ein Testbericht von Mareike222007-05-14 07:17:25vom 14.05.2007Empfehlung: ja
Vorteile: Träume können wahr werden -...Nachteile/Kritik: wenn man für sie kämpft
Schon lange machte der Fischer Verlag in diversen Fachzeitschriften auf das Werk von JR Moehringer
~~ Tender Bar ~~
aufmerksam. Klar, dass auch ich irgendwann reagierte und es unbedingt lesen wollte.
“Eine neue Stimme der amerikanischen Literatur, so rauchig und herzzerreißend wie Sinatra” sagt die New York Times.
Doch wer ist diese neue Stimme, die selbst die New York Times zu solchen Komplimenten hinreißen lässt?
JR Moehringer, geboren im Jahre 1966 (oder 1964 - da scheint sich selbst der Fischer Verlag nicht einig zu sein), studierte in Yale und wurde Journalist. Nach Stationen bei der New York Times und den “Rocky Mountains News” landete er bei der “Los Angeles Times”.
Im Jahre 2000 gewann der Pulitzer Preis für seine Reportage von Gee’s Bend, Alabama. “Tender Bar” ist sein erstes Buch, welches direkt auf Platz 5 der New York Times Bestsellerliste landete.
Mehr kann und will ich nicht über den Autor erzählen, denn sein Buch trägt im Original noch den Untertitel “a memoir” und ihr ahnt es bestimmt schon: Es ist eine Biografie über die Kindheit, Jugend und Jahre als junger Erwachsener des JR Moehringer.
Wir begleiten den kleinen JR Moehringer durch seine Kindheit und Jugend.
Alles beginnt in dem kleinen Stadtteil Manhasset, Long Island, New York.
JR lebt mit seiner allein erziehenden Mutter bei seinen Großeltern, zusammen mit seiner Tante und den 6 Cousins bzw. Cousinen sowie einem allein stehenden Onkel.
Dieser ganze Haufen lebt in einer baufälligen Bruchbude, mit zusammengeklebten Möbeln, einem undichten Dach und den vielen Launen und Macken der unterschiedlichen Leute.
Schon von klein auf ist JR fasziniert von der Bar des kleinen Stadtviertels, die sein Onkel Charlie regelmäßig besucht.
Doch dieser Zugang wird ihm als 6-jähriger (noch) verwehrt, denn seine Mutter hat Großes mit ihm vor: Er soll Anwalt werden.
So bleibt ihm nichts anderes übrig, als mit seinem kleinen Cousin zu spielen, den Opa zu nerven und Radio zu hören, welches eine große Sehnsucht in ihm weckt: Sein Vater, der kurz nach seiner Geburt die kleine Familie verlassen hat und sich seitdem um nichts kümmert - geschweige denn Unterhalt zahlt, moderiert verschiedenste Radiosendungen im ganzen Land. Aus diesem Grund ist “Die Stimme” JR’s einziger Kontakt zu seinem Vater.
Im Alter von gut 10 Jahren zieht er mit seiner Mutter nach Arizona und obwohl ihn die Hitze dieses Wüstenstaates schier zu erdrücken scheint, findet er schnell Anschluss. Manhasset vergisst er jedoch nie, verbringt so manchen Sommer dort und kommt auch dort zum ersten Mal mit der Bar in Berührung: Sein Onkel Charlie und seine Freunde nehmen ihn mit zum Strand und so manches Mal mit in die Bar. Für ihn ein wahres Wunderland aus skurrilen, aber menschlichen Gestalten und so manche Person ersetzt für ihn die nie vorhandene Vaterfigur.
In dieser Bar, das “Dickens” welches später in “Publicans” umbenannt wird, feiert er viele Premieren: Er sieht sein erstes Baseballspiel im Fernsehen, entdeckt seine Liebe zu Sinatra, lernt viel über Gut und Böse und dass es nicht nur Schwarz und Weiß gibt.
Wie weiter geht? Lasst euch überraschen!
Die Covergestaltung halte ich für ziemlich gelungen: Ein kleiner Junge, mit hübschen, treuen braunen
Augen und gegelten Haaren blickt so eben über den Rand einer langen, dunkelbraunen Holztheke, im Hintergrund sind hochgestellte Stühle zu sehen. Da das ganze Buch in dunklen Brauntönen gehalten ist, hat der Verlag eine helle Schriftfarbe gewählt, um den nötigen Kontrast zu schaffen. Allerdings geht das Buch durch diese dunklen Farben im Wust der gerade erschienenen Bücher ziemlich unter: Zu schnell blickt man drüber hinweg - wären da nicht diese leicht traurigen Augen des kleinen Jungen - diese zwingen einen doch noch einmal genauer hinzusehen und das Buch zur Hand zu nehmen.
Hält man es nun schon in Händen, kann man es doch gleich aufblättern, um euch anhand eines kleinen Textauszuges das Buch ein wenig näher zu bringen.
Erzählt wird hier von der ersten Begegnung mit Bill und Bud - 2 Buchhändler in einem Einkaufszentrum, die sich gerne vor den Kunden verstecken, aber bei JR dennoch die Liebe zu Literatur fördern und zwar in dem sie ihm einen Aushilfsjob geben.
…”Dreiser! Soll er vielleicht ein Zyniker werden wie du? Und Dos Passos liest niemand mehr. Dos Passos ist Dos Passé. Wenn er etwas über die Ostküste lesen soll, dann Cheever.”
“Wer ist Cheever?” fragte ich.
Sie drehten sich langsam zu mir.
“Damit wäre das geregelt”, sagte Bud.
“Komm mit mir”, sagte Bill.
Er führte mich in die Abteilung Prosaliteratur und zog jeden Titel von John Cheever aus dem Regal, auch die dicke, gerade veröffentliche Sammlung von Kurzgeschichten. Dann brachte er die Bücher in den Lagerraum und riss rasch bei jedem den Einband ab. Es schien ihm richtig weh zu tun, als würde er einen Verband abreißen. Ich fragte, was er da mache. Er sagte, Buchläden könnten nicht jedes unverkaufte Taschenbuch an die Verlage zurückschicken - dazu hätten Verlage gar nicht den Lagerraum - also schickten sie nur die Einbände zurück. Wenn Bill und Bud ein Buch wollten, rissen sie einfach den Einband ab und schickten ihn an den Verlag, der den Betrag an die Kette zurückerstattete, “und alle sind glücklich”. Er versicherte mir, das sei kein Diebstahl. Mir war das ziemlich egal.
An jenem Wochenende las ich Cheever, schwamm in Cheever, verliebte mich in Cheever. Ich wusste nicht, dass Sätze eine solche Wirkung erzielen konnten. Cheever machte mit Wörtern das, was Seaver mit Fastballs machte. (…)
Freitag nachmittags fragten mich Bill und Bud immer, was ich während der Woche in der Schule gelesen hatten. Meistens schnalzten sie dann abschätzig mit der Zunge, führten mich durch den Laden und füllten eine Einkaufstüte mit einbandlosen Büchern.
S. 139 in Auszügen
Manch einer kann sich jetzt bestimmt vorstellen, wie schallend ich gelacht habe, als ich diese Textstelle gelesen habe.
Denn diese Form der vereinfachten Remission (körperlos genannt - meistens wird aber nur die erste Seite eingeschickt, der Einband bleibt drum), wird eigentlich nur gemacht, wenn ein Buch beschädigt ist oder es sich um einen Fehldruck handelt und es sich wirklich nicht mehr lohnt es zurückzuschicken. Klar, kann man diese Bücher dann behalten. Bevor sie in die Tonne kommen, lohnt es sich bestimmt noch, einen Blick reinzuwerfen. Aber dennoch: Was diese beiden da treiben, grenzt schon an Kriminalität - so verlockend auch es auch scheint… ;o)
Ab dieser Textstelle hatte der Autor mich als Leser schon gewonnen. Zu überzeugend waren seine Beschreibungen, sein Leben. Alles hübsch verpackt in eine einfache, aber dennoch tiefgründige Sprache, die mich zum Lachen gebracht, aber auch sehr nachdenklich gemacht hat.
Denn zu oft schiesst einem der Gedanke durch den Kopf: Wie kann ein so junger Mensch erstens soviel mitgemacht haben und zweitens nicht dem Alkohol verfallen? Wie hat er es geschafft, rechtzeitig die Kurve zu kratzen und sein eigenes Leben in die Hand zu nehmen, um dann auch noch ein rennomierter Reporter zu werden?
Ich würde es Willensstärke nennen, gepaart mit einem ordentlichen Schuß Humor sowie einer großen Portion Glück und die ständige Unterstützung seiner Mutter.
Vom Schreibstil ist dieses Werk mit Autoren wie John Irving, Ian McEwan oder auch Frank McCourt zu vergleichen. Der Autor schafft es wirklich, einen in seinen Bann zu ziehen und man wird von Seite zu Seite neugieriger. Neugieriger auf ein Leben, welches sich in den 70ern bis zu den Anfängen den neuen Jahrtausends hinzieht, mit all seinen Höhen und Tiefen, Skurilitäten und Schicksalsschlägen.
Doch nicht nur dem Autor ist hier ein Lob auszusprechen, ein Weiteres gilt der Übersetzerin Brigitte Jakobeit, die schon seit 15 Jahren Werke aus dem Englischen übersetzt (u. a. die Biografie von Miles Davis, Audrey Niffenegger etc.). Und dies gelingt ihr auch in diesem Fall: Sie wählt die richtigen Worte, um die Welt des JR Moehringer auch in Deutschland und im deutschsprachigen Ausland bekannt zu machen, damit wir ihn kennen und lieben lernen.
Wie ihr bestimmt beim lesen schon gemerkt habt, wird das Fazit dieses Buches einfach nur positiv ausfallen. Endlich mal wieder ein schönes Buch, welches mich in seinen Bann gezogen und das ich sehr, sehr gerne gelesen hab.
Für alle die jetzt wirklich neugierig geworden sind, hier noch die Eckdaten:
JR Moehringer
Tender Bar
Preis € 19,90
Preis SFR 34,90
464 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-10-049602-7
S. Fischer Verlag
Auch als Hörbuch bei Argon für ca. 29,95 €
¹ Alle Preisangaben inkl. MwSt. und ggf. zzgl. Versand. Zwischenzeitl. Änderung der Preise, Lieferzeiten & Lieferkosten sind in Einzelfällen möglich. Alle Angaben erfolgen ohne Gewähr.
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Zwiegespalten
ein Testbericht von goat2010-08-04 21:47:46vom 04.08.2010Empfehlung: nein
Vorteile: gefühlvoll geschrieben...Nachteile/Kritik: zu wenig Handlung, was die Bar angeht
J.R. Moehringer wurde 1964 in New York geboren, er studierte in Yale und ist Reporter bei der Los Angeles Times. 2000 gewann er den Pulitzer-Preis. "Tender Bar" ist sein erstes Buch, das in den USA gefeiert wurde und monatelang die Bestsellerlisten anführte.
Eine Bar ist vielleicht nicht der beste Ort für ein Kind, aber bei weitem nicht der schlechteste. Vor allem das "Dickens" nicht, mit seinen warmherzigen und skurrilen Figuren: Smelly, der Koch, Bob the Copund seine geheimnisvolle Vergangenheit oder Cager, der Vietnam-Veteran. Für den kleinen JR sind sie alle bessere Väter als seiner - wäre er da gewesen. Von ihnen lernt er Mut, Zuversicht und die Gewissheit, dass es nicht nur Gut und Böse gibt, dass Bücher Berge versetzen können und das man an gebrochenem Herzen nicht stirbt. In der Bar hört er zum ersten Mal Sinatra, sieht Baseballspiele im Fernsehen, und trinkt sein erstes Bier. Er lernt auch, dass Träume wahr werden können - wenn man für sie kämpft.
Auf dem Cover von Moehringers Roman ist ein kleiner Junge zu sehen, der kaum über den Tresen einer Bar gucken kann. Schon als das Buch damals auf den Markt kam, hatte ich mir vorgenommen es zu lesen, weil mich das Cover auf den ersten Blick angesprochen hat.
Eigentlich ist die Bezeichnung Roman nicht ganz richtig, denn es handelt sich hier um eine Autobiografie des Autors.
Der kleine J.R. wächst in Manhasset, einer Kleinstadt auf Long Island, auf. Sein Vater, ein Radio-DJ, der ein sehr unbeständiger Mann ist, hat die Familie schon lange verlassen. J. R. leidet sehr darunter und lauscht der Stimme seines Erzeugers so oft es geht im Radio. Als diese Stimme sich eines Tages per Telefon bei ihm meldet und zum Baseballspiel verabredet, ist J.R. glücklich wie schon lange nicht mehr und steht schon Stunden im voraus startklar vor der Tür. Aber sein Vater kommt nicht, um ihn abzuholen. Enttäuscht sucht er bei seiner Mutter Trost und stellt für sich fest, dass seine Mutter alles ist, was er besitzt, und wenn er nicht gut auf sie aufpassen würde, wäre er verloren.
Die innige Beziehung zwischen Mutter und Sohn hat mich sehr berührt. Sie tut alles in ihrer Macht stehende, um ihren Sohn zu beschützen. Erwischt J.R. sie bei einer (Schutz)notlüge, reagiert sie relativ gleichgültig und erklärt ihm, dass sie eine "Beziehung" mit der Wahrheit habe und dies erfordere, wie in allen Beziehungen, Kompromisse. Lügen, so ist ihre Überzeugung, ist keine größere Sünde als das Radio leiser zu stellen, um ihn vor der Stimme zu schützen. Seine Mutter drehte lediglich die Wahrheit etwas leiser.
Die Szene, die sich mir ins Gedächtnis gebrannt hat, weil sie am Besten zeigt, wie sehr sie ihren Sohn liebt, ist die Szene mit seiner Kuscheldecke.
J.R. trägt diese Decke fast immer bei sich. Sie ist sein Freund, sein Retter und sein Beschützer. Als J.R. sieben Jahre alt ist, meint
seine Mutter, er wäre langsam zu alt, noch eine Kuscheldecke zu haben. Aber eine Kuscheldecke gibt man nicht einfach her.
So greift sie zu einer List und schleicht sich jede Nacht in J.R.'s Zimmer und schneidet ein kleines Stückchen von der Decke ab, bis sie sich von einer Decke in ein Tuch, von einem Tuch in einen Waschlappen und schließlich von einem Waschlappen in einen Streifen verwandelt hat.
Moehringer schreibt, dass es in seinem Leben noch weitere "Kuscheldecken" - Menschen, Pläne oder bestimmte Orte gegeben hat, zu denen er ungesunde Beziehungen aufgebaut hat. Und sobald ihm das Leben eine davon entriss, musste er daran denken, wie sanft seine Mutter ihn von seiner ersten getrennt hatte.
Sie versucht alles, um ihrem Sohn ein gutes Leben (auch ohne Vater) zu bieten. Mit nur wenig Geld hält sie sich über Wasser und versucht mehr als einmal, das Haus von J.R.'s Opa zu verlassen, um in eine eigene Wohnung zu ziehen. Aber die Ersparnisse reichen nie lange aus und somit landen sie wieder da, wo sie nicht sein wollen.
Es fällt mir sehr schwer, eine Meinung zu diesem Buch abzugeben, weil ich zwiegespalten bin. Der erste Teil des Buches hat mir sehr gut gefallen, weil die Emotionen sehr gut rüber kamen aber nach ungefähr der Hälfte wurden die Erzählungen immer schleppender und waren längst nicht mehr so interessant und emotional. Ich habe teilweise die Seiten quergelesen.
Was mich enttäuscht hat, ist die Tatsache, dass J.R. seine Kindheit gar nicht, wie im Klappentext beschrieben, in dieser Bar verbringt. Es ist nur zwischendurch die Rede von ihr oder den Menschen in ihr. Die Botschaft Moehringers über Kinder, die ohne Väter aufwachsen wird deutlich. Trotzdem hat mir die ganze Zeit beim Lesen etwas gefehlt. Die Wärme, mit der das Buch begann, hat sich mit der Zeit leider verflüchtigt und zurückgeblieben ist die Enttäuschung über eine Geschichte, von der ich mir mehr erhofft hatte.
Ich würde gerne 2,5 Sterne vergeben. Da das nicht geht, vergebe ich drei Sterne.
...
ein Testbericht von CyberQueeny2009-08-23 09:36:16vom 23.08.2009Empfehlung: ja
==Die Wahrheit über Männer==
Hallo lieber Leser, liebe Leserin.
==ALLGEMEINES==
**Kaufgrund**
Da ich im Moment sehr viel Lese, in der Bücherei oft nichts Gescheites vorhanden ist und die meisten Bücher teuer sind, habe ich mir bei Ebay ein Überraschungsbuchpaket bestellt und darin war dieses Buch enthalten.
**Buchdaten**
Titel: Tender Bar
Autor: J. R. Moehringer
Verlag: Fischer
Preis: 9,95€
ISBN: 9783596176151
Seitenzahl: 459
Alter: 16
Jahr: 2007
Rubrik: Biographie
Art: Taschenbuch
**Autor**
JR Moehringer, geboren im Jahre 1964, studierte in Yale und wurde Journalist. Nach Stationen bei der New York Times und den "Rocky Mountains News" landete er bei der "Los Angeles Times".
Im Jahre 2000 gewann der Pulitzer
Preis für seine Reportage von Gee's Bend, Alabama. "Tender Bar" ist sein erstes Buch, welches direkt auf Platz 5 der New York Times Bestsellerliste landete.
==NACH DEM LESEN==
**Inhaltsangabe**
J.R. Wächst ohne seinen Vater auf. Er lebt mit seiner Mutter bei seinen Großeltern, zusammen mit seinen Onkeln, Tanten und dessen Kindern. Das Haus ist eine richtige Bruchbude und der Opa lässt sich völlig gehen. Seinen Vater nennt er nur „die Stimme“, denn dieser moderiert Radiosendungen, und lässt sich selten blicken. Die einzige männliche Bezugsperson ist sein Onkel Charlie, dem eine Bar in der Nähe gehört. Anfangs ist ihm der Zutritt noch verwehrt, da er schließlich zu jung ist, aber als seine Mutter und er in einen anderen Bundesstaat ziehen und er in den Ferien seine Großeltern besucht, nimmt ihn sein Onkel nicht nur mit zum Strand sondern auch in die Bar. Dort werden die Männer bald zu Ersatzvätern für ihn und lernt dort vieles. Diese Bar lässt ihn auch während seines Yale Studiums nicht los. Die Bar ist wie ein Magnet von dem er immer wieder angezogen wird und die ihm öfters auch zum Verhängnis wird.
**Leseprobe**
Seite 139: Er führte mich in die Abteilung Prosaliteratur und zog jeden Titel von John Cheever aus dem Regal, auch die dicke, gerade veröffentliche Sammlung von Kurzgeschichten. Dann brachte er die Bücher in den Lagerraum und riss rasch bei jedem den Einband ab. Es schien ihm richtig weh zu tun, als würde er einen Verband abreißen. Ich fragte, was er da mache. Er sagte, Buchläden könnten nicht jedes unverkaufte Taschenbuch an die Verlage zurückschicken - dazu hätten Verlage gar nicht den Lagerraum - also schickten sie nur die Einbände zurück. Wenn Bill und Bud ein Buch wollten, rissen sie einfach den Einband ab und schickten ihn an den Verlag, der den Betrag an die Kette zurückerstattete, "und alle sind glücklich". Er versicherte mir, das sei kein Diebstahl. Mir war das ziemlich egal.
**Meine Meinung**
Als ich das Buch aus dem Karton genommen hatte, war ich erfreut, ein recht neues Buch in den Händen zu halten und dann noch eine Biographie, die sich nicht mit längst toten Personen beschäftigt. Der Buchrücken klang auch recht viel versprechend, so dass ich mich gleich ans Lesen machte.
Ich fand es anfangs sehr schwer in die Geschichte zu kommen, da vieles einfach nur erzählt wird und oft gesprungen wird und dabei vieles in die Länge gezogen wird. Man hat das Gefühl, dass der Autor nicht viel Ahnung hat, um den Leser zu fesseln. Hat man sich aber durch die ersten 100 Seiten gekämpft, wird es langsam flüssiger und spannender, so dass man merkt, dass der Autor einfach Anlaufschwierigkeiten hatte. Bis dahin dauert es auch, bis der Haupthandlungsort endlich betreten werden darf, nämlich die Bar. Ich denke zwar, dass dieser Vorlauf wichtig ist, aber hätte auch wesentlich gekürzt werden können. Danach wird es spannender, da man Einblicke in das Denkwesen eines Mannes bekommt, aber auch die Dinge, die J.R. in der Bar erlebt, hört und fühlt, sind sehr interessant. Man erfährt viel über die Besucher der Bar und wird dadurch sogar ein Teil von ihnen, genau wie der Autor damals selbst. Trotzdem kommen immer wieder viele belanglose Passagen im Buch vor, die teilweise recht nervtötend sind und einem zum Überlesen der Passagen verleiten.
Schade fand ich auch, dass hier Fotos gefehlt haben, die das Leben des Autoren etwas anschaulicher gestalten. In vielen Biographien gibt es im Mittelteil zumindest ein paar Fotos von den Orten, aber auch Personen. Zwar beschreibt der Autor vieles, aber ich persönlich hätte mich hier über bildliche Unterstützung der Fantasie gefreut,
Ich selbst habe für das Buch vier Tage benötigt, da es zwar interessant war, aber mich nicht so gefesselt hat, wie es ein guter Thriller getan hätte. Da es sich von der Kapitellänge gut für unterwegs zum Lesen eignet, habe ich es auch nur unterwegs gelesen.
Empfehlen kann ich es allen Lesern, die Lust haben, eine aktuelle Biographie zu lesen, die mal etwas andere Schauplätze beinhaltet und andere Einblicke gewährt, als man sonst gewohnt ist. Man sollte aber diese teilweise belanglosen Passagen vorm Kauf berücksichtigen.
Vom Alter her denke ich, dass Leser ab 16 Jahren sich das Buch ruhig holen können. Vorher kann man zwar alles verstehen, aber ich weiß nicht, ob diese Einblicke unbedingt etwas für jüngere Leser wären.
**Bewertung**
Von mir erhält das Buch vier Sterne, da ich einfach den Einstieg zu lang und schwer fand. Außerdem gab es zu viele belanglose und uninteressante Passagen.
ein Testbericht von JustOliver2008-03-20 23:14:25vom 20.03.2008Empfehlung:Vorteile: Erzählstil !!!...Nachteile/Kritik: Zäher Beginn
Schon lange reizte mich dieses Buch, wenn ich in Buchhandlungen daran vorbei ging. Dabei kann ich nicht genau sagen, warum. Auf jeden Fall hab ich es dann zu Weihnachten geschenkt bekommen, so dass meine Sehnsucht gestillt wurde. Hier also nun mein Bericht dazu.
==== INHALT ====
J.R. Moehringer lebt zusammen mit seiner Mutter. Sein Vater hat die beiden in einer dramatischen Aktion verlassen und somit muss die Mutter allein für den Unterhalt der beiden sorgen. Daher wohnen sie oft
im Hause von J.R.s Großeltern, einer recht runtergekommenen Bruchbude in Manhasset, die immer wenn jemand aus der Familie gescheitert ist, als Unterschlupf herhält. So kommt es, dass JR mal mit seiner Tante und deren Kinder zusammen wohnt, mal mit seiner Mutter die Selbstständigkeit probt und auszieht und dann letzten Ende doch wieder in dem Haus seiner Großeltern einzieht. Seine jungen Jahre sind daher stark durch den fehlenden Vater, eine innigen Freundschaft zu seinem Cousin McGraw sowie die insgesamt doch recht zerrüttete Familie geprägt. Eine besondere Faszination übt hierbei sein Onkel Charlie aus, der als Barkeeper in einer nahegelegenen Bar arbeitet und quasi jede Nacht verhältnismäßig angetrunken nach Hause kommt.
Nachdem JR und seine Mutter weggezogen sind, verbringt er regelmäßig die Sommermonate zu Besuch bei seinen Großeltern, primär deswegen, damit seine Mutter noch mehr arbeiten kann, um den Unterhalt für beide zu sichern. Während dieser Urlaube intensiviert sich der Kontakt zu seinen Onkel, indem JR Charlie und seine Freunde aus der Bar zum Strand begleiten darf. Nach und nach wächst er so mehr und mehr in diese Runde herein und die gestandenen Männer nehmen ihn herzlich an.
Als er alt genug ist, darf er dann auch endlich ins Publicans und wird hier freudig aufgenommen. Das Publicans und seine regelmäßigen Gäste werden zu festen Begleitern in seinem Leben, die Anteil an seinen Höhen und seinen Tiefen nehmen. Sie begleiten sein Yale Studium, seine erste große Liebe und ihr Scheitern, seinen Job bei der Times und einfach alles, was in seinem Leben passiert. Beinahe jeden Abend kehrt er im Publicans ein, um hier mit seinen Freunden über die Geschehnisse des Tages, den Sinn des Lebens oder auch einfach nur die neusten Neuigkeiten im Sport zu diskutieren. Aber auch er nimmt Anteil an dem Leben der Stammgäste. Immer wieder lernt er neue Menschen kennen, setzt sich mit ihnen auseinander, erforscht ihre Vergangenheit, um die Menschen so besser zu verstehen und in guten wie in schlechten Zeiten steht er ihnen zur Seite, so wie sie auch ihm zur Seite stehen. Und von dieser innigen Beziehungen der Menschen untereinander und der Menschen zu ihrer Bar erzählt dieses Buch im Weiteren...
==== MEIN EINDRUCK ====
Gar keine Frage. Das Buch ist sicherlich keine leichte Kost. Es ist ein Roman mit sehr wenig Dialog und sehr viel Erzählung. Das erfordert am Anfang Durchhaltekraft, denn es ist schon ein wenig schwer hinein zu kommen. Das liegt aber nicht nur daran, dass es eine Erzählung ist. Nein, bei mir ist auch der Eindruck erwachsen, dass der Autor sich zunächst ein wenig warm schreiben musste. Der Roman ist autobiografisch. Und bereits der Buchtitel weist darauf hin, dass der Mittelpunkt des Romans eine Bar ist. Um aber in das Alter zu gelangen, mit dem er eine Bar betreten darf und dort alkoholhaltige Getränke konsumieren zu dürfen, muss die Hauptfigur jedoch altern. Und diese Phase nimmt einen nicht unwesentlichen Teil ein. Und gerade dieser Teil ist es, der anfangs doch ein wenig zäh wirkt.
Als J.R. jedoch immer mehr in den Dunstkreis der des Publicans gerät, hat mich das Buch ganz in seinen Bann gezogen. Denn er versteht es einfach, den Leser mitzunehmen. Er beschreibt Situationen in der Bar, Begegnungen zwischen Menschen oder einfach nur Gespräche derart faszinierend, dass man das Gefühl bekommt, selbst dabei zu sein. Nicht selten hab ich mich dabei erwischt, wie ich mit am Tresen oder am Tisch saß, und den Handelnden bei ihren Gesprächen gelauscht habe. Hierbei hab ich mir ihre Gesichter (imaginär) angeschaut und mich ähnlich wohl gefühlt, wie J.R. Denn die wichtigen Handelnden bekommen alle eine Vergangenheit und eine Gegenwart, so dass man das Gefühl bekommt, sie zu kennen und ein Teil ihres Lebens zu sein. Wenn sie sich freuen, freut man sich mit, wenn sie leiden, leiden sie mit. Und wenn sie tiefgründig über den Sinn des Lebens, die Liebe o.ä. diskutieren, dann macht es richtig Spaß dabei zu sein. Hierbei gab es immer wieder einzelne Sätze, die mich wahnsinnig angesprochen haben, die mich zum Nachdenken gebracht haben und die ich gerne in Erinnerung behalten werde. Diese Erzähltiefe hat mich sehr beeindruckt und gefesselt zugleich.
Bei dieser Begeisterung möchte ich nicht verschweigen, dass ich mich ein wenig 14-15 Jahre zurück versetzt gefühlt habe, denn zu diesem Zeitpunkt hatte auch ich eine solche Kneipe und in Teilen habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht. Von daher war das Buch ein schöner Anreiz, mal wieder ein wenig in Erinnerungen zu schwelgen.
Als weiterer Pluspunkt ist zu erwähnen, dass die gesamte Geschichte tatsächlich sehr authentisch wirkt. Klar, es ist eine autobiographische Geschichte. Aber dennoch finde ich immer, dass es solche und solche autobiographische Stories gibt. Bei einigen wird man einfach den Eindruck nicht los, dass der Schreiber wahnsinnig übertreibt. Genau diesen Eindruck habe ich bei Tender Bar nicht. Hier wird kein Elend beschönigt und kein Erfolg über Gebühr dargestellt, so dass er fast unglaubwürdig klingt. Genau diese Übertreibungen, egal in welche Richtung sind bei Tender Bar nicht anzufinden, was ich persönlich klasse finde.
MEIN FAZIT
=================
Der aufmerksame Leser wird es bereits gemerkt haben. Abgesehen von leichten Schwächen zu Beginn der Handlung hat mich das Buch absolut überzeugt. Es ist eine wundervolle Reise und ich habe mich bei jedem Lesen wieder auf einen Abend am Tresen in der Bar gefreut. Denjenigen, die sich gern auf etwas anspruchsvollere Literatur einlassen und die sich mitnehmen lassen wollen, von einer wunderbaren Erzählweise sei dieses Buch unbedingt empfohlen.
...
Elli-Spirelli, 21.03.2008
für etwas schwerere kost bedarf es den richtigen winter bei mir - da dies jetzt nicht mehr der fall ist brauch ich schon was -leichtes- , grüßle, elli
whitejunglehb1, 21.03.2008
SH für deinen guten Bericht. Frohe Ostern wünsche ich dir.LG Bernd
Meyerhoffsche, 06.09.2008
.: :. Septembergrüße von Meyerhoffsche .: :.
ein Testbericht von Miss_Piper2008-01-17 12:15:37vom 17.01.2008Empfehlung: ja
Vorteile: Interessante Charaktere, einfühlsam...Nachteile/Kritik: Kleine Längen
1) Produktinfos
2) Der Autor
3) Inhalt
4) Bewertung
5) Fazit
1) Produktinfos:
Das Buch erschien 2007 im S. Fischer-Verlag. Die gebundene Ausgabe umfasst 464 Seiten und kostet 18,90 Euro.
ISBN-13: 3100496027
2) Der Autor:
J. R. Moehringer wurde 1964 in New York geboren, studierte in Yale und arbeitete als Reporter für die Rocky Mountain News und die New York Times. Heute schreibt er für die Los Angeles Times. 2000 wurde er für eine Reportage mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Sein autobiographisches Werk "Tender Bar", der 2005 erschien, ist sein erster Roman.
3) Inhalt:
Der siebenjährige JR lebt mit seiner Mutter
in Manhasset auf Long Island im Haus seines Großvaters, einem meist mürrischen alten Mann, mit dem schwer auszukommen ist. JRs Mutter versucht immer wieder, sich und ihren Sohn alleine zu versorgen und auszuziehen, kehrt jedoch früher oder später aus Geldmangel zurück. Seinen Vater, einen Radio-Moderator aus New York, hat sie wegen dessen Gewalttätigkeiten bereits kurz nach seiner Geburt verlassen. JRs Vater weigert sich, Unterhalt zu zahlen und nimmt keinen Anteil an seinem Sohn. Dafür verfolgt JR seine Radiosendungen als Ersatz für die väterliche Zuwendung.
Ein wichtiger Punkt in JRs Leben ist sein Onkel Charlie. Nachdem Charlie als junger Mann durch eine Krankheit sämtliche Kopf- und Körperhaare verloren hat, zieht er sich in die Bar zurück, in der er hinter der Theke arbeitet. Im "Dickens" treffen sich Männer, um über bei Alkohol über Frauen, Wetten, Sport und das Leben an sich zu reden. Bereits als Kind ist JR fasziniert von diesem Ort. Mit neun wird sein Traum war und er darf das "Dickens" betreten und wird sofort von der Atmosphäre gefangen genommen. Später nimmt ihn sein Onkel regelmäßig mit seinen Kumpels zu Ausflügen an den Strand und zu Baseballspielen ins Stadion mit.
Während JRs Mutter zum Geldverdienen nach Arizona zieht, um sich endlich ein wenig Unabhängigkeit zu verschaffen, besucht er die High School und arbeitet nebenbei in einem Buchladen. Die skurrilen Betreiber, Bud und Bill, unterstützen JRs Wunsch, an der Universität von Yale zu studieren. Wider Erwarten wird JR angenommen, die Freude durch die harte Arbeit in Yale aber gedämpft. JR begegnet hier seiner ersten Liebe und dem ersten Liebeskummer. Nach dem College zieht es ihn als Journalist zur Zeitung. Und immer wieder findet er Halt im "Dickens", wo er sein erstes Bier trinkt, sein erstes Baseballspiel sieht, Sinatra hört und die Gesellschaft der Männer sucht, die ihm wie Ersatzväter sind ...
4) Bewertung:
Ein Junge und kein Vater, dafür eine gemütliche Bar und ein Haufen trinkfester Männer, welche die Vaterrolle gerne übernehmen - das ist der Dreh- und Angelpunkt dieses Werkes, das in den USA wie mittlerweile auch in Deutschland gefeiert wird und bereits zu einem der am höchsten gelobten Werke des frühen Jahrhunderts aufgestiegen ist.
~ Eindrucksvolle Charaktere ~
JR berichtet von seinem Leben, angefangen von seiner Kinderzeit bis er Mitte zwanzig ist und New York verlässt. In kleinen Episoden erzählt er von den Menschen, die ihn auf diesem Weg umgeben. Da ist sein knurriger Opa, der sein Vermögen gekonnt hinter seinem reparaturbedürftigen Haus und schmuddeliger Kleidung verbirgt und nur selten mal Anwandlungen von Zärtlichkeit für JR zeigt, die sich ihm dafür intensiver einprägen. Da ist Onkel Charlie, ein kahlköpfiges Abbild von Humphrey Bogart, mit Sonnenbrille und Hut vermummt, der sich in Opas Haus krankhaft zurückzieht und erst abends aufblüht, wenn er seiner Arbeit im Dickens nachgeht, den Gästen vorsingt, ihnen Spitznamen verpasst und lakonische Bemerkungen abgibt.
Da ist Joey D, ein liebenswerter Riese mit Muppet-Gesicht, der seine Worte in Hochgeschwindigkeit stets an seine Brusttasche zu richten scheint, was JR als Kind zur Überzeugung bringt, dass dort eine kleine Schmusemaus wohnt, mit der er sich unterhält; der Hausmeister "Fuckembabe", der eben jenen Ausdruck bei jeder Gelegenheit in sein Kauderwelsch einflechtet; der Vietman-Veteran Cager, der vom Schrecken des Krieges erzählt; Bob the Cop, der Polizist mit dem dunklen Geheimnis, das er JR eines Tages anvertraut, und nicht zuletzt Steve, der rotgesichtige Besitzer der Bar, der jedem Gast sein herzliches Lächeln schenkt und dem "Dickens" sein Herzblut opfert.
JR wird früh zu einer Sympathie- und Identifikationsfigur für den Leser. Durch sein ganzes Leben zieht sich ein permanenter Wechsel von Licht und Schatten. Wünsche, Hoffnungen und Träume wechseln sich mit Erfolgen und schmerzlichen Niederlagen ab. Mit dem Studiumsplatz in Yale scheint JR zunächst das Glück gepachtet zu haben, bis er feststellt, dass er weder zu den elitären Kreisen seiner Kommilitonen gehört noch die Professoren mit seinen Arbeiten beeindrucken kann. In Yale begegnet JR der bildhübschen Sidney, einer reichen Oberschichtstochter mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein, die ihn gekonnt um den Finger wickelt und ihm den Kosenamen "Trouble" verpasst - mit Recht, denn Sidney verschafft JR den ersten ernsthaften Schmerz und Kummer in seinem Leben, und wieder ist es das Dickens mit den Männern darin, das er als Zuflucht wählt. In Yale trifft er auch auf seinen verehrten Frank Sinatra, der einen Vortrag über Kunst hält und plötzlich so viel greifbarer und menschlicher erscheint als auf Plattencovern und im Fernsehen und gleichzeitig nichts von seinem Charisma einbüßt. JRs Bewunderung für den Sänger ergibt sich fast von selbst, denn seine eigene Geschichte gleicht den melancholischen Sinatra-Songs, die von Liebe und Leid erzählen, ohne sich dabei in Selbstmitleid zu suhlen, sondern Würde und Haltung bewahren.
Mehr schlecht als recht quält sich JR durch das Studium, ohne sich darüber im Klaren zu werden, welchen Beruf er wählen soll. Schreiben möchte er, beschließt er schließlich, aber keine Gedichte oder Belletristik, sondern als Journalist arbeiten. Wieder scheint ihm das Glück zu winken, als er für ein Volontariat bei der New York Times genommen wird. Monatelang besteht sein Leben, abgesehen von den unvermeidlichen Ausflügen ins "Dickens", aus Sandwichholen für die Reporter und kleinen Büroarbeiten. Seine erste Story wird ein blamabler Reinfall, der sich als Ente entpuppt, und auch in seiner Probe-Reporterzeit leistet er sich einen kapitalen Ausrutscher, der an seinem Selbstbewusstsein nagt. JR ist beileibe kein Gewinner, aber auch kein blasser Verlierer, sondern ein Kämpfer, der sich immer wieder aufrappelt, wenn alles verloren zu sein scheint.
Ein besonderes Schmankerl ist das Nachwort, in dem Moehringer eine kurze Bilanz seines Lebens nach seiner Zeit in New York zieht und den 11. September als traurigen Aufriss wählt, denn bei den Anschlägen starben auch Menschen, die er aus seiner Zeit im "Dickens" kannte. Der Leser erfährt die weiteren Schicksale der Figuren, die er zuvor begleitet hat, manche stimmen froh, andere fanden leider kein glückliches Ende, aber in jedem Fall ist es schön zu erfahren, dass hier keine Romanfiguren, sondern echte Charaktere agierten. Erfreulich ist auch das anhängende Glossar, das die wichtigsten Namen und Anspielungen kurz erläutert, manche wie "Popey" sicher populär genug, um nicht notwendig zu sein, andere dagegen eine nette Bereicherung.
~ Kleine Längen ~
"Tender Bar" ist ein autobiographischer Roman, was in der deutschen Ausgabe, die auf die Originalbeigabe "A Memoir" verzichtet, nicht sogleich offensichtlich ist. Moehringer gibt an, nichts als die nackte Wahrheit aufgeschrieben zu haben, sogar nur drei Namen wurden geändert, wie er im Epilog erklärt. Darin liegt einerseits der Reiz des Buches, die besondere Zusatzfreude, wenn man weiß, dass es all diese originellen Figuren tatsächlich gab und überwiegend heute noch gibt. Allerdings ist der autobiographische Stil auch dafür verantwortlich, dass "Tender Bar" nicht frei von Längen ist. Manche Episoden sprühen vor Charme und leisem Humor, andere bewegen und berühren, aber manchmal ziehen sich belanglose Schilderungen allzu zäh über die Seiten und man wünscht, Moehringer würde der Lesefreundlichkeit zuliebe ein wenig straffen, denn nicht alle eigenen Erlebnisse sind für den Leser genauso interessant wie für den Autobiographen. Vor allem zu Beginn ist Geduld gefordert, denn Moheringer ist ein sehr gemächlicher Erzähler, der sich Zeit für seine Schilderungen nimmt, so unspektakulär sie manchmal auch daherkommen.
5) Fazit:
Ein ruhiger und bewegender autobiographischer Entwicklungsroman und zugleich eine liebevolle, nostalgisch-verklärte Hommage an die Bar, die den Erzähler von klein auf durch sein Leben begleitet. Vor allem die Vielfalt der faszinierenden Charaktere vermag zu überzeugen, ebenso wie die gelungene Mischung aus Humor und Melancholie. Kleine Abstriche gibt es für die manchmal ausufernden Abschweifungen und Längen, denen ein paar Straffungen gutgetan hätten.
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ein Testbericht von princesse2007-09-06 19:45:20vom 06.09.2007Empfehlung:Vorteile: spannend, unterhaltsam, eigenwillig...Nachteile/Kritik: manchmal etwas langatmig
Erstlingswerke haben manchmal etwas Besonderes. Dieses auch. Es ist vorallem das Zusammenspiel von Biografie und Roman, die Geschichte an sich und die Art, wie sie beschrieben wird, was dieses Buch lesenswert macht, und Erstlingswerke haben manchmal etwas Unverbrauchtes, Neues, Ungeschliffenes, Unkapriziöses. Wie dieses.
"J. R. Moehringer: "Ich war ein Teenager, als ich beschloss, Schriftsteller zu werden. Ich habe es aber vor niemandem zugegeben, auch vor mir selbst nicht und die ersten Geschichten, die ich schrieb, handelten von den Männern, die ich in der Bar getroffen hatte, von meinem Onkel Charlie. So können sie
wirklich sagen, dass ich seit gut 20 Jahren versucht habe, dieses Buch zu schreiben und der Hauptgrund, warum es so schwierig war, lag darin, dass ich es im falschen Genre angesiedelt hatte. Ich hatte versucht, es zu fiktionalisieren, die Wahrheit zu verändern, zuzuschneiden. Als ich schließlich beschloss, nichts als die Wahrheit zu schreiben, da erwachte das Buch zum Leben." "
Soviel als Einleitung, um das Folgende besser begreifen zu können.
J.R.s Vater ist abwesend, nichts aussergewöhnliches, dass jener sich nicht nur vor der Unterhaltzahlung drückt, sondern auch durch gänzliche Abwesenheit glänzt, bis auf seine Stimme. Die hört der Junge aus dem Radio, er dreht solange an den Knöpfen, bis diese Stimme ertönt. Er nennt ihn in Gedanken auch nur "die Stimme". Seine Mutter kümmert sich so gut sie kann um ihn, sie leben beim Grossvater in einem heruntergekommen Haus mit einem 200 Jahre alten Sofa, die anderen Möbel haben ebenfalls Ihre natürliche Lebensdauer längst überschritten. Während die Mutter versucht den Lebensunterhalt zu bestreiten und immer wieder die Flucht vor dem deprimierenden Heim in diesem alten Haus ergreift, ein Appartement mietet bis sie die Miete nicht mehr bezahlen kann und sie somit wieder in Grossvaters Haus zurückkehren, entdeckt der 10 jährige J.R. die Bar. Und das was ihn an der Bar so faszinierte waren die Männer die dort entweder verkehrten oder arbeiteten. Diese wurden zu seinen Ersatzvätern, sie brachten ihm bei "wie man, wenn etwas falsch läuft, die Ruhe bewahrt, wie man flucht, ausspuckt, Sport liebt, Athleten verehrt, wie man streitet, gute Laune behält, selbst wenn man verliert, schwere Zeiten übersteht." Alles Dinge, die normalerweise Väter an ihre Söhne weitergeben, J.R. hat nun deren viele, und so unterschiedlich, eigenwillig und aussergewöhnlich diese sind, sie haben alle gemeinsam, dass sie offensichtlich bestrebt sind, dem Jungen ihre gesammelten Lebensweisheiten mit auf den Weg zu geben. Mit viel Humor beschreibt Moeringer die Eigenarten und zum Teil sehr skurillen Geschichten.
So wächst der Junge da auf, wird zum Jugendlichen, dazwischen schaffte seine Mutter wieder einmal die Flucht, weit weg diesmal von dem Grossvater und somit auch von der Bar nach Arizona, doch letztendlich landet J.R. immer wieder an diesem Ort, selbst, als er in Yale studiert, später bei der Times anheuert, und es ist letztendlich auch diese Bar, die im zeitweilig fast das Genick bricht, weil es wie eine Sucht zu sein scheint und wie bei aller Sucht kaum Platz für Realität und Alltag zulässt, das Leben zieht vorbei und du merkst es kaum.
Es ist eine verblüffende Geschichte, so unverblümt, ehrlich, gnadenlos, so lebendig und fröhlich, was ihren Charme ausmacht, wenig ausschmückend, nicht wie eine Reportage, sondern eher eine Vielzahl amüsanter Anekdoten, eingebettet in die Geschichte eines Jungen, den wir bei dessen Erwachsen-Werden begleiten.
All die Personen in Tender Bar sind echt, bis auf zwei treten sie sogar mit ihren realen Namen auf, er hatte sie alle gefragt, hat sein Buch gegenlesen lassen von denen, die darin vorkommen und gerade vor diesem Hintergrund ist es verblüffend, wie unverblümt und manchmal wenig schmeichelhaft er über jene schreibt oder auch über das was er über sie dachte. Das dürfte ausserdem das Besondere sein an Tender Bar.
Es wird dem Autor vorgeworfen, manches unnötig in die Länge gezogen zu haben, stellenweise zu langatmig gewesen zu sein, ich stimme dem zu, es gab Momente, die waren beim Lesen recht zäh. Und manche der Personen wirkten zu distanziert, möglicherweise hängt das damit zusammen, dass diese Figuren nicht fiktiv waren und somit wenig Spielraum liessen für Fantasie (im Gegensatz zu Romanfiguren).
Ansonsten las sich das Buch aber leicht, Moeringer hat - von einigen Längen mal abgesehen - sehr kurzweilig und amüsant geschrieben, sein Stil ist gut lesbar und er produziert mit seinen Worten durchaus Bilder, die einen schmunzeln lassen.
Ich finde, dieses Buch sollte jeder Mann gelesen haben. Warum, kann ich nicht genau sagen, es könnte aber für das Fortkommen hilfreich sein. Oder einfach für das Verstehen, und für die eigenen Söhne, so gesehen auch für Mütter, und für uns Frauen, die schon immer wissen wollen, wie die Metamorphose vom Jungen zum Mann funktioniert, dass sie überhaupt funktioniert. Und ausserdem ist das Buch natürlich gute Unterhaltung, kurzweiliges Lesen meist und das Erstaunen darüber, dass es tatsächlich Menschen gibt wie Onkel Charlie, Smelly, der Koch, Bob the Cop und seine geheimnisvolle Vergangenheit oder Cager, der Vietnam-Veteran. "...In meinem Falle hatte ich das Glück, auch wenn es auf den ersten Blick sehr fragwürdig wirkt, dass dieser Junge von einer Truppe von Kneipenhockern aufgezogen wurde, aber das waren sehr gutherzige Männer, Soldaten, Baseballspieler, Dichter. Sie alle behandelten mich mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit."
In der Bar hört er zum ersten Mal Sinatra, sieht Baseballspiele im Fernsehen, und trinkt sein erstes Bier.
Der Autor
J.R. Moehringer wurde 1966 in New York geboren, er studierte in Yale und ist Reporter bei der Los Angeles Times. 2000 gewann er den Pulitzer-Preis. "Tender Bar" ist sein erstes Buch, das in den USA gefeiert wurde und monatelang die Bestsellerlisten anführte.
Quelle: Verlag
Moehringer, J. R.:
Tender Bar : Roman / J. R. Moehringer. -
Frankfurt/M. : S. Fischer, 2007. - 459 S. -
Ausgezeichnet als Buch des Jahres in New York Times, Esquire, USA Today und Los Angeles Times
Aus d. Amerikan. v. Brigitte Jakobeit
ISBN 978-3-10-049602-7 fest geb. : 19,90 EUR
Epilog: Die Bar stand in Manhasset auf Long Island, 30 km von New York entfernt, zuerst hiess sie Dickens, später dann Publicans.
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