Single Bells Test, Erfahrungen und Testberichte vom Verbraucher
Dinner for one too many – oder: ein moderner Weihnachts-Klassiker
ein Testbericht von Gemeinwesen2007-12-15 12:49:29vom 15.12.2007Empfehlung: ja
Vorteile: - alles; allen voran Martina Gedeck, die in jeder Rolle toll
- der Rest des Ensembles ist aber genauso toll ...Nachteile/Kritik: - N I X - ansehen!
Auch von der Weihnacht im Familienkreis lässt sich mit Fug und Recht etwas behaupten, das ein kluger Mensch mal über das Alter gesagt hat: Beide, Alter wie familiäre Weihnacht, sind nichts für Warmduscher.
Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen – klingt doch nicht schlecht, was Luther dem Verkündigungsengel aus dem Lukasevangelium da in den Mund gelegt hat, oder? Der fromme Wunsch ist, wir wissen’s, natürlich leichter aufgesagt als in die Tat umgesetzt. Nicht nur zur Weihnachtszeit, aber auch und vielleicht gerade zur Weihnachtszeit ist das mit dem Frieden und dem Wohlgefallen so eine Sache. Und je verzweifelter der Mensch sich um akkurateste Ausrichtung des Haussegens bemüht, desto eher geht genau das schief.
Wie aus besten Absichten Schräglagen werden, ist auch in Xaver Schwarzenbergers schwarzhumoriger Weihnachts-Komödie Single Bells zu besichtigen, die ich jedem empfehle, dem die in der Vorweihnacht mindestens moralisch gebotene Gutgelauntheit und Milde gegenüber seinen Zeitgenossen allzu sehr zusetzen – „Single Belles“ ist ein wunderbares filmisches Ventil, das in meinem Filmregal einen Ehrenplatz neben den Loriot’schen Weihnachtsepisoden um die Familie Hoppenstedt hat. Das hat er seit Jahren schon, denn ich mag den Film schon seit seiner Erstausstrahlung im ZDF.
Seitdem wird er, passend zur Weihnachtszeit, immer mal wieder im Fernsehen gezeigt – es lohnt sich sicher auch in diesem Jahr, die Fernsehzeitschrift mit wachem Auge zu studieren. Und wer den Film noch nicht kennt und ihn in irgendeinem Programm entdeckt, dem sei geraten: Vorsichtshalber einfach mal aufnehmen – der Film verdient es nämlich wirklich.
Zu Beginn des Films sind die Singles, von denen der Titel intelligent kalauert, noch ein Paar. Kati (Martina Gedeck) und Jonas (Gregor Bloéb) sind beide beruflich erfolgreich, leben gemeinsam in einer schönen Wohnung an der Isar, und während pünktlich zur deutschen Weihnacht der erste Schnee fällt, freuen die Thirtysomethings sich auf den lange geplanten Tauchurlaub unter südlicher Sonne.
Aber wie singt uns Herbert Grönemeyer so richtig? Es könnte alles so einfach sein, ist es aber nicht. Just als Chefin Kati den Mitarbeiterinnen ihrer kleinen Werbeagentur die Weihnachtsgratifikation in die Hand drückt und ein Gläschen Schaumwein einschenkt, schaut erst eine ehemalige Mitarbeiterin mit ihrem Nachwuchs vorbei, und daraufhin rückt dann eine Noch-Angestellte ihrerseits mit Familienplänen raus. Kati fällt erst aus allen Wolken und horcht dann in sich hinein. Drinnen tickt die innere Uhr, und Kati beschließt, dass die Stunde geschlagen hat: Aus der erfolgreichen Werbefrau soll jetzt die Hausfrau und Mutter werden. Wenn nicht jetzt, wann dann?
Partner und Kinderarzt Jonas freilich ist vom plötzlichen Sinneswandel der besseren Hälfte wenig erbaut. Reicht es nicht, dass er den Rotznasen in seiner Praxis tagaus, tagein Mittelchen gegen Schnupfen, Husten und Heiserkeit verschreibt? Warum, um alles in der Welt, sollte er sich dem Kindergequäke denn jetzt auch noch nach Dienstschluss aussetzen … ? Man merkt: Der Mann mag ein guter Arzt sein, ein ausgesprochener Kinderfreund ist er noch lange nicht.
Die düsteren Wolken, die überm trauten Glück zu zweit aufziehen, entladen sich alsbald in einem heftigen Donnerwetter. Jonas flüchtet sich wutentbrannt in die nächste Kneipe und spült den ersten Ärger mit ein paar Drinks runter. Nach seiner Rückkehr in die gemeinsame Wohnung ist der erste Zorn bereits wieder verraucht – allerdings nur bei ihm und nicht bei Kati. Die hat nämlich mittlerweile ihre Koffer
gepackt und ist unterwegs auf dem Weg zu ihrer Schwester. Soll der sture Freund halt sehen, wo er über Weihnachten bleibt!
Die ältere Schwester hat das, wovon Kati neuerdings träumt, sprich: Die Dame ist verheiratet, Kinder gibt’s auch, und das Häuschen im hübscher Lage ist auch nicht zu verachten. Dass auch der Lebensentwurf nicht nur Schokoladenseiten hat, kann Stadtkind Kati sich erstmal gar nicht vorstellen. Das ändert sich freilich in dem Maße, in dem andere Anverwandte den Schoß der Familie als rechten Ort zur Weihnachtsfeier entdecken. Mit Schwesterleins Schwiegermutter (Inge Konradi) könnte man sich zur Not wohl noch arrangieren, aber dann rückt den Schwestern auch noch die eigene Mama (Johanna von Koczian) auf die Bude.
Die reist, ganz Dame von Welt, im Sportwagen an, kleidet sich in Nerz, und auch sonst hat die sichtlich um Jugendlichkeit bemühte Lilibet nicht viel gemeinsam mit der stets etwas grämlich wirkenden „Omama“. Die erzählt vorzugsweise davon, dass sie’s im Leben nie leicht gehabt hat und erklärt der Schwiegertochter gern, wie sie ihren Haushalt zu führen habe. Lilibet hingegen hat gute Ratschläge zur Kindererziehung parat und weiß davon zu erzählen, wie die Reichen und Schönen es mit der Gartengestaltung halten. Mit anderen Worten: Das Duo setzt die Nervenkostüme aller Beteiligten einer harten Zerreißprobe aus, zumal die Übernachtungsmöglichkeiten dank der Überraschungsbesucher inzwischen auch so ausgereizt sind, dass Katis Schwager Johannes (Erwin Steinhauer) das Ehebett gegen einen unbequemen Liegeplatz auf dem Flur eintauschen muss.
Es liegt was in der Luft, und das ist nicht nur Weihnachtsduft. Die familiäre Ausnahmesituation wird förmlich von Stunde zu Stunde gespannter: Omama gießt Wasser über Töchterleins Ganserl, weil sie, die Omama, die Haut weich liebt, Lilibet füllt die schulpflichtige Enkelin mit nach Eichstrich und Faden mit Eierlikör ab. Der halbwüchsige Sohn des Hauses gibt sich tierlieb und rebelliert gleichermaßen gegen den Verzehr von Weihnachtsgänsen wie von -karpfen. Die Hausherrin ergibt sich dem Trunk, und kurz vor dem Ende, das dann für bestimmte Leutchen doch noch glücklich ist, sorgt eine entkommene Ratte für zusätzliches Chaos und ein Baum geht in Flammen auf.
R e s ü m e e
Regisseur Xaver Schwarzenberger und seinem durch die Bank ausgezeichneten Schauspieler-Ensemble ist mit „Single Bells“ ein echter Volltreffer gelungen. Die unter dem Titel „O Palmenbaum“ gedrehte Fortsetzung der galligen Komödie ist übrigens nicht minder sehenswert.
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