Die Liebe ist ein Buch mit 7 Siegeln,
die allesamt ein Rätsel wiederspiegeln,
Vertrauen, das 1. Siegel:
Um eine Liebe aufzubauen,
ist es wichtig einander zu vertrauen.
Zuviel Vertrauen gibt's wohl kaum,
bedingungslos, bleibt wohl ein Traum.
Zuwenig ist meistens der Fall,
was beunruhigt jedes Pferd im Stall.
Jede kleinste Reibung ist ein Funken in den Haufen Stroh,
welcher bringt das Heu zum brennen - Lichterloh
Ehrlichkeit, das 2. Siegel:
Die Lüge und jede Unwahrheit,
sind Gegner aufrechter Ehrlichkeit.
Abhängig des bestehenden Vertrauen,
hat man sich so oft schon den Weg verbauen.
Nur wer das 1. Siegel hat beseitigt,
wird mit dem 2.ten schon gar nicht streitig...
Dialog, das 3. Siegel:
Der Dialog ist von grosser Bedeutung,
und setzt voraus... Respekt und Achtung.
Nur wer des Empfängers Wünsche respektiert,
und ihn nicht dauernd kritisiert,
wird einst können erreichen,
zu stellen des Gespräches Weichen.
Das Gespräch ist die treibende Kraft der Liebe,
wer's nicht sucht, der erntet Hiebe.
Freiheit, das 4. Siegel
Wie durch's 3. Siegel herausgefunden,
will jeder sein, nicht zu eng gebunden.
Nur durch gewähren des 'eigenen' Lebensraums,
bleibt Platz zum verwirklichen seines eigenen Traums.
Wer stetig ist auf den anderen fixiert,
hat schnell sich selber ausrangiert.
Wer sich selber hat aufgegeben,
wird mit dem Partner nicht lange zusammen leben.
ewige Erneuerung, das 5. Siegel
Wer einmal hat gelernt, was es heisst zu lieben,
wird sich hüten, vom Alltagstrott zu werden abgetrieben.
Nur wer sich Abwechslung in der Zweisamkeit verschafft,
hat auch diese Hürde meisterhaft geschafft.
Doch einfach ist dies noch lange nicht,
denn auch hier droht, dass der Felsen auseinanderbricht.
Das stetige Wechselspiel von auf und ab,
sprengt hie und da ein Steinchen ab,
gleichwohl auch die Witterung nagt,
und den Felsen in kleinen Stückchen in die Ferne tragt.
Siegel sechs und sieben,
sind auch mir noch'n Rätsel geblieben.
Wahrscheinlich ist es Freude und Glückseligkeit,
und wie man sie bewahrt auf Ewigkeit.
Dies ist jedoch kein zu erreichender Zustand,
der sich lässt so leicht weisen von der Hand.
Und somit sind die letzten beiden Siegel,
zwei immerwährende Rätsel...
ein Testbericht von mima0072003-10-28 18:15:41vom 28.10.2003Empfehlung: ja
Vorteile: gute, interessant formulierte Beobachtungen...Nachteile/Kritik: sprachlich ausbaufähig; nur in Kleinstverlag erschienen
Der Titel ist Programm: "PhotoFinish" gibt den Erfahrungsbereich, aus dem die Metaphern der meisten hier gesammelten Gedichte kommen, vor: die Fotografie.
Telescop, Camera obscura, Fixierbad, Abbild, Momentaufnahme, Photogen, Aktphoto, Schwarzweiß – die Liste dieser der Fotografie entlehnten Überschriften ist schier unbegrenzt und macht deutlich, wie sehr das Medium der Fotografie unsere Wahrnehmung durchdrungen hat.
Doch die Reibungsfläche, an der sich unsere so geformte Wahrnehmung entzündet, ist keineswegs beliebig. Die Sterne bedeuten uns nichts, wenn sie fotografiert werden. Es muss ein Du geben, das dem Moment der Wahrnehmung (Aufnahme) Bedeutung verleiht. Es muss Du geben, das überhaupt ein lohnenswertes Motiv liefert. Und es gibt ein Du, das dem eigenen Leben ein Art Stativ verleihen kann. Das geliebte Du.
Doch Menschen-Fotografie bedeutet auch Unsicherheit durch Vermitteltheit: das Medium stellt Abstand zum Original her, verwandelt Realität in Abbild, in Kunst. Diese wiederum ist beliebig reproduzierbar, und das Motiv wird ent-wertet, da beliebig manipulierbar, eine Ware. Doch Waren haben ihren zeitbegrenzten Wert: auf einer Titelseite, die Wünsche abdruckt und Illusionen – das Image als Opfer der Rotationsmaschinen. Nun wird der Original-Augenblick kost-bar.
Andere Gedichte greifen das Thema Lied auf: Abendlied, Weihnachtslied, Altes Lied. Erinnerungen an Rilke (wer jetzt kein Zuhause hat... in "Vorabend") werden wach und variiert. Viele Gedichte versuchen die Ver-Ortung des Ich im Universum (Sterne, Galaxien), in der Region (Schwanensee), in der nächsten Umgebung (Reihengräber in "Dichter Nebel"). Doch wo kein Du zu finden ist, herrschen Bilder Einsamkeit, des Alleinsein vor: Nebel, Nacht, Verlus-Erscheinungen wie "wort-, bedeutungs-, spur-los" usw.
"Reim dich, oder ich fress dich"? Nicht bei Norbert Sternmut. Seine Verse sind kurze, oftmals ge- und zerstückelte Satzfragmente. Der Leser muss selbst zusammenfügen, was sich ihm als Baukasten darbietet. Auffallend wenige Eigenprägungen sind zu finden: Rotationselend, Grundsatzidylle, Sonnenstrände. Der Text "Unterwegs" ist da eine positive Ausnahme:
Unterwegs //
Seelenzangen / ins Gelände gequält.//
Brunnenschutt, du sollst / vergessen sein.//
Augenfalle, geheim, / herzleise abgeblüht / im Schnee davon//
Erzählt ein Aschenrund.//
Kein Kreis von unten her, / der dich nimmt / ins Gestänge, aufspult / auf eine Rolle.//
Rastflucht, / Flächen weithin, Stimmen, / Fassaden, / Sprache unterwegs / ein Sehnsuchtsfalter.//
Von oben her kein Sonnenlaken, / das dich bedeckt / mit Sicherheit / abgesternt / der menschlichen Wunde, / unterwegs auf dem Weisheitsweg, / Holz.
(Alle Zeilenanfänge werden groß geschrieben.)
Mein Eindruck
Norbert Sternmuts Gedichtband "Photofinish" schneidet ein wichtiges Thema an: Fotografie begegnet uns heute so allgegenwärtig, dass wir sie und ihren Einfluss für selbstverständlich zu halten geneigt sind. Die Macht der Gewohnheit, die normative Kraft des Faktischen. Das war vor 125 Jahren noch nicht so. Fotografie war etwas Teures und Kostbares, den wohlhabenden Ständen vorbehalten. Erst ab 1900 kamen die großen Zeitungen auf, mit neuen Reproduktionstechniken fanden Fotos große Verbreitung. Die Wahrnehmung veränderte sich, die Kunst musste folgen, und Walter Benjamin konnte seinen großen Essay "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit" schreiben.
Heute ist die Fotografie personalisiert, persönlich geworden, und jederzeit verfügbar, ähnlich wie die genaue Uhrzeit. Dies hat Folgen für die Wahrnehmung und Bewahrung von Sinneseindrücken: Realität festzuhalten wird nicht mehr nur eine Sache des biologischen Erinnerungsvermögens und der individualisierten Weitergabe – sie ist
normiert, standardisiert, reproduzierbar, verkommt zur Ware mit Verfallsdatum.
Sternmut untersucht in einigen seiner Text, wie sich das Paradigma der Fotografie auf die Begegnung mit einem geliebten, emotional nahen Gegenüber auswirkt. Er kommt zum Schluss, dass der Mensch standhält, ja, dem Betrachter selbst einen Halt in der Realität vermittelt. Während das technisch erstellte Abbild nur zeitweiligen Wert besitzt, ist die Nähe zum Du unverzichtbar, weil konstitutiv für das Ich des Betrachters. Wäre das Gegenüber zugleich auch Gegenstand der Fotografie, handelte es sich um ein Modell. Und das wäre etwas ganz anderes.
Der Autor
Norbert Sternmut (= Norbert Schmid), geboren 1958, lebt in Asperg bei Stuttgart und arbeitet als Pädagoge. Er veröffentlichte seit 1980 zahlreiche Lyrikbände, Dramen und Kurzprosa. Mehr Infos gibt's auf seiner Website www.sternmut.de.
Unterm Strich
Sternmut greift in "PhotoFinish" ein wichtiges Thema der Ästhetik und Wahrnehmung auf, ortet Ich und Du in einem so definierten Paradigma. Seine Ergebnisse sind interessant. Lediglich die sprachliche Eigenständigkeit könnte größer sein. Eigene Prägungen wie in "Unterwegs" sind zu selten. Und so fand denn auch dieser Lyrikband nur geringe Resonanz in der Presse und beim Publikum. Was durchaus schade ist.