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| erstellt am: |
31.08.2004, von w.gruentjens |
| Produktbewertung: |
4
4 |
| Empfehlung: | ja |
Vladimir Nabokovs "Lolita" schildert die tiefen Empfindungen einer unsterblichen - und verbotenen - Liebe mit solch starker sprachlicher Intensität, dass jeder dieses Buch einmal gelesen haben solle. Es ist besser als manches, was den Nobelpreis erhalten hat.
Ein solch tiefgründiges Buch zu verfilmen ist natürlich ein großer Anreiz für einen ernsten Regisseur. Kubricks Verfilmung von 1962 in schwarz-weiß ist sehr zu loben, leidet aber darunter, dass die Darstellerin der Lolita genau das Gegenteil einer Nymphe ist, eines Wesens, das gerade an der Grenze zwischen Kindheit und Jugend mit unbeschreiblicher Schönheit und Unschuld besticht. Kubrick musste damals der amerikanischen Prüderie nachgeben und eine schon sehr entwickelte Darstellerin einsetzen, und das ist noch schlimmer, als wenn man für Rambo ein rachitisches Würstchen von 43 Kilo genommen hätte.
So war es fast überfällig, 35 Jahre später erneut den Versuch zu wagen, die immer noch tabubelasteten Themen von Kindesmissbrauch und Inzestbeziehung anzugehen. Und das ist auch recht gut gelungen, wenn auch die dargestellte Lolita immer noch deutlich älter als 12 aussieht. Immerhin ist die Darstellerin sogar 17, kann aber wegen ihrer Zierlichkeit durchaus als 14-Jährige durchgehen.
Und wenn man davon absieht, dass die 2 Jahre älter wirkende Lolita des Films auch schon 2 Jahre weiter ist und z. B. Berührungen von ihr ausgehen, während sie im Buch viel passiver und kindlicher ist und dort Berührungen heimlich erschlichen werden müssen, dann darf man den Versuch, aus einem genialen Buch einen sehr guten Film zu machen, schon als sehr gelungen bezeichnen.
Der Film wird fast nur getragen von den beiden Hauptfiguren Dolores (Lo, Lola, Lolita) Haze und Humbert Humbert, einem College-Professor, der Sprachen unterrichtet.
Zwischen diesen beiden entsteht eine seltsame Anziehung, bei der Humbert der Lolita von der ersten Sekunde an rettungslos verfallen ist, während sie zunächst mit dem Eindruck, den sie auf ihn macht, spielt, ihn dann genießt, eine Weile auch Vorteile daraus zieht, sich dann davon erdrückt fühlt und ihn allmählich immer unerträglicher findet, bis sie sich schließlich mit Hilfe eines dubiosen Schriftstellers und Pornoproduzenten Quilty (klingt ähnlich wie guilty - schuldig) aus der Umklammerung befreien kann.
Dominique Swain - gerade 17 - spielt die Rolle der 12- oder 14-jährigen zahnspangenbewehrten, umwerfend charmanten Nymphe Lolita mit Kessheit und Grazie, Frechheit und verhaltener Erotik zugleich.
Neben Quilty ist die andere Nebenfigur Lolitas Mutter, Charlotte Haze. Als Humbert Humbert nämlich in dem Ort ankommt, in dem er unterrichten soll, ist das Haus, in dem er eine Wohnung gemietet hatte, gerade abgebrannt. Charlotte Haze bietet ihm ein Zimmer für nur 20 $ an (der Film spielt im Jahre 1947), und als er gerade dabei ist, wegen der allzu unerträglichen Unordnung abzusagen - jedenfalls eine Ausrede zu erfinden -, bittet sie ihn, gerade nur noch ihre "piazza" (Terasse mit Garten) anzusehen. Und da sieht man, zunächst ganz undeutlich, weil nur durch einen Schleier der Beregnungsanlage zu sehen, ein wohl geformtes Hinterteil, durch das durchnässte Kleidchen fast wie nackt anzuschauen, darunter hoch gestreckte, wippende Schenkel, und als schließlich die ganze Einstellung schärfer wird und auch das Köpfchen zu sehen ist: das bezaubernste Zahnspangenlächeln, das man sich vorstellen kann. Und: Während sich Humbert Humbert schon in diesem Moment in Lolita verliebt, sich also auch entschließt, hier Mieter zu werden, freundet sich Charlotte Haze - Lolitas Mutter - immer mehr damit an, einen derart netten und gebildeten Mieter zu haben.
Sie hat die Unbefangenheit aller Mütter, die 1947 eine Zwölf- oder Vierzehnjährige als Tochter hatten. Sie denkt sich nichts dabei - oder nimmt es in Kauf? -, wenn Lolita Humbert besucht, wenn sie auf der Hollywoodschaukel dicht neben ihm sitzt, ja sie wünscht sich sogar, dass er Lolita miterzieht. Schließlich schreibt sie ihm einen Brief mit einer Liebeserklärung und bittet ihn, entweder das Haus zu verlassen oder das Leben mit ihr zu teilen. Noch vor der Hochzeit allerdings schiebt sie Lolita in ein Ferienlager ab und kann ihn so in Ruhe heiraten. Aber das scheinbare Glück währt nur kurz: Schon bald bricht sie seine Schublade auf und findet sein Tagebuch, in dem er sie als alte Kuh und Lolita als seine einzige große Liebe bezeichnet.
Als sie aus dem Haus stürzt und in ein Auto läuft, ist sie sofort tot. Der Nachbar, der bei ihm anruft und ihm das mitteilt, hört am Telefon noch, wie er sagt: "Schatz, hier ist einer, der behauptet, du seist gerade tödlich verunglückt". Aber der Schatz ist wirklich tot, und die nicht mehr ganz unschuldige Lolita und der ihr rettungslos verfallene Humbert steuern in einer Odyssee durch halb Amerika auf das Verhängnis zu.
Melanie Griffith spielt die Rolle der Charlotte Haze einfühlsam; sie ist nicht so zickig wie die Haze von Kubrick, sondern sympathischer, und ihr täglicher Kampf mit der pubertierenden Tochter ist für jeden, der selbst Kinder hat, nachvollziehbar.
Ganz makaber wird der Film - ebenso wie das Buch - am Ende, wenn sich Humbert nämlich Jahre später an Quilty für die Entführung Lolitas rächt. Hier werden Komik und Tragik so auf die Spitze getrieben, dass man schon von ausgesprochenem schwarzen Humor sprechen kann.
Wenn auch die Sprache Nabokovs in einem Film nicht zur Geltung kommen kann, so ist doch die Handlung hier gut dargestellt; nur zum kleinen Teil ist sie interpretiert, so z. B. wenn Lolita im Buch viel kindlicher, aber desto reizvoller ist, im Film aber viel aktiver: So kann man das als Verdeutlichung ihrer Ausstrahlung ansehen. Wer das weiß, kann über die Kleinigkeit hinwegsehen. Ansonsten ist der Film eine sehr gute Literaturverfilmung, die mir beim zweiten Sehen sogar noch besser gefallen hat als beim ersten.
Was nun die moralische Frage angeht: Der Film ist erst ab 16 freigegeben, obwohl noch nicht einmal mehr zu sehen ist, als man in einem gesitteten Badeinstitut der 50er zu sehen bekommen hätte: Keine nackte Haut an sexuellen Stellen. Andererseits hat er trotzdem eine sehr erotische Atmosphäre, und eine allzu unreife Person könnte die intensive Liebe, Besessenheit Humberts, die er für Lolita bis hin zum Mord und zur Selbstaufgabe empfindet, als positiv geschildert empfinden - so wie sich nach Goethes Werther's Leiden auch viele Leute umgebracht haben.
Die andere Frage ist also, ob der Film auch jüngeren Jugendlichen gezeigt werden kann. Dabei kommt es darauf an, welche Reife sie haben und wie ihre Vorerziehung zum Problem des Kindesmissbrauchs überhaupt ist. Meinen Kindern, die in der Hinsicht sehr aufgeklärt und streng zugleich erzogen sind, hätte ich den Film mit 13 zeigen können, ohne dass sie seelischen Schaden davongetragen hätten. Aber das ist schwer zu entscheiden; deshalb habe ich keine Angabe zum Alter gemacht.
Eins ist jedoch sicher: Wenn auch mittlerweile von der Gesellschaft hingenommen wird, dass Jugendliche Sex haben, und wenn irgendwann die Grenze zwischen Kindheit und Jugend auf 13 herabgesetzt werden sollte, so wird es niemals - das wage ich zu behaupten - niemals der Fall sein, dass eine Liebe zwischen einem 40-Jährigen und einer 12-Jährigen gesellschaftllich akzeptiert werden würde.
Wer also diesen Film sieht, findet einerseits einen Film, der eine sehr gute Lteraturverfilmung ist, der sehr viel Erotik besitzt, ohne dass auch nur irgendetwas zu sehen wäre, der - vor allem von "Lolita" Dominique Swain - ganz toll gespielt ist; er findet aber andererseits einen Film, der immer und ewig Anlass zu moralischen Diskussionen geben wird und von unreifen Personen missverstanden werden kann.
Ich wünsche allen meinen Lesern, dass sie die Reife haben oder bald haben werden, diesen Film zu sehen, und dass der dann einmal gesehene Film ein Anlass wird, auch das Buch zu lesen und Nabokovs genialen Umgang mit der Sprache zu genießen.
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