Man sieht alles – und doch sieht niemand etwas. Menschen bevölkern die Stadt, dicht aufeinander, dicht nebeneinander, Wand an Wand, auf der Straße berühren sie sich fast. Aber niemand scheint zu sehen – außer was an Alltäglichem sich tief eingeprägt hat – eben das, was sich in tausendfacher Wiederholung in das Gedächtnis eingeritzt hat. Überhaupt wird das Gedächtnis beherrscht von dem Auf und Ab des Alltags. So etwas wie historisches oder soziales Gedächtnis ist hier fehl am Platz – hier, in der Stadt.
Eine Mutter bezieht eine neue Wohnung. Sie hat vier Kinder, aber gegenüber dem Vermieter gibt sie nur ihren ältesten Sohn an, der mit ihr in die Wohnung ziehen wolle. Die drei anderen Kinder erhalten die Anweisung, die Wohnung nie zu verlassen und keinen Lärm zu machen. Ihren Kindern erzählt sie, das müsse so geschehen, weil sie sonst keine Wohnung für alle fünf Personen bekommen würde.
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Hirokazu Koreeda zeigt uns eine scheinbar ganz normale Familie, deren Kinder alle einen anderen Vater haben. Sie packen aus. Sie richten sich ein. Sie beginnen zu spielen, Akira, der 12jährige, seine Schwester Kyoku, der kleinere Bruder Shigeru, ein Wildfang, und die jüngste, die vierjährige Yuki. Die Mutter Keiko ist schon des öfteren mit ihren Kindern umgezogen. Die Kinder wissen Bescheid, wie es zu laufen hat. Und sie sind keineswegs unglücklich. Sie sind fröhlich, essen mit der Mutter, lachen. Keiko kommt jeden Tag erst spät nach Hause. Sie arbeite in der Herrenabteilung eines Kaufhauses, sagt sie den Kindern. Akira, ein ruhiger, ernster und sehr umsichtiger Junge, hat die Verantwortung für seine Geschwister, wenn Keiko nicht zu Hause ist. Er kauft ein und erledigt alle Dinge, die außerhalb des Hauses zu erledigen sind. Die anderen kümmern sich, je nach Alter, um den Haushalt, die Wäsche usw.
Hirokazu Koreeda zeigt uns also eine scheinbar ganz normale Familie, auch wenn ein Vater in dieser fehlt. Es läuft alles seinen gewohnten Gang. Die Kinder verstehen sich, sie gehören zusammen, und das empfinden sie alle so.
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Dann allerdings passiert etwas, was dieses Gefüge langsam aber sicher gefährdet. Immer öfter bleibt Keiko tagelang weg. Akira erzählt sie, sie müsse in Osaka arbeiten und könne daher nicht jeden Tag nach Hause kommen – bis sie sich eines Tages – der Winter hat gerade begonnen – bis Weihnachten verabschiedet. Doch auch Weihnachten taucht Keiko nicht mehr auf. Und irgendwann wird Akira bewusst, dass seine Mutter nie wieder auftauchen wird.
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Hirokazu Koreeda erzählt die Geschichte von vier Kindern, die mit dieser Situation fertig werden müssen, in leisen Tönen, mit einer oft fast beängstigenden Ruhe. Diese Art der Inszenierung wirkt jedoch nicht aus sich selbst heraus, hat nichts Gekünsteltes. Sie widerspiegelt „nur” die Situation der vier Kinder, von denen keines in die Schule oder in den Kindergarten geht. Fast vollständig abgeschottet von der Außenwelt bestehen die Kontakte der Kinder zunächst nur mit Lebensmittelgeschäften u.ä. – bis Akira die Schülerin Saki kennenlernt, die nur noch selten zur Schule geht und einsam scheint. Die Wohnung der Fukushimas wirkt wie eine Mischung aus Gefängnis, Asyl und Verteidigungsbastion. Akira geht – nachdem seine Mutter nicht mehr auftaucht – weder zur Polizei, noch zum Jugendamt. Denn er will nicht, dass die Kinder getrennt werden. Das Geld wird weniger, er leiht sich Geld bei Saki, bekommt von einem Angestellten im Supermarkt heimlich ab und an Essen zugesteckt. Akira versucht alles, um die Geschwister zusammenzuhalten und den Schein zu wahren. Als man das Wasser und den Strom abstellt, behilft man sich auf dem Spielplatz mit dem dortigen Wasseranschluss, um Wäsche zu waschen, die die Kinder
auf den Spielgeräten zum Trocknen aufhängen.
Hirokazu Koreeda inszeniert diese Geschichte als quasi apokalyptische Vision, in der die Kinder – obwohl Akira gegen den Willen der Mutter seine Geschwister eines Tages mit aus dem Haus nimmt – in eine immer düstere klaustrophobische Situation gegenüber ihrer Umwelt geraten. Er versucht, sich mit Jungens seines Alters anzufreunden, aber die haben nur wenig Interesse an ihm, denn er geht nicht mit ihnen zur Schule. Er geht mit der kleinen Yuki an deren fünftem Geburtstag durch die Stadt, um ihr alles zu zeigen. Aber die Kinder verbleiben in der abgeschotteten Situation – und das Apokalyptische ist so real, so erniedrigend und beängstigend, wie man es sich kaum schlimmer vorstellen kann.
Umso erstaunlicher ist, wie lange und wie mutig die Kinder ihre Situation so gut wie ganz allein meistern – bis sich erste Erscheinungen von Verwahrlosung zeigen.
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Im Zentrum steht dabei weniger die „Rabenmutter”, die ihre Kinder ausgesetzt hat, sondern die Stadt als Hölle des Lebens. So friedlich das Leben auf den Straßen, Plätzen, in den Häusern erscheinen mag, so anonym und bedeutungslos ist es doch gleichzeitig. Niemand bemerkt die Situation der vier Kinder – nicht einmal die Vermieter der Wohnung –, nicht weil sie es nicht bemerken könnten, sondern weil niemand wirklich hinschaut. Je größer eine Stadt, je dichter gedrängt Menschen hier leben, desto anonymer scheint ihr „Kontakt“, der kein wirklicher mehr ist, sondern zunehmend vom Geld als Vermittler sozialer Beziehungen überwölbt wird.
Diese Vermittlerrolle erfüllt das Geld auch in der Beziehung zwischen dem „Sonderbezirk“, in dem die Kinder psychisch, physisch, seelisch usw. leben, und der übrigen Stadt. Kein Geld, kein Strom, kein Wasser – Verwahrlosung. Hirokazu Koreeda steigert die Tragik der Geschichte – geradezu horrormäßig – langsam, aber konsequent. Die Anonymität und Abstraktheit des Geldes korreliert mit der Anonymität und Abstraktheit der sozialen Beziehungen. Die Mauern der Häuser wirken wie Garanten der Anonymität. Das Ghetto kristallisiert sich als Teil des Molochs Stadt heraus.
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VORSICHT: SPOILER !
Letztlich haben die vier Kinder – so sehr sich insbesondere Akira um ihren sozialen Zusammenhalt bemüht, ruhig und verzweifelt zugleich – keine Chance gegen die anonymen Strukturen der städtischen Gesellschaft. Als schließlich die kleine Yuki durch einen Sturz ums Leben kommt, müssten die drei übrigen Kinder und Saki – könnte man meinen – rebellieren, um diese Anonymität zu sprengen. Genau das Gegenteil jedoch passiert: Akira und Saki begraben die in einem Koffer versteckte Yuki auf dem Flugplatz – jenem Ort, den die kleine Yuki so gern mal gesehen hätte. Die anonymen Strukturen der Stadt haben die Kinder längst verinnerlicht. Sie empfinden diese Anonymität ihres eigenen Lebens längst als Sicherheitsventil, um den Rest der Familie zusammenhalten zu können – trotz, ja jetzt gerade wegen des Todes Yukis.
SPOILER ENDE !
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Besonders Yûya Yagira in der Rolle des Akira ist es zu verdanken, dass diese Geschichte zu einem (schrecklichen) Erfolg werden konnte. Der junge Schauspieler überzeugt derart als Akira, dass die Geschichte allein wegen seines Spiels an vielen Stellen unglaublich authentisch erscheinen kann.
Hirokazu Koreeda zeigt eine im Vergleich zu anderen Formen der Verwahrlosung, des Missbrauchs und der sozialen Isolation von Kindern noch relativ „harmlos“ scheinende Geschichte. Aber in dieser Geschichte – in der keines der Kinder geschlagen oder auf andere Weise physisch missbraucht wird – liegt der Kern für vieles, was nicht nur in japanischen Städten geschieht.
DVD
Format: Collector's Edition, Dolby, DTS, PAL, Surround Sound
Sprache: Deutsch, Japanisch
Untertitel: Deutsch
Region: Region 2
Bildseitenformat: Widescreen
Anzahl Disks: 2
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: SUNFILM Entertainment
Specials: Interview mit dem Regisseur, Behind the Scenes, Anmerkungen und Produktionsnotizen, Fotogalerie, 8-seitiges Booklets
Neben Texttafeln mit Produktionsnotizen, einer Fotogalerie und einem achtseitigen Booklet enthält die Doppel-DVD ein Interview mit dem Regisseur sowie eine Art Making Of unter dem Titel „Behind the Scenes“. Eine gut ausgestattete DVD zu einem akzeptablen Preis von € 14,99 (jpc).
frankensteins, 09.12.2008
wouh, super beschrieben, aber nichts für mich, viel zu traurig, viel zu viel Drama, da würde ich wochenlang grübeln - tue ich mir nicht mehr an. Grauen hab ich genug, wenn ich mich umschau. lg werner
sandraberg, 11.03.2007
ha, endlich wieder zeit zum cis-abarbeiten :- vergesse natürlich niemanden!! schönen sonntag noch. glg sandra
evafl, 14.03.2007
9834 9835 9834 9835 9834 sh! lg Eva 9834 9835 9834 9835 9834
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Kinder allein auf sich gestellt
ein Testbericht von jimmy11382006-04-11 10:46:32vom 11.04.2006Empfehlung: ja
Vorteile: gut gemachter Film
schöne Verpackung...Nachteile/Kritik: mangelhaft Untertitel
Story:
Der Film erstreckt sich etwa über ein Jahr und erzählt eine wahre Geschichte. Eine Mutter zieht mit ihren vier Kindern in eine neue Wohnung ein - die Vermieter erfahren aber nur von der Existenz des Ältesten Sohns, Akira, die jüngeren Kinder werden entweder in Koffern versteckt eingeschmuggelt oder müssen unbemerkt die Wohnung betreten. Grund für die Heimlichtuerei ist die Furcht, erneut die Wohnung verlassen zu müssen, weil die Kinder so viel Krach machen. Des weiteren sind die Kinder von verschiedenen Vätern und gehen nicht zur Schule (und müssen sich praktisch alles selbst beibringen) - die Mutter lebt ein eher zielloses Leben.
Die Situation verschärft sich, als die Mutter für einige Zeit verschwindet und den Kindern gerade einmal das nötigste Geld zum Überleben da läßt. Die vier kommen zwar einigermaßen gut über die Runden, schließlich wird es aber doch knapp und Akira muß die diversen Väter und Ex-Freunde um ein wenig Geld anschnorren. Schlußendlich kehrt die Mutter zurück - jedoch nur für einen Tag, diesmal verläßt sie die Kinder endgültig, die zunächst nicht ahnen, daß die Mutter für immer wegbleibt. (Erst später erfährt Akira durch einen Anruf, daß die Mutter zu einem neuen Freund gezogen ist, der nichts von der Existenz der Kinder weiß.
Ohne Einnahmequelle neigt sich das Geld der Kinder dem Ende zu, während anfangs Akira noch versucht ein halbwegs normales Leben zu führen und Freunde zu gewinnen (was sich als recht kostpielieg herausstellt), verkommen die Kinder und ihr Quartier immer mehr. Strom und Wasser werden abgestellt - gewaschen wird nur mehr im Park - , der Vermieterin müssen sie aus dem Weg gehen, die Haare werden immer länger, insgesamt sehen die Kinder ungepflegt und verwahrlost aus - bis am Ende eine furchtbare Tragödie passiert.
Kritik:
Der Film ist (bewußt) in einem dokumentarischen Stil gedreht, überzeugt durch eine recht schöne Bildsprache, einer wundervollen Filmmusik und dem Schauspiel der vorwiegend jungen Akteure (auch der Schauspielerpreis in Cannes für den Darsteller des Akira geht absolut in Ordnung).
Thematisch behandelt der Film einen ziemlich bedrückenden Stoff, ist nach persönlicher Einschätzung (trotz eines eher positven Ausklangs) doch ein ziemlicher "Downer", das krasse Gegenteil eines "Feel-good" Films. Die Kritik an der japanischen Gesellschaft ist z.T. recht deutlich - wie im Titel "Nobody Knows" schon verpackt, geht's unter anderem um das Nicht-kümmern um den Nächsten, aber v.a. um das Verstecken von Kindern vor dem offiziellen System (Wohnungseigentümer, Schule), schlichtwegs weil die Kinder unerwünscht, zu laut oder zu teuer sind.
So wird der Film ein interessanter und verstörender Blick auf die sozialen Outcasts Japans - zu dem Quartett der verlassenen Kinder stößt noch ein Mädchen, welches in der Schule als Außenseiterin behandelt wird und älteren Männern für Geld Gesellschaft leistet.
DVD:
Das Bild der DVD ist in Ordnung, Ton ebenso. Es ist sowwohl die japanische Originalfassung als auch die deutsche Fassung enthalten. Untertitel sind (man möchte schon fast sagen logischerweise) auch drauf - das jedoch in äußerst mangelhafter Form. Dabei ist keineswegs die Übersetzung oder das Design gemeint, sondern was untertitelt wird - nämlich nur das Gesprochene. Wesentliche Plotelemente sind geschriebene Notizen der Mutter
an die Kinder - da fehlt jegliche Übersetzung, Zuschauer die kein perfektes Japanisch können, sind da wohl heillos überfordert und verpassen Wichtiges.
Die Extras auf der zweiten DVD sind nicht unbedingt atemberaubend, ein Interview mit dem Regiesseur, der seine Sichtweise darlegt, Bildergallerie,... - insgesamt nichts, was man mehr als einmal anschauen müßte.
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