Ein weiterer Pratchett-Bericht… muss ich dazu noch viel sagen? Wer meine anderen Berichte kennt, darf den ersten Absatz überspringen ;) Ansonsten würde hier jetzt eine schöne „Als ich neulich im Supermarkt vor dem Joghurtregal stand…“-Einleitung folgen, aber bei und stehen im Joghurtregal leider keine Bücher – außerdem suche ich mir meine Scheibenwelt-Romane immer im Internet und muss gar nicht erst etwas Neues entdecken. Schade eigentlich. Das Buch habe ich wie die meisten Pratchett-Bücher in der englischen Originalversion gelesen – ich bin einfach kein Fan von Übersetzungen, zumindest wenn ich die Sprache des Originaltextes halbwegs beherrsche.
Der Autor *********** Über Terry Pratchett zu schreiben ist wohl schwieriger als über eines seiner Bücher zu schreiben. Um es knapp zu halten: Terry Pratchett hat anfangs lange Zeit als Journalist gearbeitet, schreibt aber seit 1987 nur noch Bücher. Seine Romane wurden in unzählige Sprachen übersetzt, es wurden über 40 Millionen Exemplare verkauft. Diese Zahlen können allerdings keinen Eindruck von der Fantasie und dem Schreibstil dieses Mannes vermitteln, weswegen ich allen Lesern ans Herz legen würde, zumindest eins seiner Bücher zu lesen.
Preis ****** Ich habe das Buch für 10,95€ bei buecher.de gekauft, der Originalpreis betrug 7,99 Pfund – und meine Tastatur hat kein Pfund-Zeichen.
Von außen... *************** Der Umschlag hat einen schwarzen Hintergrund, der sehr edel wirkt (bzw. wirken würde, wenn bei mir nicht ein großer Knick drin wäre…). In der rechten unteren Ecke sind die oberen Hälften zweier Schwerter abgebildet. Am oberen Rand steht in goldener Schrift „Terry Pratchett“, darunter in weiß „Jingo“ und eine Pressestimme. Auf der Rückseite sieht man ganz oberen zuerst die Klingen der beiden Schwerter, dabei ist die eine gerade und lang, die andere etwas kürzer und gebogen. Darunter findet man den obligatorischen Klappentext, eingeleitet von einem Zitat aus dem Buch selbst. Weiterhin werden noch zwei Pressestimmen zitiert, als letztes folgt ein Feld mit Barcode, ISBN, Preis und ähnlichen Späßen.
Pressestimmen **************** „Ge nerous, amusing and the ideal boarding point for those who have never visited Discworld“, Sunday Telegraph. “Pratchett’s writing is a constant delight. No one mixes the fantastical and the mundane to better comic effect or offers sharper insights into the absurdities of human endeavour.”, Daily Mail
Was man vorher gelesen haben sollte ***************************************** W ie bereits mehrfach erwähnt: Die meisten Scheibenwelt-Romane sind eigenständige, abgeschlossene Geschichten. In „Jingo“ geht es in erster Linie um die Stadtwache und um Sir Samuel Vimes – die Charaktere treten noch in vielen anderen Scheibenwelt-Romanen auf, dabei kann man eine starke Entwicklung beobachten. Wie üblich empfehle ich als Einstieg „Guards! Guards!“ (Wachen! Wachen!), um der Reihenfolge treu zu bleiben „Men at Arms“ (Helle Barden), „Feet of Clay“(Hohle Köpfe) und erst anschließend Jingo – das ist allerdings nur wichtig, wenn man sich die Verwirrung ersparen möchte, alles in der „falschen“ Reihenfolge zu lesen. Die wichtigen Informationen bekommt man in den neuen Büchern immer geliefert, aber letztendlich macht die richtige Reihenfolge doch mehr Spaß. Damit habe ich zwar gerade ein wenig dem Sunday Telegraph widersprochen, aber irgendwas ist ja immer…
Der Titel *********** Wikipedia sagt zu dem Begriff „Jingoismus“: „Der Jingoismus ist die englische Variante von Hurra-Patriotismus. Seine US-amerikanische Ausprägung wird Spread-Eagleismus genannt. Es bezeichnet dabei einen chauvinistischen und überheblichen Patriotismus, oftmals verbunden mit Kriegseuphorie. […] Das Wort "Jingo" ist dabei wahrscheinlich eine Umgehung der als blasphemisch empfundenen Anrufung von Jesus. Eine andere Deutung versteht "Jingo" als Verballhornung des baskischen Wortes Jainko, was soviel wie Gott bedeutet.“
Der deutsche Titel „Fliegende Fetzen“ trifft die Bedeutung des Originaltextes also nicht ganz – allerdings gibt es für „Jingo“ auch keine wirkliche Übersetzung, insofern wäre ein treffenderer Titel wohl gar nicht möglich gewesen.
Der erste Eindruck ******************* Die Geschichte beginnt damit, dass ein Fischer aus Ankh-Morpork nachts zusammen mit seinem Sohn in einem kleinen Boot auf dem Meer unterwegs ist um zu fischen – was ja prinzipiell recht logisch ist, was macht ein Fischer auch sonst auf dem Meer… dort trifft er einen weiteren Fischer aus Klatch, einem Land, das als ewiger Rivale von Ankh-Morpork gilt. Während sich die beiden Fischer darum streiten, in wessen Gewässer sie sich gerade befinden und wer das recht hat, dort zu fischen (beide sind selbstverständlich davon überzeugt, dass SIE das Recht dazu haben) entdeckt der Sohn etwas seltsames, das aus dem Meer aufsteigt – einen Wetterhahn…
Zusammenfassung ***************** I n „Jingo“ geht es neben Ankh-Morpork auch um das Land Klatch, das für die Bewohner der Stadt der Inbegriff alles Fremdländischen ist – und das, obwohl viele Bewohner der Stadt ursprünglich aus Klatch stammen. Trotzdem leben die beiden Kulturen mehr oder friedlich, wenn auch von beiden Seiten von Vorurteilen belastet, nebeneinander her. Bedenklich wird das Verhältnis erst, als im Meer zwischen Ankh-Morpork und Klatch ein Landstrich aus dem Meer auftaucht (… daher übrigens der Wetterhahn), der von beiden Parteien als Eigentum bezeichnet wird. Immerhin kann sowohl Ankh-Morpork als auch Klatch behaupten, dass einer IHRER Fischer das Land entdeckt hat… Während die Obrigkeit Ankh-Morporks diesen Streit als wunderbaren Grund ansieht, endlich mal wieder einen ordentlichen Krieg zu führen, versucht Lord Vetinari (der absolute Herrscher über die Stadt – nur, um nicht „Tyrann“ schreiben) dies offenbar mit allen Mitteln zu verhindern. Seine Gründe, dass ein Krieg sinnlos sei, scheinen für die anwesenden Herren nur Vorwände zu sein: die Stadt habe keine Armee, keine Kriegsschiffe und kein Geld, um selbiges zu finanzieren. Des Weiteren habe Ankh-Morpork zwar einige ausgezeichnete Waffenschmiede, diese Waffen wurden allerdings in alle umliegenden Länder, also auch Klatch, exportiert. Schließlich beruft man sich auf das Recht, als Gentleman in Ankh-Morpork in Krisensituationen eine eigene Armee aufzustellen, woran Vetinari auch niemanden hindern will – zumindest ist davon auszugehen, da er niemanden aktiv daran hindert ;) Kurze Zeit später ist der Bruder des Herrschers von Klatch zu einer Festlichkeit in der Unsichtbaren Universität (der Magier-Universität in Ankh-Morpork) eingeladen, bei der er Sir Samuel Vimes, dem Kommandeur der Stadtwache, versichert, dass die Entdeckung des Landstriches Leshp (welch schöner Name!) und die Streitigkeiten bezüglich dessen Zugehörigkeit kein Grund für einen Krieg zwischen Klatch und Ankh-Morpork sei. Bei einer anschließenden Prozession durch die Stadt wird der Prinz allerdings von einem Pfeil getroffen, später brennt die Botschaft von Klatch – und damit fangen die Probleme für Vimes erst an. Die Geschehnisse sind nur sehr schwierig in kurzer Form wiederzugeben, ohne dabei zu viele Details zu verraten oder zu viel vorzugreifen, aber für einen kurzen Einblick sollte das (hoffentlich) reichen.
Leseprobe ********** Die folgende Textstelle finde ich recht amüsant, Ausgangssituation ist dass Sam Vimes und seine Frau Sybil beim Abendessen sitzen und die Stimmung etwas… gereizt ist.
„ ‚Is, er, there something wrong, dear?’ he said ‘Can you remember when we last had dinner together, Sam?’ ‘Tuesday, wasn’t it?’ ‘That was the Guild of Merchants’ annual dinner, Sam.’ Vimes’s brown wrinkled. ‘But you were there too, weren’t you?’ A further subtle change in the dragonhouse quotient told him that this was not a well chosen answer. ‘And then you rushed off afterwards because of that business with the barber in Gleam Street.’ ‘Sweeny Jones,’ said Vimes. ‘Well, he was killing people, Sybil. The best you could say us that he didn’t mean to. He was just very bad at shaving—‘ ‘But you didn’t have to go, I’m sure.’ ‘Policing is a twenty-four-hour-job, dear.’ ‘Only for you! You constables do their ten hours and that’s it. But you’re always working.’ […] Little things, thought Vimes. That’s how a war stars.
Meine Meinung *************** Tja, das Buch… ich weiß ja, dass es langsam langweilig wird. Tatsache ist jedoch: ich finde das Buch einfach großartig. Der Vollständigkeit halber sollte ich sagen, dass ich durchaus nicht allen Scheibenweltromanen die volle Punktzahl geben würde, aber doch den meisten ;) Jingo hat für mich wieder einen großen Vorteil: die Hauptcharaktere. Ich mag viele Personen(-gruppen) aus verschiedenen Scheibenweltromanen, aber am liebsten lese ich dann doch über die Stadtwache. Sam Vimes zum Beispiel ist ein enorm interessanter Charakter – auch wenn er manchmal als nicht der Intelligenteste dargestellt wird, hat er doch meistens einen ziemlich genauen Überblick darüber, was in der Stadt (oder im Falle von „Jingo“ auch im benachbarten Ausland) passiert, wer was tut und vor allem warum diejenigen es tun. In diesem Fall geht es dabei um Geschehnisse, die jeden Konspirationstheoretiker in Freudentränen ausbrechen lassen würden: der Prinz von Klatch wird in Ankh-Morpork angeschossen, während die Situation der beiden Nationen wegen eines angeblich strategisch sehr sinnvoll gelegenen Stück Landes brodelt. Interessant ist dabei, dass der Pfeil aus einer anderen Richtung kommt als die, in der der angebliche Schütze später aufgefunden wird – übrigens ziemlich tot und mit einer Menge Hinweise umgeben, dass sein aktueller Gesundheitszustand auf den Leibwächter des Prinzen zurückzuführen ist. Auch in dem Zimmer, das der angebliche Schütze bewohnt hat, findet die Stadtwache jede Menge Hinweise darauf, dass der Mordversuch von Klatch aus geplant wurde – angefangen bei einer Kiste mit ausländischem Geld, bis hin zu Sand auf dem Fußboden. Schließlich ist es ja klar, dass Leute aus der Wüste noch Sand in ihren Sandalen haben müssen, wenn sie in Ankh-Morpork einen Killer anheuern. Vimes bemerkt natürlich, dass diese sorgfältig hinterlassenen Hinweise ihn in die Irre führen sollen, aber anstatt gleich in eine andere Richtung zu ermitteln setzt er offiziell „seine besten Männer“ auf die Ermittlungen an: Sergeant Colon und Corporal Nobbs, die sich generell mit der ersten Erklärung zufrieden geben um (laut Vetinari) sich anschließend einen ruhigen Ort zu suchen, an dem sie erstmal eine Zigarette rauchen können. Nachdem für die Öffentlich so alles in bester Ordnung ist (oder eben nicht, wie man’s eben nimmt…) beginnt er, sich wirklich Gedanken um das Wie und Warum zu machen. Diese Art mit Menschen im Allgemeinen und den Menschen von Ankh-Morpork im Speziellen umzugehen hat mich schon in einigen Büchern fasziniert, auch in Jingo wurde ich wie man sieht nicht enttäuscht. Die Geschehnisse an sich sind, wie das für Pratchett so üblich ist, sehr realitätsnah. Ein wichtiger Bestandteil der Geschichte ist, dass öffentlichkeitstaugliche Gründe für einen Krieg gesucht werden, der eigentlich ganz andere Gründe hat – dieser Zustand lässt sich auf verschiedene Zeiten und Nationen übertragen und sollte eigentlich niemandem sonderlich fremd vorkommen. Das gleiche gilt für das zweite Problem: Rassismus. Im Buch fällt Vimes immer wieder auf, dass viele Einwohner von Ankh-Morpork ursprünglich aus Klatch sind, aber schon seit Jahren in der Stadt wohnen. Während der Streitigkeiten wegen Leshp wird für ihn deutlich, dass es vorher schon Spannungen gab, auch wenn diese deutlich subtiler waren: Witze über die fremde Lebensweise und Schimpfnamen wie „Towelhead“ („Handtuchkopf“, wenn mein Englisch nicht allzu schlecht ist – bezogen auf die Turbane). Man hat sich gegenseitig misstrauisch beäugt, aber zu öffentlichen Anfeindungen kam es nicht. Dieses Misstrauen kocht in Krisenzeiten dann gerne über und macht die ganze Sache für alle Beteiligten gefährlich. Dass einige Männer im Buch (wie z.B. Lord Rust, der öfters mal als bezeichnend stures und nicht gerade intelligentes Beispiel der Obrigkeit von Ankh-Morpork herhalten muss) unbedingt „Krieg spielen“ wollen, wie Vimes es ausdrückt, fand ich auch nicht sonderlich überraschend – aus irgendeinem Grund scheinen manche Menschen so etwas äußerst spannend und unterhaltsam zu finden, um den genannten Personen diesen Charakterzug zu geben hat Pratchett wohl nicht allzu viel Phantasie gebraucht. Ansonsten sind es wie üblich kleine Episoden aus dem Buch, die mir beim Lesen am meisten Spaß gemacht haben – so gründet zum Beispiel Captain Carrot einen Club für die Straßenkinder Ankh-Morporks und spielt mit ihnen Fußball. Dass es sich dabei um zwei rivalisierende Straßengangs handelt, wird von ihm gekonnt ignoriert – und die Kinder machen das ganze mit, weil es niemand fertig bringt, Carrot zu enttäuschen. Noch nicht einmal neun- bis dreizehnjährige, die mehr kriminelle Energie besitzen, als sich das ein Durchschnittsbürger einer normaleren Stadt als Ankh-Morpork auch nur vorstellen kann. Ein weiteres persönliches Highlight ist Leonard von Quirm, ein Charakter, der in diversen Büchern auftritt und natürlich in keinerlei Weise eine Anspielung auf Leonardo da Vinci darstellen soll. Leonard wird von Vetinari in einem kleinen Labor im Palast eingeschlossen – allerdings sieht er sich selbst eher als freiwilligen Gast. Er ist Erfinder von allem Möglichen, angefangen bei Teemaschinen bis hin zu Massenvernichtungswaffen. Vetinari hält es für sinnvoll ihn einzusperren, damit seine politischen Gegner das Genie Leonards nicht ausnutzen (was er selbstverständlich auch nie tun würde…). Außerdem ist Leonard für ihn ein äußerst angenehmer Gesprächspartner und seine Erfindungen sind, solange sie nicht gerade explodieren, manchmal äußerst praktisch.
Fazit ****** Insgesamt kann ich wieder mal nur sagen: spannende Story, interessante Charaktere und vor allem nein absolut genialer Schreibstil! Volle Punktzahl und eine klare Empfehlung von mir – lest den Originaltext oder wenn es auf englisch gar nicht geht meinetwegen auch die Übersetzung – aber lesen sollte man es ;)
Ich bin beeindruckt, dass du fast alles auf Englisch liest. Eigentlich hast du recht, was Übersetzungen angeht. Vielleicht sollte ich auch mal einem englischen Buch eine Chance geben, aber im Moment muss ich so viel Fachliteratur auf Englisch lesen, da habe ich nicht noch Lust auf englische Romane. Wobei man bei solchen Büchern ähnlich wie bei lustigen Filmen mit viel Sprachwitz wahrscheinlich schon das Original lesen muss. Möglicherweise würde mir Pratchett auf Englisch auch besser gefallen als auf Deutsch. Mal sehen, vielleicht versuche ich es irgendwann mal.
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