Nicci Gerrard:  Als er für immer ging
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Testbericht Nicci Gerrard: Als er für immer ging

 (gebundene Ausgabe)
(5,0 von 5)
Platz 154 in der Kategorie "Belletristik Romane & Erzählungen - A".
Bewertung: Kundenbewertung 5,00 / 5,00 (5,0 von 5)
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Testbericht über Nicci Gerrard: Als er für immer ging

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Das klang wie eine Grabinschrift.

erstellt am: 14.05.2009, von
Produktbewertung: Kundenbewertung 5,00 / 5,00 5
Empfehlung:ja
„Wir alle leben mit diesem Gefühl, etwas verpasst zu haben. All die Dinge, die wir nicht getan, nicht gehabt oder nicht gewusst haben, all die Erlebnisse, denen wir ausgewichen, die Türen, die uns verschlossen geblieben sind, die Lieben, die wir verloren oder zurückgelassen haben. Die Menschen, die wir nicht geworden sind. All diese verpassten Chancen können zu Gespenstern werden, die einen verfolgen.“
(ZITAT; S. 199)

Insbesondere Zeilen wie diese sind es, die mich in Nicci Gerrards Werk

//ALS ER FÜR IMMER GING//

derartig ansprachen, dass ich ersteinmal eine Weile darüber nachgrübelte und nicht umhin kam, jene in eine Art briefliche „Diskussion“ einfließen zu lassen.
Die Autorin Nicci Gerrard dürfte dem ein oder anderen eher bekannt sein als Nicci French; zumal nicht jedem potentiellen Leser bewusst ist, dass es sich bei letzterem um ein Autoren-Duo handelt, welches aus vorgenannter Schriftstellerin sowie ihrem Ehemann Sean French besteht. „Als wir Töchter waren“ war ihr erster Roman im Alleingang, „Als er für immer ging“ erschien im Jahre 2005 unter dem Originaltitel „Solace“ und interessierte mich schon anhand des alleinigen Umstandes, dass das Buch als ein „Roman über Trennung und Neuanfang“ definiert wurde.

Seit meiner eigenen Trennung lese ich hin und wieder gerne solche Art Romane, die vom „Leben danach“ berichten, vom wieder-aufstehen und wiederentdecken seines eigenen Ichs.

/DIE STORY/

bezieht sich in jenem Roman nicht auf eine Art Ehedrama; zwar stellt dieser „Umstand“ den Hauptbestandteil des Inhaltes dar; doch das ganze geht weiter ~ um nicht zu sagen: tiefer.
Das „wesentliche“ geschieht bereits im ersten Buchteil.
Adrian ist seit Jahren mit Irene verheiratet, Vater dreier Töchter ~ und verliebt sich auf einer Party in die unbeschwerte Frankie. Nicht sonderlich überraschend, dass diese mit ihm eine Affäre beginnt, die sich schlussendlich in eine Beziehung wandelt. Ebensowenig überraschend, dass Irene an dieser Entwicklung zu zerbrechen droht.

Doch eben diese Voraussehbarkeit ist es, die das Buch so lebensnah, so empfindsam und „echt“ macht ~ eben weil die Story aus dem wirklichen Leben gegriffen ist.
Viele der dargestellten Gespräche könnten genauso stattfinden ~ habenl in manchen Beziehungen von uns stattgefunden.
Adrian beichtet seine Affäre irgendwann; meint, sich noch nicht entscheiden zu können... und kommt gar nicht erst auf die Idee, dass es immerhin doch die Möglichkeit gibt, dass Irene ihn überhaupt nicht mehr haben möchte.
Trotzdem sagt sie ihm zu, eine Weile zu warten ~ unter der Bedingung, dass er sich auch nicht mit Frankie trifft, bis er sich im klaren ist.

Die Szenerie, in der Irene schließlich in Frankies Schlafzimmer platzt und ihr Mann nichts als Spott für sie übrig hat, geht mehr als nahe. Auch finden viele „Alltagsumstände“ ihren Platz in dem Roman; die allesamt auf ein Ziel hinauslaufen: das Irene etwas tun muss.
Nicht für Adrian, nicht für ihre Ehe ~ sondern für sich selbst.

//DIE UMSETZUNG nebst BEGEISTERUNGSFAKTOR//

Offen gestanden hätte ich nicht unbedingt gedacht, dass mir das Buch so zu Herzen gehen würde. Das mittlerweile für 8,95 EUR als Taschenbuch erhältliche Werk habe ich obendrein lediglich im Zuge eines sog. 2:1 Tausch über tauschticket.de erstanden und wäre sonstig vermutlich niemals darauf aufmerksam geworden. Vermutlich, weil ich wie die Hauptprotagonistin den „Fehler“ mache, auszublenden, dass es ein Leben „außerhalb“ gibt.

Irene geht beinah völlig in ihre Rolle als Ehefrau und Mutter anfangs auf, bereits zu Romanbeginn aber offenkundig eher unter. Dank der nahezu plastischen Schilderungen der Autorin kann sich der Leser schnell ein Bild von Irene machen: aufopferungsvoll für ihre kleine Familie, jedoch nahezu nachlässig mit sich selbst. Nicci Gerrard beschreibt die Hauptprotagonistin als eine Frau, die ihrem äußeren keine besondere Beachtung mehr zukommen lässt. Die Haare kraft- und farblos, der Körper nahezu abgemagert, die Kleidung hier und dort fleckig oder gar auf links gedreht. Irene erkennt sich selbst nicht mehr, fragt sich, wieso es „so weit“ kommen musste ~ denkt sich aber beim Anblick an ihr „falsch angezogenes“ Oberteil, dass es doch ohnehin keinen Unterschied macht.

Fast mag der ein oder andere Leser diesbezüglich denken, dass es dann ja fast kein Wunder ist, dass ihr Mann nach einer anderen Ausschau hielt ~ und so ganz von der Hand weisen würde ich das auch nicht.
Irene ging in ihrer Ehe irgendwo verloren ~ wieso, warum und weshalb dies geschah, bleibt jedoch völlig im dunkeln. Vielmehr beschäftigt sich der Roman damit, was „danach“ kommen kann: das Zerbrechen einer einst glücklichen Liebe.

Schnell ist schon allein anhand des eingedeutschten Titels klar, dass es mit Adrian kein Happy end geben wird ~ und irgendwo ist das auch nur gut so.
Romane über teilzerbrochene Ehen, reumütig zurückgekehrte Partner und alles auf Anfang gibt es schon genug ~ derartig entmutigende und zugleich mutmachende Bücher hingegen viel zu wenig.

Im nicht ganz entfernten Sinne erinnerte mich das Buch an Anna Gavalda’s „Ich habe sie geliebt“. Inhaltlich wie stilistisch kann man sicherlich beide Werke auf den gleichen Podest heben; auch hier findet sich eine gehörige Portion Offenheit, Vertrautheit und Wehmut und etliche Sätze, die zum nachdenken anregen.
Es bleibt sicherlich nicht aus, dass man als Leser sich auf die Seite von Irene stellt; doch genauso wenig bleibt es aus, dass man sich im Laufe der Lektüre fragt, ob es überhaupt sog. Seiten geben kann.

Dass sich der Roman nicht ausschließlich auf das zerbrechen der Ehe beschränkt, gefiel mir besonders gut. Im Grunde gibt es zu solchen Geschehnissen an für sich ja auch nicht viel zu sagen: es ging nicht gut, und Ende. Noch so viele Erklärungen können den nicht-selbst-Betroffenen ohnehin kein wirkliches Bild einimpfen; zumal es oft heißt „viele Beziehungen gehen in die Brüche. Das Leben geht weiter.“
Und genau auf dieses „Weitergehen“ wurde das Hauptaugenmerk gerichtet ~ bereits ab S. 156 spielt Adrian keine wirkliche Rolle mehr; was nicht heißen soll, dass auf einmal alles gut und Irene wie neu wäre. Nein, es geht „einfach nur“ darum, das Irene entdeckt, dass sie mehr ist als eine Mutter und Ehefrau ~ ohne dass die Autorin hier auf großartige lebensverändernde Geschehnisse zurückgegriffen hätte.

Hin und wieder „ärgerte“ es mich ein wenig, dass viele Romane, die scheinbar auf die weibliche Leserschaft ausgerichtet wurde, so absolut Richtung „ultimatives Happy end und ohne Mann sind wir eh besser dran“ tendieren. Jenes hat mich ja auch bei Andrea Claßen’s „Last minute“ eher in Missstimmung versetzt.
Bei „Als er für immer ging“ hingegen läuft nicht alles glatt, vielmehr erkennt Irene weitere Grenzen in ihrem Selbst, lernt sich selbst wieder besser kennen und erinnert sich hin und wieder an manche Momente, in denen noch alles gut war ~ oder zumindest so zu sein schien.

Einen definitiven Knackpunkt im Sinne von selbsterkennender Erleuchtung gibt es in dem Roman für Irene hingegen nicht ~ vorbildlicherweise, eben weil realitätsnaher.
Das eigene Leben nach einem zwischenmenschlichen „Zusammenbruch“, egal welcher Art, wieder aufzunehmen – wieder zu finden! – ist nichts, was von heut auf morgen geschieht, geschehen kann. Dass uns das die ein oder andere Lektüre weismachen will, grenzt fast schon an Empathie-Zerstörung.


//SUMMA SUMMARUM//

lässt sich vermutlich unschwer erkennen, wie nahe mir das vorgestellte Buch ging. Es fällt mir ein wenig schwer, den Inhalt bzw. das Geschehen zu beschreiben, ohne allzu sehr vorwegzugreifen ~ weswegen ich mich mehr auf meine Empfindungen bzgl. der Veröffentlichung konzentriert habe.

Der Umstand, dass ich die 364 Seiten nahezu verschlungen habe, dürfte zweifelsohne für sich sprechen. Insgesamt betrachtet stimmt sicherlich einiges in dem Roman traurig, wütend oder hinterlässt gar ein leichtes Gefühl der Ohnmacht ~ obendrein fühlt man sich quasi einer Überprüfung seiner Selbst unterworfen. Nahezu zwangsweise gelangt man zu den Gedanken, wie oft man sich selbst keine Mühe mehr gab, um für seinen Partner bzw. sich selbst attraktiv zu wirken. Es geht nicht darum, jeden Abend im Ballkleid auf jemanden zu warten oder darauf zu verzichten, mal einen Tag lang in Schlumperklamotten herumzulaufen ~ doch der Grad zur Schluderei ist manchesmal schmal.... Mir persönlich ging es im ersten Moment so, dass ich mich fragte, wie Irene sich „so gehen lassen kann“; während ich im zweiten Moment an meine eigenen „Auftritten innerhalb meiner Ehe“ denken musste. Natürlich gibt sich ein jeder insbesondere am Anfang Mühe; doch wenn erst mal das erste Eis gebrochen ist... Selbstreflektion ist sicherlich hier eine Art warnendes Zauberwort, was jedoch nicht heißen soll, dass hier irgendwas mit „erhobenem Zeigefinger“ geschrieben wurde. Womöglich sehe ausschließlich ich jenes „Warnsignal“ in dem Buch...
Unbestreitbarer Fakt ist jedoch, dass der Roman mit seiner involvierten Mutlosigkeit Irenes, die „irgendwann“ beginnt, um sich selbst zu kämpfen, ebenso Mut macht, Zuversicht und eine gewisse Portion Hoffnung gibt und nicht zuletzt immer wieder zum nachdenken wie innehalten einlädt.

Es bleibt zu sagen, dass ich einschließlich bis zur letzten Seite keine wirkliche Beanstandung vermerken kann ~ Nicci Gerrard bewegt sich an keiner Stelle zu sehr von einer apodiktischen, lebensechten Schilderung weg. Vielmehr schaffte sie es, mich vollkommen in den Bann zu ziehen, den Leser ein vollumfängliches Bild zu repräsentieren und obendrein nicht zu vergessen, dass es in Büchern (wie auch im wahren Leben) ruhig so sein darf, dass der „Fremdgeher“ mit seiner Affäre ein glückliches Nach-Eheleben führt.
Die Konstellation, dass viele Romane darauf getrimmt werden, dass der Ehemann reumütig zurückkehrt oder zumindest unglücklich bleibt bzw. wird; hängt mir offen gestanden ziemlich zum Hals raus.

Denn nicht immer muss ein Ende für beide Beteiligten auch wirklich ein Ende sein ~ es kommt ebenso vor, dass der gemeinsame Weg des Lebens an einer Stelle endet; und jeder seinen eigenen Trampelpfad für sich gefunden hat.....



Im ersten Moment bildete sie sich ein, er habe „Frau“ gesagt, und ein Hochgefühl erfüllte sie. Die wunderbarste Frau. Dann wurde ihr bewusst, was er tatsächlich gesagt hatte. „Die wunderbarste Mutter.“ Das klang wie eine Grabinschrift.“
(ZITAT; S. 117)
LilithIbi
Yopi Autor - LilithIbi
"Man braucht nicht glücklich zu sterben, wenn's soweit ist, aber man muss zufrieden sterben, denn man hat sein Leben von An-fang bis zum Ende gelebt, und Ka wird mit allem gedient." (Roland von Gilead)
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Puppekaa
Puppekaa, 14.05.2009

sehr schöner Bericht
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Yopi-Autor:nise88
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