****Intro****
Mit einem Gedanken machte ich mich auf die Suche…
…nach einem Objektiv. Zu meinen bevorzugten Motiven gehören Menschen und Available light - ein mittleres Tele ist dafür ideal, ein lichtstarkes (bzw. eine hoch öffnende Blende für schöne Unschärfen) sehr nützlich. Die Brennweite sollte irgendwo zwischen 70 und 300 mm liegen.
***Marktübersicht***
…und da gibt es eine ganze Menge. Da ich aber Blende 2.8 oder zumindest eine konstante 4.0 haben wollte, war die Auswahl schon kleiner.
Sigma bietet ein 70-200/2.8 und seit einiger Zeit ein 120-300/2.8
Von Canon selbst sind das 70-200/2.8 mit und ohne Stabilisator (IS) zu haben und ein 70-200/4.0
Das 120-300 von Sigma ist mir letztlich aber zu unhandlich, es ist deutlich größer und schwerer als ein 200er und hat eine größere Nahgrenze. Abgesehen davon fotografiere ich digital, sodass ich eine „Verlängerung“ von 1,3 bis 1,6 habe und damit 70 mm Anfangsbrennweite zu max. 112 werden – also ein 112-320/2.8, das ist auch toll!
Meine Entscheidung fiel nach anfänglichem Zweifel auf das Canon-Original. Das ist vielleicht eine Prestige-Frage, aber nach allem was ich gelesen hatte (Labortests und Erfahrungen), sprach mich dieses eher an als das Sigma. Die Überlegung, mit oder ohne IS, war dann noch schwierig (das 4.0er wollte ich wegen der geringeren Lichtstärke nicht). Einerseits ist das IS-Modell im Vergleich sehr viel teurer, andererseits werden dem nicht-IS-Objektiv etwas bessere optische Leistungen nachgesagt. Letztlich kaufte ich aber doch das IS, mit Blick auf etwas längere Verschlusszeiten im Lowlight-Bereich.
***Handling***
Gewicht & Maße
Das Objektiv ist schwer, zumindest wenn man es zum ersten Mal in der Hand hat oder nur mit einfacheren, lichtschwächeren Modellen gearbeitet hat. Rund 1,5 Kilogramm wiegt es, die Länge beträgt mit angesetzter Gegenlichtblende knapp 30 cm.
Das macht das Halten längerer Verschlusszeiten natürlich generell schwieriger als eine 50 mm Festbrennweite, zumal meine Kamera an sich noch mal ein Kilogramm wiegt.
Zoom & Fokus
Zoomen geht sehr flüssig, die Einstellwege sind ziemlich exakt auf die Drehung einer Hand bemessen, sodass der gesamte Brennweitenbereich ohne nachgreifen durchgezoomt werden kann. Ähnlich ist die Fokussierung, die manuell ebenfalls sehr flüssig läuft. Durch die kurzen Einstellwege ist allerdings das feine Scharfstellen von Hand etwas schwierig.
Das Objektiv ist innen fokussiert und innen zoomend, verändert also - vorbildlich - weder Baulänge noch Stellung der Frontlinse. Der Autofokus ist schnell und leise, ein sehr guter Ultraschall-Motor.
In der Praxis ist die AF/MF-Umschaltung (ein Schieber seitlich am Objektiv) leider schnell und ohne es zu bemerken verstellt, indem man beim Tragen oder Anfassen des Objektivs am Schieberchen streift. So nahm ich schon öfter die Kamera ans Auge und fragte mich, warum das Bild nicht scharf wurde. Das gleiche gilt für den zuschaltbaren IS.
Andere Canon-Teles haben dieses Schieberchen zurückgesetzt oder oben, das ist sicher praxisnäher.
Das Objektiv erlaubt manuellen Eingriff in die Schärfe im Autofokus-Betrieb. Die manuelle Nachregelung des AF funktioniert zwar sehr gut, allerdings fängt der AF wieder neu an zu regeln, wenn der Auslöser kurz losgelassen und dann wieder angetippt wird, auch wenn der Fokusring dabei festgehalten wird (leider lässt sich das Loslassen des Auslösers in der Praxis nicht immer vermeiden, wenn manuell nachjustiert wird). Das ist konstruktionstechnisch (Innenfokussierung) verständlich, in der Praxis aber nicht sehr praktikabel, sodass ich meist doch im MF-Modus arbeiten muss, wenn der AF nicht zufrieden scharf stellt.
IS
Nach drei Monaten mit dem Objektiv frage ich mich noch immer, ob der IS so viel bringt bzw. seinen Preis wert ist. Unter idealen Bedingungen (oder wenn man einfach Glück hat), schafft man ohne IS genauso lange Zeiten wie mit, umgekehrt verwackelt mit IS auch mal eine etwas längere. Das Ergebnis einiger Testreihen zeigte mir jedenfalls, dass der IS zwar durchaus die drei Blenden bringt, die Canon verspricht, dass die aber auch mit ruhiger Hand zu machen sind. Wer den klassischen Rat „Verschlusszeit maximal 1/Brennweite“ befolgt, ist mit IS gut bedient, für mich (ich gebe es zu, 1/10 bei effektiven 300 mm kommt schon mal vor) hätte vielleicht auch die nicht-IS-Version gereicht.
Dafür erlaubt die IS-2-Einstellung sehr gute Mitzieh-Aufnahmen, da dann Korrekturen nur in der jeweils nicht geschwenkten Bewegungsrichtung erfolgen. Diese Bilder werden m. E. deutlich besser als Aufnahmen ohne IS.
***Verarbeitung***
Das Objektiv zielt klar auf Profis, das zeigt der Preis und auch die Verarbeitung. Das Vollmetall-Gehäuse macht durchaus was her, der grauweiße Lack sieht sehr gut aus, ist allerdings dem unbemerkten Fotografieren weniger dienlich als ein schwarzes Objektiv. Das Objektiv impliziert „Ich bin Profi, freu dich dass ich dich fotografiere“ statt dem schwarz lackierten „wenn ich dich nicht seh, siehst du mich auch nicht“. Das mag bei Menschen Eindruck machen, auf Tiere vielleicht weniger.
Negativ fiel mir die Stabilität und Robustheit von Gegenlichtblende und Stativring (immerhin mitgeliefert) auf und die der Gummidichtung am Kamerabajonett. Kaum angesetzt hatte die Geli schon erste Kratzer, mittlerweile löst sich der Samtbeschlag innen, der Reflexionen vermindern soll (und das auch tut, wenn er denn dran ist). Die Dichtung ist bereits angerissen, obwohl ich bisher keine allzu harten Paparazzi-Projekte mit dem Objektiv gemacht hab, wo schnelle Objektivwechsel und sonstige Unbequemlichkeiten auszuhalten wären. Auch am Stativring sind seit dem ersten Einsatz Kratzer. Das alles beeinträchtigt (noch) nicht die Funktion, wirkt aber in gewisser Weise billig. Gut, Profis erkennt man durch Kratzer im Gehäuse und abgegriffene Lackfarbe, aber dieser „Image-Look“ geht auch zu Lasten eines möglichen Wiederverkaufspreises.
***Bildqualität***
Da s Bild liegt auf sehr hohem Niveau, aber alles andere wäre bei diesem Preis auch etwas tragisch. Im RAW-Konverter von Photoshop sind nur extrem minimale Korrekturen an der chromatischen Abberation nötig und praktisch keine an der Vignettierung.
Insgesamt wirken die Bilder allerdings etwas kontrastarm. Bei normaler bis hoher Kontrasteinstellung an der Kamera gibt es kaum eine Aufnahme, die ich nicht nachziehen muss in der Bearbeitung. Das kommt auch bei anderen Objektiven zuweilen vor, erscheint mir bei meinem 70-200 aber stärker.
Ansonsten sind die Aufnahmen jedoch sehr hochwertig und ich überlege mittlerweile öfter ‚KANN ich noch mit dem (langen) 70-200er arbeiten’ statt ‚MUSS ich schon mit dem 70-200er arbeiten’ – dem Normalobjektiv bin ich etwas untreu geworden ;-)
***Preis***
Klar, hier scheiden sich die Geister. Für den Hobbyfotografen dürfte es zu viel sein. Außerdem ist das Objektiv zu groß und zu schwer für den Urlaub.
Vielmehr stellt sich mir die Frage nach der Preisleistung, und da ist das Canon schon hart an der Grenze. Ich habe es noch nicht vom Tisch fallen lassen oder aus dem fahrenden Auto, mag sein dass es das überleben würde und sich dadurch als Profi-Objektiv auszeichnet (wobei ich nach Geli-, Gummi- und Stativring-Erfahrung etwas skeptisch bin). Doch rein auf die Technik, Brennweite und Lichtstärke bezogen ist der Preis sehr hoch für die gebotene Leistung.
***Fazit***
Ein bisschen "Liebe" ist es, vor allem "Liebe" zur Fotografie, die das Objektiv im Einsatz bringt.
Die Begeisterung wird fast nur durch den Preis geschmälert, auch für einen professionellen Fotografen ist der recht hoch.
Mit etwas ruhiger Hand (üben mit einem Camcorder hilft!) reicht m. E. auch das nicht-IS, jedenfalls bei dem Preisunterschied, wofür man noch ein gutes weiteres Objektiv bekommt. Für ambitionierte Amateure ist auch das Sigma 70-200/2.8 eine Überlegung, allerdings hat es eine etwas größere Nahgrenze (1,8 m statt 1,4 m) und etwas schlechtere optische Werte. Ob die aber in der Praxis wirklich so sehr auffallen bzw. nicht zumindest digital korrigierbar sind (für D-SLR-Fotografen)?
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