Sehr edle und flüssige Optik, krachende Soundeffekte, unkompliziertes Handling, sehr origineller Karrieremodus, großer Spielumfang
Kontra:
2-Spielermodus ohne CPU-Fahrer, kein Rückspiegel, lauer Soundtrack, mageres Tuning, erlittener Schaden ohne Auswirkung, zu unkompliziert, um als Simulation durchgehen zu können
Das Genre der Rennspiele ist auch auf der X-Box von Microsoft – nicht nur auf der Sony Playstation 2 – stark vertreten. Erfreulich ist hierbei, dass offensichtlich nicht nur die Masse, sondern – was wesentlich bedeutender ist – sondern auch die Klasse zu stimmen scheint. „Racing Evoluzione“ ist ein exklusiv für den Microsoft-Kasten erschienener Racer, welcher uns nochmals vor Augen führt, wie edel ein Rennspiel präsentiert werden und darüber hinaus auch noch ein derart abwechslungsreiches Gameplay bieten kann, dass es eine wahre Freude ist. Unter dem Strich handelt es sich in der Tat um einen Hit, da es einiges positiv zu erwähnen gibt und sich die negativen Aspekte im Rahmen halten und nicht bedeutend viel Gewicht innehaben. Ein Zweispielermodus wurde zum Glück auch berücksichtigt, so dass kaum Fragen und Wünsche offen bleiben. Tatsächlich schafft es dieser Rennspiel-Titel, einen ernsthaften Konkurrenten zu „Project Gotham Racing“ zu verkörpern, was für mich eine kleine Sensation darstellte.
An der Namensgebung dieses X-Box-Racers dürfte unschwer zu erkennen sein, dass dieses Game einen Hauch italienischer Lebensart versprühen soll. Dies liegt aber darin begründet, dass dieses Rennspiel überwiegend in Italien (von Milestone) entwickelt wurde, wir sind also nicht nur im Lamborghini oder Ferrari unterwegs. Hersteller Infogrames brachte es schließlich auf den Markt. Ein dicker Pluspunkt dieses Rennspektakels erschließt sich uns jedenfalls ziemlich schnell: es gibt unterschiedliche Typen an Rennstrecken. Es ist möglich, im Nascar-typischen Ovalkurs Jagd auf Bestzeiten zu machen, mitten in der Großstadt in Europa, Asien und den USA für Furore zu sorgen, anspruchsvolle Bergstrecken zu absolvieren und schließlich auch eigene Strecken zu konzipieren. Für Abwechslung ist dadurch schon einmal gesorgt, schätze ich. Noch mehr schätze ich allerdings den hohen Anspruch in diesem Spiel: die Stadtkurse führen uns durch langgezogene Tunnel und verzwickte Kurven, die Bergrennen geht es steil bergauf und bergab und zudem manchmal ziemlich eng zu. Dies hat zur Folge, dass ein stumpfsinniges Gas geben entsprechend bestraft wird und nur der wohldosierte Umgang mit Gas, Lenkung und Bremse langfristig zum Erfolg führt. Trotzdem ist dieser Racer eher arcadelastig ausgelegt, was aber nicht bedeuten soll, dass den Simulationsfans diese Prozedere ganz und gar nicht schmecken wird. Ganz im Gegenteil: trotz des enorm hohen Tempos und dem mehr auf spektakuläre Action ausgelegten Gameplay schafft es „Racing Evoluzione“, sowohl (den meisten) Arcade-Freaks als auch (einigen) Simulationsfans Anreize zum dauerhaften Zocken zu geben. Das ist wahrlich eher selten, polarisiert ein Racer doch in der Regel ziemlich schnell und spaltet die Zielgruppe in zwei Lager. Nicht aber hier und das ist natürlich sehr gut so.
Weder am Grad der Abwechslung noch am Anspruch gibt es erfreulicherweise etwas zu meckern. Wie sieht es mit dem Spielumfang aus? Auch gut. Weit über fünfzig Rennstrecken gibt es, über die wir donnern dürfen, nicht schlecht. Dass die Länge einer Runde teilweise deutlich divergiert, ist sicherlich ein weiteres Plus, denn manchmal dauert eine solche nur eine knappe halbe Minute, dann aber wiederum über drei oder gar vier Minuten. Okay, das lasse ich mir gerne gefallen. Nicht nur ein feinfühliges Händchen benötigen wir demnach hier, sondern auch Ausdauer und Konzentration, sehr schön. Wie steht es mit der Anzahl der zur Verfügung stehenden Autos? Auch hier stimmt es. Nicht nur die Anzahl an sich, sondern auch die unterschiedlichen Wagentypen geben Anlass zur Freude. Sportwagen, Sportcoupe, Supercar, Roadster und sonstige Traumwagen von u.a. Jaguar, Lotus, Dodge und Mercedes geben sich im weiteren Verlauf des Spiels ein buntes Stelldichein. Den Schwerpunkt dieses Racers bilden aber nicht jene Nobelkarossen, sondern mitunter „heiß aussehende“ Prototypen. Doch bis wir in diesen Platz nehmen, ist es noch ein weiter Weg.
Die Solo-Karriere ist es, die hier eindeutig im Vordergrund steht und das ist auch gut so. Nichts gegen den Zweispielermodus an sich, in welchem wir uns mehr oder weniger mitreißende Duelle im Splitscreen-Modus (geteilten Bildschirm) liefern dürfen. Doch erstens ist dieser nicht derart langzeitmotivierend wie die innovativ gestaltete Solo-Karriere und zweitens rasen im Duell zweier Mitspieler keine CPU-Fahrer mit. Gut, diese Tatsache ist bei Rennspielen nicht gerade neu, ärgert mich aber jedes Mal immer wieder aufs Neue. Es wird trotz der interessanten Strecken und Autos dadurch eher langweilig, das ist einfach Fakt. Ähnliches gilt für den Time-Attack-Modus, in welchem wir alleine bestrebt sind, neue Rekordzeiten aufzustellen, eine gelungene Sache speziell zu Beginn (und auch später ab und zu noch einmal) ist dies aber trotzdem. Kernpunkt – und das ist das, was mich primär interessierte – ist der „Dream-Modus“, eben die Karriere. Und die hat es erfreulicherweise wirklich in sich.
Wir beginnen als Nobody und sehen uns zu Beginn unserer Karriere mit einem Freund in einer Werkstatt um, in der Hoffnung etwas Nützliches zu finden. Netterweise machen wir tatsächlich interessante Konstruktionspläne ausfindig, die wir uns zunutze machen. Da wir – inklusive unseres Kumpels – hochtalentiert sind, was die Frickelei angeht, sind wir in der Lage, uns unseren ersten Wagen zusammen zu basteln, der mehr aushält als nur wenige Übungsrunden. Wir haben anfangs sogar die Wahl, ob wir ein speziell auf einen bestimmten Streckentypen zugeschnittenes Auto konzipieren wollen oder lieber einen Allrounder, der sich auf mehren Strecken zu Hause fühlt (gutes Handling), dafür aber keine enormen Vorzüge (Beschleunigung, Höchstgeschwindigkeit) aufweist. In den ersten Rennen gehen wir dementsprechend euphorisch und voller Heißhunger an den Start und versuchen in der Folgezeit, in den Renen eine Mindestplatzierung zu erreichen, direkt an den Sieg zu denken, ist anfangs zu vermessen. Kleine Meisterschaften – bestehend dann also aus mehreren Rennen – locken mit höheren Preisgeldern und sorgen für Abwechslung. Sind wir auf Dauer erfolgreich, investieren wir den frisch verdienten Zaster und – jetzt wird es originell! – in die Werbung für Euren Prototypen. Die Zuschauer sind es, deren Aufmerksamkeit Ihr wollt, damit diese an einem Kauf Eures Wagentypens interessiert sind. Gehen diesbezügliche Aufträge ein, wird schnell produziert, am Ende steht dann der finanzielle Gewinn. Das ist wirklich originell und hebt sich wohltuend von der breiten Masse der Karrieremodi anderer Rennspiele ab. Eure Rennerfolge unterstreichen dabei natürlich, wie gut Eure Karre ist, so dass Ihr durch den Gewinn an Preisgeldern und zugleich der Reklame für Euren Wagen gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagt.
Den eben erwähnten finanziellen Gewinn aus Preisgeldern und Verkäufen Eurer frisch hergestellten Autos investiert Ihr brav weiter in die Entwicklung noch stärkerer Prototypen. So entwickelt sich aus einer kleinen Werkstatt-Bruchbude zusehends eine moderne Fabrik inklusive Personal für den Bürokram und die Forschungsabteilung. Die fortgeschrittenen Entwicklungsstufen beim Prototypen sind das Resultat jener erfolgreichen Forschungsarbeit und schließlich das Entwickeln gänzlich neuer Fahrzeuge. Wir genießen demnach einen angenehm großen spielerischen Freiraum, der uns einige Entscheidungsmöglichkeiten überlässt und ein sehr originelles Gameplay aufweist, welches man gar nicht hoch genug loben kann. Allein der innovative Karrieremodus ist für mich noch höher einzuschätzen als eine blitzsaubere Präsentation. Obwohl ich einer solchen natürlich auch ganz und gar nicht abgeneigt bin, versteht sich.
Im Hinblick auf die Grafik kann „Racing Evoluzione“ ebenfalls mächtig punkten. Unterschiedliche Kameraperspektiven erlauben uns eine Innenansicht oder diejenige knapp hinter unserem Boliden. Letztere sorgt traditionsgemäß für bessere Übersicht, während die „Ego-Ansicht“ uns noch dichter ans Spielgeschehen heranlässt. Ein Schwachpunkt ist allerdings der Wegfall eines Rückspiegels, das will ich nicht verschweigen, der gehört hier einfach mit rein. Doch da eine Strecke dann bekanntlich doppelt berechnet werden muss, hätte dies möglicherweise dem Grafikfluss geschadet. Und solch einem Risiko wollten die Entwickler offensichtlich aus dem Weg gehen, schätze ich. Die Automodelle sehen jedenfalls sehr edel aus, wobei auch an Spezialeffekte wie Spiegelungen im Lack und ein Schadensmodell gedacht wurde, was sich aber (leider!) nicht negativ auf das Fahrverhalten auswirkt, eben nur rein optischer Natur ist. Sicherlich ein nicht zu unterschätzender Negativpunkt in den Augen eines jeden Simulationsfans, der üblicherweise viel Wert auf Realismus legt. Die breiten Stadtkurse mit weitem Horizont wissen zu gefallen und auch hoch oben im Gebirge fühlt man sich (sau)wohl. Die Texturen im Hintergrund sehen dabei klasse aus, weisen einen sehr hohen Detailreichtum auf und sorgen somit für eine überaus dichte Atmosphäre. Die Optik macht durchweg einen sehr edlen Eindruck und bleibt dabei auch noch sehr flüssig, was angesichts der sehr detailliert gezeichneten Wagen und größtenteils wunderschönen Hintergründen keine Selbstverständlichkeit ist. Der 60-Hertz-Modus wird übrigens auch unterstützt.
Hinsichtlich der Soundkulisse gibt es Positives und Negatives zu berichten. Missfallen hat mir der auf Dauer doch sehr monotone Soundtrack, denn die Hintergrundmelodien plätschern eher nur so vor sich hin, glänzen nicht gerade durch Abwechslungsreichtum und auch nicht durch phasenweise einpeitschende Rhythmen. Glücklicherweise trösten uns die krachenden Soundeffekte darüber etwas hinweg, speziell die satten Motorengeräusche sind klasse. Die Unterstützung einer Anlage mit Surround-Klängen wird unterstützt. Alles in allem überwiegen die positiven Gesichtspunkte ganz eindeutig und machen „Racing Evoluzione“ für die Microsoft X-Box zu einem echten Hit. Ein sehr origineller Karrieremodus, abwechslungsreiche Rennstrecken, eine sehr edle und zudem flüssige Optik, satte Soundeffekte und ein großer Spielumfang faszinieren. Dass kein Rückspiegel vorhanden ist, der Tuning-Part in der Werkstatt eher mager ausgefallen ist, der Realismus ohnehin nicht so stark wie bei einer ernsthaften Simulation ist, im Zweispielermodus keine CPU-Fahrzeuge unterwegs sind und der Soundtrack eher lau rüberkommt, sorgt in der Summe aber doch für Abzüge, keine Frage. Meine Spielspaßwertung beträgt 84%.
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