Titel der Neuausgabe ab 2005
Howard Phillips Lovecraft: Schatten über Innsmouth
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Howard Phillips Lovecraft: Schatten über Innsmouth
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Howard Phillips Lovecraft: Schatten über Innsmouth

Testberichte Howard Phillips Lovecraft: Schatten über Innsmouth

 (Taschenbuch)
4.8 von 5
Platz 81 in der Kategorie "Science Fiction & Fantasy - R, S, T".
Bewertung: Kundenbewertung 4,80 / 5,00 4.8 von 5
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Howard Phillips Lovecraft: Schatten über Innsmouth Test, Erfahrungen und Testberichte vom Verbraucher

Bewertung
Kundenbewertung 4,80 / 5,00 4.8 von 5
von 100% aller Autoren empfohlen (2/2).
Bewertungsverteilung:
Humor:  kein Humor
Spannung:  hoch
Niveau:  mittelmäßig
Unterhaltungswert:  sehr hoch
Aufmachung:  mäßig
Zielgruppe: Männer
Wie ergreifend ist die Story?: berührt ein wenig
Seitenzahl: 100-200
Stil: ausschmückend
Vorteile
  • gruselig, spannend, sehr stimmungsvoll, sehr detail- und kenntnisreich
  • Grusel mit Stimmung statt Schlachtfest: eine erfreuliche Abwechslung.
Nachteile/Kritik
  • könnte ein wenig spannender sein; nix für Splatterfans; nur die Einzelausgabe ist recht preiswert
  • Steifer Stil, sehr langsamer Aufbau: Lovecraft ist kein Autor des 21. Jahrhunderts!
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mima007

Spannend: Invasion der Fischwesen vom Teufelsriff

ein Testbericht von 2004-01-17 12:08:08 vom 17.01.2004
Empfehlung: ja
Vorteile: gruselig, spannend, sehr stimmungsvoll, sehr detail- und kenntnisreich...
Nachteile/Kritik: könnte ein wenig spannender sein; nix für Splatterfans; nur die Einzelausgabe ist recht preiswert
"Die atmosphärische Dichte dieser Novelle steigert sich vom anfänglichen Grauen bis hin zu blankem Entsetzen und endet im Wahnsinn", schreibt der Blitz-Verlag in seiner Ausgabe.

Der Autor
°°°°°°°°°°°

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Aber wie in den Zusatztexten zu erfahren ist, reicht Lovecrafts Grauen weit über die Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als liebespendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der Großen Alten ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen. Das versteht Lovecraft unter "kosmischem Grauen". Die Welt ist kein gemütlicher Ort - und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit.

Handlung
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Die lange Erzählung aus dem Cthulhu-Mythos, die 1931 entstand, erklärt, wie es zu dem massiven Einsatz von Regierungstruppen 1927/28 in dem kleinen und fiktiven Küstenstädtchen Innsmouth kommen konnte. Der Ich-Erzähler ist der gerade volljährig (21 Jahre) gewordene Amateurhistoriker Olmstead.

Er will nach der Schule seine Mutter an der Küste besuchen, verfügt aber nur geringe Geldmittel. Daher beschließt er, die kürzeste Busstrecke zu fahren, um ebenso zeitig wie billig voranzukommen. Um von der Miskatonic University über Newburyport nach Arkham zu gelangen, muss er über Innsmouth fahren.

Er hört warnende Gerüchte und Geschichten über Innsmouth und recherchiert in der Bibliothek. Aber erst der Besuch des Museums von Newburyport überzeugt ihn, dass an den Innsmouth-Bewohner etwas recht Merkwürdiges ist. Dort ist eine Tiara oder Priesterkrone ausgestellt, auf der Fischwesen in ein unbekanntes Metall eingraviert sind. Die Innsmouth beherrschende Familie der Marshs wolle diese Krone zurückhaben, seit sie über 50 Jahren von einem Seemann versetzt wurde, erzählt die Museumsführerin. Olmstead läuft ein Schauder über den Rücken.

Der Busfahrer ist eine selt- und schweigsame Gestalt: mit einem watschelnden Gang, vorstehenden Augen, einer Hautkrankheit und sonderbaren Falten an den Halsseiten. Und Joe Sargents Hände sind nicht rosa, sondern blaugrau. Sein Geruch ist abstoßend. In Innsmouth selbst, das am Fluss Manuxett liegt, fährt man an der Kirche des Dagon vorbei, in der der Priester eine Tiara trägt.

Olmstead steigt im einzigen Hotel ab, dem Gilman-House, denn der nächste Bus fährt erst am Abend nach Arkham. Ein Lebensmittelhändler, der aus Arkham stammt, zeichnet ihm eine Straßenkarte, warnt ihn aber vor dem Armenviertel, wo in vielen Häusern, obwohl sie verschlossen sind, merkwürdige Geräusche erklingen. Zum Glück ist weder Walpurgisnacht (30.4.) noch Halloween (31.10.), an denen für die Leute aus Innsmouth hohe (heidnische!) Festtage sind. Als Historiker ist seine Neugier geweckt.

In den Straßen sind weder Katzen noch Hunde zu sehen, die wenigen Kinder sehen affenartig aus, die Kirchen sind leer und verfallen, vom Hafen weht ständig Fischgeruch herüber, denn die Fischgründe sind außergewöhnlich reich, und fremde Fischer werden ferngehalten. Am Horizont ist das sogenannte Teufelsriff zu sehen, in dem eine Höhle fremde Kreaturen beherbergen soll, die aus der Tiefe hinter dem Riff stammen.

Genau das bestätigt ihm auch der fast neunzig Jahre alte Säufer Zadok Allen (Kerzel, s.u.), den Olmstead mit Whisky zum Reden bringt. Dessen unglaubliche Story: Der alte Obed Marsh habe ca. 1840 die Südsee befahren, wo er die Kanaken besuchte, die dem Fischgott Dagon bzw. Cthulhu Menschen opferten, um dafür reichen Fischfang und Gold zu erhalten. Marsh sei mit den Göttern einen Pakt eingegangen und habe den Kult nach Innsmouth gebracht. Das Amphibienvolk habe sich mit der Zeit mit den ihm geopferten Menschen vermischt und die Rasse mit dem Innsmouth-Look hervorgebracht. Zuerst würden diese Menschen ganz normal aussehen, aber nach einer Weile zu einem Wesen mit Fisch- und Froschmerkmalen mutieren. Denn in dieser Form sei es potenziell unsterblich. Einmal habe Zadok Allen diesen Kult verraten und die Menschenopfer seien ausgeblieben. Doch 1846 sei dann nicht etwa die Pest ausgebrochen, sondern die Rache des Fischvolks über Innsmouth gekommen. Seitdem halte er, Allen, die Klappe. Aber er habe den dritten Eid auf Cthulhu nie geschworen, beteuert er und verschwindet.

Allerdings hat man ihn mit Allen gesehen. Als es Abend wird, steht kein Bus für ihn bereit, obwohl das Vehikel gerade Passagiere aus Newburyport transportiert hat. Man gibt ihm ein anderes Zimmer. In der Nacht versuchen Unbekannte, in sein Zimmer einzudringen, doch ahnungsvoll hat er Vorkehrungen dafür getroffen. Doch als etwas Schwereres die Treppe hochkommt, verlässt er das Haus durchs Fenster und flieht über die nächtlichen, mondhellen Dächer und Straßen.

Grauenerregende Szenen der Verfolgung durch einen fisch- und froschartigen Mob, mit tiaratragenden Priestern in der Mitte, erschrecken Olmstead und zwingen ihn, einen anderen Fluchtweg zu suchen. Da alle Ausfallstraßen blockiert sind, bleiben nur die verlassenen Bahngleise, die nach Rowley führen. Doch wird man ihn entdecken?

Mein Eindruck
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Man merkt also: Bis unser Held überhaupt in die Bredouille gerät, ist es ein ziemlich langer Weg. Der "Schatten", den Innsmouth vorauswirft, ist offenbar ziemlich lang. Aber auch als sich Olmstead durch die verbarrikadierten Straßen an den Verfolgern vorbeischleicht, als befände er sich in einem Karl-May-Roman, ist nicht sicher, ob es zu Handgreiflichkeiten kommen wird. Denn dem Autor HPL geht es weniger um die Action in einem konkreten Fall, sondern die allgemeine und weltweite Bedrohung der Menschheit durch eine Rasse, die unsterblich ist und ihr Territorium zurückwill. Innsmouth ist ihr Brückenkopf in die USA.

Der Autor baut die globale Dimension dieser Bedrohung Stufe um Stufe auf. Dazu gehört nicht nur die genetische Degeneration und konsequente körperliche Veränderungen an Betroffenen, sondern auch der totale Kollaps der bisherigen kulturellen Errungenschaften. Letztere werden vielmehr ersetzt durch antihumane Bedingungen, wie etwa Menschenopfer, Verehrung eines Großen Alten (Cthulhu) und Verfolgung all seiner Feinde. Es wäre ein Rückfall in alttestamentarische Zeiten, und der zuständige Gott ist nicht Jahwe, sondern Cthulhu bzw. Dagon.

Der ultimative Horror entsteht aber bei Olmstead nicht nur die Invasion der Fischmenschen, sondern durch die Entdeckung, dass er einer von ihnen wird. Dieses kosmische Grauen schlägt ein Jahr später um in Wahnsinn: Olmstead folgt Cthulhus Ruf und ist somit ipso facto kein Mensch mehr. Das erinnert an die biblische Prophezeiung, dass sich die Sünden der Väter auf die Nachkommen bis ins 10. Glied (oder so) vererben würden. Olmsteads Pech ist es, dass er keine Ahnung hat, welche Sünden seine Väter begangen haben - ja, dass sie überhaupt seine Väter sind! Will also indirekt heißen: Wer seine Herkunft nicht kennt, wird ihr möglicherweise zum Opfer fallen. Und wer seine Geschichte nicht kennt, ist gezwungen, sie zu wiederholen, da er die Warnung nicht (er)kennt.

Die Erzählung ist ein Meisterstück des stimmungsvollen Grauens, wie sie HPL von Anfang beabsichtigte. Um diese Wirkung zu erzielen, brauchte er aber auch drei Anläufe. Da sich Beklemmung, Grauen und Wahnsinn nicht aus Aktion, sondern vielmehr aus Befindlichkeit ergeben, ist der Held der Story stets Bedrohter und Opfer, fremd in einer seltsamen Welt, die plötzlich anderen Regeln gehorcht. Genau diese Befindlichkeit ist die des Autors zeitlebens gewesen. Daher erzählt HPL, wenn er von Olmsteads Expedition ins Herz der Finsternis berichtet, zugleich auch von sich selbst - der Welt möglicherweise zur Warnung.

Hintergrund
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"Schatt en über Innsmouth" wurde offenbar hart mit drei Versuchen erkämpft, und als es dann Ende 1931 fertig war, ließ es sich nicht verkaufen. Zu Lovecrafts Lebzeiten kam 1936 nur eine Miniauflage von 200 Exemplaren zustande: seine einzige Buchpublikation überhaupt. Erst 1941 erschien es gekürzt in einem Magazin.

Das Vorbild für Innsmouth lieferte eine verwinkelte Hafenstadt in Rhode Island oder Massachusetts, die HPL gerne durchstreifte, möglicherweise Gloucester oder sein heimatliches Providence. Vorbilder für Zadok Allen gab es ebenfalls. HPL stieß laut einem Briefbericht auf eine alte Frau, im Jahr 1796 geboren worden war. Zudem gab es einen Mann namens Hoag, der im Jahr 1927 im Alter von 96 Jahren starb und der einen Bericht über die echte Beschießung von Fort William Henry im Jahr 1757 liefern konnte, welche im "Letzten Mohikaner" verewigt wurde.

HPLs Abscheu vor Rassenvermischung kommt allenthalben zum Durchbruch, und selbst fremde Sprachen sind ihm auf neurotische Weise verhasst - zumindest seinem Alter Ego Olmstead. Dies erweist sich jedoch nach weiteren drei Jahren als purer Selbsthass: Olmstead wird selbst einer der verhassten Kreaturen vom Teufelsriff, die Cthulhu oder Dagon gehorchen.

Der Schatten, der so vielfältig über Innsmouth wahrgenommen wird, verwandelt sich nun plötzlich in den "Schatten der Wunder", die auf Olmstead in der Unterseestadt Yante-lei warten. Aus der Distanz des Horrors hat sich nun eine Vereinigung ergeben: außen ist innen, das Andere ist zum Ich geworden. Was für Olmstead höchste Verzückung ist, gerät dem unbeteiligten Beobachter zu maximalem Grauen und Abscheu - ein Meisterstück an Gefühlssteuerung.

Bei diesen Angaben stütze ich mich auf S.T. Joshis entsprechenden Essay in seiner HPL-Monografie und auf Essays in folgendem Lovecraft-Sachbuch.
"H.P. Lovecraft: Von Monstren und Mythen", hrsg. von Andreas Kasprzak, im Th. Tilsner Verlag, Bad Tölz, ISBN 3-910079-05-9. Darin findet sich ab S. 122ff eine Übersicht über die Großen Alten sowie auf S. 137 ein Stammbaum, in dem HPL und Clark Ashton Smith ihre eigene Herkunft von diesen fremden Göttern herleiten!

Unterm Strich
°°°°°°°°°°°°°

Die Story selbst braucht ungewöhnlich lange, bis sie in Fahrt kommt, dann aber überschlagen sich die Ereignisse. Bezeichnenderweise gibt es keinerlei Handgreiflichkeiten. Der Horror ist stets pure Einbildung und Empfindung im Kopf des Betrachters und Gejagten, des Historikers Olmstead. Die Story besitzt eine schöne Pointe, die uns den Anfang in einem ganz anderen, nämlich ironischen Lichte lesen / hören lässt.

Dieses Buch lohnt sich für Lovecraft-Liebhaber und solche, die es werden wollen, ist aber rein gar nix für Splatterfans.

Michael Matzer (c) 2004ff

Info: The Shadow over Innsmouth, 1936, dt. zuerst 1965, dann 1971, 1977 und 1996.

AUSGABEN: Der Schatten über Innsmouth: Broschiert - 120 Seiten - Suhrkamp, Erscheinungsdatum: August 1990, ISBN: 3518382837, Preis: 7,00 EU.
The Best of H.P. Lovecraft, Suhrkamp, Frankfurt/M., 289 Seiten - Erscheinungsdatum: Dezember 2003, ISBN: 351839052X. Preis: 13,50 EU.
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Im Schatten eines kosmischen Grauens

ein Testbericht von 2010-02-22 19:46:54 vom 22.02.2010
Empfehlung: ja
Vorteile: Grusel mit Stimmung statt Schlachtfest: eine erfreuliche Abwechslung....
Nachteile/Kritik: Steifer Stil, sehr langsamer Aufbau: Lovecraft ist kein Autor des 21. Jahrhunderts!
Kurzkritik für Ungeduldige

Ein junger Mann reist in eine einsame Hafenstadt, die von Teufelsanbetern bewohnt wird. Die angeblichen Nachtmahre entpuppen sich als überaus handfeste und gar nicht übernatürliche Zeitgenossen ... - Dieser (Kurz-) Roman von H. P. Lovecraft (1890-1937) ist ein Kernstück des Cthulhu-Mythos’, der die Erde als Spielball übel wollender kosmischer Mächte sieht. Er bietet eher atmosphärische als handlungsbetonte Phantastik, wirkt aber in diesem Rahmen wahrlich unheimlich und ist von beinahe dokumentarischer Überzeugungskraft.

Das geschieht:

Unser Ich-Erzähler, ein junger Mann unternimmt im Sommer des Jahres 1927 eine Reise durch Neuengland. Während eines Aufenthalts in Massachusetts hört er von der alten, an der Atlantikküste gelegenen Hafenstadt Innsmouth, die in keiner modernen Landkarte verzeichnet ist. Das erregt sein Interesse, er beschließt einen Abstecher in diesen Ort, obwohl man ihm dringend abrät: Degenerierte Gestalten seien es, die in Innsmouth gern unter sich blieben und zudem einem mysteriösen, ganz und gar unchristlichen Kult anhingen.

Das hält unseren Reisenden nicht ab. Innsmouth ist eine Geisterstadt verfallender, leer stehender, düsterer Häuser, in denen es jedoch des Nachts sehr lebendig zugeht. Die Bürger selbst, von froschähnlicher Gestalt, verhalten sich abweisend unheimlich (und umgekehrt). Nur ein ‚Zugereister‘ – ein uralter Seemann – versorgt den neugierigen Neuankömmling mit Informationen. Demnach hat vor über einem Jahrhundert ein Kapitän namens Marsh im fernen Pazifik einen Teufelspakt mit amphibischen Seekreaturen geschlossen. Im Tausch gegen Gold und verbotenes Wissen wurden ihnen junge Männer und Frauen aus Innsmouth ausgeliefert, die sie ihrem Gott, dem furchtbaren Cthulhu, opferten. Außerdem begannen sich Menschen und Amphibien zu vermischen; die meisten Bürger der Stadt sind heute als Nachfahren dieser ersten Mischwesen.

Dass es sich hier beileibe nicht um eine Ausgeburt der Fantasie handelt, muss der Reisende bald erfahren. Am Teufelsriff vor dem Hafen von Innsmouth findet ein reger Austausch zwischen den Welten unter und über dem Meeresspiegel statt. Lange dauert es nicht, bis die Kreaturen auf den neugierigen Besucher aufmerksam werden und die Masken fallen lassen. Die Jagd beginnt, und an ihrem Ende steht eine unerwartete Entdeckung ...

Reisen bildet …

Eine Reise in einen verrufenen Ort, in dem es tatsächlich umgeht, ein Besucher, der beim Herumschnüffeln zu viel Aufsehen erregt und – seine mordlüsternen Verfolger hart im Nacken – Fersengeld geben muss: Eigentlich ist „Schatten über Innsmouth“ eine konventionelle, sogar vordergründige Horrorgeschichte, wie es ihrer (zu) viele gibt. Freilich muss man sie lesen um schätzen zu lernen, was H. P. Lovecraft aus dem Stoff macht. Ihm geht es nicht um Handlung oder gar Action (obwohl er auch das beherrscht, wie die nächtliche Hetzjagd durch Innsmouth beweist). Das machen ihm jene Leser zum Vorwurf, die einen stringenten und zielgerichteten Erzählfluss vorziehen.

Der Autor schert sich nicht darum. Die erste Hälfte des ohnehin nicht umfangreichen Kurz-Romans ist eine Art Reisebericht mit (pseudo-) historischen Einschüben. Lovecraft war als Wissenschaftler zwar Amateur aber sehr belesen. Besonders die Geschichte war sein Steckenpferd. Deshalb baut er „Schatten über Innsmouth“ auf einer fiktiven Historie dieser Stadt auf, die er geschickt in eine (weitgehend) reale Geschichte Neuenglands einbettet.

Die ausgedehnte Busfahrt nach und durch Innsmouth ist gleichzeitig ein geschickter Schachzug, der den Leser zusammen mit der Hauptfigur an den Ort des Geschehens bringt. Unmerklich dreht Lovecraft dabei an der Spannungsschraube. Ganz harmlos beginnt die Reise, nur einzelne, nicht ins Bild des Rationalen passende Elemente irritieren. Allmählich nehmen sie an Zahl und Wucht zu, bis schließlich deutlich wird, dass es in Innsmouth nicht mit rechten Dingen zugeht.

… aber wer will schon alles wissen?

Die Bestätigung erhalten wir erneut gemeinsam mit dem Helden durch die lebendige Erzählung des alten Zadok Allen, der seit vielen Jahrzehnten unter dem Druck des Grauens lebt. Darüber ist er leicht wunderlich im Kopf geworden, was Lovecraft meisterlich als Stilelement nutzt: Obwohl Allen Klartext redet, bleibt Grundsätzliches weiterhin ungesagt, die Spannung steigt weiter an.

Der eigentliche Höhepunkt stellt dann auch die Freunde des konventionellen Horrors zufrieden, wenn es zwischen geifernden Monstern und potenziellem Opfer zur Konfrontation kommt. Für Lovecraft speist sich das eigentliche Grauen freilich aus einer anderen Quelle. Die eigentliche Auflösung wird der Handlung wie eine Coda angefügt. Sie soll hier verschwiegen werden; vielleicht überrascht sie heute auch nicht mehr, aber sie beraubt die Geschichte ihres scheinbar glücklichen Endes und verleiht ihr eine deutlich düstere Dimension.

Es könnte immerhin so sein

Das ist zwar erschreckend, aber ist es auch Horror? Der Cthulhu-Mythos ist eher Science Fiction. „Schatten über Innsmouth“ betont dies zwar weniger stark als andere Geschichten, doch kamen nach Lovecraft Cthulhu und seine garstigen Gefährten einst aus den Tiefen des Alls auf diese Erde. Sie beschränken sich nicht nur darauf, uns Menschen zu piesacken, sondern treiben auch zwischen den Sternen weiterhin allerlei Unerfreuliches.

Lovecrafts Meisterschaft bestand darin, die Chronik dieser Invasion niemals gänzlich zu enthüllen. Stets enttarnte er nur Episoden, die sich zu keinem fassbaren Gesamtbild fügten. Des Lesers Fantasie ist hier gefragt - er (oder sie) wird sich ein Reich kosmischen Schreckens ausmalen, das Lovecraft nie hätte erfinden können.

Das wird umso deutlicher, wenn man Lovecraft dabei verfolgt, wie er versucht das Grauen in Worte zu fassen. Sein Wortschatz war immens, sein Talent im Umgang mit Worten beachtlich. Trotzdem oder gerade deswegen muss man feststellen, dass die Auflösung einer Lovecraft-Story allzu oft ihrer Entwicklung nicht gewachsen ist. Wie so oft bei Lovecraft überkommt auch in „Schatten über Innsmouth“ eine barmherzige Ohnmacht den Helden, als der Schrecken zu groß wird (und der Verfasser literarisch die Waffen streckt).

Unfreiwilliger Chronist des Schreckens

Der namenlose Protagonist unserer Geschichte ist eine typische Lovecraft-Figur: ein Außenseiter, ein einsamer Sucher ohne Anhang. Eine respektable Familiengeschichte mündete in Bedeutungslosigkeit und Armut. Eisern werden trotzdem längst obsolete Gentleman-Allüren gepflegt, bleiben die Formen gewahrt, mag auch das typische Mittagessen nur aus Käseplätzchen bestehen.

Hier greift Lovecraft auf eigene Erinnerungen zurück. Der „Einsiedler von Providence“, wie man ihn gern nennt, wurde in seinen späteren Lebensjahren zum begeisterten Reisenden, der zwar ohne Geld aber ausgiebig jene historischen Stätten in Nordamerika besichtigte, die ihn immer faszinierten. So ist es wohl eine jüngere Ausgabe von Lovecraft selbst, die das imaginäre Innsmouth bereist. Ausgerechnet dort findet sie nach anfänglichem Schrecken so etwas wie eine Heimat – ein Ort, der dem Verfasser selbst stets verwehrt blieb.

Distanz kann auch ein literarisches Instrument sein. Lovecraft bedient sich seiner meisterlich. Ein Grundproblem der Phantastik ist das Schwinden von Faszination und Schrecken, wenn das zunächst nur erahnte Monster ins volle Licht tritt. Erklärungen zerstören das Unheimliche, das plötzlich real und damit prosaisch wird. Lovecraft hat dieses Problem begriffen. Folgerichtig vermeidet er es, die Bürger von Innsmouth dem gefährlichen Licht auszusetzen. Was sie Unheimliches treiben, erfahren wir nur von Zadok Allen. Ansonsten belässt es Lovecraft bei Andeutungen. Konsequent findet das Finale deshalb nicht auf den Klippen des Teufelsriffs statt. Der Besucher und mit ihm die Handlung kehrt dem Zentrum des Schreckens den Rücken. Diesen Verzicht auf eine ‚richtige‘ Auflösung vermag Lovecraft mit einem alternativen Ende auszugleichen. Der „Schatten über Innsmouth“ und sein Mysterium bleibt bestehen – und Lovecrafts Kurz-Roman wurde zum Klassiker, der seine Wirkung auch nach vielen Jahren nicht eingebüßt hat.

Autor

Howard Phillips Lovecraft wurde am 20. August 1890 in Providence, Rhode Island, geboren. Mütterlicherseits konnte er seine Familiengeschichte bis ins frühe 17. Jh. zurückverfolgen. Darauf war er überaus stolz, wozu die Gegenwart wenig Anlass bot. Lovecrafts Vater, ein Handelsvertreter, starb bereits 1898 im Wahnsinn.

Die ebenfalls labile Mutter und zwei Tanten zogen Howard auf, der sich als Wunderkind erwies. Er konnte mit drei Jahren lesen und begann mit sechs zu schreiben. Die arabische Vorgeschichte, dann das griechische Altertum begeisterten ihn. Lovecraft begann alle erreichbaren Werke zu lesen und entwickelte sich zum belesenen, aber nicht wirklich gebildeten Bücherwurm. Am Alltagsleben nahm er praktisch nicht teil, litt unter allerlei (psychosomatischen) Beschwerden und besuchte nur sporadisch die Schule, sondern widmete sich privaten Studien. Lovecraft gab mehrere Journale heraus, die von seiner Begeisterung für Naturwissenschaft und Astronomie kündeten, und unterhielt einen enormen Briefwechsel.

Nach ersten Versuchen Anfang des Jahrhunderts begann Lovecraft 1917 ‚ernsthaft‘ phantastische Kurzgeschichten zu schreiben. Bisher hatte er Poesie und Essays den Vorzug gegeben. 1924 heiratete Lovecraft und zog mit seiner Gattin nach New York. Dort kam er in Kontakt mit den zu diesem Zeitpunkt aufstrebenden Pulp-Magazinen, die zwar schlecht zahlten, aber stets neues Material suchten. In der großen Stadt konnte sich Lovecraft nicht einleben. Die Ehe scheiterte. 1926 kehrte Lovecraft nach Providence zurück. Nunmehr führte er das zurückgezogene und sehr bescheidene Leben eines mäßig erfolgreichen Unterhaltungsschriftstellers. Er schuf die Cthulhu-Saga. „The Call of Cthulhu“ (1926/28, dt. „Cthulhus Ruf“), „At the Mountains of Madness“ (1931, dt. „Berge des Grauens“) oder „The Shadow out of Time“ (1934/35, dt. „Der Schatten aus der Zeit“) stellen Höhepunkte der Phantastik dar.

Freilich blieb dies lange unbemerkt. Lovecraft verfügte nie über die Energie oder das Selbstbewusstsein, aktiv an seiner Karriere zu arbeiten. Seine Werke erschienen in billigen Magazinen, wo sie die Leser oft genug irritierten, wenn sie nicht sowieso von den Herausgebern abgelehnt wurden. Lovecraft versuchte nie, diese Geschichten anderweitig unterzubringen, sondern schrieb neue: kein ökonomisches Gebaren für einen Schriftsteller, der ohnehin recht langsam schrieb. Zu seinen Lebzeiten erschien überhaupt nur ein Buch – „The Shadow over Innsmouth“ – in einem obskuren Kleinverlag. Am 15. März 1937 erlag H. P. Lovecraft einem Krebsleiden.

Dass er nicht in Vergessenheit geriet, ist August Derleth (1909-1971) und Donald Wandrei (1908-1987) zu verdanken. Sie gründeten 1939 den Verlag „Arkham House“, um Lovecrafts Werk zu veröffentlichen. Nach schwierigen Anfängen traten Cthulhu & Co. einen bemerkenswerten Siegeszug an. In der phantastischen Literatur nimmt H. P. Lovecraft längst den ihm gebührenden Platz ein – zeitlich nach, aber nicht unter Edgar Allan Poe: ein kauziger, allzu sehr in Adjektive verliebter, aber origineller Mann mit großen Visionen, der den klassischen Horror um die Komponente Science Fiction erweiterte, ohne dem Traum von der perfekten, weil technisierten Zukunft hinterherzulaufen.

Über H. P. Lovecraft und sein Werk äußern sich unzählige Websites. Eine der schönsten ihrer Art stellt das „H. P. Lovecraft Archive“ (http://www.hplovecraft.com) dar.

Impressum

Originaltitel: The Shadow Over Innsmouth (New York : Visionary Publishing Company 1936)
Übersetzung: Rudolf Hermstein
Deutsche Erstveröffentlichung (gebunden): 1971 (Insel Verlag)*
250 S.
[keine ISBN]
Als Taschenbuch: 1977 (Suhrkamp Verlag Nr. 391/Phantastische Bibliothek 8)*
244 S.
ISBN 3-518-36891-5
Als Taschenbuch: 1990 (Suhrkamp Taschenbuch 1783/Phantastische Bibliothek 261)**
128 S.
EUR 7,00
ISBN-13: 978-3-518-38283-7
www.suhrkamp.de

* Veröffentlichung mit der Lovecraft-Novelle „Der Fall Charles Dexter Ward“
** Veröffentlichung als Einzelband; so seitdem immer wieder neu aufgelegt


(Copyright 22.02.2010, Dr. Michael Drewniok)

Dieser Text erscheint auch auf anderen Websites meiner Wahl; er wird durch meinen Namen identifiziert und bleibt dadurch – hoffentlich – auch für Faker-Sheriffs als mein geistiges Eigentum erkennbar, mit dem ich AGB-konform umgehen darf wie es mir beliebt. M. D.
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Produktbewertung:Kundenbewertung 5,00 / 5,00 5
Bewertung Testbericht:sehr hilfreich
Humor:Humor von Howard Phillips Lovecraft: Schatten über Innsmouth  (Taschenbuch): 1,0 kein Humor
Zielgruppe:Männer
Niveau:Niveau von Howard Phillips Lovecraft: Schatten über Innsmouth  (Taschenbuch): 3,0 mittelmäßig
Unterhaltungswert:Unterhaltungswert von Howard Phillips Lovecraft: Schatten über Innsmouth  (Taschenbuch): 5,0 sehr hoch
Spannung:Spannung von Howard Phillips Lovecraft: Schatten über Innsmouth  (Taschenbuch): 4,0 hoch
Wie ergreifend ist die Story?:berührt ein wenig
Aufmachung:Aufmachung von Howard Phillips Lovecraft: Schatten über Innsmouth  (Taschenbuch): 2,0 mäßig
Seitenzahl:100-200
Stil:ausschmückend
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Kommentare
hjid55
hjid55, 22.02.2010
Sehr hilfreich und liebe Grüße Sarah
Janne0033
Janne0033, 23.02.2010
Sehr guter Bericht LG Janne0033
mima007
mima007, 24.02.2010
Viele Gruesse, mima007
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