„Rachel Solando ist eine Kriegswitwe. Hat ihre drei Kinder im See hinter dem Haus ertränkt. Eins nach dem anderen nach draußen getragen und den Kopf unter Wasser gedrückt, bis es tot war. Dann hat sie die Kinder zurück ins Haus geschleppt, an den Küchentisch gesetzt und etwas gegessen, Irgendwann kam ein Nachbar vorbei. (…) Sie hat ihn aufgefordert, sich dazuzusetzen und mit ihnen zu frühstücken. Er lehnte natürlich ab und rief die Polizei. Rachel glaubt noch immer, dass ihre Kinder am Leben sind und auf sie warten. Das könnte erklären, warum sie ausgebrochen ist.“
_(Zitat, S. 49)
Dennis Lehane's 359 Seiten umfassender Roman
==Shutter Island==
läuft derzeitig auf die Leinwand gebannt im Kino. Mir selbst war nichtmal wirklich klar, dass jenes Leonardo DiCaprio involvierende Werk auf einem Buch basiert, bekam dies jedoch spätestens in dem Moment mit, als ich die Postsendung seitens MissVega auseinanderklabüsterte.
Während der ersten Seiten des Buches tat ich mir mit der Einfindung ein wenig schwer, mit Szenerien, die sich in niedergeschriebener Form auf einem Schiff abspielen, konnte ich noch nie so wirklich warm werden... Bereits auf S. 35 jedoch konnte ich dem zustimmen, was auf dem Klappentext suggeriert wird ~ es fiel mir wahnsinnig schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Dass ich es trotzdem tat, ist ausschließlich auf „äußere Umstände“ zurückzuführen; am gestrigen Abend las ich von ca. Seite 50 an den Rest, ohne auch nur in Versuchung zu kommen, eine „Law & Order“ Pause einzulegen.
Und das soll wahrlich etwas heißen.
Die _story offenbart sich eigentlich bereits im Eingangszitat; US-Marshall Teddy wird nach Shutter Island bestellt, weil dortig eine Patientin aus dem „Hospital“ für psychisch kranke Straftäter verschwunden ist. Aus dem eigentlich geschlossenen Zimmer heraus, vorbei an mehreren Wachposten... niemand will sie gesehen haben. Teddy wie auch seinem Kollegen Chuck ist klar, dass hier eine Art „Verschwörung“ im Gang ist ~ doch welcher Art dem tatsächlich so ist, damit hätten wohl die wenigsten Leser rechnen können....
==Die Umsetzung==
gestaltet sich wie gesagt mehr als spannend. Darüber hinaus spricht es mich persönlich ohnehin stark an, wenn der Ort der Geschehnisse in eine Anstalt verlegt wurde ~ jenes begeistert mich bereits bei J. Katzenbachs „Die Anstalt“ mehr, als es hätte der Fall sein könne, wenn es ein „normales“ Gefängnis gewesen wäre Mag irgendwo schäbig-sensationslüstern klingen, ist aber nunmal so ~ schon alleine aus dem Hintergrund heraus, dass man in solcherlei Veröffentlichungen oftmals etwas über diverse Krankheitsbilder erfährt und eben jenes eine gewisse Faszination auf mich ausübt.
Der Autor Dennis Lehane brachte es nicht nur fertig, eine absolut spannende wie auch tiefgreifende Geschichte zu erschaffen, sondern darüber hinaus einen leicht flappsigen Schreibstil zu verwenden, der den Leser hin und wieder schmunzeln lässt ~ ohne dabei die leise Bedrohung, die sich über Shutter Island zusammenbraut, etwas an der Wirkung zu rauben. Dazu paaren sich Passagen, in denen ich als Leser mich absolut einfinden konnte, die so gefühlt-lebendig klingen, wie es nicht viele Schriftsteller zu kreieren vermögen:
„Teddy lag dort, spürte den Wind im Gesicht
und das Meer vor ihm, das sich unendlich unter dem dunkler werdenden Himmel erstreckte, und er fühlte sich so klein und absolut menschlich, aber es war kein lähmendes Gefühl. Es war ein sonderbar stolzes. Dazuzugehören. Er war ein Nichts, ja. Aber er gehörte dazu, war eins mit der Welt. Atmete.“
_(Zitat, S. 257)
Der Nachsatz reißt den Leser sodann fluchs aus der verträumten Stimmung heraus, lässt die Spannung erneut aufleben ~ was man schon bereits ab der angedeutet-möglichen Story-Umkehrung auf S. 155 nicht mehr wirklich für möglich gehalten hätte.
Es fällt schwer, viel zu „Shutter Island“ zu äußern, ohne dabei Gefahr zu laufen, allzu viel zu verraten. Sehr gerne möchte ich sagen, mit welchen beiden herausragenden Filmen ich jene Idee in einem Atemzug nennen würde ~ doch wer die Titel hört, der kann sich in etwa den Ausgang des Buches (bzw. der dazugehörigen Verfilmung) bereits denken.
Wobei es erneut so ist, dass man sich über das vermeintliche Ende, die große Aufklärung, hier streiten kann und / oder mehrfach versucht ist, noch einmal zurückzublättern um seine eigene Theorie zu untermauern.
==Summa summarum==
hat mich „Shutter Island“ eindeutig mehr in seinen Bann gezogen, als ich es überhaupt erwartet hätte. Der entsprechende Filmartikel in der vorletzten Ausgabe der „Deadline“ weckte zwar bereits mein Interesse, aber eben kein so dringliches, als das ich nicht auf die DVD Veröffentlichung warten wollte. Nun ist hingegen der Fall eingetreten, dass ich eher von der Verfilmung Abstand nehmen würde, eben weil jene oftmals, basierend auf anzunehmenden mehr oder minder gravierenden Unterschieden, eher Enttäuschungen mit sich bringen.
Irgendwo jedoch reizt mich dass ganze dann allerdings doch ~ was ebenfalls als Lobpreisung auf den Autoren zu verstehen sein darf.
Ergo des Ergos:
Wer den Film (noch) nicht gesehen hat oder erst gar nicht sehen will, der bekommt von mir eine dicke Empfehlung mit auf den Weg.
Um auch den ewigen „boah ist das teuer für so wenig Papier“ Nörglern etwas entgegen zu argumentieren, kann ich persönlich mich darüber hinaus ad hoc an kein anderes Buch in einer Schnäppchen-Preislage von grade mal 7,95 EUR erinnern, welches mich ähnlich begeistert hat.
Gleichso ist es selten der Fall, dass ich im direkten Anschluss an den erfolgten Leseprozess am liebsten direkt einem weiteren Werk des Autoren widmen möchte ~ somit reiht sich Dennis Lehane ohne weitere Ausführungen in meine „Blindkauf“Liste zwischen Stewart O'Nan, Stephan Harbort, Dirk Bernemann und Stefan Kalbers ein.
Wer dazu noch weitere Fragen hat... der soll doch einfach „Shutter Island“ lesen, verdammt.
...
BulmaZ, 05.03.2010
Aufgrund meiner eigenen Affinität zu Anstalten in Romanen, werde ich mir den hier nun wohl wirklich zulegen. Schön übrigens, dass es außer mir doch noch Leute gibt, die Katzenbachs "Die Anstalt" nicht langweilig fanden. :
Hot_Rider, 05.03.2010
Grüße vom Markus und einen angenehmen Start ins Wochenende !
senora, 05.03.2010
Ein guter Bericht. Ich wünsche ein schönes Wochenende. LG
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~ Shutter Island ~
ein Testbericht von Blackfire2010-07-02 12:43:34vom 02.07.2010Empfehlung: ja
Vorteile: Spannend, unvorhersehbar...Nachteile/Kritik: Keine
Vor Kurzem habe ich mir ein Buch gekauft, dessen Verfilmung dieses Jahr im Kino zu sehen war. Weil ich „Shutter Island“ so toll und spannend fand, wollte ich auch das Buch dazu unbedingt noch lesen…
*** Produktinfos ***
Titel: Shutter Island
Autor: Dennis Lehane
Verlag: Ullstein Verlag
Seitenzahl: 363
Preis: (Taschenbuch): der Preis lag bei 8,95 Euro
ISBN: 978-3-548-28124-7
*** Cover ***
Das Buch ist ein Taschenbuch aus dem Ullstein Verlag.
Auf dem Buchrücken steht auf schwarzem Untergrund die kurze Inhaltsangabe, die Vorderseite ist ebenfalls schwarz. Man kann darauf das Gesicht von Leonardo DiCaprio („Teddy“) erkennen, der ein Streichholz anmacht und darunter sieht man die Insel Shutter Island im Sturm. Ganz unten stehen Autor und Buchtitel.
*** Text auf dem Buchrücken ***
„US-Marshal Teddy Daniels setzt von Boston über nach Shutter Island. Aus dem dortigen Ashecliffe Hospital für psychisch kranke Straftäter ist eine Patientin verschwunden. Gerade als Daniels und sein Partner mit den Ermittlungen beginnen, bricht ein verheerender Hurrikan los. Die Verbindung zum Festland reißt ab, die Insel versinkt im Chaos…“
*** Inhalt ***
Das Buch handelt von Teddy Daniels, der von allen nur Teddy genannt wird. Er ist US-Marshal und nimmt einen Fall auf Shutter Island an, einer Insel, auf der man psychisch kranke Schwerverbrecher therapiert. Er soll dort zusammen mit seinem Kollegen Chuck die Verschwundene Patientin Rachel Solando finden, die unerklärlicherweise aus ihrer verschlossenen Zelle entkommen ist.
Teddy und Chuck machen sich an die Arbeit, doch schon nach kurzem beschleicht die beiden das Gefühl, dass ihre Anwesenheit auf der Insel unerwünscht ist und ihre Ermittlungen behindert werden. Zudem hat Rachel in ihrer Zelle einen Code versteckt, den Teddy schnell geknackt hat. Demnach müsste sich auf dieser Insel ein zusätzlicher Patient befinden, von dem man ihm nichts gesagt hat…
*** Fazit ***
Wie schon erwähnt hatte ich zuerst den Film von “Shutter Island” gesehen und weil ich den so wahnsinnig toll fand, musste ich auch das Buch lesen um zu sehen, ob es große Unterschiede in der Handlung gibt. Die gibt es eigentlich nicht wirklich. Bis auf ein paar wirklich kleine Änderungen hält sich der Film sehr genau ans Buch, was wiederum bedeutet, dass man das Buch nicht mehr unbedingt lesen muss, wenn man den Film bereits kennt. Dass ich es aber trotzdem gelesen habe, habe ich nicht bereut, im Gegenteil.
Die Spannung wird schon recht am Anfang des Buches aufgebaut und lässt bis zur letzten Seite kaum nach. Langweilige Passagen gab es für mich nicht, sondern Spannung bis zum Schluss.
Dem Autor Dennis Lehane gelingt es, seine Leser geschickt zu verwirren. Die Geschichte ist verzwickt, verwirrend und faszinierend zugleich.
Immer wenn man denkt, man hat begriffen, um was es wirklich geht, wird alles nach ein paar weiteren Seiten wieder auf dem Klopf gestellt.
Zu viel möchte ich an dieser Stelle aber nicht verraten, vielleicht will es ja noch jemand lesen… mich hat das Buch auf jeden Fall gefesselt und erst wieder losgelassen, als ich es zu Ende gelesen hatte.
Mein Tipp: Denjenigen, die den Film noch nicht kennen, kann ich auf jeden Fall das Buch empfehlen,
es lohnt sich wirklich, das zuerst zu lesen. Von mir bekommt das Buch die Höchstbewertung, also volle 5 Sterne.
...
ein Testbericht von BulmaZ2010-03-22 08:50:49vom 22.03.2010Empfehlung: ja
Manchmal bekommt man Buchtipps ja nicht nur von Bekannten und Freunden. Nein, manchmal findet man interessante Empfehlungen auch online und von anderen Buchautoren, die einem selbst ohnehin zusagen. So geschehen vor einer Weile, als ich mich auf die twitter Seite von Sebastian Fitzek verirrte, der dort einen Autor empfahl, von dem ich zuvor noch nie etwas gehört hatte. Nach kurzer Recherche allerdings stellte ich fest, dass sogar schon zwei Romane besagten Schreiberlings verfilmt wurden. Da konnte ich dann auch gar nicht mehr anders und bestellte:
Shutter Island – Dennis Lehane
:: Bezugsquelle & Preis ::
Gekauft habe ich das Taschenbuch bei www.buecher.de
Dort habe ich den Normalpreis von 8,95 € bezahlt.
:: Eckdaten ::
Titel: Shutter Island
Originaltitel: Shutter Island
Autor: Dennis Lehane
Übersetzung: Andrea Fischer
Verlag: Ullstein
Erscheinungsjahr: 2004
Genre: Thriller
Seitenanzahl: 363 Seiten
:: Dennis Lehane ::
Dennis Lehane (* 4. August 1966 in Dorchester/ Nähe Boston in Massachusetts) ist ein US-amerikanischer Krimiautor. Lehane besuchte die Boston College High School und das Eckerd College. Nach seiner Schulzeit und einer Reihe von Gelegenheitsjobs arbeitete er als therapeutischer Berater. Er betreute geistig Behinderte und sexuell missbrauchte Kinder. Erfahrungen, die er in dieser Zeit sammelte, flossen später in seine Romane ein.
Lehane wollte jedoch Schriftsteller werden und absolvierte den Studiengang für Kreatives Schreiben an der Florida International University. Sein erstes Manuskript wurde eher zufällig ein Thriller und lag bereits 1990 fertig in der Schublade. Erst 1994 wurde es unter dem Titel A Drink Before the War veröffentlicht. Das Buch ist der erste Band einer Reihe um die Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro.
Lehane lebt heute in Boston - wo auch seine Kriminalromane spielen - und in St. Petersburg (Florida). Er lehrt Kreatives Schreiben am dortigen Eckerd College.
Bekannt wurde er durch seinen Bestseller Mystic River, der auch verfilmt wurde.
Quelle: www.wikipedia.de
:: Shutter Island ::
Die U.S. Marshalls Teddy Daniels und Chuck Aule werden zu einer psychiatrischen Einrichtung auf der abgelegenen Insel Shutter Island geschickt, die ausschließlich Patienten beherbergt, die neben ihrer Geisteskrankheit auch gewalttätige Züge aufweisen. In dieser Einrichtung ist die Patientin Rachel Solando spurlos verschwunden. Niemand kann sich erklären, wie die Frau geflohen sein soll, denn ihr Zimmer war verschlossen und auf ihrer Flucht hätte sie an Dutzenden Männern vom Wachpersonal vorbei gemusst. Dennoch gibt es nicht den leisesten Anhaltspunkt, wo die schwer gestörte Frau sich aufhält, die ihm Wahn ihrer drei Kinder ermordet hat.
Teddy und Chuck finden Hinweise, die Rachel offensichtlich hinterlassen hat, um den Marshalls, oder wer auch immer nach ihr suchen sollte, auf eine Spur zu bringen. Teddy entschlüsselt die hinterlassenen Codes recht bald, weiß aber allerdings nicht viel damit anzufangen. Die beiden Marshalls finden außerdem bald heraus, dass in der Psychiatrie irgendetwas nicht stimmt. Doch bevor sie ihre Nachforschungen ausweiten können, wird Shutter Island von einem Orkan heimgesucht…
:: Eindrücke ::
Man kennt das – der typische [Insel]Plot. Abgeschnitten vom sicheren Festland, müssen sich diverse Figuren durch eine abenteuerliche Geschichte kämpfen. Spielt diese dann auch noch auf einer Insel, deren einziger Zweck es ist, gemeingefährliche Psychopathen unter Verschluss zu halten, ist das Szenario eigentlich perfekt, wenn auch durchaus etwas ausgelutscht und sicher mehr als einmal da gewesen. Dennis Lehane allerdings macht mit seinem Roman so ziemlich alles anders. Denn „Shutter Island“ ist nicht einfach nur ein schnöder Psychothriller.
Zunächst einmal ist der Beginn des recht dünnen Romans schon ungewöhnlich. Statt einer großen Einführung in Figuren, Handlungsgrundlagen und Setting an sich, wird der Leser direkt mit den beiden U.S. Marshalls Aule und Daniels auf die Fähre nach Shutter Island gesetzt. Was die beiden Männer dorthin führt, bleibt zunächst unklar. Bereits hier allerdings weiß sich eine immens dichte Atmosphäre aufzubauen – und Lehane hat gerade erst angefangen. Zusammen mit den beiden Protagonisten, allen voran Teddy Daniels, lernt der Leser die Gegebenheiten auf Shutter Island kennen und man merkt wohl mit ihm zusammen, dass hier irgendetwas faul ist. Dieses Gefühl vermittelt der Autor aber auf sehr subtile Art und Weise. Nicht so plump, wie man es vielleicht von einem Plot mit diesem Setting erwarten würde.
Interessant ist ebenfalls, dass Dennis Lehane es in keinster Weise nötig hat, ellenlang herum zu schwafeln. Fast schon gnadenlos treibt er seinen Plot voran, immer näher dem schier unglaublichen Ende entgegen. Dabei bedient er sich immer mal wieder einem angemessenen Stilmittel, um dem Leser die Figur des Teddy Daniels näher zu bringen: seiner Träume. Auch hier wird nicht seitenweise lamentiert. Lehane bringt dem Leser die Lebensgeschichte des hoch dekorierten ehemaligen Soldaten, der im zweiten Weltkrieg gedient hat, kurz und prägnant näher. Dabei verfällt der Autor aber nicht der Versuchung, aus seinem Protagonisten den typischen Thrillercop zu machen, wie man ihn in jedem zweiten Serienkillerschlitzer erlebt. Allein dies unterscheidet „Shutter Island“ von anderen Thrillern, die sich Hochspannung auf die Fahnen geschrieben haben. Dennoch gibt es der Spannung mehr als reichlich in diesem Roman. Dazu bei trägt nicht nur die zügige Erzählweise. Wie erwähnt, kann das gesamte Szenario überzeugen. Vielleicht gerade deswegen, weil die Psychiatrie auf der Insel, die rein zufällig von einem Orkan überrollt wird, nicht bis zum Erbrechen ausgewalzt wird. Im Gegenteil – eigentlich steht das gesamte Setting gar nicht so sehr im Fokus der Story. Es ist das, was es sein sollte: ein stimmungsvoller Hintergrund. Lehane hat offenbar genügend Talent, sich nicht auf seinem gruseligen Hintergrund auszuruhen, ihn in den Fokus zu rücken und damit die eigentliche Handlung zu verschludern.
Erfrischend und irgendwie auch recht innovativ, damit leider auch viel zu selten im Genre, ist Lehanes Schreibstil. Besonders zeigt sich sein Können innerhalb der vielen Dialoge, die sich nicht nur durch ihre Rasanz auszeichnen. Vielmehr ist es der extrem subtile Wortwitz, der immer mal wieder eingestreut wird. Hinzu kommen Dialogverläufe, die deutlich realistischer wirken, als man es kennt. Dennoch aber sind jene Verläufe innerhalb der Gespräche oftmals so unvorhersehbar und auf den ersten Blick für einen selbst unlogisch, dass es doppelt Spaß macht, ihnen zu folgen. Ansonsten ist Lehanes Schreibstil aber auch nicht unbedingt der typische Durchschnitt. Der Autor hat es nicht nötig, seitenweise die Umgebung zu beschreiben. Er analysiert nicht jeden auf Shutter Island herum laufenden Patienten und walzt seine Lebensgeschichte aus. Vielmehr hält er sich bei seinen Um- und Beschreibungen kurz und knackig. Auch dies erzeugt Atmosphäre und vor allem Rasanz. Dennis Lehane ist wohl einer der wenigen Autoren im Genre, die es schaffen, eine Geschichte mit verhältnismäßig wenigen Worten so lebendig und plastisch wirken zu lassen. Dazu bei trägt wohl auch so manches Mal der etwas verquere Satzbau, den er gerade dann verwendet, wenn er, stets auf auktorialer Ebene, Daniels’ Gedankengänge verdeutlicht. Dabei bedient sich Lehane gerne mal der einen oder anderen Ellipse, was den Stil im Gesamten abrundet.
Ebenso wie sein Stil, so sind auch Lehanes Figuren alles andere als abgedroschen. Der Hintergrund der Hauptfigur Teddy Daniels mag vielleicht auf den ersten Blick so klingen, sein gesamter Charakter allerdings ist es nicht. Teddy Daniels hat während des zweiten Weltkrieges gedient und war an der Befreiung des KZs Dachau beteiligt. Außerdem ist er Witwer, da seiner Frau einem Verbrechen zum Opfer fiel. Seither ist der U.S. Marshall durchaus als selbstmordgefährdet zu betrachten. So kommt ihm der verzwickte Fall auf der Gefängnisinsel gerade Recht. Natürlich weckt aber dieser erst so richtig die Geister seiner Vergangenheit. Begleitet wird Teddy von seinem neuen Partner Chuck Aule. Der scheint eine richtige Frohnatur zu sein. Er kann sofort mit jedem gut umgehen, ist stets gut gelaunt und erzählt Witze wie am Fließband. Beide Männer ergeben ein zwar durchaus nicht ungewöhnliches, aber passendes Ermittlerduo ab. Ebenso nicht unerwähnt sollte der Verwalter der Klinik auf Shutter Island bleiben: Dr. Cawley. Zunächst wie der über Hilfe im Vermisstenfall erfreute Mann, verhält Cawley sich zunehmend suspekter. Interessant sind allemal seine Ausführungen über Behandlungsmethoden für Geisteskrankheit und seine Ansichten über seine Patienten im Allgemeinen.
Unterm Strich ist „Shutter Island“ ein sehr gelungener Thriller, den man sich als Genrefan wohl nicht entgehen lassen sollte. Vor allem dann nicht, wenn man ohnehin eine Affinität zu Romanen hat, die vor dem Hintergrund einer Psychiatrie spielen. Wer also „Die Anstalt“ von John Katzenbach mochte, aber zu lang fand, der wird mit der Variante von Dennis Lehane wohl seine helle Freude haben [auch diejenigen, die Katzenbachs Schinken genau richtig fanden]. Dennis Lehane schwafelt nicht herum, er kommt auf den Punkt und führt seinen Plot zügig voran. Dabei vermag er eine unheimlich dichte und fesselnde Atmosphäre aufzubauen, die an eine hohe Spannung geknüpft ist, weswegen man „Shutter Island“ wohl nicht mehr weglegen möchte, ehe man nicht weiß, wie die ganze Sache ausgeht.
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