Testbericht über Electronic Arts EA Freedom Fighters
Russen vor der Haustür
erstellt am:
04.01.2007, von sinfortuna
Produktbewertung:
44
Empfehlung:
ja
Pro:
Spannung pur, dichte Atmosphäre, detailliert gezeichnete Schauplätze, sehr gute Sprachausgabe, stimmungsvolle Soundkulisse, abwechslungsreiche Missionen, kurzfristig sehr unterhaltsamer Multiplayer
Kontra:
Missionsziele nicht immer klar, CPU-Kollegen zuweilen arg verblödet, in chaotischen Kämpfen offenbaren sich teils üble Steuerungsprobleme, nur drei Gebiete im Multiplayer
Es ist ja nicht so, dass Electronic Arts lediglich Massenware im Bereich der Sportspiele und Raserspektakel zustande bringt, auch das Actiongenre wird ab und an mit einem Ableger des Videospielhersteller-Giganten bedient. „Freedom Fighters“ erschien flächendeckend sowohl für den PC, den Nintendo Gamecube, die Sony Playstation 2 als auch die X-Box von Microsoft, wobei mir persönlich lediglich die Fassung für Microsofts System bekannt ist. Wie es im Bereich der Actionspiele – im Gegensatz zu manch anderem Genre – so üblich ist, erhalten wir eine lupenreine deutsche Pal-Version inklusive entsprechender Sprachausgabe. Na immerhin. Mir ist jedenfalls noch halbwegs in Erinnerung geblieben, dass dieses Spiel in der „Fachpresse“ über den grünen Klee gelobt wurde und man schnell mit der Bezeichnung als Hit dabei war. Dem ist aber nicht so. Ganz einfach. Teils nicht unerhebliche Mängel – speziell beim Spielverlauf, der (allerdings erst auf den zweiten Blick) den nötigen Feinschliff vermissen lässt - trüben das Gesamtbild, so dass wir es letztlich mit einem überdurchschnittlichen Titel, aber keineswegs einem Genre-Hit zu tun haben. Actionfans sollten trotzdem mehr als nur einen flüchtigen Blick riskieren.
Wer allerdings Handlungen, mit mächtig überzogenem amerikanischem Patriotismus wenig abgewinnen kann, der könnte hier womöglich das Würgen bekommen. Nein, das ist nicht übertrieben, denn nehmt Ihr Kenntnis von der Story, wisst Ihr zunächst nicht, ob Ihr lachen oder weinen sollt. Interessant ist es aber dennoch. Nun denn: nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs steht als Ergebnis fest, dass es die Sowjetunion ist, welche als wahrer Sieger aus jenem Wahnsinn hervorgegangen sind: sie herrschen tatsächlich über den Großteil Asiens, ganz Europa und auch weite Teile Afrikas. Doch damit scheint der Machtbereich den Russen noch nicht groß genug zu sein, als nahezu letzte Bastion der Freiheit bleiben „selbstverständlich“ die USA übrig, welche sich prompt Angriffe aus dem kommunistischen Lager gefallen lassen müssen. Zunächst auch mit Erfolg, denn der Einmarsch der russischen Truppen an der Ostküste Amerikas ist bereits in vollem Gange, New York wurde sich gleich als Erstes einverleibt. Ohne größere Umschweife wird das gesamte amerikanische Fernsehen abgesetzt, lediglich russische Sender werden ausgestrahlt, die SSSR erklärt die Absetzung der US-Regierung. Jetzt ist es spätestens an der Zeit, dass unser Protagonist ins Spiel kommt. Chris Stone ist eigentlich Klempner, hat aber offenbar auch nichts gegen kriegerische Aktivitäten, ihm reißt jedenfalls endgültig der Geduldsfaden, als die Russen seine Heimatstadt in Besitz nehmen und das ist noch milde ausgedrückt. Ab sofort startet Chris – mit seinem Bruder Troy im Schlepptau - eine bemerkenswerte Karriere im Untergrund und mausert sich nach und nach zum Anführer der Rebellenbewegung.
Um aber überhaupt erst einmal als Kopf der rebellischen Gruppierung fungieren zu können, ist es verständlich, dass er seine zukünftigen Gefolgsleute durch entsprechende Taten zunächst beeindrucken muss, dementsprechend eifrig machen wir als Chris uns ans Werk. In der Folgezeit erledigen wir stets brisante Aufträge, die in der Regel aus Sabotageakten, Befreiungsaktionen und natürlich auch wilden Zerstörungsorgien bestehen. Im Erfolgsfall steigt unser Ansehen, hier sogar ausdrücklich in Form von Punkten unser Charisma betreffend. Schließlich haben wir es eines Tages geschafft und sind eben zu jenem charismatischen Rebellenanführer avanciert, dem eine immer größer werdende Anzahl an treu ergebenen Gefolgsleuten zur Verfügung steht. Immerhin ist es später ein ganzes Dutzend an Kameraden, die mit uns gleichzeitig auf eine Mission gehen und genau das befolgen sollen, was wir ihnen kurz zuvor (per Tastendruck) vorgegeben haben. Leider – und jetzt komme ich zum ersten gewichtigen Kritikpunkt – sieht es bezüglich der Intelligenz unsere CPU-Kumpels nicht sonderlich gut aus: Feinde im nahen Umkreis werden oft gar nicht registriert, so dass wir oft die Drecksarbeit im Alleingang erledigen müssen. Ganz gleich, auf welchem Schwierigkeitsgrad wir uns austoben, unsere Gefolgsleute sind im Falle der Feindberührung oftmals überhaupt nicht auf Zack, was nicht selten fatale Folgen mit sich bringt, versteht sich. Dies nervt auf Dauer erheblich und man fragt sich mit zunehmender Spieldauer vermehrt, wieso man jenen Deppen überhaupt noch Instruktionen gibt, wenn diese die einfachsten und zudem elementar wichtigen Aktionen oft nicht ausführen.
Andererseits ist jene Kollegen etwas möglich, was uns in regelmäßiges Staunen versetzt: sie sind nämlich quasi dazu in der Lage, um die Ecke zu schießen. Das bekommen sie erstaunlicherweise richtig gut hin. Wir hingegen schauen diesbezüglich mächtig in die Röhre: wagen wir uns nur ein Stückchen nach vorne, wird sofort das Feuer auf uns eröffnet, wir können nicht aus einer sicheren Deckung Angriffe initiieren, wieso das denn nicht? Wozu sind wir denn der Kopf der Rebellentruppe, wenn wir solch wichtige Vorgehensweise nicht bewerkstelligen können? Seltsam. Sehr seltsam sogar. Hier fehlt bereits der erste Feinschliff. Und das ist äußerst schade, schließlich ist offensichtlich gewünscht, dass wir taktisch vorgehen, was ja auch grundsätzlich sehr zu begrüßen ist. Wilde Kamikazeaktionen im Rambo-Stil bringen uns meistens nicht weiter. So aber hilft uns schließlich doch Kommissar Zufall des Öfteren weiter bzw. probieren wir einzelne Aktionen auf gut Glück und dies in der Hoffnung, dass unsere Kameraden halbwegs intelligent zu Werke gehen und brav die Marschroute befolgen, die ihnen von uns aufgetragen wurde. Festzustellen ist somit: die CPU-Kollegen könnten besser, wenn sie nur wollten und wir als eigentlich oberschlauer Kopf der Truppe können nicht so, wie wir eigentlich wollen. Dies erzeugt nicht nur ein zwiespältiges und phasenweise ohnmächtiges Gefühl in uns, sondern sorgt dafür, dass wir durch einige ärgerliche Momente zwischendurch immer wieder (unnötigerweise) die Bindung zum Geschehen verlieren.
Der Actionfan freut sich in diesem 3rd-Person-Shooter natürlich nichtsdestotrotz über ein umfangreiches Waffenarsenal, welches dem Genre entsprechend nahezu unaufhörlich zur Anwendung kommt: Pistole, Schrotflinte, Maschinengewehr und Raketenwerfer sind nur ein paar der zur Auswahl stehenden Mordinstrumente, die je nach momentaner Situation und je nach Art des Auftrages zum Einsatz kommen. Der Feind schläft natürlich auch nicht und so müssen wir regelmäßig aufpassen, dass wir nicht in einen verhängnisvollen Hinterhalt geraten. Mächtiges Geschütz wird vom kommunistischen Feind zudem aufgefahren, unter anderem gilt es, Kampfhubschrauber und Panzer zu zerstören. Das Ganze wird dadurch erschwert, dass wir nur über einen sehr begrenzten Vorrat an Munition verfügen, so dass wilde Schießereien uns selten voranbringen. Und das ist auch grundsätzlich gut so. Zu beachten ist hierbei, dass unser Protagonist pro Einsatz nur zwei Waffen mit sich herumschleppen kann, was allerdings erfreulich realistisch sein dürfte und zusätzlich strategisches Denken erforderlich macht. Willkommene Abwechslung und auch wertvolle Unterstützung stellen die Flakgeschütze, die wir immer wieder erobern können und von denen aus es sich eine kurze Zeit lang etwas unbeschwerter ballern lässt. Hervorzuheben ist, dass einige gut versteckte (und überlebenswichtige) Munitionsdepots den Forscherdrang in uns wecken und es öfters unterschiedliche Lösungswege gibt, durch die wir zum Ziel gelangen. Zudem motivierend sind die oft sehr großen Areale, wobei wir durch die gute Übersichtskarte so gut wie nie den Überblick zu verlieren drohen.
Für Spannung ist zweifelsohne gesorgt, zumal dieses Kriegsabenteuer sehr realistisch rüberkommt und keineswegs aus einem drögen Abklappern der einzelnen Spielabschnitte besteht. Ganz im Gegenteil, hier bei „Freedom Fighters“ muss genau ins Kalkül gezogen werden, an welcher Stelle zuerst die Aktivitäten begonnen werden sollen, denn nicht überall macht es Sinn, das Feuer als Erstes zu eröffnen. Vielmehr ist ein Level in unterschiedliche Abschnitte unterteilt, die voneinander abhängig sind. Beispielsweise könnten wir uns einen erbitterten Kampf in einem großen Gebäudekomplex liefern, würden aber durch den ständig anrollenden russischen Nachschub auf Dauer zermürbt. Also zunächst ab zum Rand des Kampfgebietes, um das Quartier des Feindes von sämtlichen Subjekten zu säubern und dann erst zum Krisenherd. Unser Zuhause ist dabei primär unter der Erdoberfläche angesiedelt, was im Klartext bedeutet, dass wir mit Vorliebe unsere Aktionen zunächst in der Kanalisation planen. Dort begutachten wir das Informationsmaterial, sprechen mit wichtigen Personen, frischen unsere Vorräte auf, dürfen unseren Fortschritt speichern und nehmen dann erst die nächste Mission in Angriff. Die Atmosphäre ist dicht, sehr dicht sogar.
Leider trübt nicht nur die vorhin erwähnte niedrige Intelligenz der Kollegen das Bild, sondern zudem die Steuerung, was mindestens genauso negative Folgen hat. Im Eifer des Gefechts wird es unangenehm hektisch: dass wir als Hauptfigur nicht – wie unsere Kameraden – um die Ecke schießen können, ist bedauerlich. Oft beißen wir ins Gras, weil wir uns nicht mehr rechtzeitig heilen konnten, alles zu schnell ging und es keine diesbezüglichen Shortcutfunktionen, die den Prozess beschleunigen könnten, gibt. Zudem werden die Schusswechsel eben doch chaotisch, also tritt genau das ein, was ursprünglich vermeiden werden sollte. Die automatische Zielerfassung ist nicht das Gelbe vom Ei, speziell im Nahkampf ist sie nicht zu empfehlen. Schließlich fällt eines noch auf und ist zudem sehr ärgerlich: unsere Gefolgsleute sind vom Äußerlichen her kaum von denen des Feindes zu unterscheiden! Traurig aber wahr, ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie solch ein Lapsus entstehen konnte. Die üblen Auswirkungen im Kampf könnt Ihr sicherlich erahnen. Das ist schwach.
Positiv zu erwähnen ist neben den spannenden und abwechslungsreichen Missionen der Multiplayermodus, der für kurze Zeit hochinteressant ist. Grundsätzlich können bis zu vier Gleichgesinnte miteinander oder gegeneinander in die Schlacht ziehen, so dass wir uns tatsächlich über einen motivierenden Versus- wie auch Koop-Modus freuen können. Ziel ist es dabei, an bestimmten Stellen die eigenen Fahnen vor der Konkurrenz hissen zu können. Natürlich mit Waffengewalt, versteht sich. Das ist nicht nur unterhaltsam und phasenweise richtig spaßig, sondern fördert auch die Langlebigkeit dieses X-Box-Titels, keine Frage. Und nun der Haken bei der Sache: es stehen insgesamt lediglich drei Schauplätze zur Auswahl, was die Langzeitmotivation dann doch erheblich mindert. Für einige Wochen spannende Unterhaltung sind trotzdem garantiert, sofern Ihr genug Zocker entsprechend oft vor den Bildschirm versammeln könnt.
Ins eindeutig obere Mittelfeld und an den (unteren Rand) der Spitzengruppe rettet sich „Freedom Fighters“ letztlich dadurch, das es an der gesamten Präsentation erfreulich wenig auszusetzen gibt. Große Figuren, gelungene Animationen, abwechslungsreiche und zudem angenehm detailliert gezeichnete Schauplätze und viele Spezialeffekte im Kampf sorgen für Stimmung. Besonders die Lichteffekte in Verbindung mit detailreich gezeichneten Hintergründen sind dabei sehr gut gelungen. Die Grafik ruckelt trotz der geballten Action nie, was wahrlich nicht selbstverständlich zugleich hocherfreulich ist. Zudem begrüßen wir die Unterstützung sowohl des 60-Hertz-Modus als auch des 16:9-Breitbildformats. Das Vorhandensein deutscher Bildschirmtexte erwähnte ich bereits. Ein besonderes Lob gilt den sehr guten Zwischensequenzen, welche in hoher Qualität daherkommen, den Spannungsgehalt verstärken und die Story generell sehr gut weitererzählen. Im Hinblick auf die Soundkulisse gefallen insbesondere die krachenden Soundeffekte, welche die Spielatmosphäre entscheidend verdichten können und zudem auch noch abwechslungsreich und zuweilen urplötzlich daherkommen. Der Soundtrack ist stimmungsvoll und passt haargenau zum Spielgeschehen, könnte aber von den Melodien her noch einen Schuss mehr Abwechslung vertragen. Digi-Klänge werden außerdem unterstützt und selbst eine wirklich sehr gute deutsche Sprachausgabe finden wir vor. Die akustische Untermalung sorgt für eine packende Atmosphäre, die hauptverantwortlich dafür ist, dass uns dieses Game trotz der vorhandenen Macken in seinen Bann zieht. Der Sound ist sogar noch einen Tick besser als die ohnehin gute Optik und stellt eine ganz große Stärke dieses Kriegsactionspiels dar.
„Freedom Fighter“ für die X-Box löst bei den Meisten von uns sicherlich ein Wechselbad der Gefühle aus. Die Missionsinhalte sind sehr interessant, trotzdem sind diese manchmal sehr undurchsichtig. Die knisternde Spannung und überaus dichte Spielatmosphäre sind große Stärken, doch leider werden wir durch teils unerklärlich dämliche CPU-Kollegen jäh aus der Bah geworfen. Die gute Optik glänzt durch detailreich modellierte Figuren und ebenso gezeichnete Schauplätze mit sehr guten Licht- und Schattenspielen, unbegreiflich ist mir aber, wieso Freund und Feind praktisch identisch aussehen. Die Handhabung offenbart in der Hektik des Kampfes Schwächen, zudem artet das Ganze nicht selten in ein unübersichtliches Chaos aus, in welchem dann doch nur panisch umhergeschossen wird. Trotzdem sind die taktischen Elemente (zum Glück) nicht zu übersehen. Schließlich stimmt uns die exzellente Soundkulisse inklusive der außerordentlich gut gelungenen deutschen Sprachausgabe sehr versöhnlich. Zu guter letzt überzeugt der unterhaltsame Multiplayerteil durch Koop- und Versus-Modus, in welchen bis zu vier Spieler teilnehmen dürfen. Dass nur drei Areale zur Auswahl stehen, dämpft die Spielfreude aber ein wenig. Dieser 3rd-Person-Shooter ist sehr bemerkenswert und hatte ursprünglich das Zeug zum Mega-Hit. Zu einem solchen hat es letztlich aber ganz knapp doch nicht gereicht. Spielspaßwertung: 78%.
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