Der "Noise Canceling"-Kopfhörer Sennheiser PXC 450 wurde 2007 als Reisekopfhörer vorgestellt. Der Audiospezialist Sennheiser aus der Wedemark nördlich von Hannover hat sich insbesondere mit hochwertigen Mikrofonen, HF-Drahtlostechnik und Kopfhörern einen Namen gemacht; viele Innovationen auf diesen Gebieten begründen den Weltruf des seit 1945 bestehenden Familien-Unternehmens. Gefertigt wird in Deutschland.
Bauweise und Lieferumfang
Der PCX 450 ist ein geschlossener, circumauraler (Ohren umschließender), aktiver Bügel-Kopfhörer. Aktiv heisst, der Kopfhörer hat einen eingebauten Verstärker, dessen Elektronik und Batterie sind in die Hörmuscheln integriert. Geschlossene Kopfhörer schirmen Außengeräusche ab und lassen auch die Umgebung nicht mithören. Solche Kopfhörer werden am Kopf wärmer und ihr Klang vermittelt einen weniger räumlichen Eindruck. Für ein besseres Klangerlebnis bevorzugt man deshalb eine offene oder halboffene Bauweise. Als dedizierter Reisekopfhörer ist dieser Sennheiser natürlich geschlossen.
Sein Gewicht von 240 Gramm ist etwas hoch. Soviel wiegen für den Heimbereich ausgelegten HIFI-Kopfhörer auch. Zum Beispiel lastet der Beyerdynamic DT 990 mit nur 50 Gramm mehr am Kopf. Allerdings trägt der PXC 450 dabei seine Verstärkerelektronik komfortabel in den Ohrmuscheln, während andere Kopfhörer mit aktiver Schallkompensation einen separaten Stab mit Elektronik am Kabel baumeln lassen.
Der PXC 450 wirkt sehr hochwertig und durchdacht, lässt sich flexibel falten, flach ablegen, leicht verstauen und mitnehmen Eine Transportbox, ein 6,3 mm Klinkenadapter, ein Flugzeug-Adapter und eine AAA-Batterie sind im Lieferumfang enthalten. Die Transportbox ist stabil und erlaubt es Kopfhörer, Adapter und Ersatzbatterien zu verstauen. Mit etwas Glück schafft man es noch einen MP3-Spieler in der Transportbox unterzubringen.
Der PXC 450 wirkt robust und fühlt sich so gut an wie er aussieht. Während er fest am Kopf sitzt bleibt der Tragekomfort hoch. Es sind keine Eigengeräusche vernehmbar. Das Klinken-Kabel ist abnehmbar. Hier spielt Sennheiser die Kompotenz aus über 30 Jahren Kopfhörerbau virtuos aus.
Das NoiseGuard-System
Die Schallreduktion des Sennheiser basiert auf einem einfachen physikalischen Prinzip: durch die Überlagerung der Umgebungs-Schallwellen mit identischen, aber um 180 Grad in der Phase verdrehten Schallwellen heben sich die Wellen auf. Es herrscht Stille.
Der PXC 450 realisiert das Prinzip zunächst passiv. Die geschlossene Bauweise selbst führt schon zu einer starken Dämpfung der Umgebungsgeräusche oberhalb von 1 kHz. Das NoiseGuard-System neutralisiert dann aktiv tieffrequente Signale unter 1 kHz, und zwar bis zu einer Lärmleistung von 90% (ca. 20 dB). So werden zum Beispiel Motorgeräusche effektiv gedämpft, aber auch schon erhebliche Anteile der menschlichen Stimme. Damit die Schallkompensation funktioniert müssen die störenden Schallwellen natürlich exakt aufgenommen werden. Dies gelingt dem Sennheiser gut. Er hat an beiden Ohrmuscheln kleine Mikrofone und verfügt über einen integrierten Verstärker, der das phasenverkehrte Signal mit dem über den Klinkenstecker zugeführten Nutzsignal vermischt. Eine Lautstärke-Regelung an der rechten Horschmuschel kann das fertige Signal verstärken oder dämpfen.
Das NoiseGuard-System des PXC 450 kann auch Schall kompensieren ohne Musik wieder zu geben. Außerdem gibt es eine "Talk Through" Taste die Umgebungsgeräusche im Rahmen menschlichen Stimmfrequenzen direkt weiterleitet. Der Lautstärkepegel dieser Frequenzen wird zudem geregelt. "Talk Through" wird durch einmaliges Drücken auf die gleichnamige Taste an der rechten Muschel aktiviert. Ein erneuter Druck auf die Taste schaltet sie wieder aus, sodass man nicht mit der Hand am Ohr sprechen muss.
NoiseGuard wird mit einer einzigen, handelsüblichen AAA-Batterie betrieben. Eine Ladestation oder ein Ladegerät gibt es nicht. NoiseGuard ist übrigens ein physikalisches Modell das sich an Dezibeln auf einer logarithmischen Skala orientiert. Es ist kein psychoakkustisches Modell, wie zum Beispiel der Sone-Wert, der versucht die tatsächliche empfundene Belastung durch Lärm zu erfassen. Im kleinen Bruder Sennheiser PXC 350 werkelt ein "NoiseGuard Advance" System, und im PXC 450 ist ein "NoiseGuard 2.0" verbaut. Was diese Bezeichnungen bedeuten, und was die Varianten unterscheidet ist zunächst unklar.
Nun zu den Mängeln.
Ohne Batterie lässt sich der Kopfhörer passiv nutzen, das heisst ohne Schallkompensation und ohne Verstärkung des Signals. Dazu muss allerdings an der linken Muschel ein Schiebeschalter umgelegt werden: von "normal" auf "bypass". Andererseits muß man auch im Modus "normal" das NoiseGuard-System erst an der rechten Hörmuschel einschalten, sonst bleibt der Kopfhörer stumm. Das soll die Batterie schonen (kein Standby). Ist die Batterie leer hört man wieder nichts - bis man den Kopfhörer abnimmt, die linke Muschel umklappt und den Schiebeschalter auf "bypass" stellt. Die Haptik dieses Schalters ist schlecht. Man muss die linke Muschel leicht anwinkeln und nun den tief sitzenden Schalter ins Auge fassen und ertasten. Das Verfahren ist bereits für den Eigentümer des PXC 450 so umständlich, dass man eher den Kopfhörer mit aktiver Schallkompensation betreibt bis die Batterie leer ist - also auch wenn die Umgebungsgeräusche vernachlässigbar wären. Dies pervertiert effektiv die Idee der Batterieschonung.
Wer das Gerät nicht kennt, der vermutet einen Defekt wenn der Kopfhörer stumm bleibt. Und stumm bleibt der PXC 450 gerne. Schafft man es ihn zu aktivieren, und fällt die Batterie aus muß man wissen, dass er eine Batterie garnicht braucht. Dann muss man noch den Bypass-Schalter finden (den haben die Designer schön versteckt). Selbst Funkkopfhörer schalten sich gewöhnlich automatisch ein wenn man sie aufsetzt. Es ist nicht ersichtlich, warum ein Schiebeschalter zwischen den beiden Betriebsmodus des PXC 450 überhaupt nötig ist. Warum arbeitet der PXC 450 nicht immer im Bypass-Modus? Warum ist NoiseGuard nicht einfach zuschaltbar?
Sennheiser macht mit dieser Schalterlogik Rückschritte. Gäbe es einen Preis für den störrischsten Gebrauchsgegenstand, der PXC 450 wäre ein heisser Kandidat. Es gibt für einen Kopfhörer nämlich nur einen echten Grund stumm zu bleiben: wenn kein Nutzsignal anliegt.
Klang
Man hat den PXC 450 in Tests als "grundehrlich" und "luxuriös" bezeichnet. Das ist intransparente Alltagslyrik. Im romantischen Geschreibsel der Tester wird der Klang eines Lautsprecherm oder einer CD-Aufname "gepresst, belegt, mulmig" oder "topfig in den Mitten". Lustig auch wenn ein Lautsprecher "leicht näselt", "in die Magengrube fährt" oder sich "obenherum klar und kompetent gibt". Fantastisch wird es (gefunden am 24.9.2008 auf _nubert.de_), wenn "die Synthese aus puristisch-zeitloser Optik, höchster Fertigungsqualität, herausragenden klanglichen Leistungen und günstigem Kaufpreis" das Testobjekt in einem "sehr hellen Licht erstrahlen lässt". Natürlich strahlt es zu vierstelligen Beträgen.
In der Sennheiser-Marketing-Sprechblase heisst es schon ernster: "Für ein bisher auf Reisen unerreichtes Klangerlebnis sorgen beim PXC 450 eine adaptive Schallwanddämpfung im Zusammenspiel mit den patentierten Duofol-Membranen. Diese verhindern unerwünschte Partialschwingungen und sorgen so für einen sehr natürliches, detailgetreues Klangbild."
"Klangbild" kommt der Realität schon sehr nah. Denn Lautsprecherbau ist die Kunst des Schallwandler-Bau. Jeder Lautsprecher simuliert nur das Original, bildet es also neu ab. Kaum ein Tester hat aber im Original gehört hat was da abgebildet wird. Als Käufer erwartet man trotz aller beeindruckenden, literarischen Gebärden deshalb bloss, dass ein Gerät die bekannte Handschrift des Herstellers trägt. Dies ist Sennheiser mit dem PXC 450 gelungen.
Sennheiser-typisch ist der PXC 450 kein streng-analytischer Kopfhörer. Im Bybass-Modus scheint es sich um einen klanglich guten Kopfhörer mit prägnanter Bass-Wiedergabe zu handeln. Mit aktiviertem NoiseGuard erscheinen die tiefen Frequenz aber merklich gedämpfter. Die Stimmwiedergabe wirkt in beiden Modus voluminös und warm. Auch das ist Sennheiser-typisch. Die Transparenz der Höhen und ihre räumliche Darstellung ist allerdings eingeschränkt, was durch die geschlossene Bauweise bedingt ist. Mit einem Equalizer lassen sich diese Schwächen mildern (Höhen anheben), doch die Räumlichkeit eines offenen Kopfhörers wird der PXC 450 nie erreichen. Selbst der vergleichsweise einfache, offene Koss "PORTA PRO" produziert einen weiteren, freieren Klang. Das ist während eines fliegenden Wechsels (also innerhalb des gleichen Stücks) deutlich spürbar.
Zuspieler
Der PXC 450 ist kein Kostverächter - doch das sollte man auf Reisen auch nicht sein. Als Zuspieler akzeptiert dieser Sennheiser auch schwachbrüstige MP3-Player. Auch im Bypass-Modus benötigt er kein starkes Signal. Der bärenstarke COWON D2 DAB 8 GB (2 x 37 mW an der Stereoklinke) erzeugt auch bei niedriger bis mittlerer Lautstärke ein lautes Klangerlebnis. Einen Apple iPod wird man etwas stärker regeln müssen, aber auch nicht bis an sein Maximum.
Fazit
Der PXC 450 vereint hochwertige Technik mit sehr gutem Klang für einen Reisekopfhörer. Als solchen kann man ihn an jeder Stereoklinke betreiben. Klanglich gibt sich Sennheiser keine Blöße. Der Kopfhörer sitzt sehr stabil, trägt sich angenehm, wirkt hochwertig und robust. Dies ist ein Kopfhörer der gehobenen Klasse der entsprechend aussieht und auch in der Hand nicht enttäuscht. Trotz seiner für einen Reisekopfhörer beeindruckenden, klanglichen Qualitäten bleibt der PXC 450 ein geräuschdämpfender Kopfhörer - und weniger ein Universal-Kopfhörer, den man gerne in einem ruhigen Wohnzimmer verwendet.
Die umständlichen Schalter für Bypass/NoiseGuard wollen leider nicht zu dem guten Eindruck passen. Ohne Kenntnisse seiner Eigenarten bleibt der PXC 450 stumm. Hier haben es sich die Entwickler viel zu einfach gemacht. Durch diese Mängel erscheint der Preis auf einmal hoch. Denn preislich bewegt sich der PXC 450 in der Oberklasse, und übertrifft noch den Beyerdynamic DT 990, AKG K 701 und die beiden Topmodelle desselben Herstellers, HD 600 und HD 650.
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