Vielleicht haben ja doch einige von euch gestern abend das Fim-Highlight auf Kabel1 mitbekommen: ein Film über einen außerordentlichen Mann und ein heikles, oft tabuisiertes Thema mit realem und durchaus ernstem Hintergrund.
** Die Story **
Larry und sein Bruder Jimmy leben unter ärmsten Verhältnissen in Amerikas tiefster Provinz. Sein erstes Geld verdient er sich mit Schwarzbrennerei und einem eigens aufgebauten Kundennetz, an das er den Fusel verscheuert.
Einige Jahre später haben die beiden jungen Männer, wobei Larry (Woody Harrelson) der geschäftstüchtigere ist, ein gutgehendes Striplokal aufgebaut, in dem Larry ”eigenhändig” die Qualität der Stripperinnen testet, während sich Jimmy (Brett Harrelson) um das Organisatorische kümmert. Um das Geschäft noch anzukurbeln, läßt er sogar Werbeblätter für seinen Laden drucken, auf denen er unmißverständlich für die eine oder andere nackte Schönheit wirbt. Leider ist kein Drucker lange bereit, dieses im prüden Amerika der 60er Jahre äußerst anstößige Geschäft zu machen. Also beschließt Flynt zunächst, den Druck selbst zu übernehmen, und als sich aufgrund des Erfolgs seines Lokals die Auflagen erhöhen, das Blatt in Hochglanzform und mit echten Aufnahmen der Stripperinnen zu produzieren.
Das Magazin ”Hustler“, zu deutsch „Prostituierte“, wird geboren. Die erste Ausgabe muß Flynt komplett selbst aufkaufen, da sich trotz des Interesses aus Scham keine Verkäufer und noch weniger Käufer finden. Zu eindeutig sind die Fotos, auf denen fast unbekleidete Frauen unsittlich posieren, und zu verklemmt die Amerikaner.
Unter den Stripperinnen lernt Flynt auch die schamlose und freizügige Althea (Courtney Love) kennen und nimmt sie wenig später zur Frau. So seltsam es auch klingen mag, sie bleibt die Liebe seines Lebens und bis zu ihrem frühen Aids-Tod mit ihm zusammen.
Kaum ist der Hustler endlich erfolgreich auf dem Markt, strengen die Sittenwächter des prüden Amerikas einen Prozeß an, der Flynt vor allem deshalb eine Gefängnisstrafe einbringt, weil er sein großes Schandmaul vor nichts und niemandem halten kann und das ganze Rechtssystem einschließlich Richter mit obszönen Reden und Gesten provoziert. Da kann selbst sein junger Anwalt Alan Isaacman (Edward Norton) nicht mehr beschwichtigen.
Kaum aus dem Gefängnis entlassen, wird Larry wieder umtriebig. Einen Ausflug in eine religiöse Sekte, wegen der er sich taufen läßt und den Inhalt seiner Magazine züchtiger gestaltet, beendet er aber schnell wieder.
Schon nach kurzer Zeit hat Flynt ein wahres Medienimperium aufgebaut, das mit seinen schmutzigen und satirischen Produkten immer wieder mit den sittlichen und moralischen Vorstellungen der Gesellschaft und den Vertretern der Rechtskonservativen in Konflikt gerät.
Ein Gerichtsprozess jagt den anderen und vor allem ein Mann macht ihm das Leben schwer: Reverend Jerry Falwell (Richard Paul), ein selbsternannter Fernsehprediger, den Flynt in zahlreichen Karikaturen gnadenlos durch den Kakao zieht.
So hat Larry nicht viel von seinem Reichtum, da er immer wieder ins Gefängnis, einmal sogar in eine Nervenheilanstalt muß.
1978 kostet ihn dann ein Anschlag fast das Leben. Doch trotz der Tatsache, daß er für immer an den Rollstuhl gefesselt ist, bleibt Flynts Kampfgeist gegen Prüderie und für freie Meinungsäußerung, und sei es eine Meinung von schlechtem Geschmack, immer ungebrochen.
** Darsteller **
Ich finde, Woody Harrelson hat mit Larry Flynt eine der besten Rolle seines Lebens abgegeben. Sicher, die Figur ist teilweise unsympathisch, weil ordinär, vulgär, schamlos und übertrieben, aber das muß man eben auch erst einmal spielen. Mit viel Enthusiasmus stellt er den geschäftstüchtigen Macher, den drogenabhängigen Krüppel, den unermüdlichen Kämpfer für das Recht der Presse und damit auchs seine eigenen Interessen dar.
Sehenswert und überzeugend vor allen Dingen Courtney Love als Ehefrau Althea. Es gehört meiner Meinung nach schon viel Mut dazu, solch eine Rolle zu spielen, zeigt sie doch im Film alles, was sie zu bieten hat. Am beeindruckendsten war sie allerdings in ihrer Darstellung als drogensüchtige, aidskranke, aber immer bedingungslos noch an ihren Mann glaubende Frau.
Ein kleiner Tip zu den Darstellern: Der echte Larry Flynt spielt hier auch mit, nämlich als Richter in einer der letzten Gerichtsverhandlungen.
** Meine Meinung **
Mit hat der Film, auch beim vierten Mal ansehen, Spaß gemacht. Er ist eine wild-bewegte Mischung aus teils witziger aber auch ernster Dokumentation, intelligenter Satire, Gerichts-Thriller und Sittengemälde. Zwar ist für meine Begriffe das Vulgäre etwas übertrieben, aber darüber muß man einfach hinwegsehen. Das gehört eben zum Thema Larry Flynt und Hustler-Magazin dazu.
Man merkt es dem Film grundlegend an, daß sein Regisseur wohl ziemlichen Respekt vor der Person, vor dem Kämpfer Larry Flynt haben muß. Für so ein ambivalentes Vorbild wurde die Figur vielleicht etwas zu positiv umgesetzt. Aber es geht es dem Film eher um die Tatsachen des Falles an sich, als um eine detailgetreue Biographie des Verlegers.
Interessant fand ich persönlich vor allem, daß ein so wichtiges Urteil wie das zur Pressefreiheit angesichts eines so widersprüchlichen Falles gefällt wurde. Aber genau das ist nur konsequent, denn das Amerikanische Rechtssytem ist ja bekannt dafür, gerade die grundlegenden Artikel der Verfassung recht großzügig auszulegen. Daß dies einem so "unmoralischen" Menschen und Pornokönig mal zugute kommen würde, haben die Gründerväter wohl nicht gedacht.
So differenziert und distanziert vielleicht unsere Meinung zu einem solchen Blatt sein mag (und zugegeben, dieses Blatt hätte bei mir ungefähr so einen Stellenwert wie die Bildzeitung), es nötigt mir doch Respekt ab, wenn ich den Mut und die stoische Ausdauer dieses Mannes sehe, dem nichts heilig sein mag, der aber auf jeden Fall wohl einen wichtigen Beitrag zur konsequenten Umsetzung des 1. Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung und damit zum Recht der freien Meinungsäußerung geleistet hat. Zwar hatte wohl er in erster Linie den Erhalt seines Unternehmens und seine Existenz im Sinne und sicher nicht die Freiheitsprinzipien Amerikas – wenn schon. Erreicht hat er beides mit seinen Grabenkämpfen gegen die amerikanische Justiz.
Für den Film gab es 1996 je eine Oscar-Nominierung für Milos Foreman (Regie) sowie für Woody Harrelson (Hauptdarsteller)
Ich empfehle ”Larry Flynt – Die nackte Wahrheit” für alle, die nicht prüde sind und einen deftigen Film mit interessantem Hintergrund mögen.
** Daten **
USA 1996
Genre: Filmbiographie,
Drama, Gerichtsfilm
Originaltitel: The People vs. Larry Flynt
Regie: Milos Foreman
Musik: Thomas Newman, Antonín Dvorák, Bedrich Smetana
FSK 16
** Die DVD **
Sprachen: Deutsch (Dolby Digital 5.1) Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch, Dänisch, Finnisch, Isländisch, Norwegisch, Schwedisch
Bildformat: 2.35:1
Dolby, Surround Sound, Widescreen, PAL
DVD Erscheinungstermin: 28. Juli 1998 / Produktion: 1996
Ton und Bild sind in Ordnung.
Leider gibt es überhaupt kein Bonusmaterial.