Obwohl ich ja noch nicht allzu alt bin, schwelge ich immer wieder gerne in den Erinnerungen an vergangene Zeiten. Und lange bevor ich anfing, einen PC zu nutzen, war ich ein eingefleischter Amiga-Freak. Gerade, als er neu rauskam, holte sich mein Bruder einen Amiga 500 und wir waren der Kiste sofort verfallen. Klasse Grafik, super Sound, megaschnell. So was hatte die Welt, geschweige wir, noch nicht gesehen. Und so kam es Anno 1993, an einem schicksalhaften Tag, als dieser unser geliebter Amiga den Geist aufgab. Doch ein Jahr zuvor kam ein Amiga der neuen Generation heraus, der Commodore Amiga 1200. Ich musste ihn einfach haben.
Es war mir egal, ob Kumpels auf ihren PCs Doom spielten, der Amiga war für mich einfach DER Computer. Ich wollte ihn weiterhin nutzen, bis zum bitteren Ende, wie es dann leider auch kam. So wurde ich an einem wunderschönen Maitag zum glücklichsten Jungen der Welt, denn in einem Technikmarkt hatten wir ein günstiges Angebot für knapp 700 DM gefunden. Meistens kostete er allerdings knapp 800 DM, wenn man z.B. bei Quelle, Karstadt oder ähnlichen gemischten Kaufhäusern schaute.
****Die Optik****
Irgendwie cool! Der 1200er war kaum größer als eine normale PC-Tastatur. Von der Breite identisch, aber ein bisschen dicker und länger. Der Amiga ist ein Tastaturcomputer, d.h. alle Komponenten, Floppy, Platine, Tastatur, waren in einem Gehäuse. Das sah schon irgendwie witzig aus und allzu schwer war das nicht. Diese Form hatte er anscheinend vom guten alten C64 geerbt. Ansonsten war die Farbe in einem dezenten hellen Beige gehalten. Über der Zehnertastatur zierte ein blinkendes Commodore-Logo den Amiga.
****Und ab die Post****
Die Installation des Computers war denkbar einfach. Stromversorgung sicherstellen, mit dem Monitor verbinden und das wars. Im Ernst, der Amiga war schon betriebsfähig, keine stundenlangen Installationen, die man nicht ohne Kenntnisse vornehmen konnte. Dies war gerade damals ein massiver Vorteil, denn vorinstallierte PCs waren eher eine Seltenheit. Auf dem Bildschirm zeigte sich eine nette Animation mit lila Hintergrund, mit der Aufforderung eine Systemdiskette einzulegen. In den ersten Monaten hatte ich noch keine Festplatte, deshalb muss man eine selbstbootende Diskette einlegen. Dazu gab es entweder eine große Auswahl an Spielen, Anwendungen oder die sagenumwobene Workbench.
****Das Betriebssystem****
Dieses ist das legendäre Amiga OS - auch als Kickstart bekannt - in der Version 3.0. Anstatt dass man es sich erst auf die Platte spielen muss, ist es in einem Kickstart-Chip integriert, d.h. wenige Augenblicke nach dem Einschalten ist das OS schon aktiv. Das hat natürlich den Nachteil, dass man gleich den ganzen Chip auswechseln muss, wenn man updaten möchte, aber das war ohnehin so gut wie nie nötig, denn das Kickstart war fast völlig fehlerfrei und gut genug ausgereift. Übrigens fasste dieser Chip nur 512 KB! Man sieht, viel Leistung auf wenig Raum!
Aber das sind eigentlich nur die Basisdaten, denn das, was wir heute unter einer Betriebssystem verstehen, nämlich eine Benutzeroberfläche, musste auch erst geladen werden. Das war dann die Workbench, ein einfacher aber durchaus treffender Name. Bereits 1985 kam die erste Version dieser grafischen Benutzeroberfläche raus, lange bevor PC-User von so was überhaupt zu träumen wagten. In der Version 3.0, beim 1200er, war sie natürlich schon sehr viel komfortabler. Man konnte alles nach Belieben arrangieren, und das mit einer Einfachheit, die ich heutzutage vermisse. Auch Modifikationen in der sogenannten "startup-sequence" (eine Art Config-File) waren stets einfach. Die Befehle sind verständlich und führen nie zu fatalen Fehlern. Es war um einiges nachvollziehbarer als bei Windows und Fehler sind leichter zu beheben. Man musste also keine Angst haben, da etwas rumzufummeln, wenn man nicht gerade ein Experte war.
Workbench und Kickstart zusammen waren dann eigentlich erst ein richtiges Betriebssystem. In einer vollständig installierten Workbench war eigentlich fast alles vorhanden, was man so brauchte, wenn auch eher abgespeckt. So gab es File-Manager, im Stil von Windows-Explorer, einfache Textprogramme, einfache Grafikprogramme, kleine interessante Tools und sonst alles, was man braucht. Das meiste war allerdings nur Grundausstattung, die richtig guten Programme musste man sich noch dazu kaufen.
****Light...****
Die positiven Aspekte von 1200er überwiegen natürlich, auf die damalige Zeit bezogen. Grafisch war er dank dem AGA-Chipsatz ("Advanced Graphic Architecture") natürlich ein riesiger Fortschritt. 256 Farben waren nun kein Problem mehr und auch 256.000 Farben gleichzeitig waren möglich, wenn auch nicht besonders zum Spielen geeignet. Und da sind wir schon beim wichtigsten Punkt, das Spielen. Dazu war der 1200er bestens geeignet.
Zwar war die Kompatibilität zu den Amigas der vorherigen Generation nicht immer vollständig gegeben, doch mit kleinen Tricksereien konnte man fast alles zum Laufen bekommen. Aber natürlich kamen mit der Markteinführung der neuen Generation auch speziell dafür zugeschnittene, technisch weitaus bessere Spiele auf den Markt. Zudem der 1200er ja von Fabrik aus mit 2 MB Grafikspeicher und einem 68020 Motorola-Prozessor mit 14 Mhz ausgestattet war. Diese sogenannten AGA-Spiele waren dann natürlich nicht mehr abwärtskompatibel und ganz nett anzusehen. Doch leider war die große Zeit des Amigas schon im Abklingen und die Kultspiele immer rarer gesät. Aber es konnte uns begeistern, die Auflösung von standardmäßig 320 mal 256 Pixel und 256 Farben. Später wurde dann aber meist schon auf 640 mal 256 Pixel aufgestockt. Wir waren der "Freundin", wie viele sie nannten, einfach hoffnungslos ergeben. Wir fingen an, Leute aus dem Freundeskreis auszulachen, die keinen 1200er hatten. Irgendwie fies, aber wir waren einfach überzeugt.
Aber nicht nur Spiele waren toll, sondern gerade diese verbesserte Grafikleistung machte den Rechner durchaus reizvoll. So war es nicht nur sehr komfortabel, sondern auch spaßig, Grafiken zu bearbeiten. Ich habe gerne Bilder erstellt oder bearbeitet und sie dann für kleine selbstlaufende Programme oder meine Workbench zu benutzen. Auf jeden Fall waren Malprogramme wie Personal Paint oder Deluxe Paint sehr viel einfacher zu bedienen, als die meisten Programme auf dem PC.
Und auch Musik zu machen war denkbar einfach. Zwar fehlte mir das dafür notwendige Talent, aber unzählige User produzierte teils nette, teils sehr gute Lieder. Das Programm "Octamed" war nicht nur sehr einfach zu bedienen, sondern auch durchaus leistungsfähig.
Aber es gab und gibt Aspekte beim Amiga, die kann man nicht mit Daten fundieren, sie waren einfach da. Die meisten User konnten sich mit dem Amiga einfach identifizieren. Wenn etwas am Amiga kaputt ging, sah man das viel tragischer, als wenn heute ein PC kaputt ging. Sicher, man konnte sich die Teile nachkaufen und das kann man auch heute noch irgendwie, aber es war, als wenn etwas kaputt ging, das einem sehr nahe stand. Wenn heute meine Festplatte oder mein Mainboard über den Jordan geht, ärgert mich nur das Geld, das ich verliere. Aber beim Amiga tat es einfach in der Seele weh.
Glücklicherweise waren Fehler und Reparaturen nicht an der Tagesordnung und mein 1200er macht schließlich seit acht Jahren brav seinen Dienst. Umso ärgerlicher war es, als durch einen selbstverschuldeten Kurzschluss auf einmal Rauch aus meiner "Freundin" ausstiegt. Als ginge es um ein Lebewesen, stürzte ich mich auf den Boden und riss den Stecker raus. Dank meiner Dummheit hatte sich der Soundchip verabschiedet, der Rest funktioniert aber weiterhin tadellos. Aber diesen Fehler werde ich mir nie verzeihen!
****....and darkness****
Aber natürlich wäre dieser Bericht nicht sinnvoll, wenn ich in völliger Begeisterung und Nostalgie nur die Vorteile nennen würde, der Amiga hatte nun mal auch ein paar Wermutströpfchen.
Recht problematisch zeigte sich die Aufrüstung. Da der Amiga - bis auf High-End Modelle - stets ein Tastaturcomputer war, wirkte sich dies bei der Aufrüstung recht negativ aus. 3,5 Zoll Festplatten waren nur mit Bastelei einzubauen. Erst gab es das Problem, das sie schlicht zu groß waren und dann musste man noch eine externe Stromversorgung regeln. Nicht einfach, aber das Problem konnte man mit einer 2,5 Zoll Harddisk umgehen, wie man sie oft in Laptops findet. Dazu gab es sogar eine Mulde im Amiga, aber leider war es auch teurer. Weiter ging es dann mit schnellerer Prozessorleistung. Für die sogenannten "Turbocards" war ein Slot vorgesehen. Im Grunde ganz okay, aber mit zusätzlichem Speicher war das nicht einfach. Oftmals passten PS/2 Module nicht ganz, so dass man wieder ein wenig feilen und sägen musste. Und auch zu Überhitzung kam es leicht, denn da die Turbocard direkt am Computerboden angebracht war und es auch keinen Platz für einen Kühler gab, war diese quasi isoliert. Auch hier war wieder tricksen angesagt, z.B. einen Wärmeableiter anbringen. Viele Bastler haben diese Probleme aber damit gelöst, dass sie ihren Amiga in einen Tower eingebaut haben.
Und auch mit der Software war das so eine Sache. In seiner Blütezeit von ca. 1986 bis 1992 gab es Unmengen von Software. Überwiegend Spiele, aber auch Anwendungen. Letztere ließen aber zu wünschen übrig. Gut, Grafiksoftware gab es ausgezeichnete aber es gab keine einzige richtig gute Textverarbeitung, mitunter ein Grund für den Untergang des Amigas, wie ich finde. Das ganz große Problem war aber, dass es um den Amiga herum unzählige Cracker-Gruppen gab, mehr als auf allen anderen Systemen. Zwar produzierten diese Gruppen teilweise bahnbrechende Grafikdemos, aber sie knackten auch jedes Spiel. Es wurde um einiges mehr kopiert, als Originale gekauft. Dies war der Grund, warum sich nach und nach alle namhaften Hersteller von dieser Plattform zurückzogen. Klar, diese Gruppen waren ein Indikator für den Kult des Amigas, aber gleichzeitig wieder ein Schritt in Richtung Abgrund.
Ein weiterer Nachteil war die recht starre Technik des Amigas, was sich auch auf die Mentalität der meisten User auswirkte. Gerade Spiele wurden so zugeschnitten, dass sie möglichst auf vielen Amigas laufen, wahrscheinlich ein Versuch, die Verluste der Raubkopiererei zu kompensieren. Aufgrund dieser Tatsache waren die User nicht willens, ihre Amigas aufzurüsten und so kam es dann immer mehr zu der Tatsache, dass PCs ja eigentlich besser sind, weil es bessere Spiele gibt! Ein häufiger Spruch, aber Schmalspurdenkerei. Beim Amiga 1200 war es dann nicht mehr ganz so schlimm, aber ich schätze, dass bei den älteren Modellen 95% höchstens mit einer Speichererweiterung ausgerüstet waren.
Aber der größte Nachteil ist ja immer noch, dass das Computersystem kommerziell ausgestorben ist....
****Unter die Haube geschaut****
Es ist sicherlich kein Fehler, wenn ich ein wenig die Technik des Amiga 1200 beschreibe, denn gerade das war es ja, was ihn vom weiter verbreiteten 500er unterscheidet.
Der Prozessor ist ein Motorola 68EC020 mit einer Taktfrequenz von 14 MHz. Die 68000er Reihe war in den Achtzigern recht verbreitet, z.B. in Ataris und Archimedes. Heute findet man den Prozessor manchmal in Haushaltsgeräten wie z.B. Waschmaschinen. Allerdings war dieser Prozessor einer der langsamsten der 68000er-Baureihe. Die letzten, die entwickelt wurden, waren gut 20mal so schnell. Für die meisten Anwendungen und Spiele hat es aber gereicht.
Witzig finde ich die Tatsache, dass die Chips für Video, Grafik und Ton mit Frauennamen versehen waren, nämlich Alice, Lisa und Paula. Auch hier sieht man, dass sich die Entwickler, allen voran Jay Miner (1932 - 1994), wirklich ein wenig in die "Freundin" verliebt haben. Allein der Name, "Amiga" Legendär!
Weiter geht es mit essentiellen Bestandteilen, wie z.B. einem IDE-Controller, PCMCIA-Schnittstelle, serielle und parallele Schnittstelle. Nur um das Wichtigste zu nennen.
Zum Lieferumfang gehörten im Standard-Kit neben dem Computer noch ein externes Netzteil, eine Maus, 3 Handbücher und die Workbench-Software.
****The Fazit****
Wenn ich mir meinen Bericht noch mal ansehe, merke ich doch, dass ich gut ins Schwärmen gekommen bin. An so vielen Stellen könnte ich noch etwas hinzufügen, doch das würde alles arg ins Detail gehen und den Rahmen sprengen. Dies ist im Grunde nur der Bruchteil des Eindrucks, den dieser Computer bei mir hinterlassen hat. Und jedes Mal, wenn ich ihn einschalte, oder wenn ich mich über Windows ärgere, dann weiss ich, dass sich ein wirklich großartiger Computer nicht durchsetzen konnte.
Schade.....
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