des Vorderrades die Richtung zu bestimmen, wie beim Auto. Dadurch neigt sich das Gespann ganau wie ein Auto das auch auf der kurvenäußeren Seite einfedert in Rechtskurvern nach links und umgekehrt.
Außerdem ist das (normalerweise) einzige Antriebsrad das Hinterrad des Motorrades und somit meist links vom Schwerpunkt. Wenn also beschleunigt wird, dann erfolgt durch die Massenträgheit des Seitenwagens automatisch ein Rechtszug, d.h. das Motorrad fährt ohne Gegenlenken eine Rechtskurve. Wie stark dieser Effekt ist hängt von verschiedenen Faktoren ab, z.B. von Breite und Gewicht des Seitenwagens und von der Beschleunigung. Genau das Gegenteil tritt ein wenn das Gas weggenommen wird und nur das Antriebsrad die ganze Fuhre verzögert, dann geht es ab nach links. Beim Bremsen ist es
ähnlich kompliziert, darüberhinaus spielt die Neigung der Fahrbahn ein große Rolle. Stark gewölbte oder unebene Straßen machen also das Gespannfahren noch interessanter.
Also Achtung,beim Gas wegnehmen!!! Das Gespann zieht nach links, wie oben beschrieben. Links ist der Gegenverkehr und Gas nimmt man häufig weg, wenns eng wird. Achtung beim Beschleunigen, denn da gehts ab nach rechts und rechts befindet sich das zu überholende Auto. Könner nutzen jedoch genau diese Reaktionen um schnell unterwegs zu sein und bei gekonntem Einsatz der Eigenheiten eines Gespannes ist man ganz schön schnell unterwegs. In Rechtskurven Gaaaaaaas, in Linkskurven Gas weg und ein oder zwei Gänge herunterschalten und das Gepann fährt die Kurven von ganz alleine.
Da der Schwerpunkt des Gefährtes sich ziehmlich weit links befindet weil das Motorrad wesentlich schwerer ist als der Seitenwagen und der Motorradfahrer ja sein Gewicht auch noch auf das Motorrad bringt, denn wandert durch die Fahrdynamik der Schwerpunkt in der Rechtskurve nach links, möglicherweise so weit (je nach Kurvenradius und Geschindigkeit) dass er über die Aufstandfläche des Gespannes (das ist die Fläche zwischen den 3 Rädern) hinauskommt. Die Folge ist, dass das Seitenwagenrad abhebt. Das ist ganz normal, also nicht weiter schlimm, wenn der Fahrer/die Fahrerin (gibts mittlereweile auch) den Grenzbereich kennt. Gefährlich wird es allerdings für Anfänger, die dann erschrecken und ruckartig den Hahn zumachen, oder den Kurvernradius vergrößern, denn dann tirtt das ein, was ich oben beschrieben habe. Es geht ab nach links – da ist dann hoffentlich geade kein Gegenverkehr.
Ganz anders verhält sich die Fuhre in einer Linkskurve. Da kann der Schwerpunkt ja viel weiter durch fahrdynamische Einflüsse nach rechts wandern bevor irgend etwas passiert. Zunächst federt das Gefährt auf der rechten Seite ein, wie ein Auto, das sich ja auch nach rechts neigt. Aber da, wo beim Auto das rechte Vorderrad ist hat ein Gespann ..... nichts. Also Vorsicht in zu schnellen Linkskurven, denn es kann passieren, dass das Fahrzeug über die Aufstandsfläche „Vorderrad – Seitenwagenrad kippt. Dann ist plötzlich das Hinterrad in der Luft und wir befinden uns kurz vor einem Überschlag. Hier ist der Grenzbereich sehr gering.
Für einen Anfänger heißt es deswegen Vorsicht!!! Und üben üben üben, mit Ballst im Seitenwagen aber zunächst ohne Passagier. Ich empfehle dringend einen Gespannfahrerkurs und auch erfahrene Dreiradler können auf den Fahrerlehrgängen immer noch etwas dazulernen. Soweit zur technischen und fahrtechnischen Seite des Gespannfahrens. Eine ausführliche Abhandlung würde den Rahmen eines einfachen Berichts sprengen
Nun zur emotionalen Seite: Gespannfahrer sind ein eigenes Völkchen und da Gespanne ein relativ teures Vergnügen sind das außerdem vordergründig mit einer ganzen Menge von Nachteilen verbunden sind bleibt die Szene überschaubar. Außerdem sind die meisten Gespanne zeitlebens eine Baustelle, denn es gibt immer etwas zu basteln zu verbessern oder in Stand zu setzen. Deswegen sind Gespanne in aller Regel auch individuelle Fahrzeuge die es nicht von der Stange zu kaufen gibt. Wer viel Geld und noch mehr Zeit in sein Hobby steckt ist in aller Regel eng damit verbunden. Gespannfahrer bleiben ihrem Fahrzeug aber viel länger treu als Solisten. Das wiederum kompensiert viele Kosten, da durch den Wertverlust neuer Motorräder auch das Solofahren ein kostspieleiges Vergnügen ist.
Die wenigsten Gespanne sind Topgefährte mit Achsschenkellenkung und Breitreifen in der Preisklasse von über 40 000 €. In den meisten Fällen werden schon vorhandene Motorräder von den Gespannbauern umgerüstet, oder einige Edelbastler vergnügen sich hunderte von Stunden in der Garage um ein besonders individuelles Fahrzeug auf 3 Räder zu stellen. Es gibt natürlich auch preiswerte Lösungen ohne Hitech-Ausstattung von Fahrwerk und Motorisierung.
Billiger gehts z.B. mit einem Oldie. Meine Goldwing GL 1000 ist Baujahr 1979 und wurde in den 80er Jahren zum Gespann umgebaut. Das Fahrzeug hat Autobereifung, Verkleidung, ein Wetterverdeck auf dem Seitenwagen, Radio/Cassette, einen Kofferraum, 45 Liter Sprit an Bord und ca. 80 PS. Damit kann ich auf der Autobahn bei Richtgeschwindigkeit gut mithalten und im Notfall ginge es auch schneller, aber es macht keinen Spaß immer mit der linken Hand den Rechtszug auszugleichen. Lieber fahre ich mit 60 bis 100 km/h auf der Landstraße und nutze die gespanntypischen Fahreigenschaften um flott um die Ecken zu kommen. So gemütlich gefahren, freuen sich auch die Kinder im Seitenwagen und auf dem Sozius an Vaters Hobby teilnehmen zu können. Bei schlechtem Wetter sind die Insassen meines Seitenwagens gut geschützt.
Wo immer wir auch hinkommen, wir werden freundlich angesprochen und nach allen möglichen Dingen gefragt. Gerade ältere Leute erzählen gerne, dass sie früher auch einmal ein Gespann hatten und suchen das Gespräch. Das ist mir mit dem Solomotorrad nie passiert. Gespannfahren hat also auch einen kommunikativen Aspekt. Gespannfahrer fahren defensiv und haben deswegen auch eine gewisse Gelassenheit, die manchen Solisten auch gut zu Gesicht stehen würde.
Seit einigen Jahren etabliert sich im Allgäu eine Gespannfahrerszene. (Immer am ersten Donnerstag im Monat ist Stammtisch in Haldenwang) Jeweils am Vatertag fahren wir mit behinderten Kindern im Seitenweagen für einige Stunden im Konvoi aus. Diese leuchtenden Augen, diese stahlenden Gesichter, so etwas würden wir sicher nicht erleben, wenn wir die Kinder im Auto - auch wenns ein Cabrio wäre, mitnehmen würden. (Auskunft unter 0831/5706774) Alle meine Passagiere (zwischen 3 und 82 Jahre alt) haben mir nach der Fahrt bisher bestätigt, dass es ein Erlebnis der besonderen Art ist in einem Gespann mitzufahren.
Ich fahre nun seit 1973 Motorrad und finde am Gespann wesentlich mehr Freude wie am Solomotorrad, auch wenn das Boot neben mir leer ist bevorzuge ich das Gespann. Dieses ständige Fahren im Grenzbereich und die permanente, direkte Reaktion auf alle Bewegungen am Gasgriff an der Bremse und am Lenker machen glaube ich das Gespannfahren aus. Und wenn der Seitenwagen hoch kommt, dann steht der Gespannfahrer noch lange nicht auf der Kippe, das überlassen wir lieber den A-Klasse-Fahrern. Etwa 10 Monate im Jahr ist das Gespann mein Hauptfortbewegungsmittel da das Auto von meiner Frau benötigt wird. Egal ob zum Wertstoffhof, zum Tauchen oder zum Sommerskifahren, oder auch nur für eine Abendrunde mit den Kindern, das Gespann ist ein sehr nützliches Gefährt. Und die Statistik zeigt, dass Gespannfahrer im Durchschnitt eher Vielfahrer sind.
Die rationale Betrachtung des Gespannfahrens ist ruckzuck erledigt. Hohe Anschaffungspreise, kompliziertes Fahrverhalten, horrender Spritverbrauch, eingeschränkte Zuladung. Es gibt also heute keinen vernünftigen Grund ein Gespann zu bewegen außer dem einen: Es macht einen Sauspaß.
Fazit:
Zum Thema Gespannfahren gibts eigentlich nur 2 Meinungen:
Entweder man ist begeistert oder man verabscheut es. Um herauszufinden zu welchem Personenkreis Sie gehören gibts nur eine Möglichkeit – AUSPROBIEREN – VIEL SPASS!
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