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Yamaha XT 500 Test, Erfahrungen und Testberichte vom Verbraucher
Joghurtbecher gegen eine 1U6
ein Testbericht von Ansprechpartner2003-02-28 16:05:36vom 28.02.2003Empfehlung: ja
In jedem Fachjargon gibt es Ausdrücke des Lobes sowie des Grolls. Auch der Motorradfahrer hat seine eigene Begriffswelt.
Der Endurofahrer geißelt Fans der schnellen Gilde gerne mit der Feststellung, dass eine Fireblade ein "Joghurtbecher" und eine RD500 eine "Zwiebacksäge" sei.
Doch jeder Motorradfan, der noch alle Sinne beisammen hat, wird bestätigen, dass weder RD noch Fireblade schlechte Bikes sind. Es gibt eben nur halt bessere, wobei "bessere" ein Begriff der besonderen Relativität ist.
Das erste "richtige" Motorrad, dass ich nach Erwerb der Fahrerlaubnis fuhr, war eine der letzten neu zugelassenen XT´s mit der Typbezeichnung 1U6.
Da Yamaha nie wirklich dramatische Änderungen am Outfit dieses Einzylinders vollzog, abgesehen von technisch nicht unvernünftigen Modifikationen der Betriebsspannung (12V anstatt 6V) sowie der Beleuchtung (ab 1980 verschwand das kleine runde Rücklicht und weichte dem häßlichen eckigen Kasten), ist das Baujahr aber keinesfalls relevant. Egal ob man nun auf der UrXT vom Baujahr 1976 oder auf einem 88er Modell seine Runden dreht, Fahrspaß ist garantiert.
Den Motor erweckt ein kräftiger Tritt auf den Kickstarter, aber natürlich nicht bevor der (ungeübte) XT Fahrer einen Blick auf die OT-Anzeige gemacht hat, um einen Rückschlag des Kickstarters in Richtung Wadenbein zu verhindern.
Da das Kaltstartverhalten des Boliden erstaunlicherweise besser ist als das Warmstartverhalten, sollte man sich aber zweimal überlegen, den Motor nach längerer Fahrt für kurze Zeit zu stoppen, da ein E-Starter (Joghurtbecherfahrer wissen was das ist) nicht zum Zubehörumfang gehört.
Selbst wenn es einen gäbe (oder vielleicht sogar gibt) gehört der dann nicht an eine 1U6!
Läuft der Motor, genießt der Neuling auf der Sattelbank gerne für einen längeren Zeitraum die Vibrationen, die der niedrigtourig laufende Motor trotz Ausgleichsmechanismus auf das ganze Fahrzeug überträgt. So erinnere ich mich immer wieder gerne an den vorderen Kotflügel, der im Standgas fleißig vibrierte und beim geringsten Gasschub stocksteif in seine Position schnellte.
Da sich mit einer XT500 Geschwindigkeiten über der 140 Km/h-Marke nicht lohnen, dem schwammigen Fahrwerk sei dank, gönne man sich bei einer ausgiebigen Fahrt lieber des öfteren Passagen in niedrigen Drehzahlbereichen unter hoher Last, dann werden selbst Harleyfahrer dem Chromtankfahrzeug Blicke würdigen, ähnlich denen beim Erscheinen des neuen Pirelli-Kalenders.
Wie hoch dieser Klassiker bereits in der Gunsttabelle des Motorradfahrers steht, zeigt ein Blick auf die Gebrauchtpreise, zu der man pauschal sagen kann, dass alles, was komplett und unter 2500 DM angeboten wird, vom XT Fachmann genauestens unter die Lupe genommen werden sollte, da der Originalmotor der XT immer gerne Schwächen im Schmierkreislauf als Überraschung bereithält.
Mit einem Freund "fanden" wir eine XT 500 Bj. 1978, die bereits 8 Jahre abgemeldet war und erste Hand. 20.000 km hatte sie auf dem Tacho und viele Ersatzteile gab es auch noch. So wurde ich also für nur 900 DM stolzer Besitzer einer XT 500, die nicht fuhr.
Nach einem halben Jahr Restaurierung von das gute Stück dann endlich zu meiner großen Freude die Gnade des TÜVs. Eigentlich hatte dieses Baujahr einen weißen Tank, wir hatten aber einen schönen Alu-Tank aus dem Zubehörfundus des Verkäufers.
Zusätzlich hatte diese XT noch folgende nicht serienmäßige Ausstattung:
eine 12 Volt-Anlage der SR 500
eine Sebering Auspuff
Gasdruck-Stoßdämpfer
Leider, leider fand kaum ein Jahr später auch jemand anderes das Motorrad sehr schön und hat es einfach "mitgenommen".
Daraufhin habe ich "Glück im Unglück" relativ bald wieder eine XT 500 zum vermeintlichen Einheitspreis von 900 DM gefunden.
Diese zweite war von 1982, hatte serienmäßig jetzt eine Alu-Tank und auch Alu- statt Stahlfelgen. An diesem Motorrad war alles original, auch die 30.000 km Laufleistung.
Diese zweite XT 500 habe ich 2 Jahre gefahren, bis ich mir dann vorgenommen hatte sie im Keller zu überholen. Da steht sie bis heute noch und wartet geduldig darauf irgendwann mal wieder Tageslicht zu sehen.
Als erstes wird einem Neu-Besitzer / einer Neu-Besitzerin auffallen, das die über Kickstarter zu startende XT nicht extrem einfach anspringt. Daneben kann es schon mal zu Rückschlägen kommen, die nicht ganz ungefährlich sind. Mit ein wenig Übung ist das aber kein wirkliches Problem.
Hat man die XT anbekommen ist die niedrigere Sitzposition sehr bequem. Durch den breiten Enduro-Lenker lässt sie sich dazu auch noch sehr gut handlen.
Dank des Einzylinders zieht das mit max. 32 PS ausgestattete Gefährt auch im unteren Drehzahlbereich kräftig an. In der Endgeschwindigkeit soll sie wohl etwa 130 bis 150 schaffen. Da aber schon bei einem Tempo von etwa 110 sehr starke Vibrationen entstehen habe ich dies nicht ausprobiert. Muss ja auch nicht sein.
Weitere Strecken schafft man nur mit regelmäßigen Tankstopps. Mit dem Serientank schafft man nämlich nicht mal 100 km (Smart-Fahrer kennen das ;-)).
Da ich ja beides hatte muss ich sagen dass die Umrüstung auf 12 Volt erheblich was bringt. In der 6 Volt-Standart-Ausführung reicht der Strom der Lichtmaschine i.d.R. nicht die Batterie bei Kraft zu halten.
Was die Bremsleistung angeht sollte man doch schon mal ein paar Meter mehr Abstand halten. Die Trommelbremsen lassen sich von der Leistung her kaum mit den Heute üblichen Scheibenbremsen vergleichen.
Die Reparaturanfälligkeit hält sich dank der einfachen Technik in Grenzen. Ich musste bei beiden überraschend häufig die Zündkerzen wechseln
und bei der 6 Volt Version auch die Batterie.
Übrigens... was beim Design kaum jemand vermutet: man kann mit diesem Motorrad ins Gelände. Für große Sprünge ist das Fahrwerk zwar nicht ausgelegt, aber einen Acker kann man schon mal verwüsten ;-).
Motor: Einzylinder-Viertaktmotor mit obenliegender Nockenwelle (OHC)
Hubraum 499 cm3
Motorleistung:
24,3 kW (32 PS) (ungedrosselt)
19,8 kW (27 PS) (gedrosselt)
Luftkühlung
Klauengeschaltetes Fünfganggetriebe
Geschlossener Rohrrahmen mit Teleskopgabel und Hinterradschwinge
Vorne: Hydraulisch gedämpfte Teleskopgabel mit Federweg 195 mm
Hinten: Hydraulisch gedämpfte Federbeine mit Hochdruck-Gaseinfüllung
Bremsen: Trommelbremse vorne mit 160 mm und hinten mit 150 mm Durchmesse
Preis: so weit ich das übersehen kann, muss man je nach Zustand 900 bis 3.500 Mark auf den Tisch legen
Die XT 500 ist ein Oldtimer. Technisch ist sie mit aktuellen Motorrädern kaum zu vergleichen. Trotzdem:
Sie fährt sich bis auf der Autobahn sehr gut
Die Leistungen sind akzeptabel
Sie ist nicht so sehr Wartungsanfällig und sehr "Schrauberfreundlich"
Ich bin sehr froh dass ich noch eine im Keller habe, auch wenn ich zur Zeit ein anderes Motorrad fahre... Der Tag wird kommen wo sie wieder an die Sonne kommt... bestimmt
Viele Grüße Timon
Auch das noch: dieses und mehr Testurteile findete Ihr auch unter: www.motorradtest.net
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