ein Testbericht von Pfiesteria2005-09-14 12:49:28vom 14.09.2005Empfehlung: ja
Vorteile: Interessante Geschichten der Mädchen, flüssiger Erzählstil...Nachteile/Kritik: das wirre Leben des Jesper Humlin
Da bin ich wieder und melde mich mit einem Bericht über ein Buch zurück. Das Buch „Tea-Bag“ von Henning Mankell bekam zum Abschluss meines Praktikums in einem multikulturellen Mädchentreff von meiner Chefin geschenkt. Es ist als Taschenbuchausgabe im dtv Verlag erschienen und kostet 9,50€.
*** Der Klappentext***
Bei dem Klappentext handelt es sich um einen kurzen Auszug aus dem Buch, der da lautet:
„Es war einer der letzten Tage des Jahrhunderts. Gegen Nachmittag begann es zu regnen. Am Abend saß Tea-Bag im Zelt des Flüchtlingslagers. Schweden, dachte sie. Da will ich hin. Dort habe ich mein Ziel.“
Der Klappentext verrät nicht viel, aber immerhin weiß man nun, dass diese Geschichte etwas mit Flüchtlingen zu tun hat.
***Der Inhalt***
Jesper Humlin, ein schwedischer Poet, hat eine Menge Probleme. Seine Freundin will endlich schwanger werden, sein Verlag möchte, dass er einen poetischen Kriminalroman schreibt, seine Aktien stehen auf Tiefkurs und seine fast neunzig jährige Mutter verdient sich etwas Geld mit Telefonsex.
Auf einer seiner Lesungen trifft er auf Tea- Bag, die ihm die Frage stellt ob er auch über Menschen wie sie schreiben würde. Humlin kann mit dieser Frage natürlich nicht viel anfangen, jedoch geht im Tea- Bag nicht mehr aus dem Kopf. Er beschließt einen alten Freund zu besuchen und ist sehr erstaunt als er Tea- Bag bei einer spontanen Feier im Boxklub seiner Freundes wiedertrifft. Jedoch sind da noch Leyla, eine Iranerin und Tanja, die anscheinend aus Russland kommt.
Humlin willigt nach einigem hin und her schließlich ein, mit den dreien einen Schreibkurs zu machen, damit sie ihre Geschichten erzählen können. Nebenbei streitet sich Humlin weiter mit Freundin, Mutter und seinem Verleger. Anfangs sind die Aussagen der Mädchen eher verwirrend, weil zumindest Tanja und Tea-Bag sich illegal in Schweden aufhalten und somit erstmal ihre Identität und ihr Herkunftsland verschweigen.
Schließlich gelingt es Humlin allerdings doch das Vertrauen der Mädchen zu gewinnen und sie beginnen damit, ihm stückchenweise ihre Geschichten zu erzählen. Tea-Bag, hat quasi zu Fuß ganz Europa durchquert von Afrika nach Schweden zu kommen, Tanja wurde in ein Bordell verschleppt, bis es ihr schließlich gelang zu fliehen und nach Schweden zu rudern und Leyla erzählt von ihrer problematischen Situation in ihrer Familie.
Wenn ihr mehr über die Geschichten und Jesper Humlins chaotischer Leben erfahren wollt, dann müsst ihr das Buch schon selber lesen;-)
***Meinung***
Das Buch schien mit interessant als ich anfing zu lesen. Als Leser bekommt man in den ersten Kapiteln Tea- Bags Zeit in einem Flüchtlingslager in Spanien mit.
Dann schwenkt die Geschichte recht schnell nach Schweden und zu Jesper Humlin. Gerade die Ereignisse in seinem Leben sind so chaotisch, dass ich mich als Leser schon etwas überfordert fühlte. Dieser Mann lässt sich eigentlich nur von den Ereignissen treiben und scheint noch nie etwas von Selbstbestimmung gehört zu haben. Nicht er ruft den Schreibkurs ins Leben, sondern der Schreibkurs hat ihn in seinen Fängen.
Auf mich wirkte das schon etwas zu übertrieben. Die Geschichten der Mädchen, die nicht zusammenhängend erzählt werden, sondern ständig unterbrochen werden, sind allerdings sehr mitreißend.
Diese Passagen sind sehr ansprechend geschrieben und durch die ständige Unterbrechung der Geschichten hat man als Leser gar keine andere Wahl als weiter zu lesen.
Kommt man allerdings wieder in die Gegenwart zurück, sieht man sich als Leser mit Personen und Ereignissen konfrontiert, die mir zumindest etwas weit hergeholt erscheinen. So raucht der Verleger Humlins zum Beispiel in seinem Büro, weil das aber eigentlich verboten ist, läuft eine gigantische Klimaanlage in seinem Büro. Damit ist es genau ein Grad warm in diesem Büro. Da dieser Verleger auch noch Probleme mit seinem Blutdruck hat, steht ein Rudergerät in seinem Büro und während den Gesprächen mit Humlin rudert er schon mal gerne. Außerdem setzt er sich komplett über seinen Schreiberling hinweg und gibt Pressemeldungen über dessen neuen Kriminalroman heraus, obwohl er weiß, dass Humlin einen solchen nicht schreibe will.
Diese Person wirkt etwas zu konstruiert auf mich. Auch ist dies der Fall bei Humlins Börsenmakler. Meiner Meinung nach hätte Mankell in dieser Beziehung einen Gang zurückschrauben können. Das hätte der Geschichte einiges mehr an Authentizität verliehen.
Der Erzählstil des Autors ist flüssig und leicht zu lesen. Aber auch hier findet man in den Erzählungen der Mädchen, einige sehr durchgedachte Sätze. Das Problem dabei ist, dass diese Geschichten ja von Flüchtlingen stammen, die mehr oder weniger kurze Zeit in Schweden sind. Deshalb ist es schon seltsam, dass sie sich so bewusst ausdrücken können. Aber wer weiß, vielleicht geht das auch auf das Konto des Übersetzers.
Es gibt verschiedene Gelegenheiten in diesem Roman die das Flüchtlingsthema noch einmal aufgreifen. So fährt Humlin in diesem Buch mehrere Male mit dem Taxi. Jedes Mal wenn Humlin in ein Taxi mit einem Fahrer, der offensichtlich nicht aus Schweden stammt, findet dieser problemlos den Weg. Steigt er jedoch on das Taxi eines Einheimischen, hat dieser keine Ahnung wo es lang geht. Vielleicht soll dies dem Leser sagen, dass sich die Einwanderer in Schweden mittlerweile besser auskennen als die Schweden selbst.
Alles in allem hat mir das Buch schon recht gut gefallen, auch wenn ich denke, dass die Thematik etwas besser hätte ausgebaut hätte werden können. Etwas weniger Jesper Humlin und sein verwirrtes Leben und etwas mehr Tea-Bag, Leyla und Tanja und ihre Geschichten. Auch der Schluss ist kein Happy End und lässt genauso wie der Roman noch einige Fragen offen. Allerdings finde ich dies vor dem realen Hintergrund der Flüchtlingsproblematik recht passend.
***Der Autor***
Henning Mankell geboren 1948 in Härjedalen, ist einer der angesehensten und meistgelesenen schwedischen Schriftsteller. Er lebt als Theaterregisseur und Autor abwechselnd in Schweden und Maputo/ Mosambik. Mit Kurt Wallender schuf er weltweit einen der beliebtesten Kommissare.
Andere Bücher von Henning Mankell: Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt
Mörder ohne Gesicht
Hunde von Riga
Die weiße Löwin
***Leseprobe***
Tea- Bag erzählt von ihrem Bruder Mazda, der als Kind aus ihrem Dorf geholt wurde:
„…Kurz darauf kam mein Vater und sagte zu Mazda, er solle ihm folgen. Die Frau, die Brenda hieß, sammelte in den armen Dörfern Kinder zusammen, um sie mit in die Stadt zu nehmen, wo sie dann zur Schule gehen durften. Sie bezahlte dafür. Mein Vater sagte, er habe das Geld selbst gesehen. Was er zuerst für ihren Bauch mit einer Trommel unter der Haut gehalten hatte. hatte sich in einen Gürtel aus Krokodilleder voller Geldscheine verwandelt. Wenn Mazda in die Stadt käme, würde er jeden Monat Geld nach Hause schicken können. Da er in die Schule gehen durfte, würde er später eine Arbeit bekommen, die sicherstellen würde, dass sich niemand in der Familie mehr Sorgen machen müsste, wenn der Regen nicht zurückkehrte und der Fluss austrocknete.
Mazda verschwand noch am selben Tag und ich habe ihn nie wieder gesehen. Keines von den Kindern, die sich an diesem Tag mit Brenda auf den Weg machten, ist je zurückgekommen.
***Fazit***
Alles in allem gebe ich diesem Buch vier Sterne und spreche eine Empfehlung aus. Das Buch diente der Unterhaltung, allerdings regt es auch zum Nachdenken an. Da man die Geschichten der Mädchen erfahren möchte, kann man das Buch nicht so schnell aus der Hand legen. Es ist ein gelungener Roman mit einigen Schwächen jedoch durchaus empfehlenswert.
lg Eure denlia@Ciao alias pfiesteria@yopi alias Heart@dooyoo
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Mitten unter uns - und doch nicht angekommen.
ein Testbericht von durchdacht2009-08-24 01:50:50vom 24.08.2009Empfehlung: ja
Vorteile: Auseinandersetzung mit der Thematik, Handlung, Aufbau, einfühlsamer Schreibstil...Nachteile/Kritik: vom Schreibstil her nichts Besonderes, gelegentliche Wiederholungen
ISBN: 3423133260
Verlag: DTV
Erscheinungsdatum: Juli 2005 (2. Auflage)
Aus dem Schwedischen übersetzt von Verena Reichel
380 Seiten
Klappentext:
"Es war einer der letzten Tage des Jahrhunderts. Gegen Mittag begann es zu regnen. Am Abend saß Tea-Bag im Zelt des Flüchtlingslagers. Schweden, dachte sie. Da will ich hin. Dort habe ich mein Ziel."
Inhalt:
Die Geschichte startet in einem Flüchtlingslager in Südspanien, in dem Tea-Bag gelandet ist, nachdem das Fluchtschiff aus Afrika vor der spanischen Küste gekentert ist. Als sie dort von einem schwedischen Journalisten über die Lebensverhältnisse im Lager interviewt wird, wird ihr klar, welches fortan ihr Ziel ist: Sie will nach Schweden. Eines Tages gelingt ihr sogar die Flucht, und eine beschwerliche Odyssee quer durch Europa beginnt.
In Schweden hat der Dichter und Schriftsteller Jesper Humlin seine eigenen Sorgen: Seine Beziehung zu der Krankenschwester Andrea befindet sich in einer Krise, sie setzt ihn unter Druck, weil sie ein Kind von ihm will, er aber nicht von ihr. Zusätzlich verlangt sein Verleger von ihm, dass er einen Kriminalroman schreiben soll, weil sein jährlicher Gedichtband sich nicht mehr gut verkauft, während er sich weigert, diesen Krimi zu schreiben. Mit seiner Mutter versteht er sich nicht wirklich besonders gut... Außerdem steht seine finanzielle Situation auf der Kippe, da seine Aktien immer weiter in den Keller rutschen und sein Aktienberater ihn bewusst schlecht berät...
Und nun soll er auch noch einen Schreibkurs für eingewanderte Frauen durchführen, die sich illegal in Schweden aufhalten und die offenbar schreiben lernen wollen, um ihre Geschichte zu erzählen. Zunächst widerwillig erklärt er sich dazu bereit, und so lernt er auf dem ersten Schreibkurs, der in dem Boxklub seines ehemals besten Freundes stattfindet, Tea-Bag, die Russin Tanja und die etwas mollige Iranerin Leyla kennen.
Obwohl der Schreibkurs nicht so verläuft, wie Jesper Humlin es sich vorgestellt hat... Beim ersten Kurs schreiben viele gar nichts und einige nur drei Sätze auf, und er muss eine Ohrfeige einstecken, weil er einem der Mädchen wohlwollend die Wange gestreichelt hat.
Aber dann fangen sie eine nach der anderen an zu erzählen... Und was sie erzählen, hat es in sich und geht wirklich unter die Haut. So erfährt er allmählich immer mehr über die Schicksale dieser drei Frauen, und baut sich allmählich jeweils ein Bild auf, das dennoch nie vollständig abgeschlossen ist und jedes Mal neue Fragen aufwirft...
Leseprobe:
Seite 24 f, wo sehr gut das Misstrauen, die Hab-Acht-Stellung, deutlich wird, die Tea-Bag (und sicherlich auch andere, die ihr Schicksal teilen) aus Selbstschutz eingenommen hat, und das sich nur langsam legt:
- Ich heiße Tea-Bag. Auf die gleiche Art wie du Paul heißt.
- Ich heiße Per. Woher kommst du?
Achtung, dachte sie. Ich weiß nicht, was er will. Er kann eine Tür hinter seinem Rücken haben, er kann aber auch jemand sein, der mich zurückschicken will, jemand, der versucht, mir meine Geheimnisse zu entlocken.
- Ich wäre beinahe ertrunken. Etwas hat mich am Kopf getroffen. Ich habe alle meine Erinnerungen verloren.
- Hast du mit einem Arzt gesprochen?
Tea-Bag schüttelte den Kopf. Warum stellte er all diese Fragen? Was
wollte er? Wieder wurde sie misstrauisch, zog sich zurück, so weit sie konnte.
- In diesem spanischen Lager werde ich mit humanem Wohlwollen behandelt.
- Das kannst du doch wohl nicht behaupten? Du sitzt hier doch wie in einem Gefängnis?
Er hat eine Tür, dachte Tea-Bag. Er will herausfinden, ob ich es wert bin, sie zu benutzen. Sie musste sich zurückhalten, um nicht zu ihm hinzustürzen und ihn zu umarmen.
- Woher kommst du?
Jetzt war sie es, die Fragen stellte.
- Aus Schweden.
Was war das? Eine Stadt, ein Land, der Name einer Tür? Sie wusste es nicht. Namen von Ländern und Städten summten ständig im Lager herum wie unruhige Bienenschwärme. Aber hatte sie den Namen "Schweden" nicht schon mal gehört? Vielleicht, sie war sich nicht sicher.
- Schweden?
- Skandinavien. Nordeuropa. Wir kommen von dort. Wir wollen eine Artikelserie über Menschen ohne Gesicht schreiben. Flüchtlinge, die verzweifelt versuchen, nach Europa zu gelangen. Wir vertreten deine Sache. Wir wollen, dass du wieder ein Gesicht bekommst.
- Ich habe bereits ein Gesicht. Was fotografiert er denn, wenn ich kein Gesicht habe? Kann man lächeln ohne Zähne, ohne Mund? Ich brauche kein Gesicht. Ich brauche eine Tür.
- Eine Tür? Einen Ort, wo du bleiben kannst? Wo du willkommen bist? Genau aus diesem Grund haben wir die Reise hierher gemacht.
Meinung / Fazit:
Das war der bisher beste Afrikaroman (wenn auch einer, der in Schweden spielt, und nicht nur ein Afrikaroman, weil ja die Schicksale von Menschen mit verschiedener Nationalität miteinander verbunden werden), den ich von Mankell gelesen habe. Sehr einfühlsam geschrieben, konnte ich mich sehr gut in die Lage der Hauptpersonen hineinversetzen.
Der Erzählstil, bei dem die Geschichten der drei Frauen bewusst jedes Mal unvollendet bleiben und viele Fragen offen lassen, bringt die Handlung voran und macht sehr neugierig auf das Weiterlesen, so dass man das Buch am liebsten nicht mehr aus der Hand legen möchte.
Auch hat es mir sehr viel zum Denken gegeben und wird sicherlich noch lange in meinem Herzen widerhallen.
Der Autor:
Henning Mankell ist jedem ein Begriff, der gerne Schwedenkrimis und insbesondere die mit Kommissar Kurt Wallander liest. Aber auch jenen, die seine Afrikaromane lesen (und meist wohl auch - so wie ich - schätzen). Weitere, nicht so klar zu kategorisierte Werke sind "Die italienischen Schuhe" und "Kennedys Hirn".
Doch nun zur Kurzbiografie: Er wurde 1948 in Härjedalen geboren, lebt als Theaterregisseur und Schriftsteller abwechselnd in Schweden und in Maputo / Mosambik.
Diese Rezension erschien in ähnlicher Form (ohne Klappentext, Buchdaten, Autoreninfos und Leseprobe) bereits in meinem Blog und ist durch dessen Impressum als mein geistiges Eigentum erkennbar.
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