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| erstellt am: |
16.10.2008, von Mathi15 |
| Produktbewertung: |
5
5 |
| Empfehlung: | ja |
| Pro: | Schreibstil, Direktheit |
| Kontra: | nichts |
Zunächst werde ich einen Auszug aus dem Buch in Form des Klappentextes an dieser Stelle posten, um einen ungefähren Eindruck von diesem Werk realisieren zu können:
"Sie träumen vom Aufstieg ihrer Fußballmannschaft, von einer richtigen Liebe und davon, dass irgendwo ein besseres Leben wartet. Rico, Mark, Paul und Daniel wachsen auf im Leipzig der Nachwendejahre, in einem Viertel, dessen Mittelpunkt die Brauerei ist. Jede Nacht ziehen sie durch die Straßen. Sie feiern, sie randalieren, sie fliehen vor den Glatzen, ihren Eltern und der Zukunft. Sie kämpfen mit Fäusten um Anerkennung und schlagen die Zeit tot. Sie saufen, sie klauen, sind cool und fertig und träumen vom eigenen Leben. Alle ihre Fluchtversuche enden auf den Fluren des Polizeireviers Südost."
Clemens Meyer ist wohl kein Retorten-Schriftsteller wie er in möglichen Büchern stehen würde. Vielmehr ist er Quereinsteiger und Autodidakt. Er lebte lange Zeit selbst am Existenzmininum und kannte die dunklen Seiten von Teilen des Leipziger Ostens wohl zur Genüge.
Ich selbst wohne schon immer im Leipziger Westen, kann aber dennoch die zum Ausdruck gebrachte Stimmung sehr gut nachvollziehen. Gerade nach der Wende waren viele Stadtteile von einer maroden Infrastruktur betroffen, wovon sich weite Teile des Leipziger Ostens bis heute kaum erholt haben. Nicht zu Unrecht wohnen in diesen Teilen viele Menschen, die aus bildungsfernen und armen gesellschaftlichen Schichten kommen. Kunst und Kultur sind dabei meist nicht nur ein Fremdwort und nicht finanzierbar, sondern meist auch im Alltag alles andere als relevant. Der Kurs der Stadt verfolgt zunehmend eben das Ausschmücken der wunderschönen Innenstadt, doch aufgrund dessen werden Außenbezirke zunehmend sich selbst überlassen.
Der Autor kommt wie bereits angedeutet auch aus einer Arbeiterschicht. mal hie mal da pfuschen. Das war für ihn lange Zeit an der Tagesordnung.
Auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse wurde Clemens Meyer daher auch mit einem Preis ausgezeichnet.
Denn sein Werk "Als wir träumten" feierte einen beindruckenden Erfolgslauf. Und das völlig zurecht. Auch sein Nachfolgewerk "Die Nacht, die Lichter. Stories" ist ebenfalls ein sehr lobenswertes Werk. Mich persönlich spricht der Vorgänger aber mehr an, weil es ein zusammenhängendes bellestristisches Werk ist und nicht wie der Nachfolge aus Einzelgeschichten zusammengesetzt ist.
Clemens Meyer weis meines Erachtens den Jargon seiner Protagonisten sehr authentisch wieder zu geben. Ungeschönt, aber auch nicht unnötig vulgär, wie es populistische Werke wie Charlotte Roche "Feuchtgebiete" versuchten und dabei wie ich finde scheiterten. Clemens Meyers Werk ist keine billige PR-Kampagne, sondern spricht die Wahrheit aus, wie sie viele in dieser Form gar nicht mitbekommen würden.
Seine Figuren wirken so agil, aber lethargisch zugleich. So wird meiner Ansicht nach sehr gut das Lebensgefühl der jungen Personen des Buchs wiedergegeben: ziellos, in den Tag hineinlebend, dabei jedoch immer hedonistisch angehaucht und vor Neugier nur so blühend.
Mitunter hat mich beim Lesen ein kalter Schauer ergriffen, so authentisch wirkte das Geschriebene. Clemens Meyer weiß in blldlicher Sprache genau das Auszudrücken, was die Nachwendejugend in Teilen des Leipziger Ostens gefühlt hat: Funktionslos an den gesellschaftlichen Rand gedrückt. Dieses Missverständnis drückt sich schlussendlich in Gewalt, Zerstörung, Emotionslosigkeit nieder. Eine gut nachzuvollziehende Rekonstruktion. Meyer weiß dabei den Finger auf die Wunde Stelle zu drücken.
Ähnlich wie in der besonders in Hessen durch die Bildschlacht geführte Hetzkampagne Roland Kochs bezüglich der durch in ausgedrückten Migrationsproblematik, wird eben oft versucht die eigentlichen Gründe zu ersticken und durch konstruierte Phänomene zu ersetzen. Das die deutsche Integrationspoltik der Vergangenheit gescheitert ist, wird dabei natürlich nicht berücksichtigt.
Um den Bogen wieder zu spannen, wäre zu sagen, dass Meyer es ohne Probleme gelingt, den Leser längerfristig an sein Werkzu fesseln. Ich habe das 524 seitige Werk in drei Tagen durchgelesen und konnte es dabei desöfteren nicht beiseite legen. So stark war der Drang mehr über die Protagonisten zu erfahren.
Mit Sicherheit liegt es auch an meiner eigenen Vita, dass man viele Schauplätze selbst sehr gut kennt und so die Geschichte noch authentischer wirkt. Aber auch wenn man die wirklichen Vorbildern ausklammert, so bleibt doch eine ergreifender Werdegang mit ehrlichen und wichtigen Aussagen stehen.
Ich kann daher Clemens Meyers Werk jedem nur wärmstens ans Herz legen. Auch Leute aus meinem Umfeld, die absolut keine Leserratten sind, hat das Buch sehr gut gefallen.
Bei einer Lesung auf dem Spinnereigelände konnte man sich zudem ein noch detailliertes Bild vom Autor machen, was bei mir auch durch den Erwerb des Nachfolgewerkes noch am selben Abend furchtete.
In diesem Sinne: Auch bei einer sehr ernsten Thematik kann man viel Lesefreude entwickeln. Danke Clemens Meyer. Nun ist meine Rezension ja fast schon eine Hommage geworden. Wie auch immer. Ein grandioses, bellestristisches Werk.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006
ISBN-10 3100486005
ISBN-13 9783100486004
Gebunden, 524 Seiten, 19,90 EUR
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