Der Weg nach Mittelerde. (gebundene Ausgabe) / Tom Shippey

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Der Weg nach Mittelerde
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Produktbeschreibung

Der Weg nach Mittelerde. (gebundene Ausgabe) / Tom Shippey

EAN 9783608936018
ISBN 3608936017
gelistet seit 02/2012

Tests und Erfahrungsberichte

  • Wissenschaftlich fundiert: ein steiniger Weg nach Mittelerde

    Pro:

    informativ, teils unterhaltsam, sehr gelehrt, relativ aktuell, kompetent übersetzt

    Kontra:

    selten spannend, viele Druckfehler, gibt’s noch nicht als Taschenbuch

    Empfehlung:

    Ja

    „Der Weg nach Mittelerde“ ist eine literaturwissenschaftliche Erkundung von Tolkiens Kreativität und den Quellen seiner Inspiration, geschrieben mit großer Fachkenntnis von einem Kollegen, der Tolkien mehrfach in seinen Fußstapfen folgte. Shippey, Autor von „JRR Tolkien – Autor des Jahrhunderts“, zeigt im Detail, wie Tolkiens wissenschaftlicher Hintergrund ihn dazu führte, ein Werk zu schaffen, dessen Faszination nun bereits ein halbes Jahrhundert überdauert. Zudem setzt sich Shippey mit den Verfilmungen des „Herrn der Ringe“ durch Peter Jackson auseinander. (aus der Verlagsinfo)

    Der Autor
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    Prof. Tom Shippey, geboren 1943, lehrt zur Zeit an der Universität von St. Louis, USA. Er hatte die gleichen Lehrstühle für Alt- und Mittelenglisch wie Tolkien inne, erst in Leeds, dann in Oxford. Er hat zahlreiche Artikel über Tolkien und dessen Werke veröffentlicht, nicht zuletzt in den Annalen der diversen nationalen Tolkien-Gesellschaften.

    In die Neuausgabe seiner 1987 veröffentlichten Werks "Der Weg nach Mittelerde" hat er nicht nur Korrekturen von Beurteilungen aufgenommen, sondern auch seinen langen Essay über Peter Jacksons Verfilmung des "Herrn der Ringe".

    Inhalte
    ============

    1) Vorwort
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    Nach den Danksagungen und der Angabe seiner Quellen weist der Autor seinen Leser darauf hin, welchen Stellenwert die neue Ausgabe von 2005 seines Buches „Der Weg nach Mittelerde“ aus dem Jahr 1982 einnimmt. Erstens handelt sich um eine in wenigen Aspekten revidierte Darstellung und Bewertung, denn nach 1982 erschien die „History of Middle-Earth“ in über einem Dutzend Bände (die auf Deutsch noch gar nicht existiert!) sowie ein Band mit Aufsätzen, diverse Funde usw. Das ist also ein notwendiges Update.

    Der zweite Aspekt betrifft die Position von „Der Weg nach Mittelerde“ zum Buch „JRR Tolkien – Autor des Jahrhunderts“. Shippey versteht sein Buch „Der Weg nach Mittelerde“ als komplementäre Ergänzung zu seiner populärwissenschaftlichen Betrachtung „J.R.R. Tolkien – Autor des Jahrhunderts“. Während dieses Werk Tolkien vor dem Hintergrund seiner eigenen Zeit betrachtet (synchronisch), verfolgt „Der Weg nach Mittelerde“ den diachronischen Ansatz, nämlich die lange Entstehungsgeschichte des Hauptwerkes „Herr der Ringe“ über Jahrzehnte hinweg zu untersuchen, also aus den Wurzeln im „Silmarillion“ (ab 1916).

    Das ist ein völlig anderer Ausgangspunkt, die Methode ist dementsprechend anders. „Der Weg“ ist nicht populärwissenschaftlich, sondern akademisch formuliert. Allein schon der „Apparat“, also Anhänge plus Register, nimmt deshalb rund 100 Seiten ein. Anschaulich wird der Streifzug dadurch, dass Shippey zu illustrieren versucht, wie eine rätselhafte schriftliche Antwort Tolkiens aus dem Jahr 1972 über 30 Jahre brauchte, bis Shippey soweit war, sie auch vollständig zu begreifen.

    2) Kap. 1: >LIT.< und >LANG.<
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    Als Tolkiens "Herr der Ringe" (im folgenden "HdR") erschien, wurde er von den Kritikern hämisch und vernichtend besprochen. Shippey geht dem Grund dafür nach. Auch Tolkien hatte für seine Kritiker herzlich wenig Sympathie übrig, drückte dies aber verschlüsselt und kanalisiert aus. Shippey deckt einen grundlegenden Konflikt auf: Während die Kritiker an "Literatur" (LIT.) und "Sprache" (LANG.) interessiert sind, stellt sich Tolkien dazwischen, nämlich auf den Standpunkt der "Philologie".

    Shippey versucht eine Definition, findet aber nichts Belastbares: Philologie ist ein Chamäleon, das sich im Laufe von 200 Jahren mehrfach gewandelt hat. Nach ersten großen Erfolgen zwischen 1810 und 1887 erwarb sich die "historisch-vergleichende Sprach- und Kulturwissenschaft" den Ruch, etwas allzu Deutsches zu sein - und das wurde den Briten besonders 1914 höchst suspekt. Nach dem Krieg wurde sie geradezu verboten, bedauert Tolkien 1930 - und versucht dennoch, dem Ideal zu folgen. Er erfand die Welt des "Herrn der Ringe" nur, zitiert Shippey, um einen ganz bestimmten Satz auf Elbisch zu ermöglichen (dessen Sinn jetzt nichts zur Sache tut). Es stand also nicht die Story am Anfang, sondern Sprache und Kultur, also Philologie.

    Die größte Verlockung für Philologen bestand in der Rekonstruktion - von Sprachformen wie dem Ur-Germanischen, von Völkern und Reichen wie einem germanisch-gotischen Reich usw. Für diese putativen, erschließbaren Dinge erfanden sie das Sternchen: *. Dafür gab es zwar (noch) keinen Beleg, aber per Logik und Lautgesetzen schließbare Formen. Hinweise gab es jede menge, und man kann sich den jungen Tolkien über Fragmenten wie dem Waldere-Lied, den frühesten walisischen Arthur-Epen und Namenslisten der Burgunder und Goten vorstellen. Das Problem: Nichts davon ergab einen sinnvollen Zusammenhang - es waren alles nur Bruchstücke, wie Kochen auf einer staubigen Ebene voller Toter.

    3) Kap. 2: Philologische Spuren
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    Kein Wunder also, dass sich Tolkien schon 1915, vor seinem Militäreinsatz, zusammen mit seinen Freunden von der Barrovian Society in Phantasien erging, um sowohl sprachliche als auch historische Vergangenheit zu vergegenwärtigen. Während sein Freund G.B. Smith von den römischen Straßen dichten, die das Oxforder Land durchzogen, ging Tolkien schon viel weiter und imaginierte sich eine edwardianische Feenwildnis: "Goblin Feet" hieß der Erguss. Das einzige wertvolle Motiv: die Straße, die immer fortgleitet, auch im "Hobbit" und im "Herr der Ringe".

    Shippey rechtfertigt diese bescheidenen Anfänge durch philologische Beobachtungen aus der Oxforder Umgebung: Da gibt es selbst noch nach 1600 Jahren verborgene Hinweise auf römische Villen und eine große Straße nach Bath, der weithin bekannten Bäderstadt. Erst die normannischen Invasoren verdeckten diese Hinweise und missdeuteten viele Namen.

    Zwischen dem Abzug der Römer anno 409 und der normannischen Invasion 1066 (immerhin fast 660 Jahre) geriet vieles in Vergessenheit, doch erst durch die Normannen begann das Französische, das Angelsächsische zu verdrängen. Doch in einer entlegenen Region überlebte es, und Tolkien liebte die Vorstellung, dass diese Region, die später das Vorbild zum Auenland wurde, seine Heimat Worcestershire und das benachbarte Herefordshire waren. Dort konnten lustige, derbe Gedichte wie Tolkiens eigene entstehen, von denen Frodo eines im "Tänzelnden Pony" singt, das andere ist in "Tom Bombadil" abgedruckt (siehe meinen Bericht dazu).

    In einem weiteren Essay entstand die Idee zu einem Wesen, dessen Haut schwarz und rußig war, als sei es von der Sonne verbannt worden: der Balrog. Die Angelsachsen wollten eigentlich nur in ihren eigenen Begriffen einen Äthiopier beschreiben, nutzten dafür eigene Begriffe. Dabei stieß Tolkien auf das Wort "sigel": Sonne, Juwel. So entstand die Idee für die Silmaril-Edelsteine, die größten Schätze der Elben.

    Wo Tolkien selbst sich sah, versucht Shippey anhand der Essays "Die Ungeheuer und ihre Kritiker" (über "Beowulf") sowie "Über Märchen" und der kleineren Erzählungen "Blatt von Tüftler" und "Bauer Giles von Ham" zu verorten. Tolkien macht ihm diese Ortung nicht gerade leicht, denn der Professor wusste sich zu schützen. Anscheinend ist es so, dass der Künstler Tolkien sich in der Tradition des Dichters des "Beowulf" sah und dabei die Technik des "glamour" adaptierte: Dabei handelt es sich nicht nur um Fantasie als kreative Kraft, sondern auch um Fantasy als Ergebnis und schließlich auch um den Prozess, der dazwischen liegt (extrem vereinfacht ausgedrückt).

    Shippey verdächtigt Tolkien, in einem Zirkelschluss zu argumentieren, um die eigentliche Wahrheit zu verschleiern. Auf jeden Fall musste Tolkien seine Tätigkeit als Philologe mit der des Dichters, der eine Vision kreativ umsetzen will, miteinander vereinen, bevor er seine zwei Hauptwerke zustande bringen konnte: den "Hobbit" und den "HdR". (Obwohl Tolkien selbst stets "Das Silmarillion", an dem er 60 Jahre arbeitete, als sein Hauptwerk betrachtete.)

    4) Kap. 3: Der Bürger als Meisterdieb (über „The Hobbit“)
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    Tolkien befleißigte sich eines Verfahrens, das sich als Rück-Schöpfung oder Rekonstruktion charakterisieren ließe: Aus den verstreuten und vielfach vulgarisierten Bedeutungen eines Wortes wie "Elf" oder "Zwerg" ging er zurück bis zu den frühesten Quellen (altenglisch, nordisch, deutsch usw.), um von dort eine Sternchen-Bedeutung aufzubauen, die ihm "stimmig" vorkam.

    Aufgrund der alten Quellen muten seine Zwerge mehr wie mächtige, rachsüchtige Krieger an denn als friedliche Gartenzwerge, und seine Elben sind mächtige Lichtwesen, die sowohl gefährlich - weil nichtmenschlich - als auch stark, weil mit eigener Macht ausgestattet, sind. Das gleiche Verfahren nutzte Tolkien für "Orks", "Wood-woses", "Ents", "Wargs", den Wer-Bären "Beorn", "Trolle" und andere Wesen

    Einzige Ausnahme sind "Hobbits". Warum, fragt sich Shippey. Die Antwort lautet, einfach gesagt: Wenn es sie nicht in einem Wort (siehe oben) gab, hätte man sie erfinden müssen. Sie sind nicht rekonstruierte Wörter eines Philologen, sondern rekonstruierte Dinge. Und die sprachliche Erklärung erfolgt erst im letzten Satz des letzen Anhangs zum "HdR": hol-bytla = Höhlenbauer, Höhlenbewohner. Dies ist einer der Gründe, warum Hobbits, als moderne Wesen, in der Welt des "Hobbits" so fremdartig, ja, anachronistisch wirken. In ihnen trifft die Moderne (= um das Jahr 1900) auf das Universums des "Beowulf" (zw. 700 und 1000) und der beiden isländischen Eddas (12. bzw. 13. Jahrhundert).

    Dieser Kontrast hat weitreichende Folgen. Eine der wichtigsten Errungenschaften der nordischen Literatur (s.o.) sei nämlich die Definition und Darstellung des MUTES. Bilbo muss seinen eigenen Mut finden, so etwa in der Dunkelheit Morias und v.a. bevor er Smaugs Höhle betritt. Bard, der Drachentöter, ist ein weiterer Held, dessen Mut definiert wird, diesmal allerdings als SELBSTDISZIPLIN. Darin steht er in einer Tradition, die erst im 19. Jh. begründet wurde. Also ist er eine ebenso moderne Figur wie Bilbo selbst. Der Dialog zwischen Tradition und Moderne ist einer der reizvollsten Aspekt am "Hobbit" und ermöglicht vielfach Ironie.

    Schließlich kommt die Rede auf "die Habgier der Drachen". Diese Formulierung ist ein wenig irreführend. Denn nicht nur der Drache ist habgierig, sondern alle, die ihm begegnen: Sein Hort erzeugt die "Drachenkrankheit", nämlich die Gier nach dem Gold etc. Unter den Betroffenen zeigt sich ein Kontinuum: Am schlimmsten trifft es die Zwerge, allen voran Thorin. Am anderen Ende des Spektrums sind der Elbenkönig, Bard und sogar Bilbo zu finden. Aber auch den Bürgermeister von Seestadt hat es erwischt. Die Wirkung der Drachenkrankheit ist eine Variante von "bewilderment", eine Geistesverwirrung, aber auch eine Verrohung der Moral - und in letzter Bedeutung sogar eine Blendung des Auges und Geistes.

    Die Suche nach der symbolischen Bedeutung dieser Darstellung stößt Shippey unweigerlich auf die Entwicklungen, die Tolkien immer wieder kritisiert hat: Industrialisierung, Materialismus, Nützlichkeitsdenken, Entmenschlichung. Man denke einmal an Frodos Horrorvision von einem industrialisierten Auenland, die er in Galadriels Spiegel empfängt. Der Mensch / Hobbit ist nicht mehr Subjekt des Lebens, sondern nur noch Objekt von Mächten und Zwängen, die er nicht mehr beherrscht. Und eine der mächtigsten Triebkräfte ist die materialistische Gier nach Kapital, mit anderen Worten: nach Gold, das bei Tolkien stets mit einem Fluch belegt ist. Ist Bilbo also der moderne Mensch, der sich der maximalen Versuchung ausgesetzt sieht?

    5) Kap. 4: Wanderungen auf der Karte
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    Im "Hobbit" gibt es nur eine Handvoll Eigennamen, und selbst die sind eher Bezeichnungen. Im HdR hingegen tauchen mindestens 600 Namen auf, viele davon nur auf den Karten. Dadurch wirkt Mittelerde wesentlich realer und belastbarer, findet Shippey. In den ersten zehn Kapitel finden sich noch Namen aus der unmittelbaren Umgebung Oxfords, ähnlich wie "Bauer Giles von Ham" (geschrieben 1935-38). Zudem tauchen Figuren wie Tom Bombadil und der Grabunhold, die später keine Rolle mehr spielen. Daher hätte man sie weglassen können. Dennoch verleihen sie dem Land Tiefe durch "spirit" (Bombadil als genius loci) und Geschichte.

    Der nächste Abschnitt über "Wiederkehrende Motive und Strukturen" wirkt zunächst etwas überflüssig, offenbart dann jedoch eine überraschende Theorie Tolkiens, die im Widerspruch zu seiner Zunft steht: dass Sprache und Wörter eine eigene Schönheit haben, die sich unabhängig vom Kulturkreis des Lesers UNMITTELBAR vermittelt, also ohne Übersetzung! Das geht in den Bereich der Psycholinguistik hinein.

    "Der Rat von Elrond" ist nicht ein Beispiel für Multikulturalität und "culture-clash", sondern liefert auch tiefe Einblicke in die Geschichte Mittelerdes. Was ist vernünftig, was Wahnsinn? Hier wird Saruman erstmals als gewiefter Politiker ohne Skrupel, aber mit einem genialen Sprachgebrauch vorgestellt. Sarumans Gegenpol sind eigensinnige Kerle wie König Dáin, Glóin und andere Zwerge. Sie stehen für die Theorie des Nordens über den Mut: Recht wird nicht dadurch Unrecht, dass sein Vertreter besiegt wird.

    "Die Pferde der Rohirrim" bietet eine äußerst wichtige Einordnung dieses zentralen Volkes, nicht nur in Mittelerdes Völker, sondern auch in die angelsächsische Geschichte Englands: So ein Volk hat es in England nie gegeben! (Mit den Rohirrim als Verteidiger wäre die Schlacht von Hastings 1066 nicht verlorengegangen.) Die Rohirrim gab es jedoch in angelsächsischer Dichtung, insbesondere in deren Prunkstück, dem "Beowulf" (zw. 700 und 1000). Gandalf & Co. betreten die Große Halle in exakt der gleichen Weise, wie es Beowulf tut. Eine Untersuchung der Namen ergibt, dass sich Tolkien nicht an den Westsachsen orientierte, sondern an dem Königreich Mercia, dessen Grenze unweit von Oxford durch ein "weißes Pferd auf grünem Feld" markiert ist - dahinter begann einst die "Mark".

    "Die Ränder der Mark": Hier geht es um die Ähnlichkeit, vor allem aber um die Kontraste zwischen der Mark Rohan bzw. ihren Bewohnern mit bzw. zu den Umlanden und deren Bewohnern. Auf verschiedenen Ebenen werden Eomer, Boromir, Faramir und Eowyn gegenübergestellt, aber eine auffallende Parallele besteht zwischen Theoden und Denethor: Beide Herrscher verlieren ihre Söhne, beide sterben, doch auf völlig unterschiedliche Weise.

    Der letzte Abschnitt dieses Kapitels deutet an, dass die nichtmenschlichen Figuren (auch Elben) ein teil der Landschaft und der Natur sein könnten, sozusagen deren Verkörperung. Für mich war dies etwa bei Baumbart / Fangorn schon immer offensichtlich.

    6) Kap. 5: Verflechtungen und der Ring
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    Bislang hat Shippey die Kulissen und die Statisten gewürdigt, nun geht's ans Eingemachte: den Ring. Einer der permanenten Vorwürfe an Tolkien und seinen Roman lautet, dass er nicht mit der "Wirklichkeit" übereinstimme (wie auch immer diese definiert wird) und folglich nicht einmal als Kunstwerk funktionieren könne. Als Beispiel für das Gegenteil schaut sich Shippey das zentrale Dingsymbol des Einen Rings an: Es ist die Verkörperung der Macht. Diese korrumpiert absolut. Und nicht nur das: Schon der Gedanke an sie macht süchtig und korrupt. Gollum ist ein Drogensüchtiger, der seine Dosis braucht. All dies sind Gedanken, die moderner und realitätsnäher kaum sein könnten.

    Ist der Ring böse? Ein klares Jein! Denn es gibt zwei widersprüchliche Definitionen des Bösen. Boethius (und die christliche Kirche) nehmen an, dass das Böse in jedem schlummert und unterdrückt werden muss und dass der Böse das erste Opfer einer bösen Tat ist. Die manichäische Definition erklärt Gut und Böse zu äußerlichen Kräften und fordert vom Helden, das Böse zu bekämpfen. Tolkien, so Shippey, erörtert diesen Gegensatz stets dann, wenn Frodo den Ring einsetzt oder anbietet. Fazit: Tolkien bietet keine Antwort, sondern zeigt beide Seiten.

    Vielfach ist von "Schatten" die Rede. Bemerkenswert ist, dass es sich sowohl um Geister von Toten als auch von Lebenden handeln kann. Bei Tolkien sind die Untoten allesamt ersteres, doch, als Frodo vom Morgul-Dolch getroffen wird, droht er, "in den SCHATTEN zu fallen". Später widerfährt dieses Schicksal Gandalf im Abgrund von Khazad-dûm. Shippey erörtert zudem Tolkiens Gebrauch von "wraith" = Geist, bes. Ringgeist/Ring-Schatten.

    Glück vs. Zufall: Dies sind die Kräfte, die den "Guten" helfen. Doch gibt es in einer Welt wie Mittelerde, in der Maia wie Gandalf und die Valar der Elben walten, wirklich Zufall? Manchmal scheint, als seine die Guten wie etwa Bilbo zu bestimmten Dingen "ausersehen" worden, so etwa dazu, den Einen Ring zu finden. "Luck" hingegen ist etwas völlig anderes als "chance" (Zufall). Wie schon König Alfred der Große schrieb, besteht zwischen dem Vorbedacht Gottes (Vorsehung) und dem tatsächlichen Geschehen (wyrd) ein beträchtlicher Unterschied. Wyrd ist nicht Glück, sondern ein Ergebnis, also sollte man sich als Held mit der Vorsehung auseinandersetzen.

    Kann es Mut ohne Hoffnung geben? Doch, es ist eben der Mut der Verzweiflung, den die Angelsachsen für den Heldentod der kgl. Leibwache in der verlorenen Battle of Maldon anno 991 besangen. Deshalb wird immer im HdR immer wieder über Hoffnung vs. Verzweiflung nachgedacht (und in Jacksons Verfilmung v.a. im 3. Film). Wie ist dies aber mit christlichen Glaubensgrundsätzen zu vereinbaren? Eine knifflige Frage, die Tolkien in einem Gedicht von 1953 beantwortete. Als Ausgleich zur nordischen "Theorie des Mutes" habe er die "Theorie des Lachens" eingeführt und im HdR dargestellt, v.a. bei den Hobbits.

    So mancher Leser (auch Kritiker) hat sich über die verschachtelte Chronologie und Erzählweise des HdR gewundert. Grund ist die alte Technik des "entrelacement", sagt Shippey und führt als Vorbild die frz. Artus-Epen des 13. Jahrhunderts an. Tolkien selbst stützte sich wohl eher auf die isländische Technik der "thaettir", wobei Handlungsfäden (thattr) verflochten werden. Welche Effekte sich dadurch erzeugen lassen, ist verblüffend und erhellend von Shippey dargelegt.

    Im letzten Abschnitt dieses Kapitels kommt Shippey wieder mal auf den Unterschied zwischen Allegorie und Symbolismus zu sprechen. Kritiker vermissten allegorische Bedeutungszuweisungen, Tolkien verabscheute dies, weil solche Schemata kultur- und zeitgebunden, Symbolismus aber dem Leser die Freiheit lässt, den Bezug selbst zu finden. Sein Verfahren ist einer der Gründe, warum der HdR jede Generation neu anzusprechen vermag. Shippey belegt dies sehr sprachkundig anhand der beiden "Bösewichte" Saruman und Denethor, deren Ähnlichkeit auffällig ist. Wie diese beiden verhalten sich auch heute noch Politiker und Potentaten - ein weiterer Beleg für Tolkiens Modernität.

    7) Kap. 6: Über Stock und Stein
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    Nun zu etwas völlig anderem: Stil. Ganz ehrlich, was Shippey unter "enger" und "loser semantischer Passung" versteht, hat sich mir nicht erschlossen. Viel sinnfälliger ist jedoch, was er über die Beziehung Tolkiens zu Shakespeares Werken zu sagen weiß (wohl um die "Passungen" zu belegen). Im Gegensatz zu seinem Wort "verabscheute" Tolkien den Barden von Stratford keineswegs, sondern ließ sich insbesondere von "Macbeth" in mehrfacher Hinsicht inspirieren (Beispiele würden hier zu weit führen, aber es sind etliche, so etwa der wandernde Wald von Birnam).

    Tolkien kritisiert auch die Buch-Überlieferung: Wo in der maßgeblichen Folio-Ausgabe des 17. Jahrhunderts "fail" steht, müsste "fall" stehen. Also ein Druckfehler, und Shippey findet gute Gründe dafür, dass Tolkien recht hatte. Weitere Hinweise finden sich hinsichtlich "Der Sturm" (Zauberer!), "Sommernachtstraum" (Elfen!) und v.a. "King Lear" mit einer Elfen-Legende, die der Irre Tom beiläufig zitiert: "Child Roland to the Dark Tower came" - Ritter Roland kam zum Schwarzen Turm (der Elfen), um seine Schwester zu retten. Dies (und die Quelle) inspirierte nicht Stephen King zu seinem Roman-Zyklus, sondern möglicherweise auch Tolkien.

    Die Poesie des Auenlandes und der Elben sind die Themen des nächsten Abschnitts. Während die Hobbits offenbar einige Merkmale Dichtern wie Shakespeare, Milton und Edmund Spenser verdanken (und Tolkiens eigenen Frühwerken in "Tom Bombadil"), so dichten die Elben doch auf eine ganz andere Weise. Das Scharnier zwischen diesen beiden Welten bilden Bilbo (mit "Das Lied von Earendil") und Aragorn (mit dem Lied von Beren und Lúthien), die Geschichten aus dem "Silmarillion" erzählen. Shippey findet in elbischer Dichtung unvermutete Komplexität, wie sie im Mittelalter nur vom Gedicht "Pearl" übertroffen wurde, welches Tolkien einst edierte (vgl. dazu meinen Bericht).

    Lang erwartet, nun endlich angepackt, bildet Tolkiens "Mythologie" das Thema des nächsten Abschnitts. "Mythologie" bedeutet hier erst einmal "Religiosität". Tolkien befand sich im gleichen Dilemma wie der unbekannte Verfasser des Vorbilds "Beowulf": Sämtliche religiösen Praktiken, insbesondere christliche, wurden getilgt, denn das Werk sollte kein 5. Evangelium (= gute Nachricht) sein. Dafür hätte man Tolkien ans Kreuz geschlagen. Andererseits sollte das Werk auch nicht heidnisch sein, denn Tolkien kannte heidnische Praktiken wie Menschenopfer, Inzest, Polygamie und Sklaverei - nichts davon findet sich im HdR (und nur sehr gut kaschiert im "Beowulf").

    Die "Eukatastrophe" (= gute Wendung) jedoch, als Frodo und Sam vom Schicksalsberg durch Gandalfs Adler (= Engel) gerettet werden, ähnelt nichts so sehr wie dem Tag der Erlösung. Shippey weist ausdrücklich auf das Datum hin: der 25. März (s. 253). Dies war nach angelsächsischem Glauben a) der Tag der Kreuzigung, b) der Tag von Mariä Verkündigung (neun Monate vor Weihnachten) und schließlich c) der letzte Tag der Schöpfung. Symbolträchtiger geht es nicht! Gandalfs Adler verkündigt die Rettung in Tönen der Psalmen. Tolkien gab zu, die christliche Botschaft in die Geschichte selbst gewoben zu haben.

    Dadurch kommt natürlich der Figur Frodo eine zentrale Bedeutung zu. Sein Name bedeutet "der Weise" und verweist auf jenen legendären Dänenkönig, der in einer Nebengeschichte des "Beowulf" erwähnt wird. Frothi ist darin der friedenbringende König, dessen Wohlstand und Friede jedoch nur durch die Arbeit zweier Riesinnen begründet wird, die eines Tages gegen diese Ausbeutung rebellieren und das Königreich in Krieg stürzen. Frothis Sohn Ingeld hasst und verachtet seinen Vater, denn er selbst lebt das Ideal des nordischen Heroen: opferbereit, mutig bis zur Selbstauslöschung. Frodo jedoch lehnt wie Frothi alle Heroismen ab, wird zum Pazifisten, der bei der "Säuberung des Auenlandes" viele Leben verschont, wie er schon Sméagol verschonte. Frodo ist, in einem Wort, ein Prophet und Seher, dessen Weg ihn jenseits "der Kreise der Welt" führen wird. Mit ihm lässt sich der HdR als eigenständiger "Mythos" betrachten.

    Zurück zum Stil. Shippey untersucht den Roman als "Romanze" im Gegensatz zum "Roman", Romanzen sind Abenteuergeschichten, wohingegen Romane "realistisch" zu sein haben. 1957 hat der amerikanische Literaturwissenschaftler Northrop Frye die Form der Romanze in fünf Ebenen aufgeteilt, vom Mythos ganz oben bis hinunter zur ironischen Parodie desselben. Kurioserweise vermeidet Tolkien die meiste Zeit das Pathos des Mythos, bemüht aber häufig die fast schon peinlich zu nennenden Banalitäten, die die Hobbits (außer Frodo) von sich geben. Letzteres dient als Gegenmittel zum Pathos des Mythos. Dennoch führte dieses Verfahren dazu, dass die Leser vielfach von beidem peinlich berührt waren - und die Kritiker erst recht.

    Heldentaten sind ja ganz okay, wenn sie nur "realistisch" dargeboten werden. Diesem Anspruch verweigerte sich Tolkien: Heldentum als Selbstzweck liefert als Lohn nur den Tod, warnte er schon vor dem Beginn des 2. Weltkriegs. Deshalb haben alle seine Helden ein Motiv jenseits ihrer selbst, niemals Ruhm (selbst Boromir, der als einziger Held stirbt). Shippey untersucht verschiedene Szenen. Am interessantesten ist seine Analyse von Lothlórien. Wenn alle Landschaften im HdR "moralische Metaphern" sind, wofür steht es dann? Ganz einfach: für eine Version des Himmels, denn hier ist der Tod Gandalfs ebenso vergessen wie Trauer und Kummer. Dies dürfte den Kritikern sehr allegorisch vorgekommen sein, selbst wenn sie die Schönheit Lóriens zu würdigen wussten.

    8) Kap. 7: Visionen und Revisionen
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    Endlich kommt Shippey auf den unvermeidlichen Urgrund des HdR zu sprechen: den Stoff, aus dem 1977 "Das Silmarillion" destilliert wurde. Immerhin schrieb der Meister rund 60 Jahre daran (von 1914 bis zu seinem Tod 1973). Leider ist davon bis heute noch nicht alles übersetzt worden:
    "The Lost Tales" = "History of Middle-Earth" I + II: dt. als "Verschollene Geschichten 1 + 2" bei Klett-Cotta;
    "History of Middle-Earth" III bis XII: nicht übersetzt.
    "Unfinished Tales": dt. als "Nachrichten aus Mittelerde" bei Klett-Cotta.
    "Das Silmarillion" (1977), dt. bei Klett-Cotta.
    "The Children of Húrin": "Die Geschichte der Kinder Húrins", dt. bei Klett-Cotta.

    Shippey unternimmt den Versuch, dem Leser, der bislang nur den "Hobbit" und den HdR kennt, dieses Konvolut zugänglich zu machen. Vorab versucht er zu erklären, wieso es Tolkien nicht gelingen KONNTE, dieses Buch selbst zu veröffentlichen. Dafür zählt er diverse Gründe auf, die v.a. aus dem grundlegenden unterschied zwischen Silmarillion und Hobbit/HdR herrühren: Es gibt keinen Vermittler, wie es Bilbo oder Frodo sind.

    Das Silmarillion ist Tolkien Version des Buchs Genesis, eng verwandt mit Miltons "Paradise Lost / Regained". Doch wenn es um Elben geht und ihren Kampf gegen das Böse (Melkor = Morgoth), wieso sollte uns ihr Kampf etwas bedeuten? Wenn sie um Erlösung aus der Verbannung nach Mittelerde ringen, wie können sie diese denn erlangen, wenn sie keine Seele haben? Haben sie also eine Seele oder keine? Eine knifflige Frage!

    Und worin besteht überhaupt ihre Sünde bzw. ihr Sündenfall, der zu ihrer Vertreibung aus dem Paradies führt? (Der Sündenfall der Menschen, die aus dem Osten kommen, wird als bekannt vorausgesetzt.) Tolkien verweist auf Melkors Sündenfall, der zuerst an seine eigene Größe denkt, dann erst an die des Schöpfers Iluvatar. Dann folgt Féanor, der Schöpfer der Silmaril, die den Abglanz des Paradieses in sich bergen: Er ist zu stolz auf seine eigene "Unter-Schöpfung", will etwas für sich schaffen - dies ist auch die "Sünde" Tolkiens selbst, der sich als Unter-Schöpfer (sub-creator) betrachtete.

    Diese Frage führt zu den Kernthemen: die Liebe zwischen Lúthien, der Elbin, und Beren, dem Menschen, deren Heldentaten (to hell and back) und Liebe die Unsterbliche vom Tod "erlöst". Denn im Gegensatz zu den Menschen sind die Elben mit Nichtsterbenkönnen (also nicht Unsterblichkeit an sich) gesegnet bzw. bestraft. Die Parallelen zu diesem Paar finden sich haufenweise. Schließlich aber entsteht aus Luthiens und Berens Heldentat das strahlende Symbol von Earendil, den Galadriel im HdR als "unseren geliebten Stern" bezeichnet.

    Earendil ist eines jener Ur-Motive, die Shippey als "lyrische Kerne" bezeichnet und an denen sich Tolkiens Vorstellungskraft entzündete. Der Halbelb Earendil ist sowohl Fürsprecher für die Bewohner Mittelerdes bei den Göttern von Aman, als auch Träger des letzten Silmaril und somit Spender von Licht und Hoffnung - kurzum: ein Erzengel statt eines Messias.

    Ein Grund, warum "Das Silmarillion" so scher zu verstehen ist, liegt laut Shippey in der Unvertrautheit des Mechanismus, der für die meisten Konflikte sorgt: Blutsverwandtschaft. In heutigen Patchwork-Familien scheint dieses Prinzip kaum noch Beachtung zu finden, doch für die Ur-Elben Noldoli, Teleri und Vanyari ist es von alles entscheidender Bedeutung. Es führt zu Zwist, Missachtung und sogar Verrat, mithin zum Untergang der drei verborgenen Elbenreiche Gondolin, Nargothrond und sogar Doriath.

    Ergänzt wird das Prinzip durch die Begriffe "fate" und "doom": "fate" lässt sich mit dem von den Göttern Geschickten, dem Schick-sal eben, übersetzen. Doch "doom" ist zwiedeutig, denn es ist sowohl Gerichtsurteil eines Königs als auch unheilvolles Schicksal. Da fragt man sich doch zu Recht, wo hier der freie Wille bleibt. Tolkien entschied sich für einen Kompromiss aus vielen Motiven.

    Die wichtigste Geschichte, in der er alle drei Prinzipien wirken ließ, ist die von Beren und Lúthien. Er verarbeitete sie etwa ein Dutzend Mal in 60 Jahren. Shippey kritisiert zwar die Überladenheit der Grundgeschichte, doch würdigt er die Schönheit mancher Szenen, die in jedem Leser Ergriffenheit erzeugten - außer in jenen, die sich nicht darstellen ließen, wie etwa Lúthiens Fürsprache vor dem Gott Mandos.

    Shippey liefert im Anschluss die beste Analyse der kompletten Túrin-Turambar-Saga (also inkl. der aktuellen Fassung in "Die Kinder Húrins"), die ich je gelesen habe. Schon 1912 (mit 20 Jahren) soll Tolkien die Kalevala-Vorlage "Das Lied von Kullervo" in einem Gedicht verarbeitet haben. Diese Basis hat er sukzessive ausgeweitet und mit den anderen Sagas, etwa der von Beren, verwoben.

    Túrin, der sich "Master of Doom" nennt, hat mehrere entscheidende Charakterfehler, nämlich Furcht um Mutter und Schwester, ein großes Schuldgefühl und schließlich Mut ohne Selbstvertrauen, der aus Verzweiflung entstand und sich in Terror äußert: Der Schreckenshelm mit dem Langbogen und dem Schwarzen Schwert ist ein Terrorist geworden. Schuld daran ist aber zum großen Teil auch seine Mutter Morwen. Sie missachtete aus Stolz die Anweisung ihres Gatten Húrin, nicht zu säumen. Und Húrin seinerseits wurde von Morgoth gefangengenommen und sollte dadurch gequält werden, dass er den Untergang seiner gesamten Sippe (inklusive Turgons und Finrods) mit ansehen sollte. "Doom" und "Chance" sind also auch von Morgoth verdorbene Kräfte, und Morgoth ist bekanntlich ein Gott.

    Wie in "Beren" untersuchte Tolkien in "Túrin" die Möglichkeiten, inwieweit der Wille des sterblichen Menschen korrumpiert werden könne, sei es durch Liebe, Hochmut, Verzweiflung, Habgier und mehr. Die Form der Erzählungen ist dabei ganz die der "romance", also einer abenteuerlichen Saga statt der eines Romans. Das macht es für den heutigen Leser nicht einfach, einen Zugang zu finden.

    9) Kap. 8: Wenn der Zauber vergeht
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    Bevor Shippey auf die "History of Middle-Earth" eingeht, widmet er sich der Frage, wie sich Tolkien in seinen letzten Jahren, also nach 1955, präsentierte. Das Ergebnis ist doch recht betrüblich, denn überall findet Shippey Resignation, Niederlage und ohnmächtigen Zorn.

    Als Belege dienen ihm die kleineren Erzählungen, insbesondere "Smith of Wooton Major/Der Schmied von Großholzingen" (1965), aber auch die Gedichte, die in "Die Abenteuer des Tom Bombadil" (1962) enthalten sind. Hier ist sogar einmal von "Frodos Traum" die Rede, bevor sein Held nach Valinor absegelt. Vielfach entsagt das lyrische Ich hier den elbischen Phantasielanden, so etwa in "The Last Ship".

    Ein weiteres Indiz findet Shippey in dem langen Gedicht "The Lay of Aotrou and Itroun" von 1945. Hier zieht es der von der Hexe verzauberte Herzog vor, sich selbst zu töten, als sich auf einen Pakt mit Elbland einzulassen. Das klingt recht nach "Sir Orfeo", allerdings gibt Tolkien dem Herzog christliche Beweggründe. Nur ganz am Schluss des "Akallabêth" genannten Númenor-Teil von "Silmarillion" gewährt sich Tolkien eine Hoffnung: dass nämlich Seefahrer, die nach Valinor wollen, dank einer Gunst oder Gnade der Valar, der göttlichen Mächte, wenigstens "über die Kreise der Welt hinaus" bis an die Gestade der Unsterblichenlande gelangen können - ins Elbland der Phantasie, wo sowohl religiöse als auch weltliche Gesetze gelten. Doch nicht weiter. Vielleicht hat Tolkien an seiner Berechtigung als Zweitschöpfer gezweifelt - seine Kritiker taten es auf jeden Fall, und das waren nicht wenige, auch an der Uni Oxford.

    10) Kap. 9: >Im Verlauf der tatsächlichen Abfassung<
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    Anders als in der Erstfassung 20 Jahre zuvor (ca. 1987) berücksichtigt Shippey nun die zwölfbändige "History of Middle-Earth" komplett. Doch Shippey ist über das, was er darin fand, sowohl ernüchtert als auch bestürzt. Zentrale Aspekte wie die Silmaril, den Namen von Aragorn/Streicher und vor allem die Natur des Einen Rings fanden erst im allerletzten Moment Eingang in die Endfassung (falls man diesen Begriff aufs "Silmarillion" anwenden kann). Schon Tolkien selbst warnte seine Leser, Kollegen und Kritiker davor, quasi unter die Motorhaube eines Werks zu blicken. Nun haben wir den Salat: In der "History" sehen wir sämtliche Eingeweide in beunruhigender Unfertigkeit. Vom großen Plan des Schriftstellers also keine Spur, vielmehr die Lust am Spiel mit Namen und Sprachen.

    Sollte und konnte das "Silmarillion" wirklich eine "Mythologie für England" sein, fragt Shippey. Tolkien hat das zwar nie so gesagt, wie es scheint, doch er meinte es so. Leider bekam er weder die Römer in den Griff noch den Bezug zur angelsächsischen Moderne: Das Manuskript wurde als definitiv "ausländisch" (wahrscheinlich "keltisch") abgelehnt. Ironie hoch zwei!

    Tolkien schätzte "Tiefe" an einer sprachlich-literarischen Erfindung am höchsten. Doch wie konnte er selbst diesen Eindruck herstellen? Shippey untersucht dies anhand des "Liedes von Beren und Lúthien", von dem es nicht weniger als neun Versionen gibt. Man sollte meinen, dass zentrale Elemente der Geschichte, die sich um den Silmaril, den ihr Vater Elu Thingol im Austausch für Lúthiens Hand von Beren verlangt, von Anfang an eine bedeutende Rolle gespielt haben müssten.

    Dem ist nicht so, stellt Shippey erstaunt fest. (Parallelen zur Wälsungen-Saga bzw. dem Brünhild-Lied, die Shippey anführt, fand ich wenig zielführend. Sie sollen belegen, dass stets die Gefahr besteht, zentrale Fragen wie die obige zu vernachlässigen und dass daraus Widersprüche entstehen.) Die historische Tiefe, die das Lied heute vermittelt, erhält es vielmehr aus der Einbettung in den HdR, wo Aragorn es singt. Und diesen Kniff benutzte Tolkien sowohl im "Akallabêth" durch Nutzung eines unsicheren Chronisten als auch in einem der späten Tom-Bombadil-Gedichte.

    Zurück zu den Vorwürfen der Kritiker. Diesmal steht "Eskapismus" auf der Anklageliste. Es ist aber doch bemerkenswert, dass alle Schriftsteller, die ein Kriegserlebnis hatten, wie Tolkien, C.S. Lewis, Kurt Vonnegut und viele andere, dieses Trauma nie in "realistischen Romanen" verarbeiteten, sondern in Form von Fantasy oder Science Fiction (z.B. "Schlachthof 5" von Vonnegut). Im Unterschied dazu verarbeiteten "realistische Autoren" wie Updike oder Philip Roth nie Kriegserlebnisse, falls sie welche hatten. Es sei denn, man hieß Norman Mailer und war eh schon Reporter. Was also sollte an einem Kriegsroman wie HdR "eskapistisch" sein, fragt Shippey.

    HdR sei eine Kastrationsphantasie, meint ein weiterer Literaturwissenschaftler. Indiz dafür sei, dass Frodo in den Schicksalsklüften der Finger abgebissen werde, an dem er den Ring trägt. (Und Frodo verlor durch diese Mission noch viel mehr, etwas, das er nur in Valinor lindern kann.) Und überhaupt gehe es in dem Roman viel mehr um das Entsagen als um das Gewinnen - wie defätistisch! Eine weitere Kritikerin beschwert sich sogar über den "hypertrophen Realismus" von HdR, gerade so, als wären ihr Orks, wandernde Bäume und Elfen nicht phantastisch genug.

    Hierzu findet Shippey einen wunderbar passenden Abschluss, indem er auf die erste christlichen Dokumente Englands aus dem 7. Jahrhundert zurückgreift, allesamt Fragmente, und sogar mit dem Zusatz eines Fans versehen. Nur der Zusatz hat die Zeiten überdauert. So könnte dermaleinst auch HdR als ein Rest dessen aufgefasst werden, was einst die altnordische, altenglische und philologische Literatur gewesen ist. Bemerkenswerterweise ist es Tolkien gelungen, das Interesse an diesen Bereichen weltweit wiederzubeleben. Und von welchem anderen Schriftsteller könnte man dies schon behaupten?

    11) Nachwort
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    In seinem Nachwort greift Shippey die Vorwürfe der englischen Kritiker, die er im Vorwort anführte, noch einmal auf, macht sie erklärlich und präsentiert Tolkien als ein Novum für diese Kritiker. Die Rezensenten standen in den fünfziger Jahren nämlich auf elitären Standpunkten und lobten Bücher, die die Gesellschaft herausforderten - aber keinesfalls die Kritiker. Auch die Universitäten sind bis heute offenbar nicht viel besser, und Philologie ist mittlerweile kaum noch zu finden.

    Ansonsten fasst das Nachwort nochmals zusammen, worauf es Tolkien ankam. Etwas muss er richtig gemacht oder einen Nerv getroffen haben. Woher kämen denn sonst die Millionen von Lesern? Für die angemessene Bewertung von Unterhaltungsliteratur muss die Literaturwissenschaft offenbar noch Werkzeuge finden, die nicht antiquiert sind.

    12) Anhänge A, B und C
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    Die drei Anhänge formen zusammen mit der Konkordanz und dem Index rund einhundert Seiten. Man muss sie nicht unbedingt gelesen haben, aber zumindest Shippeys Urteil über Jacksons Filmtrilogie ist einen Blick wert.

    Anhang A: Tolkiens Quellen: Die wahre Tradition

    Tolkien hielt nicht viel davon, dass "Der Herr der Ringe" mit Richard Wagners Opernzyklus "Der Ring der Nibelungen" verglichen wurde. Shippey weist zwar auf Parallelen hin, doch Tolkiens Unmut richtete sich vielmehr darauf, dass Wagner nicht auf die "wahren Quellen" zurückgriff, sondern auf Vermittler wie das mittelhochdeutsche "Nibelungenlied" und diverse Nacherzählungen nordischer Sagen. Eine solche "wahre Quelle" waren für Tolkien zweifellos die Originaltexte des "Beowulf"-Epos und der beiden Edda-Saga-Sammlungen.

    Daneben standen Tolkien laut Shippey unzählige nordische, altenglische, deutsche, ja sogar amerikanische Quellen zur Verfügung. (Tolkien konnte Deutsch und zitierte es in seinem Essay "Über Märchen".). Für den Fan ist es interessant, welche Wörter den Autor inspirierten, so etwa das höchst ausgefallene Wort "dwimmerlaik", das Eowyn für den Nazgulkönig verwendet.

    Ebenso wichtig war für Tolkien seit 1907 das finnische Nationalepos "Kalevala", dem er zahlreiche Namen für sein "Silmarillion" entnahm. Hier ergreift Shippey die Gelegenheit, sein eigenes Fehlurteil über das "Kalevala" zu korrigieren, das er in "Tolkien, Autor des Jahrhunderts" geäußert hatte.

    Anhang B: Vier Sternchen-Gedichte

    Hier handelt es sich um vier Gedichte in Gotisch und Altenglisch. Die ersten beiden sind Philologengedichte zum Lob der Birken, die Tolkien ca. 1930 zum Baum der Philologen erhoben - und die Eiche zu dem des Feindes der Literaten an der Uni. Die zwei folgenden Gedichten schildern das Schicksal von Sterblichen, die entweder (a) von einer Elbin ins Elfenland entführt werden oder (b) freiwillig eine Nixe heiraten. In jedem Fall ereilt den Menschen ein bedauerliches Schicksal.

    Anhang C: Peter Jacksons Filmfassung

    Dieser Anhang, der auf einem Essay basiert, ist für den heutigen Leser, der höchstwahrscheinlich auch die Filmtrilogie gesehen hat, sicherlich der interessanteste. Was hat wohl Shippey (und zwar nur in dieser aktualisierten Ausgabe!) dazu zu sagen? Entpuppt er sich als Tolkien-Verteidiger und Jackson-Kritiker? Mitnichten! Vielmehr lässt er Jacksons Darstellungsweise durchaus gelten, denn ein Regisseur darf nicht nur, er MUSS sogar darstellen, was im Buch die Figuren nur im Rückblick wiedergeben und reflektieren. Dazu gehört beispielsweise die Zerstörung Isengarts durch die Ents, die im Buch völlig ausgeklammert wird. Auch Aragorns Angriff auf die Korsaren von Umbar muss im Film zu sehen sein - und nicht als Rückblendendialog.

    Interessant ist u.a., dass Tolkien schon 1957, nur zwei Jahre nach Erscheinen von Band 3, ein Drehbuch lesen konnte. Es war wirklich mies. Doch der Punkt ist, dass er sich keineswegs gegen eine Verfilmung sperrte und anerkannte, dass gewisse Szenen und Figuren - etwa Tom Bombadil - gestrichen werden müssten, um die vorrangige Handlung zu betonen, während die "Nebenhandlungen" sie begleiten.

    Doch was ist die Kernhandlung? Hier ist es witzig zu erfahren, dass New Line/Warner Bros. offenbar einen Script Doctor nach Neuseeland schickte, um Jacksons Skript zu "retten". Was dieser unbekannte Retter vorschlug, ergibt zwar dramaturgisch Sinn, jagt uns aber heute Schauder über den Rücken: Einer der Hobbits sollte sterben; wozu soll es zwei Liebesgeschichten geben, wenn eine doch völlig reicht? Also soll Aragorn Eowyn KEINEN Korb geben, sondern sie heiraten. Faramir wäre dann ebenso überflüssig wie die doofe Arwen, die eh keine Rolle spielt. Und so weiter. Ein Glück, dass Jackson diesen subversiven Versuch abschmetterte und sich an die Vorlage hielt!

    Shippey ergreift die Gelegenheit, über das Phänomen der "speculation" zu sinnieren. Dies hat wenig mit Spekulation zu tun, sondern mit dem wörtlichen In-den-Spiegel-schauen. Gemeint sind konkret die Palantiri, also die Sehenden Steine. Sie werden von beiden Seiten, Saurons wie Gandalfs, zur Irreführung der Gegenseite benutzt. Auch Saruman und Denethor werden durch sie getäuscht, weil diese Mistdinger immer nur die halbe Wahrheit zeigen. "Speculation" liefert Stoff für einen interessanten Aufsatz, liebe Studenten!

    Shippey kritisiert schließlich, wie Jackson mit Tolkiens Auffassung von Vorsehung und Verwirrung umgeht - beides wird umgedeutet, um den Bedürfnissen eines amerikanischen Publikums des 21. Jahrhunderts zu gehorchen. "Zweifelnde Verwirrung" (bewilderment) wird den Figuren geradezu ausgetrieben und durch Szenen der Hoffnung ersetzt, in denen Arwen einen Hauptrolle spielt. Die Vorsehung wiederum ist zwar drin geblieben, aber unter anderen Vorzeichen als bei Tolkien. Der freie Wille wird nun viel stärker betont.

    13) Anmerkungen
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    Die Anmerkungen nehmen rund 23 Seiten (473-496) ein und dienen dazu, jede Textstelle - besonders Zitate - zu belegen. Hie und da findet sich ein Update und eine Erläuterung. Die Lektüre lohnt sich v.a. für den Experten.

    Vielfach finden sich Abkürzungen von Werktiteln. Der Schlüssel zu diesen Abkürzungen ist auf den Seiten XI bis XVII zu finden; die Liste ist also ganz schön lang. Leider ist dem Übersetzer dabei ein Widerspruch unterlaufen: Wenn er wiederholt BLT schreibt, sucht man dieses Kürzel in der Liste vergeblich. Das könnte verwirrend wirken, wenn man nicht wüsste, dass BLT möglicherweise "Book of Lost Tales" ("Das Buch der verschollenen Geschichten", 2 Bde. bei Klett-Cotta) heißt. Und siehe da: es funktioniert! Glück gehabt.

    14) Konkordanz deutschsprachiger Ausgaben
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    Hier werden die einzelnen deutschen Ausgaben miteinander abgeglichen, wichtig für die unterschiedlichen Übersetzungen aus dem Hause Klett-Cotta, die in diversen Ausgaben vorliegen.

    15) Register
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    Im Index sind die wichtigsten Werke zu finden, auf die sich Tolkien und Shippey beziehen.

    Die Übersetzung
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    Helmut W. Pesch, der deutschen Fantasyfreunden längst als "Doctor Fantasy" - er schrieb seine Doktorarbeit darüber - bekannt ist, hat die Mammutaufgabe mit Bravour bewältigt. Nicht nur übersetzte Shippeys Text aus dem modernen Englischen. Er musste häufig auch die Quellen übersetzen, so etwa aus dem Mittelenglischen, weil dies der Meister nicht immer tut.

    Des weiteren hatte Pesch das Problem, dass es hierzulande zwei Übersetzungen des HdR gibt, nämlich die erste von Margaret Carroux und die von Wolfgang Krege. Dieses Problem löste er mit einer Konkordanz, die sich im Anhang findet. Deshalb tauchen im Text alle Verweise auf den LOTR (Lord of the Rings) mit zwei Stellenangaben auf, also mit Teil, Kapitel und Seite. Solch eine Umständlichkeit kann sich nur ein wissenschaftlich orientiertes Werk erlauben, das auf äußerste Genauigkeit bedacht ist.

    Schwächen

    Ich habe mir 24 Schwach- und Fehlerstellen notiert. Keine Angst! Sie sind schön gleichmäßig über rund 400 Seiten verteilt. Meist handelt es sich um Druckfehler, wie etwa falsche Kasusendungen und derlei Lappalien. Es gibt aber auch Dinge und Stellen, bei denen man nachhaken sollte.

    So wird etwa auf S. 194 behauptet, Minas Tirith sei evakuiert worden. Mir ist nichts dergleichen bekannt, vielmehr wurde Minas Tirith belagert. Edoras, also Theodens Burg, wird jedoch evakuiert, und die Bevölkerung wandert nach Helms Klamm. Hier leigt offenbar ein Sachfehler vor, und ich nehme an, er geht auf Shippeys Konto. Dennoch hätte der Übersetzer den Sachfehler erkennen und darauf hinweisen sollen.

    Auf S. 246 fehlt ein Komma, und das hat schwerwiegende Folgen. "Tolkiens Poetik spiegelt seine Vorstellungen über Sprache wider[,] die Auffassung, wonach die Lautgestalt vom Inhalt nicht zu trennen ist." Ohne Komma ergibt der Satz herzlich wenig Sinn.

    Auf Seite 247 ist die Rede von semantischen Begriffen wie "enge vs. lose Passung". Eine Erklärung erfolgt ebenso wenig wie der Verweis auf eine Erklärung. (Siehe auch oben im Inhaltsabriss.) Diskussionswürdig ist auch der von Pesch verwendete Begriff "Romanze" für das englische "romance". "Romanze" bedeutet hier eben nicht den landläufigen Groschenroman oder eine flüchtige Liebesbekanntschaft, sondern etwas völlig anderes: eine Abenteuergeschichte.

    Dazu zählen übrigens auch Epen wie Homers Odyssee sowie jede Menge Ritterromane. Man merkt schnell, dass es einen signifikanten Unterschied zum "realistischen" Roman gibt, wie er im 18. Jahrhundert von den Engländern erfunden wurde: Es ist eine andere Auffassung von Realität und Darstellung. Vielleicht wäre "Abenteuergeschichte" eine angemessenere Übersetzung gewesen. Leider klingt dieses Wort schrecklich unwissenschaftlich und allgemein. Wer will schon festlegen, was ein Abenteuer ist und was nicht? "Romanze" ist also besser als nichts.

    Unterm Strich
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    Ein erster Anlauf, dieses Werk zu besprechen, scheiterte 2008 schon nach zwei Kapiteln: Es ist eine hochakademische Angelegenheit, erkannte ich, in der der Unterschied zwischen Literatur- und Sprachwissenschaften ausgefochten wird. Und dessen war ich mir auch im zweiten Anlauf vier Jahre später bewusst, doch mittlerweile weiß ich mehr über Tolkien, seinen Hintergrund - und über Tom Shippey sowie dessen Fachgebiet, die alt- und mittelenglische Literatur. Überdies hält das Interesse an Tolkien und seinen Quellen, wie dem "Beowulf", unvermindert an. Grund genug, sich Shippeys erneut vorzunehmen.

    Obwohl es ein geistiger Knochenjob gewesen ist, kann ich sagen, dass es sich doch gelohnt hat. indem ich mich Kapitelabschnitt für Kapitelabschnitt vorarbeitete (jeder kleine Absatz oben steht für mehrere bis Dutzende Seiten), vermochte ich der tiefgestaffelten Argumentation des Autors zu folgen. Er versucht durchgehend, Motive und Methoden Tolkiens verständlich zu machen und beleuchtet dazu fast alle Werke des Meisters, selbst solche, die noch nicht ins Deutsche übersetzt worden sind.

    Wer letzteres bedauert, wird eines Besseren belehrt: Die "History of Middle-Earth" enthüllt so viele Details unter der Motorhaube des HdR etc., dass der Zauber verfliegt und sich Verwirrung sowie peinliche Verlegenheit im Leser regen können. Wer will schon die Geschichte von BINGO lesen? Vielleicht ein Zocker.

    Besonders wertvoll fand ich Shippeys Esssay über Peter Jacksons Verfilmung des "Herrn der Ringe", denn erstens ist er leicht verständlich (sofern man die Filme kennt), zweitens beleuchtet er nicht nur die vielfältigen Änderungen an den Handlungen der drei Teile des HdR, sondern auch gewisse Merkwürdigkeiten an der Produktion (so etwa den Einsatz eines Script-Doctors).

    Einleitung und Nachwort umreißen das Problem, das die Kritik mit Tolkien hat - und ich werde nicht noch einmal darauf herumreiten. Durch das Verständnis, das Shippey mittlerweile für Tolkien gewonnen hat (er hatte ja auch 40 Jahre Zeit dafür), schlägt er sich fast immer auf die Seite des Meisters und verteidigt ihn gegen die kritik, so vielfältig diese auch vorgebracht werden mag. Man kann viel gegen den HdR einwenden, aber unbestritten ist ja wohl, dass es einen Grund für den anhaltenden Erfolg des zum "wichtigsten Buch des 20. Jahrhunderts" gewählten Romans geben muss - und warum sich dieser Erfolg in jeder Generation erneut einstellt (was die Verlage der Tolkien-Industrie weltweit sicherlich freuen dürfte).

    Übersetzung, Gesamteindruck

    Pesch hat fast eine ebenso große Anstrengung unternehmen müssen wie der Autor selbst, um den Text so ins Deutsche zu bringen, dass er wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Dass dabei einige Schwächen aufgetreten sind, zeigt meine Würdigung oben. Aber es zeigt auch, dass das Zielpublikum nicht der gewöhnliche Tolkien-Fan ist, der nur die Filme kennt, nein, Sir, vielmehr richtet sich dieses hochakademische Werk an die Wissenschaftsgemeinde und an Laien, die sich ernsthaft mit Tolkiens Werk auseinandersetzen.

    Am lesbarsten ist wohl Shippeys Essay über die Jackson-Verfilmungen. Diese wurden aber schon woanders erstmals abgedruckt, so dass man dafür nicht extra das vorliegende Werk für 25 Euro erstehen muss. Für ernsthafte Fans sind Shippeys Forschungen in und Erläuterungen zu Tolkiens Werken sicherlich erhellend. Und sie ermöglichen eine Bewertung: Ist es wirklich nötig, die komplette "History of Middle-Earth" zu übersetzen? Die Antwort fällt eher negativ aus.

    Merkwürdig ist andererseits aber auch, dass Shippey mit keiner Silbe auf Werke wie "Die Briefe des Weihnachtsmanns", "Roverandom" und "Herr Glück" eingeht, gerade so, als gäbe es sie nicht. Es gibt also auch in diesem Werk Lücken. Diese zu schließen, ist anderen überlassen.

    Konstruktive Hinweise auf Fehler in meinem Text werden dankbar angenommen. Merke: Errare humanum ist, und Errata dürfte es etliche geben.

    Fazit: vier von fünf Sternen.

    Michael Matzer © 2012ff

    Info: The Road to Middle-Earth, 1982,2005; Klett-Cotta, 2008, Stuttgart; 529 Seiten, aus dem Englischen von Helmut W. Pesch; Preis: 24,95 EU; ISBN 978-3-608-93601-8