„Wenn die Weltmeere umkippen, dann ist das auch unser Ende”, verkündet Teenager Rebecca (Kelli Garner) im Debattierclub der Schule einer Kleinstadt in Oregon. Wenn einer mit 17 Jahren noch am Daumen lutscht, wie ihr Schulkollege Justin (Lou Taylor Pucci), dann ist das eine mittlere Katastrophe für seine Umgebung. Trotz solcher welterschütternder Themen, lässt es Mike Mills in seinem Debutfilm ruhig zugehen. Mills, der bis dahin vor allem Musikvideos, Werbeclips, Kurzfilme und Dokumentationen gedreht hatte, schildert die Geschichte Justins und zugleich die seiner unmittelbaren Umgebung, seiner Familie, Schulfreunde, Lehrer und des Zahnarztes Lyman (Keanu Reeves) in einer erstaunlich unaufgeregten und nicht eklektizistischen Weise.
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Justin, der Thumbsucker, muss gestört sein, darin sind sich alle einig. Und auch sein Lehrer Geary (Vince Vaughn), die Rektorin, seine Eltern (Vincent D'Onofrio, Tilda Swinton) und sein psychologisierender Zahnarzt, der ihm alle paar Wochen die Zähne richten muss, meinen, es müsse etwas unternommen werden. Selbst Justins kleiner Bruder Joel (Chase Offerle) glaubt, Justin habe eine Riesenmacke, weil der noch nie mit einem Mädchen gevögelt habe.
Papa Mike ist Manager bei Gart Sports, Mama Audrey ist Psychologin. Die Jungens reden beide mit dem Vornamen an, weil sie sich sonst zu alt fühlen würden. Justin träumt von Rebecca, und Rebecca verlangt absolute Ehrlichkeit von ihm – was wohl eher darauf hinausläuft, Justin solle sich ihr voll und ganz offenbaren. Lehrer Geary will seinen Schul-Debattierclub, der auch öffentlich auftritt, zur Höchstform vervollkommnen, und Rebecca ist die absolute Spitzenkraft in diesem Club.
Alles wird anders, als Hobbypsychologe Lyman Justin eine Hypnose verpasst. Justin soll sich ein Totemtier vorstellen, jedesmal wenn er das Bedürfnis verspürt, am Daumen zu lutschen. Das Reh wird zum Totemtier und das Versprechen Lymans, Justins Daumen würde nach Echinacea schmecken, wenn er ihn in den Mund führt, erfüllt sich gnadenlos. Sein ist die Rache, denkt Justin, der völlig aus dem Ruder gerät, und lässt seinen Zahnarzt bei einem Radrennen stürzen. Anlass genug für seine Umgebung, ihn einem Heilungsprozess zuzuführen. Justin leide an einer Aufmerksamkeitsdefizitsstörung. Man verpasst ihm Ritalin (eigentlich: Methylphenidat), das den jungen Mann in Überschallgeschwindigkeit zum schulischen Leistungsträger werden lässt. Er wird Debattierclub-Leader – zur Freude seiner Eltern und Gearys, der Rebecca als Leader verloren hat. Die gibt sich inzwischen irgendwelchen Drogen hin.
So verkehren sich die Verhältnisse. Noch mehr verkehrt sich oder wird offenbar. Mutter Audrey tritt eine neue Stelle in einer Promi-Psychiatrie an, in der auch Fernsehstar Matt Schramm wegen Kiffens behandelt wird. Und Vater Mike wie Justin befürchten, Audrey habe etwas mit dem Star. Joel enthüllt seinem Bruder, er fühle sich schon lange zurückgesetzt, weil es immer nur im Justin gehe. Und Rebecca spielt mit Justin Versuchskaninchen: Sie verbindet ihm die Augen beim Sex. Denn sie will nicht Justin, sondern nur neue Erfahrungen sammeln.
Justin lässt Ritalin weg und kifft. Das ist wenigstens ehrlicher. Und immerhin winkt ein Job auf einer Universität in New York zwecks Ausbildung zum Journalisten – etwas, was er allen verheimlicht hat.
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„Thumbsucker” ist Groteske und scharfsinnige Sozialkritik in einem. Hier wird jeder getrieben und glaubt, andere selbst zu treiben, vor allem treiben zu dürfen – zum Glück aller, versteht sich. Vater Mike entpuppt sich als unsicherer Kantonist, der schon lange befürchtet, seine Frau wolle ihn verlassen, liebe ihn nicht mehr etc. Mutter Audrey fühlt sich einsam in ihrer Familie, drängt auf einen neuen Job und verehrt heimlich einen mittelmäßigen Serienstar. Bruder Joel spielt sein Leben so normal, wie er es eben kann, um sich nicht anmerken zu lassen, dass er sich vernachlässigt fühlt. Schulfreundin Rebecca stürzt aus ihrer Leader-Rolle im Debattierclub ins Kiffen ab. Lehrer Geary merkt irgendwann, dass er Justin zu einem Monster gemacht haben könnte.
Und Justin? Versteht die Welt und versteht sie nicht. Mills
führt den Zuschauer fast leise, aber bestimmt in eine Welt, die wir alle kennen müssten – in die Welt, in der sich Menschen zwischen Höchstleistung und Versagen die Klinke in die Hand geben. Bäumchen wechsle dich – nur das Prinzip bleibt, wie es ist. Mike flüchtet sich in seine Arbeit aus Furcht vor dem Verlust seiner Frau und dann auch aus Angst, Justin könne besser sein als er, der er doch wegen einer Knieverletzung eine Football-Karriere an den Nagel hängen musste. Lang ist es her, aber so was von präsent!
Manches Mal ist es grauenhaft zu sehen, wie sich Schüler zur Höchstform im Debattierclub der Schule treiben lassen und selbst treiben. Justin stellt Mills als denjenigen dar, der zwischen völligem Versagen und absoluter Höchstleistung die Grenzen dieses Systems austariert – ohne es selbst zu wollen. Denn was in diesem Film jeder will oder nicht, bleibt völlig außen vor – außer bei Justin, der sich heimlich bei einer New Yorker Universität bewirbt. Heimlich, weil es ihm niemand zutraut, dem Daumenlutscher und gestörten Ritalin-Fresser. Dabei hegt der Regisseur des Films durchaus Sympathie zu seinen Figuren. Tilda Swintons wie Vincent D'Onofrios Charaktere Mike und Audrey sind keine verachtenswerten Gestalten, die einem zuwider werden könnten. Sie sind auch nicht einfach bedauernswerte Geschöpfe, für die man nur noch Mitleid haben könnte. Sie sind eher – wie auch Geary – zugleich Opfer und Täter eines Systems, deren Regeln sie selbst nicht (mehr) durchschauen können, eines Systems, in dem Gefühle nur noch Vehikel dieser Regeln zu sein scheinen, eines Systems, in dem ein exakt definierbarer Leistungsbegriff und damit auch das, was als „gesunde” Normalität einzig akzeptabel erscheint, zur absoluten Wahrheit geworden ist. Einzig Justin beginnt langsam zu verstehen, was seine Mitmenschen da treiben und was sie treibt. Zumindest hat er eine Ahnung davon. Als er das Ritalin in die Mülltonne schmeißt, nuckelt er wieder am Daumen – wenn auch nur im Schlaf im Flugzeug.
Soll er doch!! Der Echinacea-Geschmack ist verflogen. Andere kratzen sich laufend am Kopf, obwohl der nicht juckt, können sich nicht an Namen erinnern, obwohl es sich um die von bekannten Leuten handelt, oder lassen in bestimmten Situationen immer die gleichen Sprüche ab. Sollen sie doch!!
Bei alldem kommt die Komik kaum zu kurz – etwa als Justin, der seiner Mutter in der Psychoklinik nachspioniert, vom drogenabhängigen Serienstar Schramm erfährt, seine Mutter habe diesem unter Schmerzen geschmuggelte Drogen aus dem Hintern gezogen. Oder wenn Möchtegernpsychologe Lyman Justin alle Monate lang – sozusagen alle Nase lang – von seinem jeweils neuen Selbsterfahrungstrip erzählt.
Mills Bilder sind ebenso unaufdringlich wie die Geschichte selbst – versetzt mit Traumszenen (voller Kitsch, wie mit dem Reh, oder voller Wünsche, wie Justins Traum von Rebecca, die auf seinem Bett setzt und fragt: „Fickst du mich jetzt?”), schnellen Schnitten und einer Kamera, die sich immer sehr nah am Objekt und an den einzelnen Charakteren aufhält.
Gelungen.
DVD
Format: Dolby, PAL, Special Edition, Surround Sound
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Region: Region 2
Bildseitenformat: 16:9
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Splendid Entertainment/WVG
Erscheinungstermin: 30. März 2007
Den Film gibt es in zwei Versionen, eine DVD nur mit dem Film, eine Special Edition mit zwei Making Of's und Interviews mit Regisseur und Schauspielern, wobei es nett anzuschauen ist, wie sich einzelne Schauspieler in ihre Rolle einfinden. Das 40 Minuten lange Interview mit Walter Kirn und Mike Mills ist hoch interessant und zugleich lustig. Während die Tonqualität des DVD-Films nichts zu wünschen übrig lässt, hapert es ein bisschen beim Bild: Rauschen und ein bisschen zu viel Unschärfe deuten darauf hin, dass man sich hier nicht sehr viel Mühe gegeben hat. Die Preise zwischen zwölf und sechzehn Euro für die Scheiben gehen trotzdem in Ordnung.
Wertung: 9 von 10 Punkten.
Thumbsucker - Bleib, wie du bist
(Thumbsucker)
USA 2055, 96 Minuten
Regie: Mike Mills
Drehbuch: Mike Mills, nach dem Roman von Walter Kirn
Musik: Tim de Laughter
Director of Photography: Joaquín Baca-Asay
Montage: Haines Hall, Angus Wall
Produktionsdesign: Judy Becker
Darsteller: Lou Taylor Pucci (Justin Cobb), Tilda Swinton (Audrey Cobb), Vince Vaughn (Mr. Geary), Vincent D'Onofrio (Mike Cobb), Keanu Reeves (Perry Lyman), Benjamin Bratt (Matt Schramm),Kelli Garner (Rebecca), Chase Offerle (Joel Cobb), Arvin V. Entena (Perry Lymans Assistent)
Internet Movie Database:
http://german.imdb.com/title/tt0318761
Yvettte, 29.09.2009
Das Thema ist was für mich ! Danke und LG
Ich finde es furchtbar, wenn die Leute ihre Kinder mit Ritalin vollstopfen satt sich Zeit für sie zu nehmen o
fantagirlie, 22.04.2010
Liebe Grüße, einen angenehmen Donnerstag und ein nicht so stressiges Wochenende.
Danke für deine Gegenbewertungen in der vergangenen Zeit
morla, 28.09.2009
klasse bericht sehr ausührlich geschrieben der ist mir ein bw wert lg. petra
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Was ist normal?
ein Testbericht von XXLALF2010-05-07 08:48:57vom 07.05.2010Empfehlung: ja
Vorteile: Vorteile: Sehr interessanter Film...Nachteile/Kritik: Nachteile: keiner
Etwas "schräge" Filme haben es mir angetan, wobei ich erst vor kurzem "Thumbsucker - Bleib so wie du bist!" im Fernsehen gesehen habe, woraufhin ich nicht nur gleich an mein 8jähriges Patenkind denken musste, sondern auch an eine erwachsene junge Frau aus unserer Nachbarschaft, die eine ähnliche Eigenart an sich hat. Na ja, und da ich doch ab und zu auch DVDs ausleihe, suchte ich so lange bis ich diese fand, wobei ich mir diesen Film ein wiederholtes mal anschaute, sodass nun ein Bericht dazu folgen kann.
Inhalt des Film´s mit anschließender eigenen Meinung
"Thumbsucker" heißt mal schon übersetzt "Daumenlutscher", wobei es eigentlich nicht schwer zu erraten ist, um und über was sich diese Geschichte handelt. Wer am Daumen lutscht, ist Justin (Lou Taylor Pucci) ein 17jähriger Junge, der noch zur Schule geht, und sonst keinerlei Auffälligkeiten hat, nur eben das er in diesem Alter noch am Daumen lutscht. Nicht in der Öffentlichkeit, sondern zuhause, oder eben in Stresssituationen auf der Toilette. Peinlich ist es ihm ja selber, wobei er sich oftmals dabei ertappt, wie er am Daumen nuckelt. Viele wissen gar nichts von seiner Eigenart, oder sprechen ihn diesbezüglich nicht an, sodass es mehr oder weniger wie ein Geheimnis gehütet wird, weil es doch für einen 17jährigen ziemlich peinlich wirkt. Okay, viele Freunde, wenn überhaupt Freunde hat Justin nicht, sodass er mehr wie ein Einzelgänger wirkt, der wohl nicht sonderlich gemocht, dafür aber geduldet wird, zumindest in der Schule. Wer von dieser "Unart" weis, das sind die Eltern Audrey (Tilda Swinton) und Mike (Vincent D'Onofrio), der jüngere Bruder Joel (Chase Offerle), die Schulleitung, oder besser gesagt sein Lehrer Geary (Vince Vaughn) und eben der Zahnarzt Dr. Perry Lyman (Keanu Reeves), welchen er oftmals besuchen muss, damit dieser seine Zahnstellung wieder reguliert.
Alle wissen es besser, wie man dieses Problem beheben kann, wobei eigentlich seine Mutter die vernünftigste ist, und diesen "Tick" oder "Macke" oder wie man es noch nennen möchte, ganz klar gesagt "ignoriert". Vielleicht aus dem Grund, weil sie in einer Suchtklinik arbeitet, und weis, dass das zureden usw. nicht viel bringt, weil höchstwahrscheinlich Probleme dahinterstecken, über die er mit niemandem reden kann oder will, nicht mal mit seiner Freundin Rebecca. Erschwerend kommt dazu, dass er sich mitten in der Pubertät befindet, wo sowieso jeder gut gemeinte Ratschlag der Eltern ignoriert, ausgeschlagen wird. Also zu was soll sich seine Mutter den Kopf verbrechen, nur weil ihr Sohn mit 17 noch am Daumen nuckelt? Wobei sie zurzeit selber genug Probleme hat, zumal sie sich heimlich in den Schauspieler Matt Schraam (Benjamin Bratt) verliebt hat, wovon ihr Mann nichts weis.
Herumnörgeln, sich nicht abfinden wollen, das es nun mal so ist, tut eigentlich nur sein Vater, wobei der zur Übersinnlichkeit angehauchte Zahnarzt es bei ihm mit Hypnose versucht, woraufhin er sich sein Totemtier, ein Reh aussucht, das ihm helfen werde, mit seinem Problem fertig zu werden. Ja, und dann redet er ihm noch ein, dass wenn er nun wieder den Daumen in den Mund steckt, so werde dieser nach Echinacea schmecken. Und tatsächlich, Justin
ist der Appetit auf seinen Daumen vergangen, das heißt jetzt aber nicht, dass er ab sofort mit dem Daumen nuckeln aufhört, sondern er wäscht sich diesen bitteren Geschmack ab, und nimmt Rache an seinem Zahnarzt, indem er ihn bei einem Radrennen stürzen lässt.
Ja, und dann kommt erschwerend noch hinzu, dass Ärzte bei Justin eine Hyperaktivität feststellen, und ihm deshalb ein Medikament verordnen. Nämlich Ritalin, das bei ihm wie eine Droge wirkt, zumal er jetzt "ganz anders", "gar nicht mehr er selbst ist", wobei sich seine schulischen Leistungen rapide verbessern, was mitunter sich sehr positive auf sein Selbstbewusstsein auswirkt. Und jetzt geht er mit eisernen Willen an die Sache ran, mit dem Daumen lutschen aufzuhören.
Richtig "cool" wirkt er auch auf Mädchen, wobei Rebecca (Kelli Garner), seine Freundin, richtig gefallen an ihm findet, und ihn verführt, weil sie auf sexuellem Gebiet Erfahrungen sammeln möchte. Liebe spielt dabei für sie eine untergeordnete Rolle.
Ja, und dann hört Justin von seinem Mitschüler, dass Ritalin nichts anders ist als eine Droge, wobei er gleich das Zeug zur Seite legen kann, und so wie Rebecca und die anderen auch, gleich zu richten Drogen greifen kann, zumal ja "kiffen" viel cooler ist. Na auf jeden Fall überrascht er seine Eltern mit der Neuigkeit, dass er sich selber nach einem Studienplatz in einer anderen Stadt umgeschaut hat.
Kann man nun sagen, dass Justin, da er nun cooler geworden ist, auch selbstständiger geworden ist, zumal er sich selber um einen Studienplatz umgeschaut hat, ohne das die Eltern davon was mitbekommen haben? Oder waren die Eltern mit ihren eigenen Problemen so sehr beschäftigt, zumal ja der Vater ja auch vor Jahren eine Niederlage einstecken musste, da er verletzungsbedingt seinen Traum als Footballstar platzen lassen musste. Und die Mutter, ja die war beschäftigt mit ihrer neuen Stellung in einer Promi-Psychiatrie, in welcher sie sich in Matt Schraam verliebt. Und der kleine Bruder, den kümmert so was nicht, wobei er natürlich seinen großen Bruder mehr oder weniger auslacht, weil er noch mit keinem Mädchen geschlafen hat. Aber ich denke vielmehr, dass er ihn nur deshalb immer wieder mit der selben Sache ärgert, weil er sich vernachlässigt fühlt, und weil sich alles nur um seinen großen Bruder dreht, der mit 17 noch am Daumen nuckelt.
Im Grunde handelt es bei diesem Film "Thumbsucker" um eine Geschichte, wie sie oftmals auch in deutschen Familien vorkommt, obwohl diese in einer amerikanischen Familie spielt.
Zumeist fangen Kinder, damit meine ich keine Kleinkinder, mit Daumen lutschen oder sonstigen "Ticks" an, weil ihnen zumeist zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, oder sie einfach schulisch überfordert sind, wobei natürlich mitunter auch ein überfüllter, außerschulischer, Terminkalender der Kinder Schuld haben kann.
Oben hab ich ja schon erwähnt, dass mir persönlich zwei Fälle aus der näheren Umgebung bekannt sind, wo einfach für das Kind zu wenig Zeit eigene Freizeit, zum Spielen, mit und ohne Freunde einkalkuliert war. Termine und abermals Termine, wobei diese natürlich auch Kontakt zu Kindern haben, die sie eben oftmals nur einmal in der Woche sehen, und sonst nicht, wobei ich denke, wenn Kinder sich nur in den Übungsstunden sehen, kein so richtig freundschaftlicher Kontakt entstehen kann, wie es sonst unter Schulfreunden so üblich ist.
Okay, unsere Kinder waren auch in Vereinen, in welchen die Kinder aus verschiedenen Ortschaften zusammenkamen, wobei die Trainer damals sehr viel Wert legten, dass man Geburtstage zusammen feiert, und auch sonst sehr viel Ausflüge, und wenn es nur eine Wanderung war, gemeinsam unternommen hat. Und trotzdem war es nicht das gleiche freundschaftliche Verhältnis, wie unter Schulfreunden, die man tagtäglich sieht. Ein richtiges, starkes Selbstwertgefühl, gute Freunde, hatten unsere Kinder mehr im Verein, als wie im Schulalltag, wo fast niemand die besonderen Fähigkeiten zu schätzen wusste, oder sie diese nicht so zum Ausdruck bringen konnten.
Und so denke ich auch, war es bei Justin, der ganz bestimmt kein schlechter Schüler war, nur eben konnte er seine besonderen Fähigkeiten, seine Denkweise, die im Film total unter den Teppich gekehrt wurden, nicht klipp und klar zum Ausdruck bringen. Und weil dem Lehrer bekannt war, dass er am Daumen nuckelt, wurde er von ihm nicht für "voll" genommen, was wiederum die Schüler zum Anlass nahmen, dass sie um Justin einen großen Bogen machten, und ihn als "Sonderling" abstempeln, was ihn natürlich noch einsamer macht, und er dann zu seinem Daumen greift, um sich daran zu beruhigen.
Aus meiner eigenen Nachbarschaft ist mir ein Fall bekannt, wobei die junge Frau heute noch in Stresssituationen, den Daumen in den Mund steckt, oder an den Fingernägel knabbert. Was haben die Eltern und Großeltern schon alles versucht. Angefangen von bitter schmeckenden Mitteln, mit welchen die Nägel und der Daumen imprägniert wurden, bis Arzneimittel und sonst noch was. Alles dies führte nicht zu dem entscheidenden Erfolg. Besser wurde es erst dann, als ihr jüngerer Bruder, der Auffälligkeiten in der Schule zeigte, die Schule wechselte, und somit die Eltern und Großeltern sich mehr um das ältere Kind widmen konnten.
Heute jedoch so finde ich, wird viel zu schnell Arznei verschrieben, sprich Hyperaktivität diagnostiziert, wenn Kinder unter "Ticks" leiden. Okay, ich hab ja oben bereits erwähnt, wohin das führen kann, wenn einfach die Lehrer ein Kind mit einem "Tick", sprich wenn es noch mit 17 am Daumen lutscht, nicht für voll nehmen. Die Leistungen sacken ab, und das Kind verliert seine letzten Freunde. Und dann wird ein "Aufmerksamkeitsdefizit" diagnostiziert, für welches es dann Pillen gibt, damit die schulischen Leistungen wieder die Norm haben, oder sogar darüber liegen. Aufputschmittel, nur weil das Grundbedürfnis, einfach mal Zeit haben für das Kind, auf der Strecke bleibt?
Im Film kam es sehr gut rüber, als wohl die Mutter ihren Sohn zum Kleiderkauf für sich mitschleppte, aber nur, damit er ihr die Entscheidung abnimmt, wobei sie trotzdem am Ende das Kleid gekauft hat, was sie am schönsten gefunden hat. Äh, gibt es noch etwas langweiligeres für 17jährige Jungs, als als Kleiderkaufberater der Mutter zur Hand zu gehen?
Na ja, und dann die Sache mit Rebecca, die ebenfalls 17 Jahre alt ist, und die ersten Erfahrungen mit Jungs machen will. Bekannt ist ja jedem, dass 17jährige Jungs und ebenfalls 17jährige Mädchen oder junge Frauen, in der Entwicklung, sprich Pubertät, den Mädchen hinterherhinken, was diese zum Anlass nimmt, und diesen Jungen verführt. Im Grunde auch nichts Außergewöhnliches.
Die Frage, warum und wieso Justin mit 17 noch am Daumen nuckelt, bleibt im Film ungeklärt, zumal es doch recht verschiedene Ursachen dafür haben kann.
Suchen und herum doktern bringt in den meisten Fällen überhaupt nichts, zumal es oft ein psychisches Problem ist, das sich entweder von alleine wieder gibt, oder mit welchem man halt leben muss. Die Umstände, das sich dies wieder zum guten wenden, sind so vielseitig, dass man keine Pauschallösungen parat haben kann.
Okay, dieser Film "Thumbsucker" ist nicht nur ein psychiatrisch angehauchter Film, sondern es gibt auch Szenen darunter bei welchen man schmunzeln und mitunter den Kopf schütteln muss. Kann denn wirklich ein Totemtier, wobei er sich ein Reh ausgesucht hat, einem davon abhalten, dass man nicht mehr den Daumen in den Mund steckt? Ich denke, da gehört schon sehr, sehr viel Glauben daran dazu, wobei gerade diese Szene als Traumszene mit viel Kitsch, wie in dem Märchen "Brüderlein und Schwesterlein" dargestellt wird. Oder das "Blinde Kuh" Spiel, bei welchen sie ihm die Augen beim Sex verbindet, wobei sie ihn nur als Objekt benutzt.
Mir persönlich hat dieser Film "Thumbsucker - bleib so wie du bist" sehr gut gefallen, wobei eigentlich der Titel, die Filmüberschrift, das aussagt, dass man eigentlich auch Menschen, die eine "Macke" haben akzeptieren soll, sprich sie als "normal" anzusehen hat. Denn schließlich was ist "normal"? Gibt es dafür eine Norm?
Daten zur DVD
Darsteller: Lou Taylor Pucci, Tilda Swinton, Vincent D'Onofrio
Regisseur(e): Mike Mills
Komponist: Tim DeLaughter
Format: Dolby, PAL, Special Edition, Surround Sound
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Region: Region 2
Bildseitenformat: 16:9 - 1.77:1
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Splendid Entertainment/WVG
Erscheinungstermin: 30. März 2007
Produktionsjahr: 2004
Spieldauer: 92 Minuten Behind the Scenes
Extras:
Making Of
Interviews mit Cast & Crew
Fazit:
Es gibt Menschen, welche den Vogel ganz genau zu kennen glauben, weil sie das Ei gesehen, woraus erhervorgegangen. (Heinrich Heine)
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