Psychosomatische Fachklinik Münchwies Test, Erfahrungen und Testberichte vom Verbraucher
Letzter Ausweg oder Verschwendung von Steuergeldern?
ein Testbericht von Mary01hn2004-06-29 15:16:36vom 29.06.2004Empfehlung: nein
Vorteile: landschaftlich reizvolle Lage, schönes, helles Gebäude...Nachteile/Kritik: die Therapeuten widmen den Patienten zu wenig Zeit, alles ist zu oberflächlich
Mein Freund ist spielsüchtig. Er ist es und wird es immer bleiben. Spielen ist eine Sucht wie Alkoholismus. Es ist nicht heilbar. Man kann zwar „trocken“ werden, wie ein Alkoholiker auch trocken werden kann, aber die Krankheit ist da und lauert im Hintergrund.
Spielsucht ist erst seit ein paar Jahren als Krankheit anerkannt und wird als solche therapiert. Es gibt Psychologen die haben sich bis heute erst wenig, bzw. gar nicht diesem Zweig angenommen. Es ist praktisch noch Neuland. Fest steht aber, dass die Chancen, diese Sucht zu bezwingen niedriger sind, als bei einem Drogenkranken.
Ich habe meinen Freund im Knast kennengelernt. Bei einem Preisskatturnier, das die hiesige Kreissparkasse organisiert hatte und bei dem auch Leute „von aussen“ mitspielen konnten. Es war sein drittes mal, dass er saß. Beschaffungskriminalität gibt es auch bei Spielern. Er ist weder böse noch bösartig. Er hat niemanden beraubt, noch hat er eine Bank überfallen. Er hat sich Geld ausgeliehen und es nicht zurückgezahlt. Er wusste, dass er es nicht zurückzahlen würde, da er es nicht konnte, er verspielte es ja. Auszugsweise wird das Verhalten eines Spielers wie folgt beschrieben:
1. Ein Großteil der Zeit wird mit Spielen oder der Beschaffung von Geld zum Spielen verbracht.
2. Häufig werden größere Geldsummen verspielt oder die einzelnen Spielphasen über den eigentlich geplanten Zeitraum hinaus ausgedehnt.
3. Es besteht das Bedürfnis, die Höhe oder Häufigkeit der Einsätze zu steigern, um die gewünschte Erregung zu erreichen.
4. Besteht keine Möglichkeit zum Spielen, kommt es zu Unruhe und Reizbarkeit.
5. Es wiederholt sich die Wechselwirkung von Verspielen von Geld und Weiterspielen am nächsten Tag, um den Verlust zurückzugewinnen.
6. Wiederholt wird der Versuch unternommen, das Spielen einzuschränken oder ganz damit aufzuhören.
7. Es wird auch dann häufig gespielt, wenn berufliche oder private Verpflichtungen anstehen.
8. Wichtige Aktivitäten in Beruf, Privatleben und Freizeit werden vernachlässigt oder ganz aufgegeben, um spielen zu können.
9. Alle aus dem Spielverhalten resultierenden Probleme sind dem Spieler bekannt. Trotz wachsender, von ihm nicht mehr zu bezahlender Schulden und trotz der im sozialen, beruflichen oder juristischen Bereich aufkommenden Probleme ist er aber nicht in der Lage, das Spielen aufzugeben.
Wir hatten uns unterhalten, ich schrieb ihm, ich besuchte ihn, und irgendwann kam er in den Freigang. Er musste zwar noch im Gefängnis übernachten, aber er konnte außerhalb arbeiten. Schon nach einer Woche lieh er sich wieder Geld, blieb der Arbeit fern, spielte.... Er kam wieder in den geschlossenen Vollzug. Wurde endlich in eine Therapie entlassen. In die „Psychosomatische Fachklinik Münchwies“ bei Neunkirchen im Saarland. Ich fuhr ihn. Die ganzen 230 km Fahrt zitterte er und hielt meine Hand fest gedrückt.
Als wir dort ankamen, wurden wir gleich von seinem zuständigen Psychologen, der ungefähr aussah, wie Vader Abraham (der mit den Schlümpfen), begrüßt. Zwei Mitbewohner seiner zukünftigen Gruppe, die schon ein paar Wochen hier waren, brachten sein Gepäck aufs Zimmer. Die Klinik an sich machte einen ordentlichen Eindruck. Viel Glas, helle weitläufige Flure, in denen Zeichnungen und Handarbeiten der Kranken ausgestellt sind. Ein Raucher-Pavillon, ansonsten war des Rauchen in der Klinik strengstens verboten und wurde teilweise sogar mir
Rausschmiss bestraft. Das Zimmer ordentlich möbliert, zwei einzelne Betten, ein Schrank, ein Bad, fast wie in einem Mittelklasse-Hotel.
Es gibt einen Waschraum zum Wäsche waschen (wer Glück hat, ergattert sogar einen Wäscheständer), eine Gruppenküche, die Gruppe der Spieler war überschaubar, immer so zwischen 10 und 14 Patienten.
Die restlichen Patienten der Klinik werden behandelt gegen (Auszug aus der Homepage):
Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit
psychische Störungen wie z.B.
Angst- und Panikstörungen
Persönlichkeitsstörungen
somatofo rme Störungen
Psychosomatische Erkrankungen
Störungen des Essverhaltens
Bulimia nervosa
Anorexia nervosa
Adipositas permagna
Schädlicher Gebrauch von Alkohol und suchtpotenten Medikamenten
Pathologische Glücksspielsucht
Chronische Schmerzzustände
Posttraumatische Belastungsstörungen
Es gibt sportliche Einrichtungen, wie z.B. ein kleines Hallenbad, eine Kegelbahn, ein Fitness-Studio. Die Klinik liegt landschaftlich reizvoll, im Sommer kann man spazieren gehen, joggen, etc. und im Winter z.B. Schlitten fahren.
Außerdem gibt es täglich wechselnde Angebote, wie Zeichnen, Basteln, das Bearbeiten von Speckstein, etc. Freitag abends ist Disco, die von den Patienten organisiert wird, angefangen beim Aufbau der Anlagen, bis hin zum Bedienen derselben.
Das Essen ist gut, es gibt ein reichhaltiges Buffet, mit verschiedenen Angeboten. Alkohol ist tabu, in der ganzen Klinik, was ja wohl auch selbstverständlich ist.
Irgendwann wurde ich dann heimgeschickt. Vieles von dem, was ich jetzt beschreibe, habe ich nur teilweise miterlebt, der Rest stammt von Erzählungen meines Freundes und seiner Mitpatienten.
Zuerst ein Auszug aus der Homepage der Klinik:
Das therapeutische Basisprogramm absolvieren die Patienten beider Abteilungen im Rahmen einer therapeutischen Wohngruppe, zu der jeweils 12 Personen (Männer und Frauen) gehören. Die Gruppe wohnt und lebt zusammen und durchläuft wichtige therapeutische Aktivitäten gemeinsam. Durch diese Form der Therapieorganisation entsteht für die Patienten innerhalb der Klinik ein überschaubarer Bezugsrahmen, der das Entstehen einer vertrauensvollen Atmosphäre als Basis für die Therapie erleichtert. Das Zusammenleben in der Wohngruppe schafft für den Patienten emotional bedeutsame Situationen, die im wesentlichen gekennzeichnet sind durch soziale Unterstützung, aber auch durch Konfrontationen mit eigenen problematischen Verhaltensmustern. Die Wohngruppe ist somit ein soziales Lernfeld von hoher Echtheit und Verbindlichkeit und ermöglicht die Bearbeitung von Problembereichen wie die Nähe-Distanz-Regulierung, das Spannungsfeld zwischen Autonomie und Abhängigkeit sowie die Fähigkeit zur Antizipation des eigenen Handelns. Der Patient kann sein Problemverhalten reflektieren und alternative Lösungsstrategien erarbeiten und erproben. (Baumeister 1994)
Wesentlicher Bestandteil der therapeutischen Arbeit im Rahmen der Wohngruppengemeinschaft ist die Gruppentherapie.
Die verbale Therapie findet ihre Fortsetzung und Ergänzung in der in der Sport-und Bewegungstherapie sowie in der Ergotherapie. Ein vierter Baustein innerhalb der Therapie im Rahmen der Wohngruppe ist die Patientengruppe. Innerhalb dieser Gruppenstunde ohne Therapeut kann Eigeninitiative eingeübt, Selbstverantwortlichkeit gefördert sowie die spätere Arbeit in einer Selbsthilfegruppe vorbereitet werden.
Tatsache aber ist, dass diese 3-monatige Therapie nicht einem, den ich dort kennengelernt habe, geschweige denn meinem Freund wirklich geholfen hat. Im Gegenteil, oft kamen Patienten mit den besten Absichten dort an und wurden dann regelrecht „mitgeschleift“. Ein Beispiel: In der ersten Woche darf ein neuer Patient die Klinik noch nicht alleine verlassen. Er muss in Begleitung eines oder zweier Patienten ausgehen, die schon länger dabei sind.
Und jetzt, liebe Leser, dürft Ihr raten, wo die „alten Hasen“ den Neuling, wenn nicht als erstes, so doch in den ersten Tagen hinbringen, oder ihm zumindest den Weg zeigen. Natürlich – in Neunkirchen gibt es ein Casino. In Saarbrücken, 30 km weiter, locker mit Bus und Bahn erreichbar, sogar mehrere. Das ist wie wenn man einem Alkoholiker – selbst wenn der mit den besten Absichten gekommen wäre – schon in der ersten Woche eine Flasche Schnaps unter die Nase hält.
In der zweiten Woche war es dann soweit. Mein Freund rief mich mitten in der Nacht an – ich hörte ihn durch den Schnee stapfen – und teilte mir mit, er würde sich jetzt vor den Zug werfen. Er hatte sage und schreibe 2.000 Euro verspielt, geliehen von allen mögliche Leuten. Na und, sagte ich, ein Spieler ist doch selbst schuld, wenn er einem Spieler etwas leiht. Aber es waren nicht die Spieler, die ihm das Geld gegeben hatten. Das ist dort wie so eine Art Ehrenkodex. Man lieh sich das Geld von den Alkoholikern, den Drogenkranken, den Essgestörten, etc. Die wussten ja meist nicht, dass ein Spieler mit Menschen so gut spielen kann, wie an einem Roulette-Tisch. Wenn die aber zu ihrem Therapeuten gingen und Meldung machten, hieß das sofortigen Rausschmiss, bei meinem Freund wäre die Konsequenz gewesen, dass er noch einmal auf unbestimmte Zeit in den Knast gemusst hätte. Doch das war noch nicht alles. „Selbst schuld,“ können Sie denken und haben bis zu einem bestimmten Punkt auch recht. Was ich aber dieser Klinik ankreide ist, dass die Patienten viel zu oberflächlich behandelt werden. Für die Spieler gibt es zwei Therapeuten. Beide haben Arbeitszeiten wie ein Beamter. Sie kommen morgens um 10 Uhr und gehen abends gegen 16 oder 17 Uhr. Sie halten ihre Gruppengespräche ab, und wenn man ganz viel Glück hat, erwischt man sie auch mal zu einem Einzelgespräch. Aber wirklich nur bei ganz viel Glück. Meist hatte er nur Zeit, sich mit dem einen oder dem anderen kurz zu unterhalten, und viele, die vor seiner Bürotür auf ihn warteten, wurden wieder weggeschickt.
Da hört sich dieser Auszug aus dem Klinikprospekt wie ein Witz an:
Mit jedem Patienten wird während der Behandlungszeit eine kontinuierliche Einzeltherapie durchgeführt. Es finden regelmäßige Gesprächstermine bei dem Bezugstherapeuten der Wohngruppe statt. Ergänzend können die Patienten zu glücksspielspezifischen Problemen Einzelgespräche oder eine Einzeltherapie mit den zwei zuständigen Therapeuten der Indikativgruppe "Pathologisches Glücksspiel" (Glücksspielergruppe) vereinbaren.
Was ist nachts? Was ist am Wochenende? Wann braucht den ein Patient die meiste Betreuung? Wenn die Ängste kommen, wenn die Sucht so groß wird, dass man denkt, man hält es nicht mehr aus. Oder wenn die Langeweile sich breit macht. Oder wenn Mitpatienten einem das Leben zur Hölle machen. Oja, das habe ich selbst miterlebt.
In diesen Gruppengesprächen kommt es ja meist vor, dass einer der Süchtigen sagt: „Mir geht es schlecht, wegen Diesem und Jenem oder ganz besonders diesem Einen!“ und dann wird darüber diskutiert. Aber oft war dies auch der Startschuss zu einem Spießrutenlauf für den Diesen oder den Jenen oder den Einen besonderen. Nachts wurden regelrechte Gerichtssitzungen abgehalten, meist im Zimmer dessen, dem es morgens noch so schlecht ging. Dann wurden Urteile gesprochen, Maßnahmen geplant und durchgeführt, wie z.B. den Zivis, die nachts Kontrolle machten zu erzählen, man sei ausgebüxt, so dass die dann mitten in der Nacht das Zimmer aufschlossen und kontrollieren kamen. Da war dann kein Therapeut da, kein Psychologe, der einem half, der mit einem redete, nein, der kam frisch am nächsten Morgen und hörte sich an, wie schlecht es dem einen oder dem anderen mit dem einen oder anderen ging. Er betete dann den Gelassenheitsspruch mit den Patienten runter und überließ die Gruppe dann wieder ihrem Schicksal, ihrem Mobbing und ihren ganz persönlichen kleinen Fehden.
Mein Bericht bezieht sich zwar im Wesentlichen auf die Spielergruppe, es haben sich aber auch öfters Medikamentenabhängige und Drogensüchtige bei den Spielern ins Zimmer geschlichen, und obwohl „Pärchenbildung“ unter den Patienten nicht erwünscht war, wäre das wohl noch das kleinere Übel gewesen. Nicht nur, dass auch diese Patienten ihrer Sucht weiter frönten, sie erzählten auch oft, wie alleine gelassen von ihren Therapeuten sie sich fühlten.
Im Klinikprospekt steht auch, dass einem Wege gezeigt werden, wie man die finanzielle Misere, die man zuhause hinterlassen hat, bewältigen kann. Das Einzige, was diesbezüglich getan wurde, ist, dass die Patienten angehalten wurden, ein Haushaltsbuch zu führen. Es gibt zwar in der Klinik, der sich mit privaten Insolvenzen auskennt, doch der- oder diejenige war nie auffindbar.
Die Einbeziehung der Angehörigen kommt auch wesentlich zu kurz. Ich war lediglich beim Begrüßungs- und beim Schlussgespräch dabei. Beim letzteren habe ich dem Psychologen dann auch meine Meinung gesagt. Seine einzige Antwort war, dass es ihm damit jetzt aber schlecht ginge.
Mein Freund spielt immer noch. Es hält sich in Grenzen, meist dauert es 2 – 3 Monate bis er mal wieder eine Woche verschwindet, in den gleichen Klamotten 5 – 6 Tage auf Parkbänken und in Bahnhofsvorhallen darauf wartet, dass das Casino aufmacht, und in der er bis zu 5.000 Euro verspielt. Er arbeitet inzwischen danach auch wie ein Verrückter, um das geliehene Geld zurückzuzahlen, und wartet nicht mehr darauf, dass ihn irgendjemand anzeigt. Eine Zeit lang besuchte er die Gruppe der Anonymen Spieler, was ihm aber auch nicht viel weiter half.
Fazit ist, unsere gegenseitige Liebe konnte bisher das Schlimmste verhindern, aber wehe dem Spieler, der nach einem Klinikaufenthalt in Münchwies auf sich alleine gestellt ist.
Zwar möchte ich nicht pauschal sagen, dass die Finanzierung einer solchen Therapie Verschwendung von Steuergeldern ist, aber um ein wirklicher Erfolg zu sein, ist noch vieles verbesserungswürdig.
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