|
| erstellt am: |
12.04.2009, von doeter |
| Produktbewertung: |
5
5 |
| Empfehlung: | ja |
| Pro: | leichte, aber nicht zu leichte Kost |
| Kontra: | vielleicht aber doch nicht schwer genug |
Im Rahmen des größten internationalen Krimifestivals Europas fand am 19. Oktober 2008 unter dem Titel "Crime Mobile: Hellweg Crime Express" der große "Mord am Hellweg"-Familientag statt.
[http://mord-am-hellweg.de/images/stories/hellwe g_crime_express.pdf
http://mord-am-hellweg.de/das-programm/crime-mob ile/384-crime-express.html]
Bei einer früheren Veranstaltung (im Steinmetz-Betrieb "Naturstein Determann") hatte ich mich an der Abstimmung zum Ripper-Award beteiligt und fand am 18. Oktober 2008, am Vortag des großen Familientags, ein Familien-Ticket für diese Veranstaltung im Postkasten, das ich gewonnen hatte. Schade, dass wir schon selber Tickets gekauft hatten, weil wir uns diesen Tag auf keinen Fall entgehen lassen wollten. (Schon im Jahre 2006 waren wir im Crime Express mitgefahren.) Leider fanden wir am großen Tag keine bedürftige Familie mit möglichst vielen Kindern, der wir unser überzähliges Familienticket hätten schenken können. Alle vielversprechenden Familien, die wir ansprachen, hatten sich ihr Familienticket bereits selbst gesichert. So mussten wir das Ticket irgendwann an ein - dem Anschein nach - gutsituiertes Akademikerpaar verschwenden, das sonst sowieso von einem anderen Akademikerpaar eingeladen worden wäre. Aber: ich schweife ab...
Der Hellweg Crime Express verbindet per Eisenbahn mehrere Veranstaltungsorte aus der Hellweg-Region, an denen während des Familientages ständig Lesungen stattfinden. Mit Geschick und etwas Glück kann man sich ein unterhaltsames Tagesprogramm aus dem insgesamt Angebotenen zusammenstellen. Alles kann man nicht besuchen. Es gilt, das richtige Näschen zu haben. Wir wollten uns dabei nicht auf Altbekanntes, Altbewährtes zurückziehen, sondern dem Schicksal eine Chance geben, Unbekanntes entdecken.
Osman Engin, der sich im Kulturbahnhof Werl mit Michael Fitz beim Lesen abwechselte, war für uns ein unbeschriebenes Blatt. Dass er unter anderem für das von mir abonnierte Titanic-Magazin als Satiriker arbeitet, hatte ich zwar im Programm gelesen, aber Osman Engin war mir in der Titanic bis dahin nie aufgefallen. (Erst anschließend amüsierte mich seine Verwicklung in den Mohammed-Ähnlichkeitswettbewerb, mit dessen Ankündigung die Titanic internationale Verwicklungen herauf zu beschwören drohte.)
[http://titanic-magazin.de/mohammed.html]
Kurz (und damit verspreche ich, nach über 300 Wörtern jetzt endlich zum Thema zu kommen): Osman Engin war einer der Autoren, denen wir die Chance geben wollten, unseres Büchergeldes teilhabig zu werden. Und er hat sie wahrhaftig genutzt! "Tote Essen keine Döner" haben wir unmittelbar nach der Lesung noch im Kulturbahnhof am zufällig da herumstehenden Büchertisch gekauft und razfaz gelesen. Inzwischen sind etliche Osman-Engin-Bücher von uns zu Weihnachten unters verwandte und bekannte Volk gestreut worden.
Bei der Lesung zeigte sich Osman Engin intelligent, souverän und sprachgewandt. Rechtsradikale kommen, ob tot oder lebendig, in seinem "Kriminalroman" schlecht weg. Real existierende Rechtsradikale hatten das zum Anlass genommen, ihn (vorerst nur) mit Drohbriefen zu bombardieren. Er hatte ihnen unter http://www.osmanengin.de angeboten, sie könnten sich doch auf die gleiche Weise zur Wehr setzen, in der sie sich angegriffen fühlten: mit wohlformulierten Texten, "sobald sie schreiben und lesen gelernt haben".
"Tote essen keinen Döner" ist der erste Kriminalroman aus Osman Engins Feder. Er selbst sehe das Buch gar nicht als einen Kriminalroman an, verriet Engin, es würde wohl nur deshalb als solcher bezeichnet, weil einige Tote drin vorkämen. Eigentlich sind satirische Kurzgeschichten, die manchmal an Texte von Ephraim Kishon erinnern, sein Metier. Kurzgeschichten, bei denen ich mich meines Lachens nicht schämen muss.
Und damit sind wir auch schon beim einzigen Schwachpunkt des Kriminalromans, den ich aber verschmerzen kann, ohne dafür auch nur geringste Abzüge in der B-Note in Erwägung zu ziehen: Der Roman ist kein Roman, er ist eine Kurzgeschichtensammlung, die sich am roten Faden des wiederholten Leichenfundes mit anschließendem Verstecken der Leiche entlang windet. Bei der Umzugsaktion am Anfang des Buches entfaltet Engin sein Talent für Situationskomik und stellt seine Familie hart aber herzlich vor. Ob da eigenwillig "gewürzte" Käsebrötchen den Appetit verderben oder die Umzugsfirma im Rahmen eines Zusatzpakets für Angeber protzige Möbel vorne in die Wohnung hinein und unbemerkt hinten wieder hinaus tragen lässt, um die neuen Nachbarn zu beeindrucken: Beeindruckend ist das Feuerwerk an Ideen, das da abgebrannt wird, aber man erkennt beim Lesen immer wieder den routinierten Kurzgeschichtenerzähler, der in gewohnter Manier dem Affen Zucker gibt.
Dass der rechtsradikale Nachbar, der überhaupt der Anlass für den Umzug war, weil er den türkischen Vormieter ständig drangsaliert hatte, tot im Keller liegt, führt zu Verwicklungen, wie sie ähnlich Hitchcock in "Immer Ärger mit Harry" verfilmt hat. Damit ist der Plot in seinen Grundzügen auch schon beschrieben: verschiedene Personen gehen davon aus, Adolf (so der Künstlername des Rechtsradikalen) umgebracht zu haben, noch mehr hätten gute Gründe dazu gehabt und sind damit verdächtig. Das Ganze angereichert mit Slapstick, Wortwitz und Meditationen über Befindlichkeiten von Deutschen, Türken und Deutschtürken ergibt eine unterhaltsame Lektüre. Leicht, aber nicht zu leicht. Krimi, aber nicht wirklich Krimi.
Die Leseprobe gibt es beim Verursacher:
[http://www.osmanengin.de/buecher_18 .html]
Tote essen keinen Döner
Don Osmans erster Fall. Kriminalroman
von Osman Engin
kartoniert/broschiert
237 Seiten
8,95 Euro
|
|
Amazon.de
Niedrige Preise, Riesen-Auswahl und kostenlose Lieferung ab nur 20 EUR
|