Anja Salewsky: ''Der olle Hitler soll sterben'' Test, Erfahrungen und Testberichte vom Verbraucher
Bewertung 5.0 von 5
von 100% aller Autoren empfohlen (2/2).
Bewertungsverteilung:
Vorteile
Zeitgeschichte hautnah
Es gibt Menschen, welche bedingungslos Helfen ohne an sich und an die Folgen zu denken. Mütter und Väter treffen eine Entscheidung die fast ihr Herz zerreißt. Sehr viel Gefühl!
Nachteile/Kritik
nichts
Anja Salewsky: ''Der olle Hitler soll sterben'' (gebundene Ausgabe) am günstigsten bei:
Claassen Verlag 'Der olle Hitler soll sterben!' Erinnerungen an den jüdischen Kindertransport nach England
Es gibt zahllose Bücher über das dritte Reich, den jüdischen Holocaust, Hitlers Frauen, Helfer und Helfershelfer, und das ist gut so. Etwas Besonderes war für mich aber das vorliegende, bei dem schon der Titel mein Interesse weckte.
Der olle Hitler soll sterben - Erinnerungen an den jüdischen Kindertransport nach England
Wer weiß schon Genaueres über diese beispiellose Rettungsaktion, für die England sich 1938 bereit erklärte, rund 10.000 jüdische Kinder vor der Verfolgung der Nazis zu retten? Die meisten dieser bedauernswerten, und gleichzeitig vom Glück begünstigten Kinder sollten ihre Eltern niemals wieder sehen. Die Autorin Anja Salewsky lässt in diesem Buch einige dieser Flüchtlingskinder selbst zu Wort kommen, und es tun sich dem Leser unglaublich berührende Schicksale auf. In großer Offenheit schildern die Befragten, wie sie die schrecklichen Ereignisse in Hitlerdeutschland und den Verlust von Eltern und Heimat erlebt haben.
Buchcover und Aufmachung:
Mein Buch sieht anders aus als auf der Abbildung, da es sich um eine Sonderausgabe für den Weltbildverlag handelt (Reihe „Weltbild Reader“). Es zeigt einen Londoner Polizisten, der zwei Flüchtlingskinder an der Hand führt. Schon dieses Foto berührt zutiefst. Etwa 6 bis 8jährige Kinder mit ihren Köfferchen in der Hand und dem was sie am Leib tragen. Völlig allein in einem fremden Land. Das Buch wird illustriert durch zahlreiche Schwarz-Weiß-Abbildungen, die uns in eine Zeit entführen, die heute fast unwirklich erscheint. Die fremdartige Kleidung dieser Menschen, ihr Gesichtsausdruck, ihre Gesten, ihre Blicke. Man beginnt zu verstehen, wie vollkommen anders damals alles war, als es einen „Führer“ gab, der das Leben zahlloser unschuldiger Menschen innerhalb kürzester Zeit in eine Hölle auf Erden verwandelte.
Inhalt:
„Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt“ – dieser Spruch aus dem jüdischen Talmud mag für das stehen, was unerschrockene Vertreter des Widerstandes zu Zeiten Hitlers geleistet haben. „Schindlers Liste“ ist uns spätestens seit dem gleichnamigen Film ein Begriff geworden. Wie heldenhaft aber Eltern handeln, die freiwillig ihre eigenen Kinder auf eine Reise ins Ungewisse schicken, um sie vor dem sicheren Tod im Konzentrationslager zu retten – wer kann das überhaupt beschreiben? Was muss es für einen Vater oder eine Mutter bedeutet haben, ihr Kind einfach in einen Zug zu setzen, ohne reelle Hoffnung, es je wieder zu sehen? Was hätte ich in so einem Fall getan? Ich weiß es nicht. Die bloße Vorstellung ist entsetzlich.
Das Vorwort des Buches stammt von Dr. Michael Friedmann, 2001 Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland. Er schreibt:
„In einer Zeit, in der sich in der Anonymität des Internets Auschwitz-Leugner und Antisemiten ausbreiten und den zumeist jugendlichen Nutzern dieses Mediums ein zunehmend verzerrtes Geschichtsbild vermitteln, sind die Aussagen der noch verbleibenden Zeitzeugen der Naziherrschaft von unschätzbarem Wert.“ (S. 8).
„Der olle Hitler soll sterben“ – das schrie die vierzehn Jahre alte Eva Heymann aus dem Zugfenster, nachdem sie die deutsche Grenze zu Holland passiert hatten. Sie war eines der ca. 10.000 Kinder, die 1938 kurz nach der Reichspogromnacht der Schreckensherrschaft des „Führers“ entkommen sind. Und angesichts der damaligen restriktiven Einwanderungspolitik der meisten europäischen Länder, muss man England seine damals angebotene
Hilfe sehr zugute halten. Ich denke, die wenigsten wissen davon.
Was hier ein zivilisiertes Volk unter dem Einfluss von Massenhysterie fähig war, unter dem Titel „Rassenreinheit“ ihren eigenen Mitbürgern anzutun, bleibt einfach unfassbar. Und es wird besonders deutlich anhand der in diesem Buch nachgezeichneten Einzelschicksale. Menschen wie du und ich, denen man ihr vollwertiges Menschsein ganz einfach absprach: in einem zeitgeistigen Machwerk werden sie u. a. als „Giftpilze“ im deutschen Reich bezeichnet, und es kam ein Gesellschaftsspiel auf den Markt mit dem Namen „Juden raus“, das „in allen Kreisen bei Jung und Alt begeisterte Aufnahme fand“. Was soll man dazu noch sagen?
Ein paar Einblicke in die dargestellten Schicksale:
Beate Siegel, geb. 1925 in München – „Once I was a Münchner Kindl“
Beate kommt aus gutbürgerlichem Haus, die Familie spricht und fühlt sich bayrisch. Aber sie sind Juden. Ihr Vater, der Rechtsanwalt Dr. Michael Siegel ist auf jenem bekannten, in vielen Geschichtsbüchern abgebildeten Foto zu sehen, wie man ihn nach schweren Misshandlungen barfüßig durch die Münchner Innenstadt treibt – um den Hals eine Tafel: „Ich bin Jude, aber ich will mich nicht über die Nazis beschweren“. Später wandert er mit seiner Frau nach Lima aus, Beate wird 1938 nach England geschickt, wo sie heute noch lebt. Sie ist eine der wenigen, deren Eltern ebenfalls entkommen und sie wieder gesund in die Arme schließen konnten.
Hannelore Gumpel, geb. 1923 in Berlin – „Ich lebte wie eine Prinzessin. Dann kam Hitler und machte alles kaputt“
Die kleine Lore lebt in Luxus, da ihr Vater ein fleißiger, erfolgreicher Geschäftsmann ist, der sogar im ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft hat. Als die Schikanen gegen jüdische Mitbürger beginnen, werden sie und ihre beiden Schwestern von Prag aus nach England geschickt, wo man sie schließlich auseinanderreißt. Ihre Mutter stirbt im polnischen Ghetto von Lodz, der Vater später in London. Lore sagt: „Ich hasse die Deutschen nicht“, aber zu Hause fühlt sie sich bis heute nirgendwo.
Ruth Rubinstein, geb. 1935 in Berlin – „Ich wolle nicht nach England. Ich wollte in den Zoo“
Ruth erleidet ein ganz besonders tragisches Schicksal. Im Alter von nur vier Jahren fährt sie zusammen mit ihrem siebenjährigen Bruder Martin nach England und glaubt, die Mutter hätte sie verstoßen. Beide Kinder werden zwar gut aufgenommen, aber von einem Platz zum nächsten weitergereicht. Kontakt zur Mutter finden sie bei einem späten Wiedersehen nie mehr. Wohl aber weiß Ruth, dass sie ihr Leben dieser für sie später völlig fremden Frau verdankt. Der Vater, Robert Rubinstein stirbt früh aus Kummer und Verzweiflung.
Simon Reiss, geb. 1923 in Berlin – „Wer nicht vertrauen kann, ist verloren“
Simon, Sohn eines jüdischen Handlungsreisenden, muss 14jährig, zusammen mit seiner kleinen Schwester die Eltern verlassen, nachdem sein Vater deportiert wurde und seine Mutter die Kinder retten will. Simon wird seine Eltern nie wiedersehen. Sein Vater wird in Polen erschossen, die Mutter stirbt unbekannten Datums im KZ Auschwitz-Birkenau. Noch vor seine Abreise nach England erlebt Simon Bücherverbrennungen, die Zerstörung seiner Synagoge und andere brutale Ausschreitungen gegen Juden. Er verliert jede Illusion, überlebt seelisch, weil er weiß, es gibt nur diesen Weg. Heute sagt er: „Ich hasse die Deutschen nicht…Wer sein Leben lang hasst und auf Rache sinnt, wird von diesen Gefühlen zerfressen werden.“ (S. 282).
Das waren nur vier der ergreifenden Schicksale, welche die Autorin Anja Salewsky in diesem Buch, das einer Radiosendung folgte, zusammengetragen hat.
Besonders berührend sind die Fotos der gerade in England angekommenen Kinder mit ihren Schildern um den Hals, die alles waren, was von ihrer Identität blieb. Bei der ärztlichen Untersuchung sitzt die Nummer 113 neben der Nummer 138 und 187. Ein unbeschreibliches Foto. Oder die Bilder von Rotkreuzpostkarten der verzweifelter Mütter und Väter an ihre Kinder – oft alles, was diesen später von den Eltern geblieben ist.
Am Anfang des Buches spricht jedenfalls ein Bild aus einem nazideutschen „Kinderbuch“ Bände, es trug den Titel: „Trau keinem Fuchs auf grüner Heid’, und keinem Jud’ bei seinem Eid“. Die Abbildung zeigt deutsche Kinder, die sich gerade einen Aushang der Hetzerschrift „Der Stürmer“ ansehen. Die Autorin, eine gewisse Elvira Bauer, reimte zum Beispiel: „Nun wird es in der Schule schön, denn alle Juden müssen gehen, die Großen und die Kleinen, da hilft kein Schrein und Weinen…“
Man fasst es eigentlich kaum. Nach offiziellen Angaben verkaufte sich das Machwerk an die hunderttausend Mal. Das bereits oben erwähnte „Juden raus“- Spiel kostete 4,5 Reichsmark, und der Hersteller Rudolf Fabricius aus Sachsen landete mit seiner „Neuheit“ einen großen Verkaufsschlager, den er eifrig mit „Heil Hitler“ in Werbeaussendungen anpries. Auch ein solcher Flugzettel ist in dem Buch abgebildet.
Das soll genügen. Wer den traurigen Rest wissen möchte, muss ihn selbst nachlesen.
Über die Autorin:
Anja Salewsky wurde 1966 in Bremerhaven geboren. Sie studierte Slavistik, Germanistik und Ethnologie. Ihre Rundfunksendung zum jüdischen Kindertransport „Once I was a Münchner Kindl“ fand große Resonanz, worauf die Autorin sich entschloss, ihre Recherchen im vorliegenden Buch zu verarbeiten.
Buchdaten: sind oben ersichtlich
ISBN: 3-8289-0602-8
Ich habe meines sehr günstig als Mängelexemplar um 4 Euro bei A&M (Weltbild Ö) gekauft.
Wertung:
Wie beurteilt man nun ein solches Buch?
Ich würde sagen, gar nicht. Es spricht für sich selbst.
Dennoch, da meine Buchberichte schon dahingehend „kritisiert“ wurden, dass ich zu wenig werte:
Dies ist ein Buch, das jeder gelesen haben sollte, der ein Gefühl dafür bekommen möchte, was Menschen fähig sind, einander anzutun. Das ganze Spektrum nazistischer Verirrungen kommt darin vor. Und anhand der Fotos und wörtlichen Kommentare von Betroffenen gewinnt man einen Einblick, was es bedeutet hat, in diese schreckliche Zeit hineingeboren zu sein. Mich hat am meisten die Kraft beeindruckt, über welche die Opfer verfügt haben müssen, um trotz allem ihr Leben so gut zu bewältigen. Das Unfassbare wird durch dieses Buch ein wenig mehr greif- und begreifbar, wenn auch niemals verständlich. Ein erschütterndes, zeitgeschichtliches Dokument.
April, 12.02.2006
Ein sehr wichtiger Bericht! Das Vorwort von Michel Friedman kann ich nur unterstreichen!!! Habe ihn letztes Jahr mal in Frankfurt bei einer Hochzeit getroffen. Wieder ein sehr, sehr guter Bericht von Dir! Man bekommt es einfach nie und nimmer in den Kopf w
Leseratee, 12.11.2005
Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Inhalt des Buches überhaupt ertragen könnte. Es macht mich schon krank, wenn ich Filme oder Dokumentationen aus dieser Zeit anschaue. Warum ich es trotzdem tue - weil es mich enorm ärgert, wie Menschen mit Menschen umge
Travelwriter, 09.11.2005
Es gibt schon viele Bücher und Filme über das Dritte Reich. Aber so richtig wird das damalige Drama erst verstanden werden, wenn es aus der Sicht jeder menschlichen Perspektive beschrieben wurde und damit auch nachfühlbar gemacht wird. Und das von dir vorg
ein Testbericht von IngeborgFeustel2009-04-27 13:06:09vom 27.04.2009Empfehlung: ja
Vorteile: Es gibt Menschen, welche bedingungslos Helfen ohne an sich und an die Folgen zu denken. Mütter und Väter treffen eine Entscheidung die fast ihr Herz zerreißt. Sehr viel Gefühl!...Nachteile/Kritik: nichts
Bisher habe ich schon viele Bücher über die Erfahrungen verschiedener Menschen im zweiten Weltkrieg gelesen. Dieses hier faszinierte mich auf eine ganz besondere Weise.
Ersteinmal zum Hintergrund des Buches:
Man kennt viele Detail aus dem schlimmsten Vernichtungszeitalter seit Menschengedenken. Doch dieses beispiellose Rettungsaktion war mir auch neu. In den Jahren 1938/39 nahm England 10.000 jüdische Kinder auf um deren Leben zu retten:
Klappentext:
"Eine lange Zeit kaum beachtetes Kapitel des Holocaust
Es war eine beispiellose Rettungsaktion:
1938/39 erklärte England sich bereit, rund zehntausend jüdische Kinder vor der Verfolgung durch die Nazis zu bewahren. Die meisten von ihnen sollten ihre Eltern niemals wiedersehen...
In diesem Buch schildern viele der damaligen Kinder in großer Offenheit ihre außergewöhnliche Kindheit, in der Glück und Unglück so nahe beieinander lagen. Und sie erzählen von ihren Schuldgefühlen gegenüber den Angehörigen, die zurückgeblieben und umgebracht wurden."
Da ich selbst Mutter einer kleinen Tochter bin, hat mich dieses Buch extrem berührt. Viele Abbildungen der Kinder, Briefe an die Eltern, Dokumente und ihre erzählten Schicksale gehen sehr nah.
Was in diesen kleinen Wesen vor sich geht, wenn die Eltern weinend auf dem Bahnsteig stehen und sie selbst im wegfahrenden Zug sitzen, mag man sich nicht vorstellen. Manche waren noch Kleinstkinder.
Mir zerreißt es das Herz wenn ich mir vorstelle was die Eltern gefühlt haben müssen. Ihnen blieb nichts anderes übrig als an die guten Absichten der Helfer zu glauben und sich fest einzureden, dass sie ihre Kinder retten indem sie sie nach England schicken. Es herrschte völlige Ungewissheit darüber ob sich Eltern und Kinder überhaupt noch einmal wiedersehen werden und wenn ja, dann wann?
12 Einzelschicksale werden erzählt von den einst 10000 geretteten Kindern. Die Autorin Anja Salewsky trifft sich mit ihnen und erfährt unfassbare Geschichten. Nachdem ihre Rundfunksendung "Once I was a Münchner Kindl" ein solches Interesse erfuhr, fasste sie ihre jahrelangen Recherchen in diesem Buch zusammen.
Es wird von ihrem Leben, ihrer Familie und Eltern im Nazideutschland erzählt. Vom Abschied und der Fahrt nach England und dem Leben auf der Insel. Manche Kinder kamen bei Familie unter, manche wurden in speziellen Heimen untergebracht. Manche Kinder erlebten eine gute Zeit, andere hatten nicht soviel Glück. Doch haben sie ihre Eltern wiedergefunden? Haben die Eltern überlebt? Diese Frage stellt man sich bei jedem Schicksal und liest gespannt bis zur letzten Seite.
Das Vorwort schrieb Michael Friedman 2001 als er noch Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland war.
Die Einleitung beginnt mit dem jüdischen Spruch aus dem Talmud:
"Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt."
Auf insgesamt 284 Seiten erfährt man Erinnerungen an den jüdischen Kindertransport nach England, welche mit sehr viel Gefühl und interessantem Hintergrundwissen in einer sehr spannenden Art und Weise rübergebracht werden.
Ich habe dieses Buch verschlungen, meine Tochter in den Arm genommen, geküsst und im Stillen dafür gedankt, dass uns dieses Schicksal (hoffentlich) verschont bleibt.
...
frankensteins, 15.05.2009
man darf gar nicht daran denken, wie unseren Eltern und Großeltern die Jugend gestohlen wurde. Solche Bücher sollten zur pflicht Lektüre in den Schulen werden, damit es nie vergessen wird, in was für einem Paradies wir heute leben dürfen. lg
Bunny84, 27.04.2009
Sehr Hilfreich. Wünsche dir einen schönen Start in die neue Woche. Lg Anja
PS: Freue mich über Gegenlesungen
teufelskrieger, 27.04.2009
Habe das Buch auch gelesen, sehr zu empfehlen. Super Bericht, eine besonders wertvoll von mir
1-2 von 2 Testberichten über Anja Salewsky: ''Der olle Hitler soll sterben''
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