Pro:
Unglaublich spannende Fantasylektüre
Kontra:
Nichts
Empfehlung:
Ja
Viele Schriftsteller der Fantasy-und Sciencefiction-Genres schreiben nach eigener Aussage ihre Romane nach dem "Was-wäre-wenn?"-Prinzip: Was wäre, wenn es Parallel-Universen, Zeitreisen, andere Gesellschaftsformen nach einem Krieg u.ä. gäbe, andere Wesen, die wir bisher gar nicht richtig wahrgenommen haben...die Möglichkeiten ließen sich endlos fortsetzen.
Ich folge solchen Gedankenspielereien neben anderer Lektüre sehr gerne und das hat zwei Gründe. Zum Einen finde ich es manchmal wirklich einfach unerträglich und unfassbar, was in unserer tatsächlichen Realität alles an Gräueln, Habgier, Rücksichtslosigkeiten und Gleichgültigkeiten vorkommt, dass ich es für mich als wirklich notwendig erachte, abzuschalten. Allein die Tatsache, dass wir hier bald in Saus und Braus die Advents-und Weihnachtszeit feiern, während andernorts Menschen verhungern oder verdursten, kann ich mir nicht ständig klar machen, ohne verrückt zu werden. Ich denke, das geht nicht nur mir so.
Zum anderen möchte ich meinen Geist beweglich halten, nicht abstumpfen und auch mal andere Denkpfade beschreiten als immer die gleichen Synapsen zu beschäftigen. Das macht außerdem Spaß und hält rege.
Das nachfolgend vorgestellten Buch stellt teilweise recht hohe Ansprüche an die Mitdenkfähigkeit und Empathie des Lesers, denn es geht um eine nicht gerade alltägliche Hypothese, über die ich allerdings nicht allzu viel vorher verraten kann, ohne von der Geschichte etwas vorwegzunehmen.
Sagen wir es einfach mal so: Was wäre, wenn kein Mensch auf Erden wirklich allein wäre, sondern jeder Mensch so etwas wie einen (Schutz)-Engel hätte, einen Begleiter...und das nicht nur auf dieses jetzige Leben begrenzt? Schauen wir uns doch einfach mal an, was Isabel Abedi aus diesem Gedankenfaden gesponnen hat.
Doch zunächst:
***Die sachlichen Buchdaten***
Autor: Isabel Abedi
Titel: Lucian
Erschienen: 9. September 2009
Verlag: Arena Verlag
ISBN-10: 3401062034
ISBN-13: 978-3401062037
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 15 Jahre
Größe und/oder Gewicht: 21,8 x 15,6 x 5,2 cm
Seitenanzahl: 553
Einband: HC
***Autorenportrait***
Isabel Abedi wurde am 3. März 1967 in München geboren und wuchs dann in Düsseldorf auf. Nach ihrem Abitur ging sie für ein Praktikum in der Filmproduktion nach Los Angeles. Anschließend kam sie zurück nach Deutschland, wo sie in Hamburg eine Ausbildung zur Werbetexterin absolvierte.
Dreizehn Jahre lang arbeitete sie in diesem Beruf und verfasste nebenbei Kinder- und Jugendbücher. Mittlerweile ist sie hauptberuflich Schriftstellerin und ist als freie Autorin für mehrere Verlage tätig.
Ihre Bücher erscheinen in mehreren Sprachen und sind bereits mehrfach mit Preisen ausgezeichnet worden.
(Quelle: Wikipedia)
***A B E R
Sehr viel besser kann natürlich die Autorin selbst über sich und ihre Aktivitäten, Träume und Vorhaben erzählen und speziell diese Autorin hat eine wundervoll und sehr interessant gemachte Homepage, die man sich unbedingt anschauen sollte: www.isabel-abedi.de
***U N D***
Die Autorin selbst ist nach eigener Aussage mit dem Fahrrad und ihrer Digitalkamera durch die Straßen von Hamburg gesaust und hat die Orte, die später im Roman vorkommen, besucht.
Außerdem hat sie sich mit einer Bloggerin verlinkt, die sich freundlicherweise die Mühe gemacht hat, die Originalschauplätze in Hamburg bei Goggle Earth herauszusuchen und auf ihrem Blog zu veröffentlichen. So richtig klasse, um sich auf das Buch einzustimmen oder beim Lesen hin und wieder nachzuschauen, finde ich.
Hier der Link: Ein Spaziergang durch die Hamburg-Schauplätze von Lucian: nicasbuecherblog.blogspot.com (Hinweis: Einfach auf das Buch "Lucian" klicken oder die Schrift ""Auf den Spuren von". Viel Freude beim Schauen und ein ganz dickes Lob für die tolle Idee und die vorbildliche Art der Autorin, ihren Roman für die Leser miterlebbar zu machen.
Eine Leseprobe zum Buch ist hier zu finden: www.abedi-lucian.de/index.php?seite=downloads
***Buchcover und allgemeine Gestaltung***
Das Buch hat eine gute Bindung und verfügt über einen Schutzumschlag, der schon rein optisch gerade durch seine Minimalistik eine Augenweide ist und neugierig macht. Auf völlig pechschwarzem Grund ist das Bild einer zarten, weißen Feder aufgebracht. Ansonsten steht vorne lediglich der Name "Lucian" in erhabeneren Buchstaben und in einem Farbverlauf, der von weiß nach zartrosa geht, der Name der Autorin sowie des Verlags darauf. Auf der Rückseite ist ein kurzer Klappentext aufgedruckt, der aber nicht wirklich verrät, worum es geht und ein Lesebändchen ist ebenfalls vorhanden. Letzteres benötigt man allerdings kaum, denn man wird das Buch kaum aus der Hand legen wollen. Aber dazu später mehr.
***Mit meinen Worten***
Die 16-jährige Rebecca Wolff lebt glücklich und zufrieden mit ihrer Mutter Janne, einer vielbeschäftigten Psychologin, und deren Lebensgefährtin Patrizia, von allen nur liebevoll Spatz genannt, zusammen in Hamburg.
Ihr Vater lebt seit Jahren getrennt von ihrer Mutter mit einer anderen Frau in Amerika, hält aber ständigen Kontakt zu ihr per Telefon oder Internet. Ihre Eltern kannten sich schon von Kindesbeinen an und führten immer eine eher freundschaftliche Beziehung, die in dem Wunsch nach einem Kind bei ihrer Mutter gipfelte. Als Rebecca noch sehr klein war, erlitt sie durch ihre eigene Unvorsichtigkeit einen schlimmen Unfall. Sie ließ plötzlich die Haltestricke der Schaukel in deren Aufwärtsbewegung los und knallte mit dem Hinterkopf böse auf den Boden. In der gemeinsamen Zeit der Hilfestellung (Krankenwagen rufen, die Mutter und das Kind begleiten) und Sorge um Rebeccas Weiterleben lernten sich Spatz und Janne kennen und lieben. Die daraufhin folgende freundschaftliche Trennung von Mutter und Vater belasteten Rebecca nicht. Maximal wirkte die eher feindselige Haltung der neuen Lebenspartnerin ihres Vaters gegenüber der lesbischen Lebensweise ihrer Mutter auf sie unsympathisch und befremdlich.
Spatz, ihre Mutter und Rebecca selbst kommen bestens und sehr liebevoll miteinander aus und haben es sich zur lieben Angewohnheit gemacht, einmal pro Woche Mittwochs eine gemeinsame "Ladies Night" abzuhalten, da ansonsten jede von ihnen ein eher eigenständiges Verfolgen ihrer Berufe, schulischen Angelegenheiten, Interessen und Hobbys gewöhnt ist. An diesen Mittwoch-Abenden darf jeweils eine der drei Frauen bestimmen, was gemeinsam unternommen werden soll und als Janne wieder einmal an der Reihe ist, fordert sie die anderen beiden zum Aufstöbern und Aussortieren alten Krempels vom Dachboden auf, der anschließend auf dem Flohmarkt verkauft werden soll.
Bei dieser Gelegenheit findet sich u.a. ein altes Buch von Rebeccas Urgroßvater und ein kleiner weißer Teddybär wieder an. Letzterer wird von Rebecca sofort in Sicherheit gebracht, denn er war ihr ständiger Begleiter gewesen, als sie noch ganz klein war. Auch bei ihrem schweren Unfall mit der Schaukel und ihrem anschließendem Ringen im Krankenhaus um ihr Leben war er bei ihr gewesen. Kaum hält sie ihn nun aber wieder in Händen, beschleicht sie ein seltsames Gefühl - fast ein Schmerz. In der folgenden Nacht träumt sie von ihrem eigenen Tod, den sie absolut klar und realistisch sieht - blutend, in unzähligen Scherben in einem völlig unbekannten Zimmer liegend, um ihr Leben flehend - dass sie schweißgebadet erwacht und, nach Luft ringend, das Fenster ihres Zimmers öffnet, um sich in der klaren Nachtluft zu beruhigen. Beruhigend ist der Ausblick jedoch eigentlich gar nicht, denn ihr Blick fällt sofort auf eine männliche Gestalt unter der Straßenlaterne auf der gegenüberliegenden Straßenseite, die starr zu ihrem Fenster hinaufschaut.
Doch Rebecca sieht ab diesem Zeitpunkt diesen jungen Mann plötzlich überall wieder und fühlt sich teils zunächst etwas unbehaglich und verfolgt, teils aber auch auf unerklärliche Weise zu ihm hingezogen und das letztere Gefühl wird immer stärker. Ganz klar, Rebecca hat sich verliebt. Doch wer ist dieser junge Mann? Als sie zufällig auf der Geburtstagsfeier von Rebeccas Freundin Suse wieder einmal am Elbstrand zusammentreffen, gesteht ihr der junge Mann, dass er nackt unter einer Brücke zu sich gekommen sei und offenbar unter Amnesie leide. Noch nicht einmal an seinen Namen könne er sich erinnern und habe sich daher selbst den erstbesten ausgesucht, Lucian. Rebecca glaubt ihm und rät ihm, einen Psychologen aufzusuchen. Durch so manches, was ihre Mutter von ihrer Praxis zuhause mal erwähnt hatte, weiß sie, dass oft ein schweres Trauma der Grund für eine Amnesie ist und man besser in professionellen Händen damit aufgehoben ist.
Ein folgenschwerer Ratschlag, wie man noch sehen wird.
Aber auch andere, merkwürdige Dinge geschehen in Rebeccas Umgebung. So nimmt Rebeccas Englischlehrer, Mr.Tyger, zurzeit bevorzugt Literatur von Ambrose Lovell im Unterricht durch. Ein Schriftsteller, der ein tragisches Leben von Kindheit an führte. Lovells Vater, Pastor in Suffolk, England, predigte zwar Nächstenliebe und Güte, schlug und misshandelte aber seine Frau und Kinder so oft, dass Lovells Bruder Selbstmord beging. Lovell selbst wurde, nachdem sein eigenes Kind an einer Lungenentzündung gestorben und kurz darauf von einem Lastwagen überfahren wurde, schwermütig und erhängte sich schließlich. Es ging das Gerücht, dass der Literaturkritiker, der damals für einen kometenhaften Aufstieg des Schriftstellers durch super Kritiken hauptverantwortlich gewesen war, durch urplötzliche Verisse seiner Werke nicht unwesentlich zu seinem Freitod beigetragen habe.
Als Rebecca mit ihrer Mutter auf dem geplanten Flohmarkt ist und ihr das Buch ihres Urgroßvaters wieder in die Hände fällt, welches ihre Mutter eigentlich verkaufen wollte, stellt sie beim Blättern darin entsetzt fest, dass ausgerechnet ihr Großvater, William Alec Reed, genau dieser Literaturkritiker war, dem man die moralische Schuld an Ambrose Lovells Selbstmord zuschreibt. Alles nur Zufall?
Auf jeden Fall kommt Rebeccas Leben immer mehr durcheinander und das wird keineswegs besser, als sie erfährt, dass Lucian ausgerechnet ihre Mutter aufgesucht hat, um herauszufinden, wer er ist und warum er unter einer Amnesie leidet. Und es ist auch sehr merkwürdig, dass ihre Mutter nicht möchte, dass Rebecca Lucian weiterhin sieht und ihr nichts davon erzählte, dass er ihr Patient ist. Den beiden jungen Leuten ist mittlerweile aber klar geworden, dass sie sich unwiderstehlich voneinander angezogen fühlen und die Nähe des anderen suchen und regelrecht brauchen.
Da erzählt Lucian Rebecca, dass auch er Träume von ihr als Kleinkind habe und dass sie beide auch offensichtlich hin und wieder beide von dem Traum heimgesucht werden, den Rebecca als ihren Todeszeitpunkt empfindet. Ja, Lucian gesteht ihr, dass er schreckliche Angst habe, dass er ihr ungewollt Schaden zufügen könne und zeigt Rebecca seine Handinnenflächen, die absolut glatt und ohne Handlinien sind. Auf Rebecca stürzt alles zugleich ein. Wer ist Lucian, WAS ist Lucian? Warum fühlt sie sich so mies, wenn sie von ihm getrennt ist? Warum verhält sich ihr Englischlehrer so seltsam? Und warum brachte ihre Mutter sie geradezu in einer Nacht-und-Nebelaktion zu ihrem Vater nach Amerika?
An dieser Stelle möchte ich nichts mehr vom Inhalt verraten, außer, dass es noch sehr, sehr spannend wird und ich keinesfalls auf die Auflösung des Rätsels gefasst war und auch nicht von alleine darauf gekommen wäre.
***Stilistische Besonderheiten***
Der Roman ist zum überwiegenden Teil in Ich-Form aus der Perspektive Rebeccas geschrieben. Insgesamt ist der Roman nämlich in drei Teile aufgeteilt: Der erste Teil spielt komplett in Hamburg, der dritte Teil in Amerika und der Mittelteil besteht nur aus Emails, wodurch sich das Romangeschehen für den Leser erschließt. Dieser Bruch ist gewollt von der Autorin und hat einen plausiblen Grund, den ich aber nicht nennen kann, ohne zuviel von der Story preiszugeben. Auf jeden Fall erzielt die Autorin einen stetig ansteigenden Spannungsbogen, der buchstäblich bis zur letzten Seite anhält und den Leser das Buch zufrieden seufzend schließen lässt.
Auf jeden Fall ist die Wahl der Ich-Erzählweise mit hohem Identifikationspotential verbunden und ich denke, dass sich viele Leserinnen zumindest zum Teil in der Protagonistin wiederfinden könnten.
***Fazit***
Zuallerst möchte ich erwähnen, was mir negativ aufgefallen ist: Das Buch ist ja hauptsächlich für junge Mädchen im etwaigen Alter der Protagonistin geschrieben worden und ihre Ausdrucksweise entspricht dem auch recht gut. Allerdings handelt es sich bei der Protagonistin um eine recht behütete junge Dame aus einer Gesellschaftsschicht, die nicht unbedingt Geldschwierigkeiten hat und für die es normal ist, mal eben nach Amerika gejettet zu werden oder in Privatschulen verfrachtet zu werden. Das wäre denn auch mein einziger Kritikpunkt an dem Roman, denn ich denke, dass das Buch bei aller atemloser Spannung und faszinierendem Rätsel über so viel philosophischen Tiefgang und Stoff zum Nachdenken verfügt, dass es diesen Lapsus nicht unbedingt nötig gehabt hätte. Auch mit nicht so betucht aufgewachsenen Teenagern hätte der Roman doch genau so funktionieren können! Kurzum: Ich glaube, unsere Jugend hat etwas mehr aufzubieten - sowohl an politischer als auch an sozialer Kompetenz - als den etwas überzeichneten Egoismus, den die Protagonistin manchmal zeigt.
Aber nun gut, es ist ein Roman und eben nicht die Realität, auch wenn ich mir persönlich eine etwas authentischere Hauptfigur der heutigen Zeit gewünscht hätte, denn meiner Erfahrung nach sind junge Leute in dem Alter der Protagonistin schon sehr viel mehr bei den aktuellen Problemen unserer heutigen Gesellschaft engagiert, obwohl es da wie überall natürlich Ausnahmen gibt. Meiner Ansicht nach hätte es der Geschichte aber eben auch nicht geschadet, wenn Rebecca z.B. auch an einer Demo gegen die Abholzung des Regenwaldes o.ä. teilgenommen hätte und dort Lucian begegnet wäre.
Von diesem Manko abgesehen ist die Geschichte in sich aber sehr spannend, sehr interessant und auch sehr schlüssig aufgebaut, so dass man nirgends das Gefühl bekommt, jetzt hätte die Autorin den Bogen der Gedankenspielerei überspannt. Aber man muss sich schon mit der Theorie, die die Schriftstellerin da aufstellt, gedanklich auseinandersetzen. Oberflächlich ist dieser Romanstoff jedenfalls auf keinen Fall und er geht mit seiner Thematik über einen bloßen Jugendroman auch weit hinaus, so dass ich keine Altersbegrenzung nach oben sehe.
Nichts gegen die zurzeit so beliebten Vampirromane, die offenbar ja auch ein Bedürfnis junger Leserinnen befriedigen. Lucian kann an Attraktivität, geheimnisumwittertem Background und tiefen, echten Gefühlen aber mindestens da mithalten und ist meiner Ansicht nach ein empfehlenswertes Leseerlebnis.
Wenn man also nach einem Geschenk sucht, welches besonders junge Mädchen erfreuen kann, kann man durch den Roman "Lucian" nichts verkehrt machen. Ein solider Fantasy-Roman, spannend und mit Tiefgang!
Herzlichen Dank für das Lesen und Bewerten meines Berichts
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