Platz 50 in der Kategorie "Medien & Unterhaltung Bücher - L-R". Sehr produktiver britischer SF-Autor, der 1997 starb. Hauptwerk "Stand On Zanzibar/Morgenwelt". ...mehr
erfordert Geduld und Vorstellungskraft; allzu optimistischer Schluss
Extremer Innenweltorbit mit weitreichenden Visionen
ein Testbericht von leser@tte2003-08-30 15:30:08vom 30.08.2003Empfehlung: ja
Vorteile: ein beeindruckendes Werk visionärer Tiefe...Nachteile/Kritik: nicht gerade flüssig zu Lesen
Für gewöhnlich leses ich an einem Roman des Umfanges zwar schon ein paar Tage, daß ich nach einem Monat immer noch an Morgenwelt saß erstaunte mich dann aber doch.
Nun, ich bin gewarnt worden:
Aufmerksam wurde ich auf das Buch durch einen Verriß bei ciao.de, der sich aber dennoch in meinen Ohren interessant anhörte. Auf meinen Kommentar folgte eine Empfehlung eines andren ciao Mitgliedes – mein Kommentar wurde tatsächlich gelesen...
Nun, ich bestellte mir den Roman bei booklooker und stürzte mich in die Vision der Welt des 21. Jahrhunderts, die Brunner vor rund 35 Jahren erdacht hat ... und verlor mich zunächst.
Der Roman beginnt ganz im Stil moderner Filme mit schnellen Blenden und rasanten kurzen Einblicken in die Story. Verschiedene Perspektiven wechseln sich ab und ich hatte erst einmal Schwierigkeiten herauszufinden, was der Autor den überhaupt erzählen will.
Nach einigen Tagen des Durchbeissens hat mich die Story dann aber endgültig gepackt und da ich nun im beginnenden 21. Jahrhundert lebe kann ich mich weder der Faszination noch des Grauens von Brunners Vision erwehren.
Formal gliedert sich das Buch in viele, teils sehr kurze Kapitel, welche zu verschiedenen Gruppen zusammengefaßt sind. Da gibt es die schräge Happening-Welt, die Schlaglichter, den Kontext und den Roten Faden. Vier Perspektiven die wie in Short Cuts oder Pulp Fiction durcheinandergewirbelt sind und dennoch irgendwann eine Gesammtheit bilden.
Interessant ist auch die verwendete Sprache. John Brunner hat gewissermaßen einen eigenen Slang des 21 Jahrhunderts erfunden. Dieser entspricht natürlich nicht unserer heutigen Sprache – Parallelen sind aber nicht von der Hand zu weisen.
Ein Hauptthema seiner düsteren Utopie scheint mir die Überbevölkerung zu sein. So deutet dann auch der Originaltitel darauf hin, daß wir (die Menschen) nicht mehr Platz hätten alle auf der Insel Sansibar zu stehen. Einige ständen knietief im Wasser. Die genechnischen Entwicklungen und rassenhygienischen Gesetze, welche Brunner ersinnt, erinnern an Gattaca und Brave New World.
Auf die eigentliche Handlung möchte ich jetzt gar nicht weiter eingehen, da ich befürchte sonst den Rahmen eines Erfahrungsberichtes zu sprengen. Fest steht für mich, daß ich dieses Buch nicht zum letzten Mal in der Hand hatte.
DER AUTOR
Der 1934 in Preston Crownmarsh, Oyfordshire, geborene John Brunner gilt als einer der erfolgreichsten ScienceFiction- und Fantasy-Autoren Englands. Mit Romanen wie Schafe blicken auf und der Schockwellenreiter schuf er Weltbestseller. Berühmtheit erlangte er durch den Roman Morgenwelt, welcher mit dem amerikanischen Hugo Gernsback Award, dem englischen British Science Fiction Award und dem französischen Prix Apollo ausgezeichnet wurde.
DATEN
Morgenwelt von John Brunner
Originaltitel: Stand on Zanzibar
Erste Auflage des Originals 1968
dt. Übersetzung: Horst Pukallus
erstmals 1980 im Heyne-Verlag auf deutsch erschienen
Heyne Science Fiction & Fantasy Band 06/3750
ISBN 3-453-30653-8
607 Seiten Paperback
Preis: 9,80 DM
MEIN FAZIT
Eine düstere Vision unserer Welt, die teilweise schon wahr geworden scheint. Multinationale Konzerne, die ganze Länder kaufen, die Allmacht der Computer, der steigende Einfluß der Genetik in das alltägliche Leben und eine überbevölkerte Welt am Rande von Chaos und Terror.
Der Schrecken schleicht sich erst dann richtig ein, wenn man von den Seiten aufschaut und den Blick aus dem Fenster schweifen läßt.
Formal harter Tobak, aber auf jeden Fall in der ganz engen Auswahl für die drei Bücher für eine einsame Insel!
...
In "Morgenwelt/Stand On Zanzibar" verwirklichte der englische SF-Autor John Brunner ein gewagtes stilistisches Experiment: die Welt von morgen einzufangen wie in einem Film. Das Experiment gelang zwar meiner Ansicht nach, das Buch wurde auch mit hohen Preisen ausgezeichnet, aber es war kommerziell ein Flop.
Lediglich noch "Schafe blicken auf" konnte sich Brunner leisten zu schreiben, dann mußte er schon wieder zur Fließbandarbeit zurückkehren: Abenteuerromane für ein jugendliches Publikum raushauen.
"Morgenwelt" ist dagegen ein ernstzunehmender Roman für Erwachsene. "Wenn John Dos Passos Science Fiction geschrieben hätte – ein Buch wie dieses wäre das Eregebnis gewesen." (Washington Post)
Handlung
Das Geschehen des im Jahr 2010 angesiedelten Romans findet in USA und Europa, in Afrika und Asien statt. Facettenartig spiegelt er eine Zukunft wieder, die einige Pluspunkte zu bieten hat: Künstliche Intelligenz und gentechnisch modifizierte Körper etwa, aber leider auch kulturell motivierte Kriege und fanatische Attentäter. Internationale Konzerne können ganze Länder aufkaufen und den Handel mit menschlichen Organen an der Börse notieren lassen.
Donald Hogan ist ein technisch aufgemotzter und grimmig motivierter US-Agent in geheimer Mission in Südostasien. Dort soll er Professor Sugaiguntung, der eine Methode zum Klonen von Soldaten erfunden hat, per U-Boot außer Landes schaffen. Doch leider läuft alles schief: Der Prof stirbt.
Sein Gegenstück im multinationalen Konzern Gerätetreiber ist Norman House, ein aufstrebender Schwarzer. Sein Bröchengeber schickt ihn in das winzige afrikanische Ländchen Beninia (engl. "benign" = wohltätig, gutartig), in dem eine Art Friedens-Gen entdeckt worden sein soll. Auch hier laufen die Dinge unversehens aus dem Ruder.
Dies sind die zwei Haupthandlungsstränge, die "Continuity" (ein Film-Begriff) herstellen. Es gibt noch weitere Nebenhandlungen, aber auch Mini-Kapitel mit "Schlaglichtern" aus den Medien. So ergibt sich aus 118 Kapiteln ein Mosaik, das einen erschütternden Eindruck im Leser hinterläßt.
Fazit
Dies ist eine Zukunft, wie sie unsere Kinder und Enkel noch erleben könnten. Brunner hat sich in vielerlei Hinsicht als Prophet erwiesen. Er hat zwar nicht das Internet vorhergesehen, wohl aber die Macht der Computer und der Gentechnologie, der Regierungen und Konzerne.
Und kompromisslos zeigt er auf, daß alle Unternehmungen dieser Täter zum Scheitern verurteilt, weil sie alle das falsche Denken zugrunde legen: Sie alle betrachten die Welt wie auch die Menschen als Objekte und als Mittel zum Zweck statt sich dem Streben nach Erkenntnis, nach Verstehen und Begreifen zu widmen, gehen sie alle den kurzen Weg – in die Irre, ins Verderben.
Bereits heute spielt dieses technizistische Denken die erste Geige in der Planung von Unternehmungen, in der Leitung von Konzernen und Staaten. Dieses Denken ist nur einen winzigen Schritt von Zweckentfremdung und geistig-moralischer Vergewaltigung entfernt, wie Brunner aufzeigt. Und allzu oft, ja immer häufiger sind die Täter und ihre Agenten bereit, diesen kleinen Schritt zu tun.
Info: Stand On Zanzibar, 1968; Heyne 2000, Nr. 06/8004, München; 858 Seiten, DM 29.90, aus dem Englischen übertragen von Horst Pukallus, ISBN 3-453-16182-3