Nun, wie kam ich dazu, mir in der städtischen Bücherei die DVD Fontane Effi Briest in der Fassbinder-Fassung auszuleihen, und mir anzuschauen? Neugierig wurde ich auf Theodor Fontane, als ich vor etlichen Wochen mal das Hörbuch "Geschwisterliebe" mir angehorcht habe, wobei ich von diesem einzigartigen Erzählstil überaus fasziniert war und noch immer bin, was ich jedoch schon als Kunst bezeichnen möchte, nämlich Szenen und Dinge so zu beschreiben und zu schildern, dass diese vor den Augen des Hörers, also mir, lebendig zu sein wurden und werden. Und weil ich ehrlich gesagt nicht die große Bücherleserin bin, aber dennoch mir etwas von Fontane zu Gemüte nehmen wollte, entschied ich mich für die DVD Effi Briest. Klar, war ich sehr gespannt darauf, wobei ich dazu sagen möchte, dass ich diese Geschichte von der Effi Briest nur in groben Zügen kannte, wobei mein Mann das Buch schon mal gelesen hat, und was mich noch dazu sehr neugierig machte war, wie Fassbinder diese Geschichte in seine Worte gepackt hat. Von Fassbinder ist mir eigentlich nur ein Fernsehfilm bekannt, "Angst essen Seelen auf", den ich 1977 im Fernsehen gesehen habe, und von welchem ich auch ganz angetan war.
Nun aber zurück zum Film Effi Briest, den ich mir also am Mittwochabend zum ersten mal angeschaute habe, wobei ich etwa im letzten viertel des Film wirklich mit den Tränen kämpfen musste, sodass tags darauf das gleichnamige Buch besorgte wurde, was innerhalb eines guten Tages durchgelesen war, sodass mein Mann und ich uns gleich im Anschluss nochmals diese DVD anschauten.
Fontane Effi Briest oder Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und dennoch das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen 1974.
Regie und Buch: Rainer Werner Fassbinder
Regie-Assistenz: Rainer Langhans, Fritz Müller-Scherz
Kamera: Dietrich Lohmann, Jürgen Jürges
Musik: Aus Werken von Camille Saint-Saens und anderen
Ausstattung: Kurt Raab
Schnitt: Thea Eymész
Darsteller:
Hanna Schygulla (Effi)
Wolfgang Schenck (Baron Geert von Innstetten)
Karlheinz Böhm (Geheimrat Wüllersdorf)
Ulli Lommel (Mayor Crampas)
Ursula Strätz (Roswitha)
Irm Hermann (Johanna)
Lilo Pempeit (Luise von Briest)
Herbert Steinmetz (Herr von Briest)
Hark Bohm (Apotheker Grieshübler)
Rudolf Lenz (Geheimrat Rummschüttel)
Barbara Valentin (Marietta Tripelli)
Karl Scheydt (Kruse)
Theo Tecklerburg (Pastor Niemeyer)
Barbara Lass (Polnische Köchin)
Eva Mattes (Hulda)
Andrea Schober (Annie)
Anndorthe Braker (Frau Pasche)
Peter Gauhe (Vetter Dagobert)
Und Rainer Werner Fassbinder (Off-Erzähler)
Produktion Tango-Film (Rainer Werner Fassbinder, Michael Fengler).
Uraufführung: 28.6.1974 (Berliner Filmfestspiele)
Extras:
Trailer
Fotogalerie
Biographie Rainer Werner Fassbinder
"Rainer Werner Fassbinder, 1977" Interview
Nun also zum Film, den ich bis zum Schluss aufgeführt habe.
Bevor der eigentliche Film anfängt ist zunächst der lange Untertitel von Fassbinder zu Effi Briest zu lesen, denn ich oben schon mal aufgeführt habe.
Und dann folgt eine romantische Klaviersonate, in welcher man irgendwie die Melancholie, die Wehmut schon spürt, wobei ein sehr hübsches junges, verträumtes Mädchen im Garten unter blühenden Bäumen auf ihrer Schaukel sitzt, und sich dabei
hoch in die Lüfte schwingt. Und dieses noch junge, verträumte Wesen, das Effi Briest heißt, und gerademal 17 Jahre alt ist, wird mit dem 20 Jahre älteren Baron von Instetten, der Landrat von Kessin ist, vermählt, dessen akkurate Art ihrem leichten Naturell, ihrer noch sehr kindlichen Wesensart, völlig entgegengesetzt ist. In dieser Ehe wird Effi nicht glücklich, da ihre Sehnsüchte, Wünsche und Bedürfnisse ihres Körpers, ihres Herzens und ihres Verstandes an der Seite ihres Mannes unerfüllt bleiben, obwohl er zwar lieb und gut zu ihr ist, aber sich als Liebhaber ihr gegenüber nicht zeigt.
Unbefangen und neugierig was sie in Kessin erwartet, verlässt die erst 17jährige Effi frisch vermählt, ihren Heimatort Hohen-Cremmen, und fängt mit dem Baron von Instetten ein neues Leben in einer fremden Umgebung an, wobei ihr sehr schnell klar wird, dass sie in Kessin einsam sein wird, da der Altersunterschied zu den recht wenigen Adeligen, die in der Umgebung wohnen, doch recht hoch ist. Und mit der Elite des Orts zu verkehren verbietet ihr Stand, da Effi ja nun Baronin ist.
Beruflich wird Baron von Instetten immer mehr eingespannt, sodass Effi immer öfters alleine ist, wobei sie sich in dem großen Haus fürchtet, was sie jedoch vor ihrem Mann zu verheimlichen versucht, da er sie in dieser Hinsicht nicht für voll nimmt, und die ganze Sache als lächerlich darstellt.
Auch wenn es nur wenige Aufwartungen sind, die das junge Paar nachkommt, bringen diese doch einwenig Abwechslung in Effis Leben, wobei sich dieser Kontakt zur Außenwelt vorübergehend nur auf den Apotheker Grieshübler beschränkt, der Effi so hin und wieder besucht. Erst kurz vor der Geburt ihrer Tochter Annie, lernt sie das etwas naiv wirkende, jedoch gutmütige und verständnisvolle Kindermädchen Roswitha kennen, worin Effi wieder einwenig Hoffnung sieht, weil sie zum einen eine mitfühlende und einfühlsame Person gefunden hat, mit welcher sie reden kann, und der sie ihr Kind ruhigen Gewissens später anvertrauen kann. Und trotzdem fühlt sich Effi, auch nach der Geburt ihrer Tochter Annie, von ihrem Mann vernachlässigt, und allein gelassen, wobei sie sich es sicher anders ausgemalt hat.
Was eigentlich Liebe ist, sprich Verständnis, Rücksicht, gegenseitiges Vertrauen und Zärtlichkeit, das lernt Effi erst kennen, als sie dem draufgängerischen, in Liebesaffären ebenso erfahrenen Major von Crampas begegnet, der ein Freund von Effis Mann Baron von Instetten ist. Und dass Effi eine verheirate, sehr romantisch veranlagte Frau ist, die sich nach Zärtlichkeiten sehnt, die sie jedoch von ihrem Mann noch nie erfahren und bekommen hat, wird diese Situation von Crampas ausnutzt, obwohl beiden von Anfang an bewusst ist, dass sie diese Affäre nie eingehen durften, wobei bei beiden die Liebe über die Vernunft siegte. So könnte man es sagen.
Effi ist deshalb erleichtert, als sie bedingt durch Baron Instettens Berufung in ein Ministerium den Wohnsitz wechseln müssen, wobei ein Umzug nach Berlin ansteht, und sie Major von Crampas nicht wieder sehen muss, sprich ihm begegnet.
Gute sechs Jahre später findet der Baron Instetten einen Brief, den Crampas an Effi gerichtet hat, in einem Nähtischchen, dass jedoch aufgebrochen werden musste, weil sich Annie verletzt hat, und man im Nähtischchen das Verbandzeug vermutete.
Verletzt in seiner Ehre, fordert er den Major zum Duell, wobei Crampas in die Luft schießt und von Instetten, der keine Gemütsbewegungen dabei zeigt, getötet wird.
Instetten kommt 3 Monate in Haft, wobei er anschließend dann zum Ministerialdirektor ernannt wird.
Für Effi bleiben sein Haus und das Haus ihrer Eltern verschlossen, wobei sie auch ihre kleine Annie, die beim Vater aufwächst, nicht mehr sehen darf. Effi wünscht sich nichts sehnlichster, als dass sie Annie mal besuchen kommt. Und dieser Wunsch wird ihr auch erfüllt, wobei sie feststellt, wie das Kind ihr völlig entfremdet worden ist, denn ihre kleine Tochter ist bereits schon genauso korrekt wie ihr Vater. Effi ist total am Boden zerstört, wobei aus ihrem Munde Worte des Hass auf sich selber, sowie aus Verzweiflung kommen: Mich ekelt, was ich getan, aber was mich mehr ekelt, das ist Eure Tugend.
Schwermütig war sie seit der Trennung schon, nun aber hat sie den ganzen Lebensmut verloren, als sie ihr Kind zu Gesicht bekam, das der Baron von Instetten, wie einen Papagei abgerichtet hat.
Auf anraten des Arztes Rummschüttel, weil eben Effi sehr krank ist, nehmen die Eltern sie wieder in ihrem Elternhaus auf, worauf sich ihr Gesundheitszustand nur kurzzeitig bessert. Kurz vor ihrem Tod verzeiht sie Innstetten mit den Worten: "denn er hatte viel Gutes in seiner Natur und war so edel, wie jemand sein kann, der ohne rechte Liebe ist."
Nun zu meiner Meinung
Mehr als unwahrscheinlich sehe ich es, dass heute eine 17jährige heiratet, wobei es natürlich nicht ausgeschlossen ist. Jedoch in dieser Zeit, wobei der Roman Effi Briest einer wahren Begebenheit unterliegt, war es völlig normal, dass Mädchen mit ältern Männern in guter Stellung verheiratet wurden. Im Grunde wurde diese Art von Ehen völlig lieblos gegründet, wobei man davon ausging, dass die wahre Liebe schon irgendwann allein kommen wird. Auf Treue, Ordnung, Disziplin, und Gehorsam bis zur Unterwerfung, wurde viel mehr Wert gelegt. Für Gefühle war da nicht viel Platz.
Und Gehorsam war Effi, nicht nur gegenüber ihren Eltern, sondern auch gegenüber ihren Mann. Sehr eindrucksvoll wurde es gezeigt, dass Effi nicht nur das 4. Gebot achtete, sondern sich diesem schon Unterwarf, als sie ihren Kopf in den Schoß ihrer Mutter legte.
Was mich persönlich auch sehr traf, war, als die eigene Mutter die Umarmungen ihrer Tochter abwehrte, wobei ich den Anschein erhielt, dass sie mit der Liebe die ihr geschenkt und entgegengebracht wird, auch nicht so recht umgehen konnte. Oder wollte sie ihre Tochter mit dieser Geste, desensibilisieren?
Ein 17jähriges Mädchen noch, dazu noch ein sehr verspieltes, verträumtes, ja unbefangenes, neugierig auf alles neue, sollte nun den 37jährige Baron heiraten, wobei Effi mit dem Wort "Liebe" alles verband. Liebe zu ihren Freundinnen, ihren Eltern, der Natur, einfach alles. Und diese unbefangene, aufgeschlossene Effi, sollte nun einfach so über Nacht zu einer reifen Frau werden, nur weil sie, die von ihrer Mutter verschmähten Jugendliebe heiraten soll. Sittsam, und zum unterwerflichem Gehorsam erzogenen Effi, konnte diese Bitte ihrer Eltern nicht ausschlagen, obwohl sie schon vor der Heirat zweifelte, ob sie denn wirklich richtig handle. Denn der Baron von Instetten war für Effi kein Unbekannter, zumal er Effis Elternhaus oft besuchte, und Effi sein korrektes und mustergültiges Auftreten beinahe Angst einflößte. In seiner Gegenwart musste Effi ihre kindliche, verspielte Art ablegen, und als selbstbewusste, starke Frau dastehen.
Warum überhaupt der Baron Effi geheiratet hat, das frage ich mich schon. Denn Zuwendung und Zeit hatte er nur in den ersten Wochen nach der Heirat für sie. Dann schlich sich so nach und nach der Alltag ein, dass heißt, dass Effi zum großen Teil allein auf sich gestellt war, dem sie jedoch noch nicht gewachsen war. Angst überkam sie nachts, davon ihr Mann jedoch nichts erfahren durfte, zumal sie sich als starke Frau zu zeigen hatte. Angst, hatte sie nicht nur vor dem kleinen Chinesen, der nachts durchs Haus spukte, noch mehr Angst hatte sie vor ihrem Mann, da sie ihm ihre wahren Gefühle nicht zeigen konnte, was mich wiederum sehr nachdenklich macht, da ich mit der großen Liebe, großes, uneingeschränktes Vertrauen verbinde.
Vertrauen kann nur auf gegenseitiges Vertrauen aufbauen, und das begegnet Effi erst in den Personen, dem Major Crampas und später dann mit dem Kindermädchen Roswitha, mit welchen sie über alles reden kann. Diese zwei Personen in Effis sehr kurzen Leben, wachsen ihr stark an Herz, wobei natürlich offen bleibt, inwieweit sich wirklich Crampas und Effi geliebt haben. War es nur, dass dieser Verständnis für ihre Gefühle gezeigt hat, oder brauchte Effi nur jemanden zum Reden, dem sie ihre Sorgen und Ängste anvertrauen konnte. In dieser Hinsicht sehe ich die Beziehung es nur als sehr gute Freundschaft, die einer Platonischen Liebe gleichkommt, die mitunter noch tiefgründiger, Seelenverwandter, als die richtige Liebe ist.
Eifersucht kam dann mit ins Spiel, und in seiner Ehre verletzt, musste Major Crampas sterben, als der Ehemann davon erfuhr, für welchen nur Ordnung und Disziplin existierten, obwohl Jahre schon dazwischen lagen.
Wahre Liebe zeigen oder gar weitergeben, konnte er nicht, wobei ich ihn dafür nicht als den "Bösen" darstellen möchte, vielmehr wurden zu dieser Zeit die adeligen Söhne gleich zu kleinen Soldaten erzogen, die keine Schwächen und Gefühle zeigen durften. Deshalb zählten für ihn von Anfang an nur Normen, Pflichten, Zucht und Ordnung wobei er versuchte Effi in einen solchen Raster zu drücken. Sozusagen das natürliche, aufgeschlossene Wesen, das nun mal angeboren ist, sollte Effi ablegen.
Schon das allein sehe ich als Grund, warum Effi zusehends schwermütiger und krank wurde. Freuen, aufleben konnte sie sich nur, wenn Roswitha oder ihre kleine Annie, oder auch ihre Mutter in der Nähe waren.
Mehr als Seelische Grausamkeit für eine Mutter sehe ich darin, als ihr, ihr eigenes Kind gegenübersteht, wobei es die Mutter nicht wiedererkennt, und ihr einziges Kind in ihrem ganzen Wesen dem Vater gleicht.
Und trotzdem gehorchte sie mehr ihrem Schwiegersohn, und nicht ihrem Herzen, als er ihr schrieb, dass Effi ein Verhältnis zu Crampas gehabt hat. Verstoßen von ihrem Elternhaus, weil sich so was, was ihre Tochter getan hat nicht "schickt", wobei mehr auf "was werden die Leute sagen", geachtet wurde, als dem menschlichen "Gefühl" dem Herzen zu folgen, wobei komischerweise die eigene Mutter herzloser reagierte als der Vater, dem das Gerede der anderen am Hut vorbeigegangen wäre.
Erst ganz zum Schluss, als Effi todkrank wurde, nehmen sie ihre Tochter wieder bei sich auf, wobei sie jetzt von Gewissensbissen geplagt werden, ob sie wirklich richtig gehandelt hatten, dass sie Effi so bald verheirateten. Dass Effi ihrem Mann noch in seinem Herzlosen Tun im Sterbebett verzeiht, erstaunt mich nur wenig, da man ja irgendwie mit einem reinen Gewissen, dem Schöpfer, in eine andere Dimension, entgegentreten will. Klar, ich kann da nicht aus Erfahrung sprechen, wobei sich wahrscheinlich jeder erleichtert fühlt, wenn er die oder dem, den er einmal "geliebt" und gehasst hat, von seiner Schuld freisprechen kann.
Und immer wieder redet der Vater von Effi: Ach, Luise, laß...das ist ein weites, oder ein zu weites Feld".
Zum Film selber
Was das besondere an dieser Fassbinder Fassung Fontane Effi Briest ist, ist, dass von Fassbinder selbst die Erzähltexte gelesen werden, wie sie im Original stehen, wobei sich diese mit den von den Darstellern gesprochenen Texten oft auf interessante Weise überdecken, wodurch mit diesen Dialogen ein Schweigen herbeigeführt wird, dass man am Off-Text, in alter Schrift und einem stummen Bild erkennt. Jedoch ganz abgesehen davon, ob es sich nun um ein reines Fontane-Zitat handelt oder nicht, Fassbinder findet den rechten Fontane-Ton dazu. Gelassen, undramatisch, beinahe schon ironisch.
Zu Fontane sagt Fassbinder folgendes: Ich glaube schon, dass mich dieser Fontane auch interessiert, weil ich finde, dass das mit meiner Erzählweise etwas zu tun hat...Fontane hat, ähnlich wie ich, so eine Sicht der Welt, die man sicherlich verurteilen kann, nämlich: dass die Sachen so sind und dass man sie so schwer verändern kann. Obwohl man begreift, dass man sie verändern müsste, setzt irgendwann einmal die Lust aus, sie zu verändern, und man beschreibt sie dann nur noch (zitiert nach Atlas-Schmalfilm-Katalog).
Und was mir noch als Besonderheit bei diesem Film aufgefallen ist, sind die vielen Spiegelbildszenen, bei welchen eine Unterhaltung stattfindet, wobei jedoch das Kindermädchen Roswitha, darin meines Erachtens, nicht darin gezeigt wurde. Wenn ich nun meinen, so hoffe ich doch "gesunden Menschenverstand" hinterfrage, warum die Spiegelszenen? So sehe ich für mich persönlich die Personen, die aus dem Spiegel schaut, als unnahbar, auf Distanz gehend, an. Vertrauen fand nur auf dem Blatt statt, welches Effi und Baron Instetten bei der Heirat unterzeichnet haben.
Fazit
Meines Erachtens ist dieser Film, Fontane Effi Briest, ein richtig sentimental-romantisch-trauriges Drama, wobei, und das finde ich so einzigartig an diesem Werk, sich jeder in irgendeiner Rolle wiederfindet. Das ist es auch, warum ich von diesem Film sehr, sehr angetan bin.
Jedoch möchte ich jedem nur raten zuerst das gleichnamige Buch zu lesen, nicht, dass man diesem Film nicht folgen kann, vielmehr ist man dann irgendwie auf den Ausgang der Geschichte schon gefasst, wobei ich dennoch über das Ende recht erschüttert war. Sehr, sehr ausdrucksvoll hat Hanna Schygulla die Szene gespielt, als sie der Verzweiflung nahe war, als sie sah, was ihr Mann aus ihrem Kind gemacht hat, und dabei die ganze Schuld auf sich nahm. Wahnsinn, dass ist das einzige Wort was ich für diese exzellente Literaturverfilmung nur sagen kann. Ein Horrorfilm ist gegen Effi Briest nichts, denn ich finde Seelische Grausamkeiten, wie sie im Film gezeigt werden viel, viel schlimmer. Äußere Wunden verheilen irgendwann, aber was im innern des Herzen zerstört wird, das bleibt eine Wunde.
topfmops, 06.11.2009
Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Diskussion in Heidelberg 1974 über das Fontane"sche Drama, in der jemand auf e-L-f-i-e Briest bestand, er komme schließlich gerade aus dem gleichnamigem Film.
Bunny84, 31.10.2009
Klasse Bericht. Wünsche dir ein schönes Wochenende. LG BUNNY84
PS: Freue mich über Gegenlesungen
Clarinetta2, 31.10.2009
für diesen informativen bericht ein bw- werde mal schauen ob ich beides bei uns ausleihen kann
¹ Alle Preisangaben inkl. MwSt. und ggf. zzgl. Versand. Zwischenzeitl. Änderung der Preise, Lieferzeiten & Lieferkosten sind in Einzelfällen möglich. Alle Angaben erfolgen ohne Gewähr.
Wenn Ehre höher als alles andere gestellt wird...
ein Testbericht von gamzef2008-05-25 23:56:01vom 25.05.2008Empfehlung: ja
Vorteile: alles bis auf ein Kontra...Nachteile/Kritik: die Hauptdarstellerin Hannah Schygulla wirkt für die Rolle zu alt
===Wie ich auf die Idee kam, mir Effi Briest anzugucken===
Monatelang habe ich im Deutsch LK ,,Effi Briest" als Thema gehabt.
Letzte Woche habe ich eine Klausur darüber geschrieben und genau
aus diesem Grund habe ich mir die Verfilmung von Effi Briest
geliehen und angeschaut.
Es gibt viele Verfilmungen vom gesellschaftlichen Eheroman
Effi Briest, u.a. eine von Gustaf Gründgens, der in einer Faust-
Verfilmung den bösen Mephisto verkörperte.
Die beste Verfilmung scheint jedoch die von Rainer Werner
Fassbinder zu sein, was auch viele Lektürehilfen bestätigen.
Besonders gelobt wird der Film, weil es sehr buchgetreu ist
und die wichtigsten Elemente und Symboliken im Film
hervorhebt.
:::::V.I.I. - Very Important Information:::::
Darsteller: Hanna Schygulla, Ulli Lommel
Regisseur: Rainer Werner Fassbinder
Format: Dolby, HiFi Sound, PAL
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 1.0)
Bildseitenformat: 4:3
Farbe: Nein, schwarz-weiss
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Kinowelt Home Entertainment/DVD
DVD-Erscheinungstermin: 24. Mai 2005
Spieldauer: 135 Minuten
DVD Features:
* Biographie Rainer Werner Fassbinder
* Fotogalerie
* Porträt des Künstlers RWF 1977 (29 Min.)
* Trailer
:::::Handlung:::::
Effi Briest ist 17 Jahre alt und ein gut erzogenes Dorfmädchen,
das die Natur liebt und gerne mit ihren Freundinnen spielt.
Eines Tages besucht der 21 Jahre ältere Geert von Instetten;
der früher mit Effis Mutter liiert war, ihre Familie und hält um
Effis Hand an. Effi lässt sich von ihrer Mutter, die im Interesse von
gesellschaftlicher Anerkennung und Wohlstand ist, zur
Eheschließung überreden und kommt prompt in die Rolle
einer verheirateten Frau.
Da Instetten ein Karrierist ist und die junge Effi auf Grund von
Beruflichem immer allein zuhause lässt und ihr mit Spukgeschichten,
die er als Erziehungsmittel nutzt, Angst macht, fühlt sich Effi
in ihrer Ehe unwohl und einsam.
Der einzige Freund, dem sie ihre Seele ausschütten kann, ist
der Apotheker Gieshübler.
Die Liebe und Zärtlichkeit suchende Effi findet Trost und Anerkennung
bei Crampas, einem Bekannten von Instetten.
Dieser lebt nicht wie Instetten nach Grundsätzen, sondern glaubt
an Romantik und Liebe. Mit ihm beginnt Effi eine heimliche
Affäre.
Aus Angst und Schamgefühlen trennt sich die inzwischen Mutter
gewordene Effi schriftlich von Crampas und wechselt mit ihrem
Mann und dem Kinde den Wohnort, um die steifen Leute dort
und den Fehler, den sie begangen hat, zu vergessen.
Sieben Jahre später findet Instetten zufällig Briefe in Effis
Nähschrank, deren Verfasser Crampas ist und bemerkt,
dass die inzwischen schon gelb gewordenen Briefe
Beweise einer Affäre seiner Frau sind.
Schnell trennt er sich von Effi und fühlt sich dazu verpflichtet,
den ehemaligen Freund Crampas erschießen zu müssen,
da man ihn in der Gesellschaft sonst als ehrlosen Mann
sehen und ausgrenzen würde.
Im Duell tötet Instetten Crampas zwischen den Dünen,
da wo dieser sich immer mit Effi heimlich getroffen hat.
Nach dem Duell ist nach Instetten seine Ehre widerhergestellt,
doch sein Unglücklichsein vergeht nicht.
Der Roman und der Film enden mit dem tragischen Tod Effis
und der Resignation Instettens.
Filmische Umsetzung
Der Film ist in schwarz-weiß und ist an idealen Orten gedreht
worden, die ziemlich auf die Ortsbeschreibungen im Roman von
Fontane zutreffen. Am Einführungsszene ist mit dem ersten Kapitel
im Roman identisch und auch die Dialoge gleich, auch wenn
viele Teile fehlen.
Fassbinder hat geschickt die Elemente hervorgehoben, die
für die Handlung und auch für die Interpretation von großer
Relevanz sind. Effi schaukelt zum Beispiel am Anfang,
was auch im Film am Anfang und nach der Scheidung von Effi
gezeigt wird. Diese Schaukelszenen sind wichtig, um zu betonen,
dass Effi am Anfang ein kindliches, verspieltes Mädchen ist und
nach der gescheiterten Ehe, in
der sie die Wendung zur Frau erlebte,
im Dorf wieder wie im Kindesalter verspielt schaukelt und sich
wohl fühlt.
Auch der Chinesenspuk, ein interessantes Detail aus dem Roman,
das die kühle Beziehung zwischen Effi und Instetten verdeutlicht,
kommt im Film nicht zu kurz.
Der Film zeigt die gesellschaftlichen Verhältnisse in Preußen,
zur Zeit als Otto von Bismarck regierte und kritisiert mit ihrer
Darstellung die Gesellschaft, die auf die Menschen Druck ausübt
und den Ehrenkodex höher als menschlich-natürliche Bedürfnisse
stellt.
:::::Meine Meinung:::::
Die Handlung möchte ich nicht kritisieren, da es in meinem Bericht
nicht um Fontanes Roman, sondern um die Verfilmung geht.
Die Verfilmung an sich finde ich sehr gut, da sie unwichtige,
langweilige Details auslässt und wichtige Schlüsselszenen
mit klassischer, edler Musik unterstreicht, u.a. die Mondscheinsonate
von Beethoven.
Besonders gut gefällt mir die Wahl der Darsteller, da sie sogar
optisch sehr gut zu ihren Rollen passen.
Bei der Schauspielerbesetzung ist mein einziger Kritikpunkt,
dass Hannah Schygulla, die Darstellerin von Effi Briest zu alt wirkt.
Am Anfang des Filmes ist Effi 17 aber Hannah Schygulla sieht
aus wie Anfang 30. Doch das macht sie mit ihrer Schauspielkunst
wieder gut. Besonders beeindruckend ist ihr Tonfall und die Art, wie
sie redet. Die Monologe, die sie im Film führt, habe ich mir immer
gerne angehört. Die verspielte als auch die am Ende resignierende
Effi, wird von Hannah Schygulla sehr authentisch rübergebracht.
Manchen Charakteren konnte ich keine Sympathie zollen,
da sie ziemlich konservativ eingestellt sind und durch ihre
Mimiken, Gestiken etc. wirklich nur Abneigung ernten, aber
da dies bewusst gemacht worden ist, sehe ich es als Erfolg.
Des Weiteren find ich es gut, dass Fassbinder vor wichtigen
Szenen immer längere Titel und wichtige Zitate einblendet.
Das gibt dem Film etwas Individuelles.
Für diejenigen, die Effi Briest schon einmal gelesen haben,
mit Sicherheit sehenswert!
hier ein paar aussagekräftige Zitate aus dem Film:
"Es ist ein weites Feld." (Effis Vater über ihre Eheschließung)
"Es ekelt mir davor, was ich getan, aber was mich mehr
ekelt, ist eure Tugend." (Effi am Ende)
DANKE FÜR DAS LESEN, BEWERTEN UND KOMMENTIEREN
eure gamze(f)
...
ein Testbericht von carinak052005-07-23 17:11:21vom 23.07.2005Empfehlung: nein
Vorteile: nah an der Buchvorlage
gute Interpretation, gute Schauspieler...Nachteile/Kritik: Kenntnis der Buchvorlage empfehlenswert
auf keinen Fall Ersatz des Romans
Selten habe ich mich bei einem Film so gelangweilt wie bei Effi Briest.
Aber beginnen wir doch einmal von vorne...
Der Roman von Fontane zählt nicht gerade zu den spannendsten Stücken, da er von Handlungsarmut geprägt ist. Das, was den Leser (oder den Zuschauer) interessiert, wird nicht erzählt, das was nicht interessiert, wird lang und breit wiedergegeben. Das merkt man besonders daran, dass es in Effi Briest viele Gespräche gibt, die aber oft kaum oder gar keinen Inhalt haben. Die Handlungsarmut wird von Fontane als stilistisches Mittel verwendet.
Effis Leben ist für
die heutige Frau äußerst unbefriedigend. Sie wird mit dem abgelegten Liebhaber ihrer Mutter verheiratet und bekommt durch diese Heirat eine hohe Stellung in der Gesellschaft. Die Heirat führt dazu, dass sie ihre geliebte Heimatstadt Hohen-Cremmen verlassen muss. Durch ihre Alpträume (der Chinese) merkt man Effis Unzufriedenheit. Da kommt der Ehebruch ins Spiel, den man ja eigentlich interessant finden würde, aber der wird kaum beschrieben und fast gar nicht inszeniert. Dem Zuschauer/Leser wird wenig geboten, was die Länge des Films/Buches nicht gerade einfacher macht.
Die Stimme Hanna Schygallas ging mir am Anfang ziemlich auf die Nerven, nach und nach gewöhnt man sich daran. Aber daran, dass fast nichts passiert, kann man sich äußerst schwer gewöhnen.
Fazit: Effi Briest ist eine interessante Persönlichkeit, die Verfilmung ist, wenn man keine Kenntnisse über die Buchvorlage hat, extrem langweilig. Fassbinder muss man jedoch lassen, dass er den Sinn der Lektüre gut auf die filmische Interpretation angewendet hat und äußerst nah am Roman blieb. Die Geister scheiden sich daran...
...
ein Testbericht von wildheart2005-07-12 20:04:26vom 12.07.2005Empfehlung: ja
„Effi Briest – oder:
Viele, die eine Ahnung haben von ihren
Möglichkeiten und Bedürfnissen und
dennoch das herrschende System in ihrem
Kopf akzeptieren durch ihre Taten und
es somit festigen und durchaus bestätigen.“
(Fassbinders Untertitel zum Film)
Theodor Fontane (1819-1898) gehört nicht nur zu den herausragenden Erzählern der deutschen und der Weltliteratur; sein „poetischer Realismus“ und seine differenzierte Beobachtungsgabe führten ihn über die detaillierte, oft kritische Beschreibung von Personen, ihrem Verhalten, ihrer Ausdrucksweise, ihrer Umgebung usw. zu einer tiefgehenden, oftmals radikalen Kritik gesellschaftlicher Konventionen. Dabei spielt die in seinen Romanen immer wieder deutlich bemerkbare Liebe zu seiner
Heimat (Neuruppin), der Mark Brandenburg, und ihren Menschen eine besondere Bedeutung. Denn sie „verhinderte“ sozusagen, dass sich in Fontanes Kritik der sozialen Konventionen Feindseligkeit einschlich. Fontane bleibt trotz allem seinen Protagonisten gegenüber immer verbindlich.
Dies mag ein Grund für Rainer Werner Fassbinder gewesen sein, sich 1974 Fontanes Roman „Effi Briest“ anzunehmen. Fassbinder wollte nicht einfach einen Roman adaptieren, eine Geschichte erzählen, sondern versuchen, sie so zu erzählen, dass Fontanes Sicht der damaligen Zeit – wir befinden uns im ausgehenden 19. Jahrhundert in der Mark Brandenburg – möglichst weitgehend zum Ausdruck kommt.
Der in Schwarz-Weiß gedrehte Film erzählt die Geschichte der 17jährigen Effi Briest (Hanna Schygulla), die in Hohen-Cremmen bei ihren Eltern (Lilo Pempeit, Herbert Steinmetz) aufwächst und mit dem Landrat des Kreises Kessin südöstlich von Rostock, dem mehr als 20 Jahre älteren Baron Geert von Instetten (Wolfgang Schenck), verheiratet werden soll. Die junge Effi, eine lebenslustige Frau, die etwas vom Leben erwartet, willigt in die Ehe mit Instetten ein, weil der Baron gut und nachsichtig sei, auch wenn er als Mann von Prinzipien keine Leidenschaft entfalte und eher kühl, zugeknöpft und allzu ernst sei.
Das Paar zieht nach Kessin, und Effi betritt eine Welt der Langeweile, der Distanz und der Fremdheit. Johanna (Irm Hermann), der Hausangestellte des Barons, ist die Distanz zu Effi besonders deutlich anzumerken. Aber auch die Bekannten des Barons wertet Effi eher als mittelmäßige Menschen ohne jegliche Besonderheiten, die bei ihr keine Neugier wecken können. Selbst der Sängerin Marietta (Barbara Valentin) muss Effi konstatieren, dass sie beim Singen so gefasst und sicher wirke.
Nur Roswitha (Ursula Strätz), eine Dienstmagd, die Effi kennenlernt und als Kindermädchen einstellt, da sie inzwischen schwanger ist, scheint mehr von der Welt zu kennen und ihr Leben hier und da zu genießen, etwa durch eine Liaison mit dem verheirateten Kutscher des Barons, und den Konventionen, wann es geht, ein Schnippchen zu schlagen. Roswitha war vor langer Zeit von ihrem Vater gezüchtigt worden, weil sie ein uneheliches Kind erwartete.
Effie hingegen wird in der Einsamkeit des Lebens in Kessin von Ängsten und Alpträumen geplagt; selbst ein längst verstorbener Chinese wird für Effi zu einem Spuk, der sie nicht mehr los lässt. Sie hört Geräusche. ... Bis ...
„Dass Instetten sich seinen Spuk parat hielt,
um ein nicht ganz gewöhnliches Haus
zu bewohnen, das mochte hingehen, das
stimmte zu seinem Hange, sich von der
großen Menge zu unterscheiden; aber das
andere, dass er den Spuk als Erziehungsmittel
brauchte, das war doch arg und beinahe
beleidigend. Und ‚Erziehungsmittel’,
darüber war sie sich klar, sagte nur die
kleinere Hälfte; was Crampas gemeint
hatte, war viel, viel mehr, war eine Art
Angstapparat aus Kalkül. Es fehlte jede
Herzensgüte darin und grenzte schon fast
an Grausamkeit.“
(Fontane: Effi Briest, 17. Kapitel)
... bis Effi eines Tages den jungen Major Crampas (Ulli Lommel), einen alten Bekannten des Barons kennenlernt, der sich ad hoc in die junge Frau verliebt. Der Baron, ein viel beschäftigter Mann, bittet Crampas während seiner längeren Abwesenheiten auf Effi aufzupassen. Und Effi und Crampas verbringen Stunden um Stunden bei gemeinsamen Spaziergängen. Nicht nur das: Als der Major Effis Hand leidenschaftlich küsst, fällt sie in eine angenehme und doch wieder mit Angst verbundene Ohnmacht. Der Major meint bei einem der vielen Gespräch, der Baron setze den Spuk, der Effi immer wieder erfasst, als Erziehungsmittel ein – so, dass die Angst Effi in die Schranken der Konvention verweisen solle.
Ein Jahr sind Effi und der Baron nun verheiratet, als er zum Ministerialrat ernannt wird. Effi schöpft Hoffnung, weil diese Ernennung mit einem Umzug nach Berlin verknüpft ist. Sie nimmt Abschied von Crampas, aber auch von dem Apotheker Gieshübler (Hark Bohm) aus ihrer Heimatstadt Hohen-Cremmen, der ihr immer ein guter Gesprächspartner war.
Effi hat noch immer Angst – aber sie empfindet keine Scham wegen ihrer Schuld angesichts der heimlichen Treffen mit Crampas.
Als der Baron im sechsten Jahr beider Ehe die Briefe, die der Major Effi damals geschrieben hatte, entdeckt, will Instetten Crampas zum Duell fordern – obwohl sein Freund Wüllersdorf ihm zunächst davon abrät ...
„Ich finde es furchtbar, dass Sie recht
haben, aber Sie haben recht. Ich quäle
Sie nicht länger mit meinem ‚Muss es
sein?’. Die Welt ist einmal, wie sie ist,
und die Dinge verlaufen nicht, wie wir
wollen, sondern wie die andern wollen.
Das mit dem ‚Gottesgericht’, wie manche
hochtrabend versichern, ist freilich ein
Unsinn, nichts davon, umgekehrt, unser
Ehrenkultus ist ein Götzendienst, aber
wir müssen uns ihm unterwerfen,
solange der Götze gilt.“
(Fontane: Effi Briest, 27. Kapitel,
Wüllersdorf zu Instetten)
Der Baron verstößt Effi, nachdem er Crampas getötet hat. Und auch Effis Eltern wollen ihre Tochter nicht mehr sehen. Effi akzeptiert ihr Schicksal, zieht mit Roswitha – der einzige Mensch, der zu ihr hält – mit dem bisschen Geld, das der Baron ihr gibt, in eine kleine Wohnung. Nur eines will sie: ihre inzwischen zehnjährige Tochter Annie sehen. Effi, die Crampas nicht einmal geliebt hat, akzeptiert ihre von den Konventionen her „abgeleitete“ Schuld. Als Annie sie besucht und Effi sehen muss, wie der Baron das Kind schon in seinem Sinne abgerichtet hat, wird sie krank. Und ein Jahr später – von den Eltern wieder aufgenommen – stirbt sie, nicht ohne Instetten verziehen, ja sein Verhalten gerechtfertigt zu haben – an Schwindsucht. Als ihre Mutter Vater Briest fragt, wer an alldem die Schuld trage, antwortet der alte Mann: „Das ist ein zu weites Feld.“
„Ich habe geglaubt, dass er ein edles
Herz habe, und habe mich immer klein
neben ihm gefühlt; aber jetzt weiß ich,
dass er es ist, er ist klein. Und weil er
klein ist, ist er grausam. Alles, was klein
ist, ist grausam.“
(Fontane: Effi Briest, 33. Kapitel,
Effi über Instetten)
Eine zumeist fast statische Kamera erfasst die Personen als Momentaufnahmen der Konvention. Das Starre im Festgehaltenen wiederholt sich in den Spiegelungen, die Fassbinder allerorten im Film einsetzt. Die Personen „begegnen“ sich über die Spiegelbilder des Gegenüber, was zugleich eine gewisse Distanz zum Ausdruck bringt. Sie manifestiert sie Personifizierungen der Konvention; sie sind nicht (mehr) sie selbst. Schließlich lösen sich etliche Szenen in weißen Ausblendungen auf – so, als ob die unterschwelligen Konflikte, Ängste, aber eben auch das „Unter-Drücken“ des potentiell Normabweichenden (Effie) durch eine Schneeschicht verborgen werden soll, um die Konvention aufrechtzuerhalten.
Der Erzähler (Fassbinder selbst) und die ab und an eingeblendeten Zwischentexte aus dem Roman heben konzentrierte Aussagen Fontanes hervor. So entsteht ein nahe an Fontanes Text orientiertes Bild einer vielschichtigen und zugleich (er-)drückenden Atmosphäre, in der Effi als Mensch gezeigt wird, der seine Bedürfnisse nach und nach der Konvention opfert. Die Internalisierung der ungeschriebenen Gesetze der bürgerlichen Konvenienz-Ehe, der familiären Tradition, auch im Sinne der Tradierung des sozialen Kodexes, korrelieren mit den zunehmenden Ängsten Effis – nur zeitweise durchbrochen etwa durch die Begegnung mit Crampas oder Roswitha – bis hin zu Krankheit und Tod.
Das „zu weite Feld“, die Unfähigkeit, manchmal auch Unwilligkeit des die Normen internalisierenden Subjekts, die Falschheit, das Neurotische, das wie ein Alp Bedrückende der eigenen Existenz als historisch bedingt zu erkennen (Voraussetzung, um es zu überwinden), bebildert sich sozusagen in der für die Protagonisten nicht sichtbaren Differenz zwischen ihren Konventionen und der sie umgebenden natürlichen Umgebung. Die Bilder sprechen Bände: Wie von Gott gegeben erscheinen die Natur der Mark Brandenburg und die Natur der Menschen und ihres Verhaltens als homogene Einheit, so, als ob sich aus der außermenschlichen, von Gott gegebenen Natur ergäbe, was sich im Menschen tut und zu tun hat. Dieser Schein wird allerdings immer wieder durchbrochen durch die Ängste und Alpträume Effis und ihren inneren Widerwillen. Wie etwas unsichtbar Quälendes durchschneiden Schuld und Sühne in fast lautloser Weise das konventionsgetränkte Geschehen – und selbst der Baron kann seine Selbstzweifel nur schwer verbergen.
Effi, deren Lebenslust permanent im Korsett der herrschenden Moral auf das Normierte zurecht gestutzt wird, kann den Teufelskreis nicht durchbrechen. Ihr angepasster Verstand und ihre normierte Vernunft obsiegen über ihre zunächst fast ungebändigte Gefühlswelt. Ihr Herz besiegt das Kleinliche, das Kleine, das mit Grausamkeit gepaart ist, wie sie sagt, aber ihr Verstand unterliegt der genormten Vernunft. Dass diese Vernunft ein Fremdkörper, etwas Auferlegtes, Anerzogenes und dann Verinnerlichtes ist, entspricht der äußeren Entfremdung: Sie geht in die Fremde (Kessin), erlebt Fremdes, Äußerliches, Distanzierendes – und doch ist dieses Fremde nur eine Vervollkommnung des Eigenen (ihrer Heimat), weil es dort schon im Keim vorhanden war und zur Blüte gekommen ist, ohne dass es ihr wirklich bewusst gewesen wäre. Ihre Erkrankung ist „nur“ die äußere Reaktion, ihr Tod „nur“ die kapitulierende Rebellion gegen eine kalte, gefühllose Umgebung, der ihr Herz im Innersten widersteht. „Ein zu weites Feld“, um es zu durchschauen, geschweige den zu durchbrechen.
Dass Fassbinder hier nicht „reine Zeitgeschichte“ betreibt, versteht sich im Kontext seiner Filme in deren Gesamtschau von selbst. Denn die Mechanismen, die Fontane im Roman und Fassbinder im Film beschreiben, lassen sich im Fortgang der bürgerlichen Gesellschaft bis in die Gegenwart immer wieder beobachten – wenn auch unter jeweils anderen Voraussetzungen. Fontane beschreibt den Untergang einer (preußischen, vom Adel bestimmten) Welt im Übergang zur Welt einer aufkommenden städtischen Mittelklasse; sein Blick ist nicht der eines Beobachters, der wild auf die im Roman gezeichneten Untergehenden verbal einschlägt, sondern der eines literarischen Analytikers, der im herannahenden, vermuteten, prognostizierten Neuen schon den Keim für neue Konflikte, die nur die alten im neuen Gewand zu sein scheinen, vermutet. Instetten ist in dieser Sicht Protagonist einer untergehenden Welt, aber weder Fontane, noch Fassbinder positionieren ihn als Feindbild einer Geschichte, in der Effi andererseits eine Art Heldin wäre. Ganz ähnlich wie in „Martha“ (1973/74) sind auch die vermeintlichen Heldinnen in ihrem begrenzten Horizont befangen und gefangen und tradieren durch ihre Unterwerfung die Mechanismen der Konvention „auf höherer Ebene“– nur eben, wenn man es in längeren Zeiträumen denkt, durch eine Art Metamorphose der Konvention unter anderen sozialen Bedingungen.
In „Martha“ setzen sich tief verwurzelte und tradierte psychologische Mechanismen, die in der Außenwelt keine Entsprechung mehr zu finden scheinen, an die Stelle der sichtbaren und ganz offen propagierten Konventionen zur Zeit Effis. Während Martha (Margit Carstensen) durch subtile psychologische Mechanismen ihres Peinigers Helmut Salomon (Karlheinz Böhm) zur Kapitulation als Frau und damit als Mensch getrieben wird, benötigt der Baron lediglich den Spuk und die Angst und den Verweis auf das vermeintlich „Natürliche“ und „Gottgegebene“.
Gerade hier stellen Fontane wie Fassbinder die schwierige Frage nach den Möglichkeiten des Individuums, diese Befangenheit zu durchbrechen. Diese Frage, die verschieden formuliert werden kann, manifestiert sich beispielsweise darin, in welchem Verhältnis Anpassung und Widerstand in einem Menschen zueinander stehen und wo jeweils eins von beiden seine „Berechtigung“ haben könnte.
Die Frage bleibt offen: „ein zu weites Feld“?
DVD
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 1.0)
Bildformat: 4:3
Dolby, HiFi Sound, PAL
DVD Erscheinungstermin: 24. Mai 2005
Produktion: 1974
Preis: amazon € 14,99, jpc € 16,99
Fassbinder wäre in diesem Jahr 60 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass veröffentlichte Arthaus mehrere Filme des Regisseurs auf DVD, u.a. „Faustrecht der Freiheit“, „Mutter Küsters Fahrt zum Himmel“ und „Fontane Effi Briest“. Bei der Bearbeitung des Filmmaterials wurden keine Mühen gescheut, und die Arthaus präsentiert den Film in hervorragender Bild- und Tonqualität. Neben einer Fotogalerie, dem Trailer und einer auf Texttafeln wiedergegebenen Biografie Fassbinders enthält die DVD noch eine Dokumentation „Rainer Werner Fassbinder“ von Florian Hopf und Maximiliane Mainka aus dem Jahr 1977, ca. eine halbe Stunde lang, die den Regisseur in Interviews und Ausschnitte aus Filmen, u.a. „Despair“, zeigen.
Insgesamt eine gelungene DVD, die „Fontane Effi Briest“ endlich wieder zugänglich macht.
Wertung Film: 10 von 10 Punkten.
Prädikat: Besonders wertvoll.
Wertung DVD: 9 von 10 Punkten.
Fontane Effi Briest
Deutschland 1974, 140 Minuten (DVD: 135 Minuten)
Regie: Rainer Werner Fassbinder
Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder, nach dem Roman von Theodor Fontane
Musik: Camille Saint-Saëns, Ludwig van Beethoven, Spohr
Director of Photography: Jürgen Jürges, Dietrich Lohmann
Montage: Thea Eymèsz
Produktionsdesign: Kurt Raab
Darsteller: Hanna Schygulla (Effi Briest), Wolfgang Schenck (Baron Geer von Instetten), Ulli Lommel (Major Crampas), Lilo Pempeit (Luise von Briest), Herbert Steinmetz (Herr von Briest), Ursula Strätz (Roswitha), Irm Hermann (Johanna), Karlheinz Böhm (Wüllersdorf), Barbara Valentin (Marietta Tripelli), Hark Bohm (Apotheker Gieshübler), Rainer Werner Fassbinder (Erzähler)
Internet Movie Database:
http://german.imdb.com/title/tt0071458
Astarte, 12.07.2005
das erinnert mich so sehr an Abitur. Das Buch fand ich toll, bis auf die ewigen Landschaftsbeschreibungen. Den Film habe ich ehrlich gesagt, noch nicht gesehen, sollte ich nachholen. Auf jeden Fall bin ich von Deinem Bericht uumlberwaumlltigt. Du bring
mami_online, 15.07.2005
quotbesonders hilfreichquot bei ciao ist hier doch wohl ein quotsehr nuumltzlichquot, oder???? Was soll das immer mit ciao, hier ist yopi!!!!! bist nicht nur du gemeint, gibt genug andere Mitglieder.......
topfmops, 20.07.2005
in schlechter erinnerung. bei einer diskussion 03974 in heidelberg uumlber die novelle, bestand jemand auf dem namen eLfie briest, schlieszliglich komme er gerade aus dem kino.