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| Letzte Aktualisierung am: |
18.03.2006, von sindimindi |
| Produktbewertung: |
5
5 |
| Empfehlung: | ja |
| Pro: | Sehr gut zu lesendes und verständlich geschriebenes Werk, welches Verständnis und Einsichten in Glauben und Christentum gut vermitteln kann . |
| Kontra: | - |
Seit nunmehr gut 100 Tagen ist Papst Benedikt XVI. in seinem hohen Amt, als Nachfolger des populären Johannes Paul II. Für viele war es eine Sensation, den ersten deutschen Pontifex nach fast 500 Jahren auf dem Stuhl des Petrus zu sehen. Und doch kam seine Wahl in Insiderkreisen eigentlich gar nicht so überraschend: Kaum ein anderer Kardinal hatte sich während des langen Pontifikats von Johannes Paul II. so viele Verdienste und Ansehen erworben, wie gerade jener Joseph Ratzinger, der schon unter Paul VI. ,1977, als gerade einmal 50-jähriger, zum Erzbischof von München-Freising und zum Kardinal erhoben wurde.
In der Öffentlichkeit galt der bayrische Kardinal, der von Johannes Paul II. 1981 nach Rom geholt und zum Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre ernannt wurde, als äußerst konservativ, manche hielten ihn gar für stoisch-hart und unbeweglich, was ihm den Beinamen "Panzerkardinal" eingebracht hatte.
Auch ein Grund, warum viele Katholiken der Wahl Ratzingers zum Papst mit gemischten Gefühlen bis ablehnend gegenüberstanden.
Dabei hätte die Lektüre seiner zahlreichen Bücher und Lehrschriften, z.B. "Einführung in das Christentum",1968, zu einem ganz anderen Ergebnis führen können. Eines dieser Bücher, das nicht von Joseph Ratzinger selbst geschrieben wurde, sondern nach einem ausführlichen, offenen Dialog mit dem Journalisten Peter Seewald entstand, möchte ich vorstellen.
"Salz der Erde", das 1996 erschienen ist, gibt Auskunft über die drängenden Fragen des Christentums und der katholischen Kirche im Wandel der Zeit und der Gesellschaft.
Joseph Ratzinger stellt sich den Fragen von Peter Seewald, dem keinerlei Auflagen gemacht werden und alles fragen darf, was Christen und insbesondere Katholiken auf den Nägeln brennt. Egal, ob es sich um Fragen nach der Zukunft der Kirche als Ganzem, dem Papsttum, dem Zölibat, der Frauenordination oder der Ökumene handelt - Joseph Ratzinger antwortet klar und ohne Ausflüchte. Beeindruckend, wie wenig dogmatisch er dabei argumentiert. Selbst eigene Zweifel und Unsicherheiten über den richtigen Weg in bestimmten Situationen, bsw. bei der Sterbehilfe, lässt der damalige Chef der Glaubenskongregation zu.
Wer hier einen über alles erhabenen Kirchenfürsten erwartet, der sich unfehlbar oder gar herablassend gebärdet, wird auf das Angenehmste enttäuscht. Man spürt fast bei jedem Satz die Demut und die Aufrichtigkeit, mit der er sich schwierigen Fragen nähert und dabei Antworten findet, die eher unkonventionell erscheinen. Über allem jedoch steht sein scharfer Intellekt, der Ungenauigkeiten und Schwammigkeiten vermeidet, auch wenn das scheinbar bequemer für ihn wäre.
Exemplarisch habe ich dafür einige Exzerpte zusammengestellt, die diesen Eindruck untermauern.
Peter Seewald:
"Von Ihrem Bruder stammt folgende Charakterisierung Ihrer Person: "Stärke muss er sich abringen, wenn dann aber der Kampf gefordert ist, da macht er seine Sache schon, von seinem Gewissen her." Sind Sie ein Mann des Gewissens?"
Joseph Ratzinger:
"Ich versuche es zu sein. Ich wage nicht zu behaupten, dass ich es bin. Aber das scheint mir schon ganz wichtig , dass man nicht die Billigung oder auch das nette Gruppenklima über die Wahrheit stellt. Das ist immer eine große Versuchung. Natürlich kann der Gewissensappell in Rechthaberei umschlagen, dass man glaubt, in allem dagegen sein zu müssen. Aber im richtigen Sinn verstanden ist ein Mensch, der auf das Gewissen hört und für den dann das Erkannte Gute über der Billigung und der Akzeptanz steht, für mich wirklich ein Ideal und eine Aufgabe. Und gestalten wie Thomas Morus, Kardinal Newman und andere große Zeugen - wir haben die großen Verfolgten des Naziregimes, zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer - sind für mich große Vorbilder."
Peter Seewald:
"Kann man Theologie auch wie ein Spiel betreiben, so wie Hermann Hesse es in seinem Glasperlenspiel beschrieben hat?"
Joseph Ratzinger:
"Das wäre zuwenig. Ich meine, das spielerische Element gibt es schon auch. Aber letzten Endes geht es nicht, wie im "Glasperlenspiel" gedacht, um eine konstruierte Welt, eine Art Mathematik des Denkens, sondern um die Konfrontation mit der Wirklichkeit. Und zwar in ihrem ganzen Umfang und ihrem ganzen Anspruch. Insofern ist das Element des Spieles, weil es ja auch ein echtes unserer Existenz ist, mit ein Bestandteil, aber es würde nicht ausreichen, um ein richtiges Theologisieren zu kennzeichnen."
Peter Seewald: "Ein anderes Werk von Hesse, den "Steppenwolf", zählen Sie zu Ihren Lieblingsbüchern. Der Roman gilt als eines der bedeutendsten Dokumente des Kulturpessimismus und Frühexistenzialismus. Wenn man da nachliest, findet man die Aufzeichnungen eines neurotisch übersensiblen Menschen, dessen quälende Selbstanalyse zugleich den Versuch darstellt, die Krankheit der Zeit zu diagnostizieren.
Hat diese Kennzeichnung auch mit Ihrer Person zu tun?"
Joseph Ratzinger: "Nein. Mir war das Buch durch seine diagnostische und auch prognostische Kraft wirklich eine Entdeckung. Hier wurden in einer gewissen Weise die ganzen Probleme, die wir dann in den sechziger, siebziger Jahren erlebt hatten, vorweggenommen.
In dem Roman geht es ja eigentlich um eine einzige Person, aber sie zerlegt sich schließlich in so vielfältige Gestalten, dass diese Zerlegung schließlich zur Selbstauflösung führt(...)
Ich habe das nicht als eine Identifikationsfigur gelesen, sondern als einen Schlüssel, durch den visionär die Problematik des isolierten und sich isolierenden Menschen in der Neuzeit durchschaut und offengelegt wird."
Ratzinger stellt hier nicht nur profunde Kenntnisse deutscher Literatur unter Beweis, sondern kann sie auch in einen Gesamtzusammenhang von Gesellschaft und Glauben stellen.
Seine Herkunft als Professor für katholische Theologie kann er unterdessen nicht verleugnen, es gibt kaum einen Theologen, der so brillant argumentieren kann.
Schon der legendäre Kardinal Frings("fringsen" = Kohlenklauen während des kalten Winters in der Nachkriegszeit) machte sich die Fähigkeiten dieses jungen Ausnahmetheologen zunutze: Während des Zweiten Vatikanischen Konzils 1962-65, schrieb Ratzinger eine entscheidende Rede für Frings, die das verkrustete, erstarrte System der römischen Kurie aufbrechen sollte...Ratzinger galt damals als sehr progressiv, was sich heute kaum noch jemand vorstellen kann. Aber die Reformen des Konzils hatten für Ratzinger nicht nur die gewünschten Auswirkungen, nämlich die Besinnung auf den eigentlichen Glauben, hin zu Gott und eine Entrümpelung von äußerlichen Machtritualen, sondern veranlassten viele auch
zu einer ganz eigenen Vorstellung von Glauben und den Wegen, die die Kirche gehen müsse.
Die daraus resultierenden Radikalisierungen(insbesondere nach der Studentenrevolution von 1968) haben Ratzinger allerdings schockiert und ihn eine weniger progressive, dafür aber eine bewahrendere und schützendere Haltung gegenüber seiner Kirche einnehmen lassen.
Das erklärt später auch, warum er als Präfekt der Glaubenskongregation eine so harte Haltung gegenüber der sogenannten "Befreiungstheologie" einnehmen wird, bei dem er sich mit Papst Johannes Paul II. voll und ganz einig ist:
Das Wort Gottes darf nicht politisch instrumentalisiert werden, auch wenn es vordergründig einer Befreiung von politischer Unterdrückung(insbesondere Süd- und Mittelamerika) dient.
Johannes Paul II., der damals noch Erzbischof Woytjla von Krakau war, lernt Ratzinger erst bei der Synode 1977 kennen, damals als frisch ernannter Erzbischof von München- Freising, einen ersten, längeren Kontakt gibt es aber erst 1978, als alle Kardinäle in Rom zum Konklave zusammentreten, um den Nachfolger von Paul VI., Johannes Paul I. zu wählen und nur wenige Wochen später auch noch dessen Nachfolger zu bestimmen.
Die beiden müssen sich sympathisch gewesen sein und der philosophisch hoch gebildete Karol Woytja muss in Ratzinger wohl einen Bewahrer und Garanten des reinen Glaubens gesehen haben, ein Pendant mit einzigartiger theologischer Schärfe.
Peter Seewald: "Was hat sie mit dem Papst verbunden? Sahen Sie eine Wesensverwandtschaft?"
Joseph Ratzinger: "Mich hat zunächst verbunden seine unkomplizierte menschliche Direktheit und Offenheit und die Herzlichkeit auch, die von ihm ausgegangen ist. Da war der Humor, dann die Frömmigkeit, die man spürte, die nichts Aufgesetztes, nicht Äußeres hat.
Das spürt man einem Menschen an: Der hat gelitten, der hat sich zu diesem Beruf durchgerungen. Er hat das ganze Drama deutscher Besetzung und des kommunistischen Regimes durchstanden; er hat sich seinen eigenen Denkweg gebildet; er hat sich mit deutscher Philosophie befasst; er ist tief in die ganze Denkgeschichte Europas eingetreten.. Und er kannte auch in der Theologiegeschichte Schwerpunkte, die weit von den üblichen Pfaden abführen. Dieser geistige Reichtum, die Freude auch am Gespräch und am Austausch, das alles waren Dinge, die ihn mir sofort sympathisch werden ließen."
Es kann so eigentlich nicht verwundern, dass Johannes Paul II, nach langem Zureden, Ratzinger dazu gewinnen konnte, das wichtige Amt des Präfekten der Glaubenskongregation(und der Propagandakongregation) einzunehmen, das er 1981 antrat.
Viele Beobachter sahen in den Beiden wohl das ideale Team: Der eine ist für die großen Gesten, Reisen und die Kommunikation zuständig, der andere für die Sacharbeit hinter den Kulissen.
Ratzinger ist sich der Probleme mit der die Kirche zu kämpfen hat, immer bewusst; er versucht auch nicht zu relativieren, sondern spricht selbst sogar vom möglichen Niedergang der Kirche. Weil ich die Aussage von Joseph Ratzinger für bedeutsam finde, möchte ich ihn hier nicht paraphrasieren , sondern nahezu ungekürzt zitieren:
Joseph Ratzinger: " Es ist sicher seit der Aufklärung eine starke Bewegung im Gang, für die die Kirche als etwas Antiquiertes erscheint. Je stärker sich das neuzeitliche Denken entfaltet hat, desto radikaler ist die Frage geworden. Auch wenn im 19. Jahrhundert Rückkehrbewegungen entstanden, so hat sich aufs Ganze die Linie doch fortgesetzt. Das wissenschaftlich Vertretbare wird zum obersten Maßstab; so aber entsteht ein Diktat des sogenannten modernen Weltbildes, das sich höchst dogmatisch gebärdet und Eingriffe Gottes in die Welt wie Wunder und Offenbarung ausschließt. Der Mensch kann zwar Religion haben, aber die liegt dann im Subjektiven und kann daher keine objektiven und gemeinsam verbindlichen, dogmatischen Inhalte haben; wie ja überhaupt Dogma ein Widerspruch zur Vernunft des Menschen zu sein scheint. In diesem Gegenwind der Geschichte, steht, wenn man so will die Kirche, und dieser Gegenwind wird auch noch weiter anhalten. Trotzdem zeigt sich dann natürlich auch die Einseitigkeit einer radikalen Aufklärungsposition, denn eine Religion die auf das rein Subjektive reduziert ist, hat keine formende Kraft mehr, sondern das Subjekt bestätigt sich selber. Die bloße, auf die Naturwissenschaften reduzierte Rationalität kann ja auf die eigentlichen Fragen auch nicht antworten. Die Fragen: Woher kommen wir, was bin ich, wie muss ich richtig leben, wozu bin ich überhaupt da? Diese Fragen liegen auf einer anderen Ebene von Rationalität. Und die kann man auch nicht einfach der bloßen Subjektivität oder der Irrationalität überantworten. Kirche wird deswegen in absehbarer Zeit nicht mehr einfach die Lebensform einer ganzen Gesellschaft sein, es wird kein Mittelalter mehr geben, jedenfalls in absehbarer Zeit nicht. Sie wird immer sozusagen eine Komplementärbewegung, wenn nicht eine Gegenbewegung zur herrschenden Weltanschauung sein, sich zugleich aber auch in ihrer Notwendigkeit und in ihrer menschlichen Begründetheit immer neu ausweisen(...) Die neue Weltsituation macht den Glauben komplizierter, und die Entscheidung dafür wird persönlicher und schwieriger, aber sie kann das Christentum nicht als antiquiert hinter sich lassen."
Alle Fragen, die der ehemalige "Spiegel"-und "Stern"-Redakteur Peter Seewald Joseph Ratzinger stellt, können im Rahmen eines Berichtes natürlich kaum behandelt werden, allerdings verdient es das Buch nicht, wichtige Themen extrem verkürzt widerzugeben, weshalb ich dem geneigten Leser selbst die Lektüre des Werkes empfehlen möchte.
"Salz der Erde", 1996 in der Deutschen Verlagsanstalt, München, erschienen , fand unter Katholiken und Christen allgemein große Beachtung - nach der Wahl von Joseph Kardinal Ratzinger zu Papst Benedikt XVI. war es sogar wochenlang unter den ersten fünf Plätzen auf der Bestseller-Liste von amazon.com und anderen Online-Buchhändlern zu finden und hat dort sogar Harry Potter verdrängt. Zurecht, wie ich meine.
Wer sich für religiöse Themen interessiert und einen Einblick in das Denken und den Glauben eines der größten Theologen unserer Zeit und des heutigen Kirchenoberhauptes Papst Benedikt XVI. haben will, sollte sich das Buch für gerade einmal 10 Euro kaufen.
Einen besseren Gegenwert hat es selten gegeben!
Wer Papst Benedikt XVI. "live" erleben möchte, sollte sich den Weltjugendtag im August 2005 in Köln nicht entgehen lassen - vielleicht hält der Pontifex gerade hier interessante Ansichten und Erkenntnisse bereit, die Menschen bei der Orientierung im Glauben helfen können.
Roland © Sindimindi im Juli 2005;2006
(Ersterscheinung auf Ciao.de)
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