A Long Way Down (gebundene Ausgabe) / Nick Hornby Testbericht

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Erfahrungsbericht von Chryseis

Wer Treppen steigt lebt länger

Pro:

ist unterhaltsam und macht nachdenklich

Kontra:

zuviel Gefluche

Empfehlung:

Ja

Gekauft habe ich es, wie so oft, aus purer Neugier. Ich hatte von Nick Hornby gehört, „About a Boy“ und „High Fidelity“ waren mir ein Begriff – auch wenn ich die Filme bisher nicht gesehen habe. „A Long Way Down“ werde ich sicher auch nicht im Kino sehen, es sei denn ich finde jemanden der mit mir geht, alleine gehe ich nicht ins Lichtspielhaus. Ins Kino kommt die Verfilmung ganz sicher. Ich denke, Johnny Depp hat die Filmrechte bestimmt nicht ohne Grund gekauft und beim Lesen habe ich auch immer wieder gedacht „.... wenn das nicht wieder ein Film wird heiße ich von nun an Hase...“


Ich stelle euch am besten die Hauptakteure erst mal vor, zunächst ist da

Martin Short, Ex-Frühstücksfernsehen-Moderator, Ex-Ehemann und Vater zweier Töchter, Ex-Gefängnisinsasse. Ein echt maroder Typ, hat sich sein Leben wegen einer 15-Jährigen, mit der er unbedingt schlafen musste, total vermurkst hat. Er ist von einem Essen mit Freunden „Mal eben kurz auf die Toilette“ weg gegangen und sitzt nun auf dem Dach des Trooper-Hauses.


Dann währe da als nächstes:

Maureen, sie pflegt seit 19 Jahren ihren Sohn Matty, der im Wachkomma liegt. Sehr viel mehr gibt es über sie eigentlich nicht zu sagen, weil sich mehr in ihrem Leben nicht abspielt. „....bei dem einen Mal in meinem Leben, wo ich intim mit jemandem war, wurde Matty gezeugt. Wie sind da die Chancen, hm? Eins zu einer Million? Eins zu zehn Millionen?“....


Als dritte taucht Jess auf dem Dach auf:

Jess ist 18, total überdreht und tritt in jedes noch so kleine Fettnäpfchen. Sie hat Probleme mit ihrem Gefühlsleben und mit Autoritätspersonen....ganz zu schweigen davon, dass sie Probleme hat auch nur einen Satz ohne Schimpfwort von sich zu geben. Womit Maureen, die so etwas nicht gern hört ihre Probleme hat.
Deswegen ist der häufigste Satz in dem Buch auch: „Sorry, Maureen!“


Der letzte im Bunde ist

JJ . Eigentlich John Julius, aber das erzählt er den anderen nicht, es bleibt JJ´s Geheimnis. Warum er sich zu den anderen auf das Dach gesellt hat ist zunächst auch nicht so klar wie bei den anderen Dreien. Vielleicht reicht es ja schon, wenn man als Amerikaner in London für einen mittelmäßigen Pizzabäcker den Ausfahrer macht um des Lebens überdrüssig zu sein.



Alle vier finden sich aus den unterschiedlichsten Gründen kurz vor Mitternacht zum Jahreswechsel auf den Dach eines heruntergekommenen Hochhauses ein. Jeder von ihnen mit der Absicht dem eigenen Leben durch den Sprung vom Dach ein rasches Ende zu setzten.

Martin hat sich darauf gut vorbereitet und sich die nötige Ausrüstung mitgebracht – er sitzt bereits auf dem Sims als Maureen oben auftaucht.
Maureen hat ihren Abgang fast ein Jahr geplant, sich allerdings nicht wirklich viele Gedanken um die tatsächliche Ausführung gemacht So fehlt ihr also das nötige Werkzeug und sie geht hin zu Martin, der mit dem Rücken zu ihr auf dem Sims sitzt und sie bis dahin nicht bemerkt hatte.

„.....Er würde ja keine Verwendung mehr dafür haben. Ich habe nie versucht, ihn zu schubsen. Ich habe gar nicht die Statur, einen erwachsenen Mann vom Sims zu schubsen. Ich bin gar nicht kräftig genug gebaut, um einen erwachsenen Mann vom Sims zu stoßen. Und ich hätte es auch nie versucht; es war seine Entscheidung, ob er sprang oder nicht. Ich ging nur zu ihm hin, streckte meine Hand durch die Zaunmaschen und tippte ihm auf die Schulter. Ich wollte ihn bloß fragen, ob er noch lange brauchte.“ (Seite 22)

Jess traf ihre Entscheidung auf´s Dach zu gehen, wie fast alle ihre Entscheidungen, aus einem Impuls heraus. Ohne jede Planung, einfach rauf auf das Gebäude wo man gerade eine Party feiert und dann springen – so einfach hat sie sich das vorgestellt. Wenn da nicht Martin und Maureen gewesen währen. Beide hinderten sie, mit mehr oder minder sanfter Gewalt, daran sich mit Anlauf vom Dach zu stürzen und setzten sich kurzerhand auf sie drauf. In diesem Augenblick erscheint JJ.

„ Weiß der Himmel, warum keiner von uns daran gedacht hatte, dass es an einem bekanntermaßen für Selbstmörder attraktiven Ort am Silvesterabend zugehen würde wie auf dem Piccadilly Circus, aber an diesem Punkt der Ereignisse akzeptierte ich die schnöde Realität: wir waren auf dem besten Weg, aus einem feierlichen und privaten Moment eine Farce und ein Massenspektakel zu machen.
Und genau im Moment dieser Einsicht wurde aus uns dreien vier.
Jemand hüstelte höflich, und als wir uns umdrehten, sahen wir einen großen, gut aussehenden, langhaarigen Mann, vielleicht zehn Jahre jünger als ich, der unter dem Arm einen Sturzhelm und in der freien Hand zwei große, quadratische Kartons hatte.
> Hat von euch jemand Pizza bestellt?<, sagte er.“ ( Seite 34)

Da steht man nun zu viert auf einem Hochhaus in London an einem Silvesterabend, man kennt einander nicht, weiß aber genau mit welcher Absicht jeder dort oben ist, vertrackte Situation. Was tut man also? Die Pizza, auf die irgendjemand nun ewig lange warten wird, verspeisen und Kriegsrat halten. Um zu Springen war der richtige Zeitpunkt verpasst und alleine wollte keiner bleiben was sollte das unfreiwillige Quartett mit dem Rest der Nacht anfangen? Man beschließt, auf ihr Drängen hin, Jess bei der Suche nach ihrem Ex-Freund zu helfen. Sie meint er schulde ihr eine Erklärung. Gesagt getan, die Vier ziehen los und irgendwie werden sie im Laufe ihres „Abenteuers“ zu einer seltsamen Gemeinschaft und, was sie zunächst aber alle standhaft leugnen, sie werden sogar zu Freunden. Freunde weil ihnen etwas gemeinsam ist, was sie den anderen, die nicht in dieser Nacht auf dem Trooper Haus waren, nicht mal annähernd erklären können.

Der zynische Martin, das Mäuschen Maureen, die chaotische Jesse und der zutiefst deprimierte JJ sind wirklich ein seltsames Kleeblatt, aber auch eine Solidargemeinschaft.
Zusammengeschweißt durch ein einschneidendes Erlebnis fügt es sich das jeder von ihnen seine Werte anhand die der anderen überprüft. Ist mein Schicksal wirklich so schlimm? Geht es anderen nicht viel schlechter als mir und die machen trotzdem weiter? Wie albern ist es sich den eigenen Tod zu wünschen weil sich die Band aufgelöst hat? Die Vier lernen durch ihren Nicht-Tod eine Menge über sich und das Leben und der Leser, der über das etwas Absurde hinaus schaut, wird das sicher auch.
Da dies das erste Buch ist, das ich von Nick Hornby gelesen habe weiß ich nicht wie er sonst schreibt. Aber dieses Werk fällt auf durch die vier unterschiedlichen Ich-Erzähler, die jeder auf seine sehr persönliche Art, die Dinge aus einer anderen Warte betrachten. Immer wenn wieder ein anderer dran ist dem Leser seine Ansichten über das Geschehen und auch seine eigene Hintergrundgeschichte näher zu bringen wird das mit einer deutlichen Überschrift angezeigt.

Jess nimmt kein Blatt vor den Mund sie flucht in einer Tour und hat sich ständig mit Martin in den Haaren. Überwiegend weil er sie wütend macht mit seinem Sarkasmus und den kleinen Seitenhieben die sie immer nicht so richtig versteht.
Maureen macht sich ständig Sorgen um tausend Kleinigkeiten und natürlich um ihren Sohn Matty,
Sie ist immer voller Zweifel und formuliert entsprechend ihre Aussagen oft als Fragen und macht sich ständig Gedanken darum ob es richtig ist was sie tut oder sagt „Typ putziges Tantchen“ wie JJ sie bezeichnet.
Wenn JJ aus seiner Warte erzählt sind die Seiten gespickt mit Zitaten und großen Namen wie Charles Dickens, Raymond Carver, Kurt Cobain, Virginia Woolf, ect. ect.
Er liest sehr viel und versucht damit seine mangelnde Schulbildung auszugleichen, das merkt man seinem Erzählstil an.
Die vier Helden sind so unterschiedlich wie man nur sein kann – daher wir dem Leser die Geschichte quasi vier mal erzählt, immer aus einer anderen Perspektive, dabei wird man aber nicht mit ständigen Wiederholungen genervt. Das macht schon einen großen Reiz aus.

Mir ist beim Lesen immer wieder die Frage nach der Ethik durch den Kopf gegangen. Obwohl die Hauptfiguren ihrem Leben kein Ende setzten finden sie doch massenhaft Gründe solch eine Handlung zu rechtfertigen. Muss man sich da nicht Sorgen machen, dass so mancher, der vielleicht gefährdet ist, sich das zu eigen machen könnte? Man kann Dinge ja immer auf verschiedene Arten auslegen, wenn ich sehe das Martin, Maureen, Jess und JJ ihre persönlichen Wertescalen in Ordnung bringen und sich neu fokussieren bedeutet das nicht automatisch das andere das auch so sehen. Aber es ist ja kein neues Dilemma, dass irgendwer sich Bücher, Filme oder Ideologien zurecht biegt und damit eigene Handlungen rechtfertigt.


Kann ich die Lektüre empfehlen? Ein eindeutiges Ja , aber einen Stern ziehe ich ihm ab – ich kenne keinen Menschen der so viel fluchen würde :-)
Aber auf den Film dazu bin ich nun auch neugierig leider ist nicht klar wie lange es noch dauert bis man die Geschichte der Troopers-House-Four über die Kinoleinwand flimmern sieht. Unter

http://www.cinefacts.de

findet man folgenden Eintrag:

"Nick Hornbys schwarze Komödie "A Long Way Down" wird bei Warner Bros. für eine Filmadaption verwendet. Einer der Produzenten ist Johnny Depp ("Fluch der Karibik"-Filme) mit seiner Firma Infinitum Nihil. Für eine Rolle in dem Film ist er aber bis jetzt nicht vorgesehen.
Kinostart: Keine Angaben"

Schade eigentlich – ich hatte Johnny Depp schon als JJ gesehen, die Rolle ist ihm aber vielleicht nicht schräg genug. Mal abwarten....

Noch kurz für die Interessierten (soll es ja geben) ein paar Daten zu Buch und Autor.

A Long Way Down
Übersetzt von Clara Drechsler und Harald Hellmann
Broschiert: 388 Seiten
Verlag: Droemer/Knaur (November 2006)
ISBN-10: 3426615363
Preis : 8,95 Euro



Nick Hornby wurde am 17.04.1957 in Redhill, Großbritannien geboren. Er studierte Anglistik in Cambridge. Bis 1992 war er als Englischlehrer, tätig erst danach widmete er sich ausschließlich dem Schreiben. Er hat einen autistischen Sohn und ist Gründungsmitglied von TreeHouse, einer im Vereinigten Königreich beheimateten Organisation, die sich für eine bessere schulische Betreuung von autistischen Kindern einsetzt.

In Deutschland erschienene Bücher:

- Fever Pitch, 1992
- High Fidelity, 1995
- About a Boy, 1998
- How to be good, 2001
- Speaking with the Angel, 2002
- 31 Songs, 2003
- A Long Way Down, 2005
- My Favourite Year, 2005
- Mein Leben Als Leser, 2005
- All you can read - Bücher, die ich kaufe - Bücher, die ich lese, 2007

Die Tatsache, dass er die Übersetzung seiner Titel nicht erlaubt hat zu Diskussionen geführt – ich finde es ok weil ohnehin gerade bei der Titel-Übersetzung viel verhunzt wird. Bei „A Long Way Down“ wird es ganz klar – es ist für die vier ein langer Weg hinunter. Weil sie nun mal die Treppen genommen haben und weil sie eine ganze Weile brauchen um wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen. Der lange Weg ist nicht immer der schlechtere.


Chryseis ® April 2007
(auch als Katz bei dooyoo)

26 Bewertungen, 13 Kommentare

  • Mondlicht1957

    15.07.2007, 16:37 Uhr von Mondlicht1957
    Bewertung: sehr hilfreich

    SH LG pet

  • maerchenfee

    14.06.2007, 10:48 Uhr von maerchenfee
    Bewertung: sehr hilfreich

    sh! freue mich über gegenlesungen!

  • CharMandra

    30.04.2007, 14:45 Uhr von CharMandra
    Bewertung: sehr hilfreich

    LG Theresia

  • Baby1

    30.04.2007, 14:29 Uhr von Baby1
    Bewertung: sehr hilfreich

    .•:*¨ ¨*:•. Liebe Grüße Anita .•:*¨ ¨*:•.

  • Puenktchen3844

    30.04.2007, 00:27 Uhr von Puenktchen3844
    Bewertung: sehr hilfreich

    ‹^› ‹(•¿-)› ‹^› Liebe Grüße aus Berlin, Wilfriede

  • tobbbbi

    29.04.2007, 23:10 Uhr von tobbbbi
    Bewertung: sehr hilfreich

    Sehr schöner Bericht! LG Tobias

  • morla

    29.04.2007, 22:13 Uhr von morla
    Bewertung: sehr hilfreich

    schönen sonntag noch. l. g. petra

  • Sabate

    29.04.2007, 20:53 Uhr von Sabate
    Bewertung: sehr hilfreich

    lg Todd

  • sabrina.witte@gmx.de

    29.04.2007, 19:44 Uhr von [email protected]
    Bewertung: sehr hilfreich

    Schönes Wochenende :-)

  • Sweeaty

    29.04.2007, 19:38 Uhr von Sweeaty
    Bewertung: sehr hilfreich

    guter bericht! :) liebe grüße und nen schönen sonntag noch!!

  • Christian0583

    29.04.2007, 19:37 Uhr von Christian0583
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr gut ....lg chrischi

  • sandrad198

    29.04.2007, 19:26 Uhr von sandrad198
    Bewertung: sehr hilfreich

    SH--LG Sandra

  • angichen

    29.04.2007, 19:26 Uhr von angichen
    Bewertung: sehr hilfreich

    Sh und LG Angi