Münchner Sommertheater Test, Erfahrungen und Testberichte vom Verbraucher
Molieres
ein Testbericht von Trillian282003-07-17 10:23:16vom 17.07.2003Empfehlung: ja
Vorteile: umsonst, superlustig, tolle Location...Nachteile/Kritik: kein WC, etwas unbequem
Habt ihr diesen Freitag schon was vor? Nein!? Dann macht ihr nun folgendes:
Mobilisiert ein paar Freunde, packt euch ein lecker Picknick, eine Isomatte, eine Taschenlampe und eine Decke ein, trefft euch gegen 19:00 Uhr mit den Fahrrädern im Englischen Garten am Seehaus oder am Aumeister, folgt den roten Pfeilen bis zum Freiluftamphitheater, macht es euch dort gemütlich, futtert euer Picknick und wartet bis es dann gegen 21:30 Uhr los geht...was? Das Münchner Sommertheater mit „Tartuffe“ von Moliere!
(Für alle die nicht in München und Umgebung wohnen: das oben gesagt gilt leider nicht für euch!)
So, wie oben beschrieben, haben wir es letzten Sonntag gemacht. Als wir um 19:30 Uhr ankamen war das Theater schon gut gefüllt, aber wir haben noch ein gutes Plätzchen bekommen und harrten der Dinge, die da kommen würden.
Auf der Bühne des Theaters lag eine ca. 3 Mal 4 Meter große grüne Unterlage. Sonst nichts. Ein bißchen besorgt, wegen der fehlenden Requisiten, zweifelte ich langsam, ob da denn noch etwas Gutes kommen könnte. Es kam!
Molieres „Tartuffe“
Tartuffe ist schon seit einiger Zeit Gast im Haus des Orgon. Dieser hat Tartuffe zerlumpt und verhungert in einer Kirche beim Beten getroffen und beeindruckt von dessen Frömmigkeit, ihn als Gast in sein Haus aufgenommen. Während der etwas naive Hausherr Orgon an der Ehrlichkeit seines Gastes nicht zweifelt und es diesem an nichts fehlen lässt, sind die anderen Familienmitglieder ganz anderer Meinung. Ihnen geht die aufgesetzte Frömmigkeit gründlich gegen den Strich und würden Tartuffe gerne aus dem Haus haben. Doch der Hausherr will davon nichts hören. Ja, er beschließt sogar Tartuffe seine eigene Tochter Marianne (die eigentlich bereits Valère versprochen ist) zur Frau zu geben. Die Tochter ist verzweifelt, liebt sie doch ihren Verlobten Valère über alles.
Doch zum Glück gibt es noch die Zofe Dorine, die den scheinheiligen Tartuffe durchschaut und kein Blatt vor den Mund nimmt. Gemeinsam mit den anderen Mitgliedern der Familie versucht sie Tartuffe das Handwerk zu legen. Doch es scheint zunächst alles noch viel schlimmer zu kommen...
Ich glaube aber, dass ich nicht zu viel verrate, wenn ich sage, dass am Ende alles gut ausgeht!
Unter der Leitung einer gewissen Ulrike Dissmann zeigten junge Schauspieltalente gute 2 Stunden lang bestes Theater! Selten habe ich mich so gut amüsiert, wie an diesem Abend. Leider kenne ich das Originalstück von Moliere nicht und weiß nicht, inwieweit davon abgewichen wurde. Ich habe im Internet das erste Kapitel angelesen und denke, dass man wohl weitgehend am Original geblieben ist.
Schauspieler
Da es sich um ein klassisches Stück handelt, wird der Text natürlich in Versform vorgetragen. Aber keine Angst, die Verse gehen den jungen Schauspielern, die glaube ich teilweise von der Schauspielschule kommen, so leicht von den Lippen, dass man sich nach kurzer Eingewöhnungsphase, an die eigentümliche Sprache gewöhnt hat.
Überhaupt ist es zum Großteil den tollen Schauspielern zu verdanken, dass das Stück so toll geworden ist. Alle Schauspieler sind sehr gut, aber zwei stechen aus allen heraus. Das ist einmal der Darsteller des Tartuffe, der auch gleichzeitig die Rolle der Mutter des Orgon spielt und der Darsteller
der Zofe Dorine. Beide Schauspieler sind mit einem genial – komischen Talent gesegnet und sind neben dem ebenfalls sehr gut dargestellten Orgon, die tragenden Säulen des Stücks.
Bei der Darstellung der Dorine haben es die Macher des Stücks nicht mal für nötig gehalten, dass er seine Stimme verstellt. Dorine bewegt sich wie ein Mann und redet wie ein Mann. Aber das, passt genau zu der forschen Dorine, die sich einfach nichts gefallen lässt...und sie/er ist wirklich urkomisch!
Der Darsteller des Tartuffe dagegen, darf seine weiblich - zickige und herrische Seite als Mutter des Orgon voll ausleben, was er auch mit Wonne und zur Freude der Zuschauer tut. Und natürlich ist er als scheinheiliger, wohlgenährter Tartuffe, mit seinem Kugelbäuchlein, seinen roten Wangen und seiner übertriebenen Frömmigkeit einfach der Brüller!
Musik
Zwischendrin gabs auch die ein oder andere musikalische Einlage. Diese waren von Moliere sicher nicht so geplant, denn das Orgon sich seine Wut von der Seele rapt, scheint doch nicht wirklich in die klassische Zeit zu passen...aber in die Inszenierung passte es super!
Fazit
Tja, ich denke, dass ich meine Begeisterung nun genug mitgeteilt habe. Ein tolles Theaterstück, dass man sich in einer tollen Kulisse zu Gemüte führen kann – und das alles für umsonst! Naja, wer natürlich will, kann die Schauspieler finanziell unterstützen, indem er ein Programm oder einen Lampion kauft oder am Ende ein bißchen Geld in den Hut wirft.
Natürlich lässt der Sitzkomfort zu wünschen übrig. Auch auf der Isomatte, tat mir irgendwann der Popo weh. Aber es war auszuhalten.
An alle Frauen: es gibt keine Toiletten, also nehmt eine Taschenlampe und Taschentücher mit, für den Fall, dass ihr mal müsst....
Gespielt wird noch im Juli jeden Freitag, Samstag und Sonntag.
Beginn: bei Sonnenuntergang.
Wo: in der Nähe des Aumeisters (bei schelchtem Wetter in der Villa Mohr)
MVV Anbindung: U6 Alte Heide und Bus 87 Rümelinstraße.
Infos: www.muenchner-sommertheater.de
Nächstes Jahr gibt es wieder ein anderes Stück...und ich bin auf alle Fälle wieder dabei. Nur dann werde ich mich noch wärmer anziehen!
...
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