Na ja, wie kamen wir dazu uns einen schwarz/weiß Film anzusehen, der sogar noch älter ist als wir? Auch diese Frage ist schnell beantwortet, zumal ja fast jeder weis, dass wir uns das Buch „Geschichte im Film – Film in der Geschichte“ gekauft habe, wobei ich darin auf den sehr interessanten schwedischen Regisseur Ingmar Bergman gestoßen bin, dessen Filme sich unter anderem mit der Mythologie, der Suche nach Gott und dem Sinn des Lebens befasst, wobei er auch sehr viel Wert auf die Psyche, dem Seelenleben seiner Charaktere legt. Nicht zu vergessen die doch recht oft eingebauten Tag- und Alpträume, die zum Teil Angstzustände verursachen, mit welchen sich im Unterbewusstsein seine Figuren auseinanderzusetzen haben. Und weil gerade solche, psychologisch leicht angehauchte Filme, die einen tieferen Inhalt haben mich doch sehr interessieren, suchte ich, nachdem ich den Filmbericht dazu gelesen habe, nach der DVD „Wilde Erdbeeren“ aus dem Jahre 1957, den wir uns dann am Abend gemeinsam anschauten.
Nun zum Filminhalt
Man sieht den Mediziner und Biologe Isak Borg mit seinen 78 Jahren an einen sehr ordentlich aufgeräumten Schreibtisch sitzen, auf welchem Bilder seiner Familie aufgestellt sind, die er nacheinander den Zuschauern vorstellt, wobei er gleich hinzufügt, dass seine Familie es nicht immer leicht gehabt hat mit ihm, zumal er sehr penibel und akkurat ist, was, so nimmt er es in Erwägung, eventuell auch mit seinem Beruf zusammengehängt hat. Ja, tüchtig ist er, denn nicht umsonst wird er in Lund, in den nächsten Tagen, für seine Forschungsarbeit ausgezeichnet.
Mit einer schweren, tragischen Musik in Moll, laufen zunächst die Schriften ab, wobei man dann Isak Borg im Bett liegen sieht, wie er sich angstvoll umschaut, und von seinem Traum zu erzählen anfängt.
Er geht ohne Orientierung eine Gasse entlang, wobei er zu einer großen Uhr aufschaut, die keine Zeiger mehr hat, woraufhin er einen Blick auf seine Taschenuhr wirft und feststellt, dass auch auf ihr die Zeiger fehlen. Angstvoll schaut er sich um und nochmal auf diese große Uhr, wobei man ein lautes ticken einer Uhr hört, und er fast schon rastlos, so hat es den Anschein, verwirrt die Gasse entlangläuft, sich denn wieder umdreht, und einen Mann stehen sieht, der ihm den Rücken zugewandt hat. Isak fasst diesem Fremden an die Schulter, woraufhin sich dieser umdreht, und er mit einem angstvollen, entsetzten Gesichtsausdruck in ein geister- maskenhaftes Gesicht blickt. Nur einen kurzen Moment wärt dieser Augenblick, wobei dieser Fremde zusammenfällt und sich aufzulösen beginnt.
Jedoch der Traum ist noch nicht zu Ende. Nun kommt noch ein Fuhrwerk ohne Kutscher mit einem Sarg darauf die Gasse entlang, wobei dieses mit einem Rad an einem Laternenpfad hängen bleibt, der Sarg in Bewegung kommt, und auf den Boden knallt. Als Isak sich dem Sarg nähert, sieht man das der Sargdeckel verschoben ist, und eine Hand zunächst nur mal herausschaut, sich aber öffnet und ihn schließlich auch packt. Gleichzeitig rückt der Sargdeckel zur Seite, woraufhin sich der Tote als Isak entpuppt, ihn Auge in Auge anstarrt, wobei er sich selber im Sarg liegen
sieht.
Eine schaurige, ja schon gruselige Szene und das schon in den ersten Minuten.
In diesem Moment wacht Isak im Bett aus seinem Traum auf, woraufhin er sich erst richtig sammeln muss, und dann seine langjährige Haushälterin Agda (Jullen Kindahl) weckt, die ihm sein Frühstück richten soll, weil er kurzentschlossen mit dem Auto, und nicht wie vorgesehen mit dem Flugzeug in Lund ankommen möchte. Es gibt einen kleinen Streit oder auch nur eine Meinungsverschiedenheit deswegen, da Isak eine sehr bestimmende, autoritäre und dominierende Person ist, was jedoch seine Haushälterin sicher schon oft zu spüren bekommen hat, verhalten sich die zwei wie ein langjährig verheiratetes Ehepaar.
Na jedenfalls nimmt er das Auto, wobei er seine Schwiegertochter Marianne (Ingrid Thulin) mitnimmt, mit welcher er sich nicht gut versteht, was jedoch auf Gegenseitigkeit beruht. Ganz kurz erklärt, warum Marianne ihren Mann Evald (Gunnar Björnstrand) verlassen hat.
Okay, da kann man Unterschiedlicher Meinung sein, wenn ich behaupte, dass der Sohn irgendwann die Wesenszüge seines Vaters annimmt, wobei ihr Mann jetzt schon, genauso wie ihr Schwiegervater, auf Prinzipien achtet, hartherzig und egoistisch, ja wie ein Steinklotz ist, wobei sie ihm hörig sein muss. Marianne ist jedoch eine Person die weis was sie will, wobei sie ihrem Schwiegervater freiweg sagt, warum sie mit ihm nicht so zurechtkommt. Es ist einfach seine hartherzige, egoistische Art, sozusagen möchte er nichts von seinen Kindern erfahren, wie es um sie steht und wie es ihnen geht. Sozusagen lebt und interessiert er sich nur für sein Ich. Und als er Marianne seinen Traum erzählen möchte, blockt diese genauso ab und zeigt kein Interesse.
Isak zeigt voller Stolz seiner Schwiegertochter das Ferienhaus, in welchem er und seine Geschwister in den Sommermonaten bei Tante Olga (Sif Ruud) und Onkel Aron ( Yngve Nordwall) und deren Kinder gewohnt hat. Und irgendwie sieht man es Isak an, dass er sich sehr gerne an diese Zeit zurückerinnert, an den Platz wo die Wilden Erdbeeren wuchsen, lässt er sich nieder, wird sentimental und fängt dann zu träumen und fantasieren an, schwelgt in Erinnerungen so wie es früher einmal war.
Er sieht seine Jugendliebe Sara (Bibi Andersson) mit Sigfrid (Per Sjünstrand) seinem Bruder, der das große Gegenteil vom Wesen als er ist, sieht er wie sein Bruder ihr schöne Augen macht, wobei die beiden dann später heiratet, obwohl sie Isak lieber geheiratet hätte. Als Beobachter tritt Isak in das Haus ein, und sieht, wie es bei Tisch zugegangen ist, als Tante Olga das Regiment führt und an jedem etwas auszusetzen weis.
Als Isak wieder aus seinen Tagträumen erwacht, steht ein junges, hübsches Mädchen, das genau die gleichen blonden Haare hat, wie es seine Jugendliebe gehabt hat, sogar den gleichen Namen trägt, neben ihm. Fröhlich unterhalten sich die zwei, worauf Sara Isak bittet, sie und ihre zwei Begleiter, Anders (Folke Sundquist) ein Theologie- und Viktor (Björn Bjelfvenstam) ein Medizinstudent, ein Stück mitzunehmen, da sie auf den Weg nach Italien sind.
Isak beobachtet die jungen Leute im Rückspiegel, wie sie ausgelassen und fröhlich sind, gar übermütig herumalbern, wobei so hat man den Eindruck, wenn man Isak´s Gesichtsausdruck nachverfolgt, schwelgt er in Erinnerungen, fühlt sich in seine eigene Jugendzeit zurückversetzt.
Plötzlich, Isak hat noch ein lächeln auf den Lippen passiert ein Verkehrsunfall, bei welchem der Wagen, der ihnen entgegenkommt, sich überschlägt. Zum Glück ist niemand etwas passiert, nur das eben das Auto nicht mehr fahrtüchtig ist, woraufhin Isak diesem zänkischem Ehepaar anbietet, dass sie ein Stück mitfahren können. Im Wagen geht die Streiterei der Eheleute Almans (Gunnel Broström, Gunnar Sjöberg) weiter, wobei der Mann, der ein Ingenieur ist, seine Frau zynisch aufzieht und sie lächerlich macht. Isak schaut dabei betrübt zum Fenster hinaus, denkt über sein Leben nach, wie er seine Frau und Familie behandelt hat, woraufhin Marianne seiner Frau ihr Mitgefühl ausdrückt, wobei sie zu verstehen gibt, dass sie genau weis, wie sie sich fühlt. Unterwegs noch fordert Marianne die beiden auf das Auto zu verlassen.
Unterwegs müssen sie noch den Wagen auftanken, wobei ihn das Tankwart Ehepaar erkennt, ihn zu schätzen weis, ja, Isak förmlich aufblüht, es ihm gut tut, wobei er feststellt, dass er früher ein ganz anderer Mensch war, als er noch seine Stelle als Kreisarzt in dieser Gegend hatte.
Ja, und als sie sich unterwegs eine Stärkung gönnen, und zusammen an einem Tisch sitzen, dringt sogar bei Isak die Fröhlichkeit, das unbeschwerte durch, was, so bin ich der Meinung, die Anwesenheit der drei jungen, froh gelaunten Leute, einschließlich seiner Schwiegertochter hervorruft. Über Gott und die Welt, den Sinn des Lebens wird sich unterhalten und nachgedacht, wobei Anders, der Theologiestudent folgenden philosophisch tiefgründigen Reim parat hat:
„Wenn so viel schönes sich in jedem Herzen zeigt, wenn so viel schönes auf zum Himmel steigt, wie schön muss erst der Quell der Unerschöpflich Reine sein“.
Etwas melancholisch, ja fast schon wehmütig fügt Isak hinzu, wobei seine Schwiegertochter diesen wunderschönen Vers zu Ende bringt:
„Wo ist der Freund, den ich überall schon suchte, nachdem mein Herz am Morgen schon verlangt.
Für den, den Abend ich verfluche, um den es in der Nacht mich bangt.
Ich seh die Spur, solang die Blumen blühen. Im Dunkeln nur wird es dich zu mir ziehn.
Noch bist du weit, ich weis nicht wo du bist; doch wirst du wieder bei mir sein, wenn erst der Sommerwind dem Herbst gewichen ist“.
Na, auf jeden Fall macht Isak und seine Schwiegertochter noch einen kurzen Besuch bei seiner 96jährigen Mutter (Naima Wifstrand), bevor sie ihre Fahrt nach Lund fortsetzen. Ein Gewitter zieht auf, als sie zum Haus von Isaks Mutter kommen, wobei dies schon mal eine recht düstere Stimmung voraussagt, die sich auch am Ende bewahrheitet. Okay, mit ihren 96 Jahren geht sie nicht mehr selber zur Tür, sodass eine Hausangestellte den beiden öffnet, wobei Isak geradewegs auf seine Mutter zugeht und Marianne noch in der Tür stehen bleibt. Ich weis nicht wie ich es in Worte fassen soll, denn das was Isaks Mutter von sich gibt, hört sich für Marianne und Isak gleichermaßen schockierend an. Denn wenn es Isaks Frau ist, sozusagen die Schwiegertochter, soll er sie wegschicken, denn sie möchte sie nicht sehen. Kaltherzig ist in diesem Fall noch sehr milde ausgedrückt. Eiskalt, ja bitterkalt, wobei das knöcherne, verbitterte Gesicht, und der harte, beherrschende Ton, alles weitere sagt. Ist es in diesem Fall verwunderlich, dass keiner ihrer Enkel mal bei ihr vorbeischaut? Außer nur, wenn sie Geld von ihr wollen. Und da kommt nur Evald, der Schulden bei seinem Vater hat. Auf jeden Fall mustert sie Marianne von oben herab, wobei sie sich die große Schachtel bringen lässt, darin sie verschiedene Gegenstände, Spielsachen, Fotografien, und unter anderem eine Taschenuhr ohne Zeige die Isak erschaudern lässt, gesammelt hat. Und jetzt schwelgt auch sie in der Vergangenheit, wobei ihr Ton der gleiche bleibt, eben hartherzig und kalt.
Und weiter geht die Autofahrt, wobei der Medizin- und der Theologiestudent über Glaubensfragen streiten, ja sich deswegen sogar in die Haare bekommen, wobei sich Isak Gedanken macht, wie das ewige Gericht mal über ihn richten wird. Angst überkommt ihn, als ihm seine schlechten Charaktereigenschaften vor Augen geführt werden, nämlich kaltherzig, gefühlsarm und selbstgefällig zu sein, die oft seine Nächsten zu spüren bekommen haben, wobei seine Strafe Einsamkeit lautet.
Er bittet um Gnade, aber die bekommt er nicht, die muss er sich selber verdienen.
Als Marianne und Isak zu zweit im Auto sitzen, erzählt sie ihm, wie sehr sie sich erschrocken, ja gefürchtet hat, über eine so kaltherzige, lieblose Person, die Isaks Mutter ist. Im Gleichen Zug erzählt sie ihm, warum sie sich von Evald getrennt hat, nämlich weil sie die Befürchtung hat, dass er genauso wie sein Vater wird, wobei eine gewisse Prägung schon vorhanden ist. Das macht ihr Angst, zumal er das Kind das sie erwartet nicht haben will, weil er jetzt schon weis, dass er mal genauso sein wird wie sein Vater, wobei ihm, falls sie das Kind auf die Welt bringt, in diesem Fall sein Tod ihm lieber ist.
Nun zu meiner eigenen Meinung
Soll man dazu sagen, dass die Familie Borg geprägt ist, von Hartherzigkeit, Gefühlskälte und Egoismus? Sozusagen diese Untugenden an die nächste Generation weitergegeben werden? Da muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich in dieser Hinsicht im Zweifel bin, zumal meinem Mann und mir diese Charakterzüge mehr als bekannt vorkommen.
Meiner Meinung nach hat Isak Borg zwei Gesichter. In der Familie als strenges, autoritäres Familienoberhaupt, wobei er gegenüber seinen Patienten ein gefühlvoller und verständnisvoller Arzt war, dem die Leute heute noch dankbar sind.
Ich würde es so sagen, dass jeder Erfolg seinen Preis hat. So war Isak beliebt und sehr geschätzt bei der Bevölkerung, nur leider hat er dabei seine eigene Familie vergessen, was ihm an seinem Lebensabend bewusst wird.
Und da wären wir wieder am Anfang der Geschichte, denn dass er Uhren ohne Zeiger erblickt, sozusagen seine Zeit schon abgelaufen ist, wobei es kein zurück und keine Zeit mehr gibt um seine Fehler wieder gut zumachen, und er sich schon im Sarg liegen sieht, das rüttelt ihn im gewissermaßen wach, über sein gelebtes Leben nachzudenken, überdenken und Revue passieren zu lassen, wobei ich der Auffassung bin, dass er das nahe Ende schon spürt. Mit der Welt, seinen nächsten Angehörigen möchte er Frieden schließen, als er beschließt mit dem Auto nach Lund zu fahren, wobei er selber gar keinen Wert auf die Auszeichnung legt, die ihm dort verliehen wird. Ihm wäre es im Nachhinein Hundertmal lieber gewesen, wenn er Kreisarzt geblieben wäre, was er an der Tankstelle zum Ausdruck bringt, als er sagt: es wäre besser gewesen wenn ich nicht weggegangen wäre.
Okay, ich hab ja ein paar Absätze weiter oben geschildert, dass uns, meinem Mann und mir, die ganze Sache ziemlich bekannt vorkommt.
Dass mein Mann zu seinem Vater und ich zu meinem Schwiegervater mehr nur zum Schein als Sein, ein verwandtschaftliches Verhältnis geführt haben, ist wohl nicht unsere Schuld, zumal sein guter Charakter verloren ging, je höher er die Karriereleiter erklomm. Ich lernte ihn nur als einen rechthaberischen, kompromisslosen, egoistischen und Gefühlskalten Schwiegervater kennen, der ca. 14 Tage vor seinem Tod uns überraschend als gutmütiger, gefühl- und verständnisvoller Vater/Schwiegervater besuchte, so wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Das hört sich zwar jetzt etwas eigenartig an, jedoch das was er uns damals erzählte handelte von früher, wobei er seinen Sohn, sprich meinen Mann um Verzeihung bat, in den Angelegenheiten, in welchen er über- oder falsch reagiert hat. Und ich, ich sah mich in der Rolle der Marianne wieder, die wohl am Anfang da war, aber nicht so recht von ihm geduldet wurde. Eigenartig, ganz komisch war uns hinterher zumute, zumal unser Schwiegervater/Vater bis dato nur als unzulängliche, gefühlskalte, zynische Person uns entgegen getreten ist. Ob er sich auch schon im Sarg liegen gesehen hat? Man weis es nicht. Auf jeden Fall so hab ich wenigstens den Anschein, wollte er mit seinem Gewissen reinen Tisch machen, bevor er seinem Schöpfer gegenüber tritt.
So habe auch ich und mein Mann diesen Film „Wilde Erdbeeren“ empfunden, dass Isak, der im Film nicht als Ekel dargestellt wird, sondern als eine umgängliche Person, wobei er mit seinem Seelenleben klar Schiff macht, er in sich hineinhört, was er falsch gemacht hat.
Kann sein, dass deswegen uns dieser Film „Wilde Erdbeeren“ unwahrscheinlich super gut gefallen hat, weil wir uns in Isak, Marianne und Evald hineinversetzen, mitfühlen konnten, sozusagen es für uns schon wie eine Art Seelenverwandtschaft ist. Einmalig schön, gefühlvoll und warmherzig, so haben wir diesen Film empfunden, auf welchen wir erst aufmerksam wurden, nachdem wir den Filmbericht zu „Wilde Erdbeeren“ gelesen haben. Danach war für uns klar, dass bei Gelegenheit diese DVD her muss, auch wenn es nur ein schwarz/weiß Film ist. Nicht allein die Farbe macht einen Film gut, vielmehr ist es der Inhalt auf welchen es ankommt. Als sehr Anspruchsvoll und sehr empfehlenswert, so würde ich ihn einstufen, für all jene, die sich mit dem tieferen Sinn es Lebens auseinander setzen wollen. Ein einmalig wunderschöner Film, wie es einen zweiten recht selten gibt.
Drehbuch: Ingmar Bergman
Musik: Erik Nordgren, Göte Lovén
Director of Photography: Gunnar Fischer
Montage: Oscar Rosander
Produktionsdesign: Gittan Gustafsson
Darsteller:
Victor Sjöström (Prof. Isak Borg)
Bibi Andersson (Sara)
Ingrid Thulin (Marianne Borg)
Gunnar Björnstrand (Evald Borg)
Jullan Kindahl (Agda)
Folke Sundquist (Anders)
Naima Wifstrand (Isaks Mutter)
Dieser Film wird am 23.02.2010 in ARTE um 14.45 Uhr ausgestrahlt
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giselamaria, 24.02.2010
ein wunderbarer Bericht - ich habe auch Teile dieses Films letztens gesehen.... ich fand ihn auch sehr gut, das Buch kannte ich aber nicht - LG Gisela-
fantagirlie, 23.02.2010
ein wirklich toller Bericht. Liebe Grüße und einen schönen Dienstag wünsche ich Dir
Zicke09, 25.02.2010
einen schönen tag noch. schöne grüße aus bregenz lg moni
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Ein Toter, der doch lebt
ein Testbericht von wildheart2005-04-04 17:58:52vom 04.04.2005Empfehlung: ja
Ein versteckter Ort. Nur zu finden für den, der auch sucht, zu richtigen Zeit. Smultronstället, der Ort, an dem die wilden, süßen Erdbeeren wachsen. Wer sie findet, kostet vom Leben, vom Baum der Erkenntnis. Ein seltener Ort, ein privater Ort für den, der er ihn entdeckt. Ein Ort, den man vor anderen lieber geheim hält.
Isak Borg, der Mediziner, Biologe, ist alt geworden. 78 Jahre alt. Nun soll er für seine Forschung ausgezeichnet werden, in Lund. Isak Borg hat einen Traum. Er sieht sich selbst in einem ihm fremden Stadtteil von Stockholm. Er hat die Orientierung verloren. Ein Sarg fällt von einer Kutsche, weil sie an einem Laternenpfahl mit den Rädern hängen bleibt. Der Sargdeckel öffnet sich. Eine Hand schaut heraus, bewegt sich, reicht sich Borg. Der Körper des Toten erscheint. Es ist Borg selbst, der im Sarg liegt.
Der Alptraum – fantastisch traumhaft von Bergman in dieser entfremdeten Mischung aus Schwarz und Weiß und grellem Licht visualisiert – veranlasst Borg, nach einem Streit mit seiner langjährigen Haushälterin Agda (Jullan Kindahl), die die Ichbezogenheit des Professors seit Jahren an Leib und Seele zu spüren bekommen hat, nicht mit dem Flugzeug nach Lund zu fliegen, sondern das Auto zu benutzen. Mit seiner Schwiegertochter Marianne (Ingrid Thulin), die ihren Mann verlassen hat, Borgs Sohn Evald (Gunnar Björnstrand), macht er sich im sommerlichen Schweden auf den Weg über Östergötland und den See Vättern in den Süden des Landes bis Lund, das kurz vor Malmö liegt.
Borgs Reise im Angesicht des nahen Todes wird zu einer Suche, einer nach seinem Leben und nach dem, was ihm und anderen an ihm entgangen ist. Er sei ein egoistischer Steinklotz, sagt Marianne zu ihm, und nicht nur sie ist der Meinung, dass Borg sein Leben lang nur an sich gedacht hat. Ihr Mann, sein Sohn, sei aus dem selben Holz geschnitzt wie der Vater, ein eiskalter Mensch, von dem sie sich trennen musste, um den Qualen ihrer Ehe zu entgehen.
Bergman schildert diese Reise – heute würde man vielleicht von einem Roadmovie sprechen – als eine, in der die seelische Innenwelt Borgs sich mit den äußeren Ereignissen auf der Reise zu einer fast homogenen und kaum voneinander unterscheidbaren Fahrt in die eigene Vergangenheit verschmelzen. Borg zeigt Marianne das Ferienhaus, in der er und seine Geschwister viele Sommer bei Tante Olga (Sif Ruud), Onkel Aron (Yngve Nordwall) und deren Kindern verbracht haben. Borg phantasiert, träumt die Szenen seiner Jugend. Sara (Bibi Andersson) sieht er, seine Jugendliebe, mit Sigfrid (Per Sjöstrand), der ihr nachsteigt und sie später heiratet, die doch ihn heiraten wollte. Eine andere Sara unterbricht seine Träume (ebenfalls gespielt von Bibi Andersson), hübsch, blond, lebhaft, die ihn bittet, auf ihrem Weg nach Italien sie und ihre beiden Begleiter, Anders (Folke Sundquist), der Pfarrer werden will, und Viktor (Björn Bjelfvenstam), der Arzt werden will, mitzunehmen.
Das Junge, Frische, Streitbare, das Freundschaftliche, das Lebendige tritt noch einmal in Borgs Leben, die Erinnerung an eine fast unbeschwerte Kindheit und Jugend, von der er so weit entfernt scheint. Ein Verkehrsunfall unterbricht die heitere Stimmung jäh. Ein
streitendes Ehepaar, die Almans (Gunnel Broström, Gunnar Sjöberg), kommt von der Straßen ab, der Wagen überschlägt sich, fährt nicht mehr. Borg und Marianne nehmen beide mit. Aber als deutlich wird, wie zänkisch und zynisch die Almans miteinander umgehen, setzt Marianne beide wieder auf die Straße.
Als ob durch die Erlebnisse auf der Fahrt nach Lund und seine erinnernden Träume sein gesamtes Leben in Episoden noch einmal – in Gestalt anderer – vor ihm abläuft, differenziert sich bei Borg das „Gute” vom „Schlechten”, das Harte vom Weichen, das Schöne vom Hässlichen. Der Besuch bei seiner 96-jährigen Mutter (Naima Wifstrand) wird für Marianne zu einer Art wachem Alptraum – angesichts dieser kühlen, hartherzigen Frau, deren Kinder bis auf Isak Borg alle tot sind, deren Enkelkinder sie fast nie besuchen kommen, einer Frau, die ihre Wohnung zu einem Sammelsurium von Gegenständen gemacht hat, die sie an das Vergangene erinnern sollen – in aller Härte, die sie anderen vermittelt hat.
Während Anders und Viktor um die Richtigkeit von Glauben oder Wissen streiten und prügeln, träumt Borg seine Verurteilung wegen Kaltherzigkeit, Gefühlsarmut und Selbstgefälligkeit. Auch die Strafe ist schon vorgesehen: Einsamkeit.
Marianne resümiert: Borgs Mutter sei kalt, ihr Mann Evald sehne sich nach dem Tod und nicht nach dem Kind, das sie unterm Herzen trage, und Borg habe richtig gesagt, er sei ein lebender Toter.
Trotz allem ist „Smultronstället” nicht etwa ein melodramatischer Film, keine nur schwer verdauliche Reise durch das Innenleben eines alten Mannes oder gar trockene psychologische Studie. Weit davon entfernt. Die Balance zwischen der Schwere eines egozentrisch anmutenden Lebens und der Leichtigkeit, mit der Bergman diese Geschichte erzählt, erfüllt den Betrachter mit einer Mischung aus Sehnsucht und Lebensfreude, Schmerz und Verständnis. Borg wird eben nicht als kaltes Ekel präsentiert, sondern als Mensch, der sich in seiner Ichbezogenheit ein Stück Freiheit bewahrt hat. Dass er sich dabei über andere hinweggesetzt hat und nicht in der Lage war, eine innige Beziehung zu auch nur einem Menschen einzugehen, drückt die Tragik seines Lebens aus. Die andere Seite jedoch ist genauso wichtig. Denn auch alle anderen haben Borg nie verstanden.
Die Augen sind in „Smultronstället” in gewisser Weise die Hauptakteure, die Blicke der Personen zueinander, in die Vergangenheit, ins Innere, in die Abgründe wie in die Freuden. Borg blickt auf Sara, auf seine Frau Karin und deren Liebhaber, in die Gesichter der Familienmitglieder, in die Mariannes und seiner Mitfahrer. Das Auge wird zum zentralen Ort der Erinnerung, des Gefühls und der Erkenntnis. Das Visuelle ermöglicht eine Rekapitulation des Gewesenen. Doch es bewirkt ebenso, dass beim Sehen und durch das Sehen die Schleier fallen, die es behinderten. Auch Marianne erkennt z.B. auf dieser Reise, dass ihr Schwiegervater ein im Grund seines Herzens liebevoller Mensch ist. Wenn man so will, ist „Wilde Erdbeeren” auch eine Reise in diese seelischen Gefängnisse, in die Gefangenschaft, in der Menschen stecken und in die sie sich begeben, auch in bezug auf die Beurteilung anderer, die Gefühle, die man anderen gegenüber wegen deren Verhaltens hegt.
Nicht umsonst zählt „Wilde Erbeeren” zu Bergmans gelungensten Filmen.
Wertung: 10 von 10 Punkten.
Prädikat: Besonders wertvoll.
Der Film liegt jetzt auf einer von der Redaktion der Süddeutschen Zeitung herausgegebenen DVD vor, in einer Reihe zusammen mit 49 weiteren Filmen unter dem Motto „50 Liebslingsfilme der SZ-Kinoredaktion”. Die DVDs dieser Reise enthalten kein Bonus-Material, kosten aber im Einzelverkauf lediglich € 9,99. Nähere Informationen unter:
http://www.sz-mediathek.de, dort unter Cinemathek. Bei amazon erhält man diese DVDs inzwischen sogar noch 2 Euro billiger.
Drehbuch: Ingmar Bergman
Musik: Erik Nordgren, Göte Lovén
Director of Photography: Gunnar Fischer
Montage: Oscar Rosander
Produktionsdesign: Gittan Gustafsson
Darsteller: Victor Sjöström (Prof. Isak Borg), Bibi Andersson (Sara), Ingrid Thulin (Marianne Borg), Gunnar Björnstrand (Evald Borg), Jullan Kindahl (Agda), Folke Sundquist (Anders), Björn Bjelfvenstam (Viktor), Naima Wifstrand (Isaks Mutter), Gunnel Broström (Frau Alman), Gertrud Fridh (Isaks Frau), Suf Ruud (Tante Olga), Gunnar Sjöberg (Sten Alman), Max von Sydow (Henrik Åkerman), Per Sjöstrand (Sigfrid Borg), Yngve Nordwall (Onkel Aron)
Internet Movie Database:
http://german.imdb.com/title/tt0050986