ein Testbericht von alteSchwedin2005-11-04 10:02:07vom 04.11.2005Empfehlung: ja
Vorteile: lebhaft, abwechslungsreich, ungezwungen, ironischer und scharfsinniger Blick auf die damalige Gesellschaft...Nachteile/Kritik: im Original schwierig zu lesen
Es ist nun schon eine Weile her, dass ich zum ersten Mal eine Verfilmung von Jane Austen – „Emma“ mit Gwyneth Paltrow und Jeremy Northam – gesehen habe. Vielleicht werde ich aber auch nur alt. Jedenfalls kaufte ich mir vor vielleicht vier Jahren ein Dreierpack ihrer englischen Romane, der „Persuasion“, „Sense and Sensibility“ (Sinn und Sinnlichkeit) und „Pride and Prejudice“ (Stolz und Vorurteil) beinhaltete. Ich war eigentlich überzeugt, dass ich mittlerweile alle diese Romane gelesen hätte, doch als ich letzte Woche den Trailer zu „Stolz und Vorurteil“ im Fernsehen sah, kam mir die Geschichte so gar nicht bekannt vor. Und tatsächlich, ganz unten in meinem ungelesenen Bücherstapel befand sich mein Exemplar von „Pride and Prejudice“, das ich daraufhin sofort zu lesen anfing. Nun werde ich euch zunächst erzählen, um was es eigentlich geht, um danach dazu zu kommen, was mir gefallen hat.
Elizabeth, Lizzy, Bennet wächst Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhundert als zweitälteste von fünf Töchtern in einer kleinen Stadt auf. Ihr Vater ist nicht sonderlich reich, doch versucht seinen Kindern das bestmögliche Zuhause zu bieten. Da er keinen Sohn hat, fällt sein gesamter Besitz nach seinem Tod an Mr. Collins einen entfernten Verwandten. So besteht das gesamte Streben vor allem seiner Frau darin, ihre Töchter möglichst schnell mit möglichst wohlhabenden Männern zu verheiraten, was sich als gar nicht so einfach herausstellt, da die fünf Mädchen keine Mitgift oder eine vornehme Familie vorzuweisen haben.
Plötzlich kündigt sich eine erfreuliche Erweiterung ihrer Gesellschaft an: In ein Anwesen ganz in der Nähe zieht der reiche Mr. Bingley mit seiner Schwester ein, der bald Gefallen an Lizzys hübscher älterer Schwester Jane findet. In Begleitung Mr. Bingleys erscheint noch reichere Mr. Darcy, der zu stolz scheint, um sich dazu herabzulassen, sich mit einfachen Menschen zu unterhalten. Lizzy findet ihn höchst faszinierend, aber bald auch verabscheuungswürdig, da er merkwürdig reserviert ist und sich über viele Menschen abfällig äußert.
Jeder, und allen voran Mrs. Bennet erwartet eine baldige Verlobung von Jane und Mr. Bingley, als der recht überstürzt mit seiner Schwester und Mr. Darcy abreist. Doch auch bei Lizzy tut sich einiges: Sie lehnt einen Heiratsantrag von Mr. Collins, dem Erben ihres Vaters ab und lernt Wickham, ein Mitglied des Regiment, das in der Nachbarstadt überwintert, kennen. Wickham ist mit Mr. Darcy zusammen aufgewachsen und hat einiges zu berichten, das diesen noch verabscheuungswürdiger macht, denn angeblich hat Mr. Darcy Wickham um sein Erbe betrogen.
Als Mr. Darcy Lizzy dann einen Heiratsantrag macht, lehnt sie auf der Stelle ab, da sie nie mit so einem Scheusal verheiratet sein könnte, und sei er noch so reich. Doch folgende Ereignisse bringen Lizzy zu der Überzeugung, dass Wickham gelogen hat und sie überdenkt ihre Einstellung zu Mr. Darcy. Dieser hilft auch, als Wickham mit einer von Lizzys jüngeren Schwestern untertaucht – eine Schande für die Familie – und bringt ihn dazu, Lizzy zu heiraten. Doch wie soll Lizzy jemals wieder an Mr. Darcy herantreten, nachdem sie seinen Antrag so brüsk abgelehnt hat.
Wenn ihr Jane Austen kennt, könnt ihr euch sicher
denken, wie er Roman endet. Und wenn nicht, könnt ihr euch auch einfach den Film ansehen. Ich bin jedenfalls ganz begeistert von dem Roman „Pride and Prejudice“, der mich unglaublich fesseln konnte, obwohl er keine weltbewegenden Themen vorzuweisen hat.
Das Hauptmotiv in diesem Buch ist, wie immer bei Jane Austen, das Heiraten. Mit viel Ironie und einem scharfen Blick erschafft sie ein Porträt der damaligen Gesellschaft, in der es vor allem für Frauen aus nicht so begütertem Hause das höchste Ziel war, gut und möglichst reich zu heiraten. Dies war lebenswichtig, denn eine Frau ohne Gemahl und Geld war in dieser Zeit gar nichts, konnte nicht eigenständig leben und war deshalb auf die Gnade von zumeist reicheren Verwandten angewiesen. Eine gute Verlobung war für jede Mutter ein Grund zum Prahlen und stets eine Aufwertung für die Familie.
Eine durchgebrannte Tochter dagegen zerstörte den Ruf einer Familie unwiderruflich, machte die guten Aussichten ihrer Schwestern zunichte und ihre eigenen sowieso. Da war es umso wichtiger, dass Wickham Lizzys Schwester doch noch heiratete und ihre Verbindung damit rechtmäßig machte, was aus heutiger Sicht wahrscheinlich sehr unverständlich ist. Damals jedoch war es unerlässlich.
Jane Austen thematisiert auch die nicht unwichtigen Standesunterschiede, die zu ihren Lebzeiten, herrschten. So war es für einen Mann zwar prinzipiell möglich, eine eher arme Frau zu heiraten, doch allein schon ihre Herkunft aus einer anderen Gesellschaftsschicht, ließ seinesgleichen verächtlich auf die Frau herabblicken. Bingley und Darcy in „Pride and Prejudice“ sind unabhängige Männer, die sich nicht schämen müssten, Jane und Lizzy zu ehelichen, welche beide eine gute Bildung, gute Manieren und nichts von der Albernheit ihrer Mutter haben. Doch allein die Unwissenheit, die Albernheit und Vulgarität von Lizzys Mutter und ihren jüngeren Schwestern lassen Darcy zweifeln, da er durch eine Hochzeit mit Lizzy unwiderruflich mit dieser nicht wirklich vorzeigbaren Familie verbunden wäre.
All dies sind Betrachtungsweisen, die uns in der heutigen Zeit sehr fremd sind, doch Jane Austen gelingt es auf vorzügliche Weise, sie dem Leser näher zu bringen, einfach dadurch, dass sie sie selbstverständlich erscheinen lässt. Ich empfand viele Denkweisen schnell als selbstverständlich, obwohl ich natürlich vorher einige andere Romane von Jane Austen gelesen und ihre Verfilmungen gesehen hatte.
Ich habe irgendwo gelesen, „Pride and Prejudice“ sei ein Buch „about pre-judging and re-judging“ (ein Buch über Vorurteile und das wieder neu Beurteilen). Ich mag die Aussage des Romans außerordentlich, ich mag auch die Figuren, die durch ihre Weiterentwicklung diese Aussage deutlich werden lassen. Sowohl Lizzy als auch Mr. Darcy haben Vorurteile gegenüber dem jeweils anderen, die vor allem aus ersten Eindrücken resultieren. Sie empfinden die gegenseitig als stolz, bisweilen eitel und selbstgerecht. Und obgleich beide so unterschiedliche Wesen und Hintergründe zu haben scheinen, profitieren doch beide von ihrer Bekanntschaft, entwickeln sich weiter, erkennen ihre Fehler und handeln auch dementsprechend.
Es ist schön, zu lesen, wie Stolz und Vorurteil durch Anerkennung und Ehrlichkeit überwunden werden. Genauso fasziniert bin ich immer wieder bei Jane Austen, wie sich ihre Figuren auch unter Bekennen ihrer eigenen Fehler weiter entwickeln. Dies ist ein großer Pluspunkt, den „Pride und Prejudice“, aber auch ihre anderen Romane bei mir sammeln konnten.
Die Figuren aus diesem Buch sind herrlich starke Charaktere, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Die Autorin beschreibt sie recht eindeutig und am Anfang nicht sehr vielschichtig, doch es erstaunte mich immer wieder, wie die Figuren im Verlaufe der Handlung an Substanz zunehmen, komplexer und interessanter werden. So überdenken dann nicht nur die Personen im Roman ihre Einstellung zueinander, sondern auch der Leser erlebt die eine oder andere Überraschung.
Die erste Version von „Pride and Prejudice“ schrieb Jane Austen schon 1796/97 im zarten Alter von 21 Jahren. Diese Entstehungszeit Ende des 18. Jahrhunderts erklärt auch die sehr schwierig zu lesende englische Ausgabe. Jane Austen Romane in Original sind ganz und gar nicht für Englisch-Anfänger geeignet und auch mir fiel das Lesen nicht sehr leicht, obwohl ich schon ziemlich viele englischsprachige Bücher gelesen habe.
Die Autorin schreibt in teilweise recht komplizierten Sätzen und – für mich am schwierigsten – verwendet viele Substantive, die im heutigen Sprachgebrauch kaum vorkommen. Dadurch gestaltet es sich recht schwierig, flüssig zu lesen und es wird bisweilen recht anstrengend. Ungewohnt ist auch, dass Jane Austen nicht besonders viele Dialoge verwendet, oftmals sinniert Lizzy, zwar nicht als subjektive Erzählerin, aber doch aus ihrer Perspektive, über allerlei Dinge. Obwohl ich englische Romane schon schneller gelesen habe, nimmt mich dieser Stil immer wieder mit in die damalige Zeit, lässt mich eintauchen in die damalige Gesellschaft.
Ungeübte Leser englischer Romane sollten jedoch lieber die Finger vom Original lassen, denn ich glaube nicht, dass sie Freude daran haben werden. Ihnen sei jedoch unbekannterweise die deutsche Ausgabe empfohlen, denn ich glaube, die Übersetzung ist wie auch bei „Emma“, wo ich Original und Übersetzung kenne, gut gelungen, auch wenn dadurch die Alliteration im Titel verloren geht.
Wie schon erwähnt, schrieb Jane Austen die erste Version von „Pride and Prejudice“ schon mit 21 Jahren. Ich finde, man merkt dem Roman diese jugendliche Frische auf unerklärlich schöne Weise an. Er ist nicht zuletzt auf Grund seiner Protagonistin ungeheuer lebhaft, abwechslungsreich und ungezwungen. Ich kann mich nicht erinnern, dass mich ein Original von Jane Austen trotz des mühsam zu lesenden Stils so stark fesselte. Es war mir kaum möglich, das Buch aus der Hand zu legen, obwohl das Lesen oft anstrengend war. Ich las in nahezu jeder freien Minute und könnte schon wieder!
Insgesamt möchte ich euch „Pride and Prejudice“ von Jane Austen von ganzem Herzen empfehlen. Der Roman besticht durch seine lebhafte, abwechslungsreiche und ungezwungene Story, obwohl es eigentlich nur ums Heiraten geht. Wunderschön beschreibt er, wie Vorurteile und Stolz überwunden werden und dass Menschen sich ändern können. Bei allem bewahrt er sich jedoch einen ironischen und scharfsinnigen Blick auf die damalige Gesellschaft. Das englische Original ist nur für geübte Leser dieser Sprache zu empfehlen, da Jane Austens Stil, vor allem auf Grund der Entstehungszeit des Romans ziemlich schwer zu lesen ist. Ich bin absolut begeistert von diesem Roman und vergebe natürlich volle fünf Sterne!
„Pride and Prejudice“ von Jane Austen wurde erstmals 1813 veröffentlicht. Meine Taschenbuchausgabe erschien 1996 bei Penguin Classics, trägt die ISBN 0-141-43951-3 und kostet derzeit 7,89 €. Eine deutsche Ausgabe mit der ISBN 3596222052 aus dem Fischer Taschenbuch Verlag bekommt ihr schon für 8,90 €.
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sindimindi, 24.11.2005
Besonders schöne Buchbesprechung!
Jane Austen war mit 21 damals wohl schon eine reife Persönlichkeit, die die gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit bestens kannte und in ihren Büchern auch reflektierte.
Der Film ist toll, nicht nur wegen der
Düsseldorf, 20.01.2006
Hallo : Das ist wirklich ein sehr guter Bericht von Dir und ich hoffe, das wir uns noch oft lesen werden..mit freundl. Grüßen und einen guten Start in den letzten Tag vorm Wochenende wünscht Düssi :
Volker111, 11.11.2005
Der Film hält sich ja doch recht eng ans Buch, wenn ich deiner Buchbeschreibung glauben darf, was ich selbstverständlich auch tue und hat vor allem eine bildschöne Hauptdarstellerin. -
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Stolz. Vorurteil. All The Same?!
ein Testbericht von Cicila2006-12-20 13:05:54vom 20.12.2006Empfehlung: ja
Vorteile: Englisch. Sprache. Story. Liebe. Mr.Darcy....Nachteile/Kritik: -
Liebe Leser und Leserinnen,
frisch ans Werk. Ich bedanke mich für jede Lesung, jede Bewertung und jedes Kommentar.
Einleitung
Da mein Büchergeschmack sich geweitet hat, beziehungsweise ich nun endlich bereit bin, vor so gut wie keinem Buch zurückzuschrecken, habe ich mir mal ganz schwere Lektüren vorgenommen – freiwillig. Eine dieser Lektüren sollte Jane Austen sein. Und zwar direkt im Original. Angefangen habe ich mit einem großen Respekt und daraus resultierender Angst, jetzt lest ihr meinen Bericht über „Pride & Prejudice“ by Jane Austen. Da die Ausgabe, die ich gelesen habe, hier nach mehrmaligen Vorschlag angenommen wurde, habe ich mich entschlossen den Bericht dennoch so zu schreiben und einfach Bild unter hinzuzufügen! Ich bitte um Nachsicht.
Wege zum Buch
Der Wille war also da, musste nur noch das Buch her. Da ich und meine beste Freundin uns immer wieder über Bücher unterhalten, erzählte sie mir, dass sie sich Jane Austen angetan hatte - auf Deutsch und auf Englisch und da konnte sie mir ihre total schöne Version des Buches leihen. Darauf sieht man nämlich eine Filmszene, beziehungsweise ein Bild des Filmes!
Inhalt
Mrs. Bennet ist sehr ehrgeizig, was die Verheiratung ihrer Töchter angeht. Alle sollen unter die Haube. Und zwar nicht mit einem x-beliebigen Kerl, sondern mit einem wohlhabenden Mann, der auch gesellschaftliches Ansehen hat. Wie gut, dass Mr. Bingley genau jetzt in die Nachbarschaft zieht – ein wohlhabender Mann, doch für welche ihrer fünf Töchter ist er wohl geeignet? Schnell kristallisiert sich heraus, dass Mr. Bingley und Jane aneinander gefallen finden. Mr. Bingleys bester Freund, Mr. Darcy, ebenfalls ein wohlhabender Herr, ist ebenfalls auf dem Ball, auf dem sich Jane und Mr. Bingley ineinander verlieben, doch Elizabeth, an der Mr. Darcy gefallen finden könnte, findet diesen unmöglich wegen seiner Arroganz, Überheblichkeit und seinem Stolz. Mr. Darcy hingegen verliebt sich alsbald in Elizabeth. Vor allem ihre Intelligenz und ihre wunderschönen Augen findet er faszinierend. Und auch die Jüngste der Schwestern, Lydia, hat es faustdick hinter den Ohren, was Männer anbelangt und verschwindet mit einem Soldaten. Ob sich alles noch zum Guten neigt und Jane und Mr. Bingley sich kriegen? Und ob Elizabeth und Mr. Darcy zusammenkommen?
Meine Meinung
Ich bin stolz auf mich. In der Tat. Denn ich habe zwischendurch manchmal echt gedacht, was mich dazu getrieben hat das Buch als erst auf Englisch zu lesen. Damit will ich nicht sagen, dass ich es bereue das Buch überhaupt gelesen zu haben, allerdings hatte ich schon Angst es anzufangen, weil ich mein Scheitern während des Lesens schon kommen sah. Und ich hatte auch Recht mit meinem übergroßen Respekt für dieses Buch. Da Jane Austen das Buch 1813 veröffentlich hat, trifft man hier auch nicht das heutige Englisch an und auch wenn man es würde: es ist meine erste Lektüre, die ich betreibe ohne Vokabelangaben. Okay, genaugenommen „About A Boy“, aber dieses Buch kannte ich ja sowieso schon. Deswegen ist „Pride & Prejudice“ eine größere Schwelle gewesen. Wenn man sich aber erst einmal rein gelesen hat, dann ist das ganze doch nicht so arg
schwer. Oder um es anders auszudrücken: natürlich ist es schwer, aber man muss ja auch nicht jedes einzelne Wort verstehen. Außerdem gewöhnt man sich an fast alles. An manches mit Freude. Und dazu gehört dieses durchaus anspruchsvolle Buch. Dies ist also kein Kritikpunkt an das Buch, im Gegenteil, ich bin echt froh (vor allem in Nachhinein), dass das Buch so anspruchsvoll war, wie es war, aber es ist ein Hinweis für all diejenigen, die ihre Englischkenntnisse selber ziemlich gut einschätzen können.
Nun ist die Sprache nicht nur älter, auch der Inhalt ist – salopp gesagt – etwas altertümlich und altmodisch, wenn man so will. Ist ja auch kein Wunder aufgrund des Jahres in dem das Buch veröffentlich worden ist. Natürlich thematisiert da auch Jane Austen Probleme, Standards und Klischees ihrer Zeit und zeigt ihre Zeit in eindrucksvoller Weise, wie ich finde. Besonders die damals angesehen Normen und die Moral der damaligen Zeit finde ich besonders interessant. Eine Frau muss heiraten, ein reicher Mann ist das beste, was ihr passieren kann. Einen Heiratsantrag sollte man definitiv annehmen. Auch, wenn man den Mann nicht liebt. Darum geht es nicht immer bei einer Hochzeit. Die Frau hat eben eine minderbewertete Position in der damaligen Zeit gehabt, nicht so aber im Roman von Jane Austen, wo die Frauen eine Hauptrolle spielen. Besonders ein paar Frauen stechen aus der Masse heraus. Jane, Elizabeth und Mrs. Bennet. Wobei Elizabeth in diesem Stück eigentlich das Augenmerk gehört. Zumindest meins.
In Elizabeth und Mr. Darcys Verhalten spiegelt sich meiner Meinung nach ganz deutlich der Buchtitel wieder. Elizabeth hat gegenüber Mr. Darcy nicht nur genügend Vorurteile, sondern auch einen sehr großen Stolz und auch ein Selbstbewusstsein, das einer Frau zu dieser Zeit garantiert nicht zustand und zustehen sollte. Sie ist sehr emanzipiert und lässt sich nicht so schnell einfach etwas vorkauen und bevormunden. Sie hat ihre eigene Meinung und steht dazu. Vielleicht ist es genau das, was ihrem Vater so besonders gut an Lizzy gefällt, ihre intelligente Art, auch wenn sie nicht die hübscheste, sondern nur die zweithübscheste der Töchter ist. Aber das macht ja nichts, im Gegenteil, als Leser und besonders als Leserin mag man Elizabeth ziemlich schnell und gerne, weil sie keine von den Mädchen ist, die einfach nur darauf aus sind, dass man schnell unter die Haube kommt, egal mit wem und ob man denjenigen liebt, ist erst Recht egal. Hauptsache, er hat einen guten Ruf und am besten verdient er massenhaft Geld. Glücklicherweise hält Elizabeth davon gar nichts, im Gegenteil, sie findet eine solche Meinung furchtbar.
Man bemerkt als Leser ziemlich schnell, dass Jane und Elizabeth die „Lieblinge“ der Familie sind und Elizabeth mehr ein Papakind und Jane dann eher dass Mamakind ist. Wobei man auch nicht sagen kann, dass Mrs. Bennet nicht alle ihre Töchter liebt. Trotzdem liegen ihre Präferenzen auf den zwei ältesten Töchtern. Die müssen ja auch am schnellsten verheiratet werden. Mrs. Bennet ist sehr konservativ, was die Verheiratung ihrer Töchter angeht und das Familienleben, die Rolle der Frau. Sie findet, dass Elizabeth sich unmöglich benimmt, gegenüber den Männern besonders und würde sich nicht wundern, wenn sie durch ihr Benehmen nicht sämtliche Männer abschütteln würde. Ihr Vater findet ihr Benehmen eigentlich gar nicht so sehr schlimm, im Gegenteil, da Elizabeth seine Lieblingstochter ist, hat er anscheinend nicht sonderlich viel dagegen, dass ihr Benehmen für ihre Zeit sehr emanzipiert ist.
Wieso ist Elizabeth denn emanzipiert? Sie hat absolut keine Scheu ihre Meinung zu sagen. Eine Sache, die in der viktorianischen Zeit für eine Frau keine Selbstverständlichkeit war und eher auf- und missfiel als anderen als positiv aufzufallen. Elizabeths Ziel ist es, einen Mann zu heiraten, denn sie liebt, nicht jemanden, den sie verachtet oder nur mag, aber aus Geldgründen heiratet. Ihr Moral schreibt ihr da was anderes vor. Etwas ganz anderes als die Moral ihrer Mutter. Ihre Schwester Jane scheint sich um solches gar nicht zu sorgen, sie ist eher schüchtern und gefühlsbetont und könnte nie so offen sein wie Elizabeth. Und Elizabeth Ziel ist es auch gar nicht so vordergründig zu heiraten. Selbstverständlich wäre eine Heirat in ihren Augen schön und etwas, was sie erfreuen würde. Aber es gibt eben die Bedingung, dass eine Heirat aus wahrer Liebe geschehen soll. Diese Bedingung, für uns heute hoffentlich normal, war damals nicht das normalste. Schließlich bringt eine Heirat aus Liebe recht wenig, wenn man sich dann nicht ernähren kann. Ja, natürlich macht das Sinn. Jedoch sieht das heute trotzdem anders aus. Frauen und Männer müssen ja auch nicht unbedingt heiraten. Wir haben ja nun viele Jahre hinter uns gelassen und wissen, dass Frauen sich auch ganz gut selbst versorgen können. Nur ist es eben damals nicht wirklich anders möglich gewesen. Umso wichtiger, dass die Frau von heute schätzt, was sie hat. Und verurteilen kann man die Frau von damals ja nicht.
Aber der wahren Liebe kann man sich nicht entziehen, niemand und so können das auch nicht die Bennet Schwestern. Auch, wenn die Liebe nicht geplant ist oder viel mehr noch: gerade, wenn die Liebe nicht geplant ist. In diesem Buch wird man überrascht mit der Liebe, die die Schwestern erleben. Liebe, die ich im Übrigen gar nicht erwartet habe und die mich sehr überrascht hat. Sie hat eine lange Entwicklung genommen und ich finde sie auch wunderbar, aber etwas überrascht sie doch. Die Charaktere müssen erst einmal dazulernen, um zu erkennen, wer ihre wahre Liebe ist. Auch wenn es so ist, dass hier die Liebesbeziehungen nicht von vorneherein klar waren, so sind sie doch wunderbar und bezaubernd. In einer Zeit, wo nicht so sehr großen Wert darauf gelegt wurde, dass man seine große Liebe heiratet, ist es umso schöner, wenn es doch passiert. Mich hat diese Liebesgeschichte total berührt.
Besonders gut finde ich an dem Buch auch, dass man richtig toll in eine - für uns - „andere“ Welt versetzt wird. Eine Welt der Klassengesellschaft, der Moralvorstellung der viktorianischen Zeit und des ganzen Zaubers der damaligen Zeit. Der Probleme, aber auch das Faszinierende darf nicht vergessen werden. Für mich besonders faszinierend, dass es damals noch eine Art Verhaltenskatalog gab, wie man sich zu verhalten hat, wenn man jemanden kennenlernt und ebenfalls interessant finde ich die Rolle des Tanzens und der Bälle. Bei den Tanzbällen, die gegeben wurden, wurden potentielle Partner gefunden, Bekanntschaften wurden geschlossen. Die Kleider stelle ich mir wunderschön vor und auch einfach das Tanzen stelle ich mir als ein wirklich schönes Event vor. Besonders wie lebhaft Jane Austen davon erzählt. Man fiebert mit den Mädchen mit, man versteht, wieso sich so freuen, dass bald wieder ein Ball ist und man möchte am Liebsten mittanzen.
Ich bereue es nicht, dass ich dieses Buch gelesen habe. Im Gegenteil. Es ist einmal mehr Literatur, die nicht plump von der Liebe erzählt, sondern zeigt, wie sehr Vorurteile und auch Stolz, ob nun falsch oder richtig, uns Menschen beeinflussen, lenken und verschränken. Vor allem die Macht der Vorurteile hat mich erschreckt. Andererseits sind Vorurteile noch Urteile, die man ändern kann. Dies kann man in diesem Buch eindrucksvoll erfahren und für sich als Lehre ziehen und dann daraus lernen. Genauso sehe ich den Stolz. Ein bisschen Stolz ist sicher nicht schlecht, aber Vorsicht sollte geboten sein, um die Augen nicht vor dem Schönsten des Lebens zu verschließen. Vor lauter Stolz. Ich habe nicht nur etwas Neues über menschliche Werte gelernt, sondern ganz viel über Jane Austens Zeit, was mich tiefberührt und fasziniert hat. Nicht einmal Geschichtsunterricht könnte so effektiv sein, deswegen ist da ein Grund mehr, dass man das Buch in die Hand nimmt und sich verzaubern lässt von der Familie Bennet und der viktorianischen Zeit – all ihrer Vorzüge, so wie Nachteile. Wer da „Nein“ sagen kann, den beneide ich nicht. Denn derjenige hat etwas verpasst.
Fazit
Eine Geschichte von Liebe, von Leid, von Stolz und von Vorurteilen. Auf Englisch, weil sie in England spielt. Doch vor allem sollte sie eine Rolle in unserem Herzen spielen.
sindimindi, 28.12.2006
Der berühmte Roman hat sich sicher zu lesen gelohnt! - ich kenne es nur in deutscher Sprache. Aber im Original ist es sicher schwer verständlich...wenn es von engl. Lektoren nicht überarbeitet wurde.
LG und guten Rutsch!, Roland
PS: Empfehle auch die Büche
Gemeinwesen, 20.12.2006
Bravo. Falls Dir nach mehr ist, kannst Du Dir ja mal die Bücher von den Bront Sisters vornehmen - quotWuthering Heightsquot habe ich mir damals auch ganz freiwillig vorgenommen, weil ich wissen wollte, was es mit dem gleichnamigen tollen Song von Kate
Leseratee, 27.12.2006
Sehr gut geschrieben. Ich wünsche Dir für 2007 alles Gute und weiterhin so lesefreudige Berichte, in denen man viel erfahren kann über das Thema und Dich. Gruß Leseratee.