Marianne Faithfull (Jahrgang 1946) begann ihre Karriere 1964, nachdem sie Mick Jagger getroffen hatte...oder er sie? Egal, mit dem Song "As Tears Go By" hatte sie gleich ihren ersten Hit (später vesuchten die Stones es mit demselben Stück). Frau Faithfull startete dann als Sängerin durch und schrieb später sogar selbst einige ihrer Stücke (z.B. "Sister Morphine").
Als die Liaison mit Herrn Jagger in die Brüche ging, es war Anfang der 70er, verabschiedete sich Marianne Faithfull zunächst auch erstmal von der Musikszene. Sieben jahre ohne sind genug, dachte sie sich, und 1977 meldete sie sich dann mit „Dreaming My Dreams“ zurück. Aber erst 1979 gelang Marianne Faithfull ein aussergewöhnlich erfolgreiches Comeback mit „Broken English“, auf dem man auch „The Ballad Of Lucy Jordan“ findet. Mit diesem Album wendete sie sich endgültig von ihren eher poppigen Songs in den 60ern ab und experimentierte mit verschiedensten Sounds, von New Wave über Rock und Blues hin zum Jazz.
Ihr 87er-Album „Strange Weather“ schlug, knapp zehn Jahre nach „Broken English“, noch einmal genauso ein. Wahrscheinlich zollte man ihrem Mut Respekt, immer wieder etwas Neues zu wagen.
Nach wiederum einer längeren (musikalischen) Schaffenspause von Marianne Faithfull, die bereits ihre Autobiografie veröffentlicht hat und nebenbei malt, ist Anfang 2002 nun ihr neuestes Werk „Kissin Time“ erschienen.
Tracks:
1. Sex With Strangers
2. Pleasure Song
3. Like Being Born
4. I'm On Fire
5. Wherever I Go
6. Song For Nico
7. Sliding Through Life On Charm
8. Love & Money
9. Nobody's Fault
10. Kissin Time
11. Something Good
Marianne Faithfulls Stimme ist ein Ereignis für sich, ganz klar. Sie könnte aus dem Telefonbuch vorlesen, und man würde gebannt zuhören bis zum Buchstaben Z...;-)
Ihre Stimme klingt nach Whiskey, Schmerz, Sex und vielen Ups & Downs.
Auf „Kissin Time“ durchlebt sie offenbar wieder einmal einige dieser Stadien. Nehmen wir nur das erste Stück „Sex With Strangers“. Im Text heißt es da: „ It's time
For sex With strangers — Maybe sex with someone else.“ Ein eindeutiges Statement für anonymen Sex.
Hilfreich zur Seite stehen ihr dabei zahlreiche attraktive junge Helden der britischen Musikszene, z.B. Beck, Ex-Smashing Pumpkin Billy Corgan, Pulp's Jarvis Cocker, Blur.
Musikalisch erinnert „Kissin Time“ an ihr 79er Triumph-Album „Broken English“. Marianne Faithfull singt und interpretiert schwer verdaulichen Gift-Pop. Da ist nichts eingängiges, wenig einschmeichelnde Momente. Sie will gehört und erhört werden. Und das gelingt ihr allein durch ihre stimmliche Präsenz.
In „Like Being Born“ gibt sie sich, musikalisch ungewohnt einschmeichelnd, Familienerinnerungen hin: „ My father promised me roses, My mother promised me storms, My father taught me to use my mind, My mother taught me scorn, He touches me gently with his hand, It feels like being born“.
Das absolute Highlight der CD ist für mich das getragene „Nobody`s Fault“. Eine traurige Gitarre, ein verhaltenes Piano, zarte Streicher hin und wieder, dazu die außergewöhnliche Stimme Marianne Faithfulls, die immer wieder proklamiert: „ Tell me that it's nobody's fault, Nobody's fault, But my own“. Klingt nach Selbstmitleid pur. Ihr ist es zu verzeihen.
Fazit: ein Pop-Album, das diese Bezeichnung eigentlich nicht verdient.
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