John Connolly: Die Insel Test, Erfahrungen und Testberichte vom Verbraucher
Bewertung 3.2 von 5
von 100% aller Autoren empfohlen (2/2).
Bewertungsverteilung:
Humor:
wenig humorvoll
Spannung:
hoch
Niveau:
leichte Kost
Unterhaltungswert:
hoch
Aufmachung:
in Ordnung
Zielgruppe:
Erwachsene
Wie ergreifend ist die Story?:
berührt ein wenig
Seitenzahl:
über 400
Stil:
ausschmückend
Vorteile
Ungewöhnliche Mischung aus Gangster- und Geistergeschichte ...
Spannung im typischen Connolly - Stil
Nachteile/Kritik
... die nicht ganz aufgehen will und mit diversen Klischees befrachtet ist.
wenig
Gewalt lockt Geister: ein Krimi der ungewöhnlichen Art
ein Testbericht von Hindenbook2005-08-20 20:54:08vom 20.08.2005Empfehlung: ja
Vorteile: Ungewöhnliche Mischung aus Gangster- und Geistergeschichte ......Nachteile/Kritik: ... die nicht ganz aufgehen will und mit diversen Klischees befrachtet ist.
Eine Rotte sadistischer Killer jagt eine junge Frau, die sich auf einer schwer zugänglichen Insel niedergelassen hat. Als Verfolger und Verfolgte im Showdown aufeinander treffen, mischen sich auch noch rachsüchtige Gespenster ein, die zwischen Guten und Bösen keinen Unterschied zu machen gedenken … - Denk- und merkwürdige Mischung aus Copthriller und Gruselgeschichte, wobei es mit der Verschmelzung ziemlich hapert. Das Krimielement liefert einen wahren Overkill durch psychisch derangierte Übeltäter, deren bizarre Bluttaten den Leser auf die Dauer abstumpfen. Dazu gibt's den üblich gebrochenen Polizeihelden, seine junge Kollegin und eine Löwenmutter. Geister sind in diesem schrägen Tohuwabohu eigentlich überflüssig, das die Schreibkunst des Verfassers meist unterhaltsam auf Kurs hält.
Inhalt
Dutch Island ist eine gar nicht so kleine Insel vor der Pazifikküste des US-Staats Maine. Knapp tausend Menschen leben hier und bilden eine geschlossene Gemeinschaft; für „Fremde" vom Festland ist es schwer Fuß zu fassen. Marianne Elliot kämpft als allein erziehende Mutter mit vielen Vorurteilen. Dennoch arrangiert sie sich, denn sie ist auf der Flucht vor ihrem Ex-Mann: Edward Moloch ist ein Psychopath, der sie voll irren Zorns sucht, seit sie sich mit Sohn Danny und viel Geld abgesetzt hat. Nach drei Jahren Haft ist Moloch gerade ausgebrochen. Mit sechs vertierten Killern zieht er auf der Suche nach seiner Familie und dem Geld eine blutige Spur durchs Land, während er sich Dutch Island bedrohlich nähert.
Dort beginnt Marianne gerade eine Beziehung mit dem depressiven Inselpolizisten Joe Dupree, genannt „Melancholie-Joe". Der 2,15 m große Mann gehört einer der ältesten Familien von Dutch Island an. Er kennt und hütet die Geheimnisse der Insel, die einst „Sanctuary" - „Zuflucht" - hieß; ein wahrer Hohn, denn im Jahre 1693 hatten sich Siedler vom Festland auf die Insel zurückgezogen. Ein Verbannter aus den eigenen Reihen war zum Verräter geworden, hatte mit feindseligen Indianern paktiert und diese heimlich zur Siedlung geführt, die mit Mann & Maus ausgelöscht wurde.
Seither geht es um auf Dutch Island. Die Einheimischen wissen nichts Genaues und hegen ihre Unkenntnis sorgfältig. Belegt ist allerdings, dass die Geister der Insel von Gewalt magisch angezogen werden. Wer auf Dutch Island in dieser Hinsicht über die Stränge schlägt, schwebt in Lebensgefahr. Immer wieder verschwinden Säufer, Schläger und andere unerfreuliche Zeitgenossen spurlos im dichten Inselwald. Leider unterscheiden besagte Geister nicht zwischen Tätern und Opfern; sie fallen über beide her. Deshalb führt die Ankunft Molochs und seiner Spießgesellen zum Umkippen des sorgfältig austarierten Gleichgewichts und schließlich zur Katastrophe. Die Killer terrorisieren das Inselvolk und die Geister werden stärker und dreister, während ein Unwetter Dutch Island vom Festland und von jeder Hilfe isoliert …
Handlung
Hannibal Lector X 7 in der Nacht der lebenden Toten: Auf sehr ungewöhnlichen Pfaden wandelt Thriller-Schwergewicht John Connolly, bekannt geworden durch seine hochklassigen Krimis um den Cop Charlie „Bird" Parker, indem er „sein" Genre mit der Phantastik mischt. So ungewöhnlich wie zunächst angenommen ist dies freilich nicht. Der Blick auf Connollys Website (www.johnconnollybooks.com) verrät, dass der Autor im angelsächsischen Leserraum auch Geistergeschichten veröffentlicht hat.
Nach eigener Aussage ist für ihn die „Reinheit" des Genres ohnehin nebensächlich. Eine möglichst spannende
Geschichte möchte Connolly erzählen. Dafür ist ihm jedes Mittel Recht. Hier kann man ihm nur zustimmen, doch das Ergebnis wirkt trotzdem leicht unausgegoren. „Die Insel" ist zwar connollytypisch ein echter Pageturner, der indes einen ähnlichen Eindruck wie der Filmklassiker „From Dusk Till Dawn" hinterlässt: Zu einer Einheit wollen sich Diesseitiges und Jenseitiges nicht wirklich verbinden.
Die Story ist actionorientiert. Hintergründigkeit wird vor allem in der Figurenzeichnung (s. u.) suggeriert, bleibt aber Behauptung. Der Plot ist denkbar schlicht. Dass dies in der Regel nicht unangenehm auffällt, verdanken wir Connollys schriftstellerischem Geschick. Er kennt die Tricks, um sein Publikum bei der Stange zu halten. Erschreckende aber nie direkt geschilderte Gewaltszenen wechseln mit quasi dokumentarischen Einblicken in das Alltagsleben auf einer abgeschotteten Insel. Auch der Humor kommt nicht zu kurz; Connolly gelingen vor allem kurze, trockene Einzeiler („In der Küche entdeckte er einen Stapel mit Fast-Food-Verpackungen, voll mit abgenagten Knochen jener winzigen Hühnchen, die Imbissketten auf irgendeinem verstrahlten Pazifikatoll züchteten …" - S. 96)
Während man sich an den Auftritt von Gespenstern erst allmählich gewöhnt, ist Connollys detailliert gestaltete Rekonstruktion der fiktiven Inselhistorie reizvoll. Nordamerika ist ein Land mit einer Geschichte, die mehr als genug gruselige Episoden für ebensolche Storys bietet. In Neuengland konnten die Ureinwohner den europäischen Einwanderern zumindest im 17. Jahrhundert durchaus Paroli bieten. Wilde, grausame, oft vergessene Dramen spielten sich in dem weiten Land ab, wobei beide Parteien sich an Grausamkeit nichts schuldig blieben. Diese Vergangenheit weiß Connolly als Kulisse zu nutzen. Echte Spukstimmung kommt auf, wenn die Verdammten von Dutch Island des Nachts ihr Unwesen treiben. Zusätzlich baut Connolly eine weitere Handlungsebene auf, wenn er die Ereignisse der Vergangenheit in denen der Gegenwart spiegelt: Ohne es zu wissen sind sowohl die toten als auch die lebenden Bewohner die Insel in einer Schleife gefangen, die zu einer Neuauflage des Massakers von 1693 auszuarten droht. Einige Beteiligte von damals mischen wieder mit, denn ihre Seelen kehrten nicht als Geister wieder, sondern reinkarniert in den Körpern verschiedener Figuren.
Personen
Wobei die Figurenzeichnung ohnehin dem hybriden Charakter des Werkes ausgiebig Rechnung trägt. Da haben wir u. a. einen melancholischen Riesen, sieben wahrlich böse Männer (obwohl eine Frau zu ihnen zählt, die allerdings eher Mannweib ist), eine einsame Mutter mit Kuckuckskind und viele böse Geister. Diese Aufzählung unterstreicht, dass sich der Krimifreund bei der Lektüre gewissen Herausforderungen stellen muss. Schon der Amoklauf von Moloch – welcher Name! – und seiner Natural Born Killers ist pure Übertreibung. Sie morden, vergewaltigen und verstümmeln voll angestrengter Bosheit, ohne dass sich das Gesetz blicken lässt. Als es dann endlich in Erscheinung tritt, manifestiert es sich in grotesker Gestalt.
Joe Dupree ist womöglich als zwiespältiger Charakter angelegt. Solche Tiefe verträgt „Die Insel" anders als Connollys Parker-Romane indes nicht. Duprees Riesengestalt und die ihm daraus erwachsenen Probleme wirken aufgesetzt. Der Riesenkörper verbirgt den üblichen Klischee-Cop mit goldenem Herzen und schwieriger Vergangenheit. Folgerichtig treffen wir auf Dutch Island auch sonst die üblichen kauzigen Verdächtigen, die gut aus einem der üblichen Stephen-King-TV-Filme - der Gruselkönig residiert bekanntlich in Maine - rekrutiert worden sein könnten.
Dazu gibt es nicht nur eine, sondern gleich zwei starke Frauengestalten. Auch hier gilt es zu relativieren. Sharon Macy gibt den weiblichen „Rookie" im Polizeigeschäft und muss sich im Kampf gegen zudringliche Männer und Kriminelle gleichermaßen behaupten. Marianne Elliot ist eine dieser vom Leben gebeutelten aber ungebrochenen Supermütter, die sich den Schrecken einer sorgsam verdrängten Vergangenheit stellen und gleichzeitig ihr Kind verteidigen ohne die Opferrolle wirklich zu verlassen.
Das gilt erfreulicherweise nicht für die Dutch-Island-Wiedergänger. Connolly geht von der Theorie aus, dass Geister verlorene Seelen sind, die ein gewaltsames Ende in ein Zwischenreich versetzte, wo sie ohne Gefühl für die verstrichene Zeit oder die Veränderung ihrer Umgebung dazu verdammt sind, automatengleich und sinnlos die Lebenden zu piesacken; ein seltsames, ungerechtes Schicksal, denn sie sind an ihrem Tod schließlich unschuldig. Aber unterlassen wir solche Fragen – sie sind in einem Roman wie diesem völlig unangebracht. Akzeptieren wir Connollys Geisterbild, so wirkt es überzeugend: Die Seelen der Siedler sind als unausgesprochene Bedrohung ständig präsent. Sie nähren sich von negativen Emotionen und treten ausgesprochen mitleidlos auf den Plan, wo diese freigesetzt werden: Connolly-Geister lassen sich nicht durch eine gute Tat erlösen. Sie sind und bleiben böse, wobei sie – ein gelungener Kunstgriff – aufgrund ihrer sonderbaren Natur für ihr Tun nicht verantwortlich gemacht werden können.
Was nicht für den Ullstein-Verlag gilt, der aus der deutschen „Insel"-Ausgabe eines dieser künstlich aufgeblasenen Paperbacks - Blindenschrift auf Serviettenpapier - gemacht hat, aus denen sich offenbar mehr Geld herausschlagen lässt als aus einem „normalen" Taschenbuch, das es auch getan hätte.
Autor
John Connolly ist - verblüffend genug - ein waschechter Ire, der nicht nur in Dublin geboren wurde (1968), sondern dort auch aufwuchs, studierte und (nach einer langen Kette von Aushilfsjobs, zu denen standesgemäß einer als Barmann gehörte) als Journalist (für "The Irish Times") arbeitete; letzteres macht er weiterhin, obwohl sich der Erfolg als freier Schriftsteller inzwischen eingestellt hat. Die amerikanischen Schauplätze seiner Charlie-"Bird"-Parker-Thriller kennt Connolly indes durchaus aus eigener Erfahrung; schon seit Jahren verbringt er jeweils etwa die Hälfte eines Jahres in Irland und den Vereinigten Staaten.
Verwiesen sei auf die in Form und Inhalt wirklich gute Connolly-Website (http://www.johnconnollybooks.com), die nicht nur über Leben und Werk informiert, sondern quasi als Bonus mehrere Gruselgeschichten und Artikel präsentiert.
Impressum (da die Yopi-Daten z. T. falsch sowie unvollständig sind)
Originaltitel: Bad Men (London : Hodder & Stoughton, a division of Hodder Headline 2003)
Übersetzung: Charlotte Breuer/Norbert Möllemann
Deutsche Erstausgabe (Paperback): August 2005 (Ullstein Taschenbuchverlag Nr. 26300)
480 S.
EUR 14,00
ISBN 3-548-16300-3
(Copyright 20.08.2005/Dr. Michael Drewniok)
Dieser Text erscheint auch auf anderen Websites meiner Wahl - er wird durch meinen Namen identifiziert und bleibt dadurch - hoffentlich - auch für Faker-Sheriffs als mein geistiges Eigentum erkennbar, mit dem ich AGB-konform umgehen darf wie es mir beliebt. M. D.
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Thriller und Mystery ist ja eine Mischung, die durchaus gut zusammenpasst. Wie gut, hat wohl vor allem ein Autor gezeigt: John Connolly. Der hat nicht nur die hervorragende Reihe rund um Privatdetektiv Charlie Parker geschrieben, sondern auch einen vollkommen eigenständigen Roman. Als kleiner Connolly – Fan musste ich den natürlich umgehend haben:
Die Insel – John Connolly
:: Bezugsquelle & Preis ::
Gekauft habe ich das überdimensionierte Taschenbuch in einem Weltbildshop. Dort war er von ehemals 14,00 € auf 4,95 € heruntergesetzt. Bei amazon.de gibt es das Taschenbuch aber allerdings auch schon für 6,00 €.
:: Eckdaten ::
Titel: Die Insel
Originaltitel: Bad Men
Autor: John Connolly
Übersetzung: Norbert Möllemann, Charlotte Breuer
Verlag: Ullstein
Genre: Thriller
Erscheinungsjahr: 2005
Seitenanzahl: 479 Seiten
:: John Connolly ::
Connolly wuchs in Dublin auf, studierte dort und hatte eine Reihe von Aushilfsjobs, unter anderem war er Barmann. Danach wurde er Journalist.
Bekannt wurde Connolly durch die Romanreihe über Charles "Bird" Parker, einen ehemaligen New Yorker Polizisten, dessen Frau und Tochter von einem Serienkiller getötet wurden. Seit dem Mord arbeitet Parker als Privatermittler. Seine Mitarbeiter sind Parkers Freund Angel, ein "pensionierter" Einbrecher, und Angels Lebenspartner, der Auftragskiller Louis.
Connolly benannte seinen Protagonisten nach dem Jazzmusiker Charles Parker, dessen Spitzname ebenfalls "Bird" oder "Birdman" war. Die Nebencharaktere Louis und Angel sind eine Reminiszenz an den Film "Angel Heart", in dem Harry Angel und Louis Cyphre ein ähnliches Duo abgeben (Angels Hang zu abgetragener Kleidung und Louis' "satanischer Bart").
In den Romanen vermischen sich Realität und Übersinnliches: Geistererscheinungen, Halluzinationen bzw. Visionen und übernatürliche Wesen treten in den Geschichten auf. Auch Connollys Charaktere sind oft mystisch erhöht: Louis wird als "hitman without equal" ("Killer ohne Gleichen") eingeführt, er und Angel agieren oft als Parkers "Schutzengel". Parker selbst scheint telepathische Fähigkeiten zu haben und viele der Verbrechen haben einen esoterischen Hintergrund. In der Kritik wurde Connolly deswegen oft mit Stephen King verglichen, zumal einige von Connollys Werken in Kings Heimat Portland, Maine, spielen, wo auch Protagonist Charles Parker herstammt.
Quelle: www.wikipedia.de
:: Die Insel ::
Dutch Island, von den Einwohnern auch Sanctuary genannt, ist eine Insel vor der Küste Portlands. Die Menschen dort leben für sich und haben mit dem Festland nur wenig zu schaffen. Unter ihnen lebt auch die junge Marianne mit ihrem Sohn, die eine bewegte Vergangenheit zu haben scheint, über die sie nicht einmal mit dem Inselpolizisten Joe Dupree spricht, dem sie mit der Zeit näher kommt.
Während sich Marianne halbwegs in Sicherheit fühlt, ist ihr allerdings schon eine Bande gewissenloser und brutaler Killer auf den Fersen. Denn Marianne hat einst ihren Mann Edward Moloch, der sie aufs übelste unterdrückt hat, bestohlen und ist vor ihm geflohen. Auf ihrer Suche nach Marianne hinterlassen Moloch und seine Bande eine blutige Spur der Verwüstung.
Die Insel, die zur Zeit der Kolonisation viel Blutvergießen miterlebt hat, scheint das drohende Unheil zu spüren…
:: Eindrücke ::
Connollys Romane zeichnen sich ja vor allem durch ihre stets sehr düstere und dichte Atmosphäre aus, die zumeist direkt auf den Leser überspringen kann. Ein ähnliches Szenario verspricht auch „Die Insel“. Nun, zumindest die vom Autor gewählte Kulisse birgt doch
einiges an Potenzial. Die Idee, eine mysteriöse Geschichte auf einer abgeschiedenen Insel spielen zu lassen, ist zwar nicht neu. Dennoch wirkt sie doch gerade in diesem Genre oft auch als Interessenmagnet.
Wer Connollys Romane aus der Reihe rund um Charlie Parker kennt, dem dürfte wohl bekannt sein, dass der Autor über ein schier unerschöpfliches fundiert wirkendes Wissen in Sachen Geschichte verfügt. Dieses Wissen teilt er abermals mit dem Leser im vorliegenden Roman. Dabei neigt Connolly zwar so manches Mal dazu, ein wenig über das Ziel hinaus zu schießen, dennoch stellen jene historische Exkurse doch immer wieder einen interessanten Aspekt dar, der sich in den eigentlichen Plot fast wie von selbst einfügt. Dies ist in „Die Insel“ mehr noch der Fall als in den anderen Werken des Autors. Fiktion und Utopie hin oder her, aber gerade durch diesen Aspekt wirkt der Plot hier sehr glaubwürdig und fast schon logisch. Sicher eine Kunst, die nicht jeder Autor beherrscht.
Nichtsdestotrotz beginnt „Die Insel“ etwas schleppend und verwirrend. Worum es in diesem Roman eigentlich gehen soll, erschließt sich einem tatsächlich erst nach gut 100 Seiten. Der Spannung tut dies nur mäßig Abbruch. Dennoch stellt der Anfang des Romans sicher vor allem für ungeduldige Leser eine Herausforderung dar. Interessant ist dabei aber allerdings, wie Connolly seine Geschichte erzählt. Denn er tut dies nach wie vor keineswegs auf konventionelle Weise. Er strickt seinen Plot mittels Rückblicken und zäumt das Pferd mehr als einmal von hinten auf. Allein das gefällt und führt unweigerlich zu dem einen oder anderen Aha – Moment.
Ist der Plot dann allerdings erstmal im Gange, erlebt man Connolly in bester Manier. Er zeigt wieder einmal, wie schlecht die Welt ist und misst dies offenbar in den Leichen, die die Bande rund um Moloch hinterlässt. Wie schon in besagter Romanreihe um den sympathischen Privatdetektiv, erzeugt dies auch hier wieder eine ganz besondere Spannung und eine Atmosphäre, von der man sich richtiggehend selbst bedroht fühlt. Zwar werden sie Tötungsszenen niemals bis ins letzte Detail ausgewalzt, dennoch reicht die Schilderung stets aus, um sich ein sehr plastisches Bild dessen zu machen, was die bösen Jungs hier anrichten. Dabei erreichen die bösen Buben hier eins nahezu teuflische Qualität, die vor allem von ihrer Kaltblütigkeit bedingt wird. So müssen adäquate Antagonisten aussehen. Dass es bei Connolly zumeist mehr als einen gibt, ist ja bekannt. Dabei verkommen die anderen allerdings nie zu unwichtigen Statisten.
Connollys einmaliger Schreibstil findet sich auch hier wieder in bester Manier. Der Autor schafft es wie nur wenige andere, mit seinen Worten eine Bildgewalt zu erschaffen, die man wohl vor allem im Thrillergenre viel zu selten findet. Er hat es überhaupt nicht nötig, jedes Detail an den Leser zu bringen. Connolly setzt viel auf die Vorstellungskraft seiner Leser, indem er viel mit Andeutungen und Querverweisen arbeitet; aber auch mit Rückblicken und Perspektivwechseln, die zumeist die fehlenden Puzzleteile darstellen. Dass John Connolly über einen angenehm bissigen Humor verfügt, den er nicht müde wird, immer mal wieder in seine Romane einfließen zu lassen, macht ebenfalls einen wichtigen Aspekt in seinem unverwechselbaren Stil aus. Meist sind es die bissigen Nebensätze, die den Leser zum Schmunzeln bringen. Dabei wirkt das Ganze nie flach, sondern stets intelligent und subtil. Ein Grund vielleicht, warum nicht jeder etwas mit dem Autor anfangen kann.
Vollkommen anders als die Figuren, die man aus der „Charlie ‚Bird’ Parker“ – Reihe gewohnt sein mag, kommen die Protagonisten in „Die Insel“ daher. Dies beginnt schon mit dem Inselpolizisten Joe Dupree, der von vielen ‚Melancholie – Joe’ genannt, von anderen aufgrund seiner extremen Größe nur belächelt wird. Dupree ist von Anfang an unheimlich sympathisch. Dennoch strahlt er eine gewisse, sanfte Autorität aus, die das Gesamtbild abrundet. Obwohl Dupree ein wahrer Riese ist, dürfte er beim Leser dennoch eine Art Beschützerinstinktgefühl wecken. Es ist damit also das absolute Gegenteil von den Figuren, die man bisher von Connolly kennt. Im ersten Moment mag dies ungewohnt erscheinen. Dennoch zeugt es aber nur einmal mehr von der Vielseitigkeit, zu der der Autor fähig ist. Ein wenig klischeehaft kommt dagegen Marianne Elliot daher. Geflohen vor ihrem gewalttätigen Mann, landet sie auf Dutch Island. Sie ist das typische Opfer, obwohl sie immerhin die Kraft und vor allem den Grips besessen hat, vor ihrem Mann zu fliehen. Dennoch kommt sie aus dem Bild der geschundenen Frau nicht so richtig heraus. Das Bild, das man sich von ihr macht, ist allerdings dennoch stimmig und passt in den Roman und in die Atmosphäre. Das beschützenswerte Frauchen muss es eben auch immer geben. Ebenso grandios gelungen ist Connolly aber sein Oberbösewicht Edward Moloch – allein schon der Name. Liest man ihn das erste Mal, ist eigentlich schon direkt alles klar, was man über diesen Mann wissen muss. Man bekommt im Verlauf des Romans auch tatsächlich, was man von einem Mann mit einem derartigen Namen erwartet. Zwar ist er der typische Connolly – Bösewicht, dennoch zündet dieses Muster auch in „Die Insel“ wieder. John Connolly weckt mit Moloch wohl so ziemlich alle Urängste im Leser, was allein schon am Spannungsrad dreht.
Alles in allem ist „Die Insel“ ein typischer Connollyroman, mit dem man kaum etwas falsch machen kann, wenn man einen Funken Anspruch ans Thrillergenre hat. Die Figuren sind stimmig, der Schreibstil fällt aus dem Rahmen des Einheitsbreis, der intelligent eingestreute Humor ist herrlich sarkastisch – es stimmt also eigentlich alles. Dennoch ist die Story, betrachtet man sie einmal vollkommen nüchtern, keineswegs etwas Besonderes. Umso höher sollte man dem Autor daher anrechnen, was er daraus gemacht hat. Aus diesem Grund verzeiht man ihm wohl auch den etwas schleppenden und undurchsichtigen Anfang sowie die eine oder andere Länge.
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