|
| Letzte Aktualisierung am: |
19.06.2009, von Gozo-Bernie |
| Produktbewertung: |
5
5 |
| Empfehlung: | ja |
| Pro: | Sehr guter Krimi und darueber hinaus |
| Kontra: | ach, manches allzu unwahrscheinlich |
Detaillierte Bewertung
| Humor: |
ziemlich humorvoll |
| Spannung: |
sehr hoch |
| Niveau: |
anspruchsvoll |
| Unterhaltungswert: |
sehr hoch |
| Aufmachung: |
in Ordnung |
| Zielgruppe: |
jedermann |
| Wie ergreifend ist die Story?: |
sehr ergreifend |
| Seitenzahl: |
300-400 |
| Stil: |
ausschmückend |
In der kleinen Serie 'Starke Frauen' geht's heute in den Norden: Nach Norwegen! Denn auch dort gibt es Mord und Totschlag und andere Verbrechen. Ich habe den Band 'Blinde Goettin' von Anne Holt gelesen und bin begeistert. Das Buch ist zuerst 1993 im Original erschienen, auf deutsch bei Piper (Übersetzung Gabriele Haefs), ISBN 3492236022.
Aber so was: da habe ich also ein Buch (gefunden, natuerlich - wie meist - in der Bibliothek des Deutschen Kulturzentrums Bruno Herding in Catania) und das sieht genauso aus wie bei yopi abgebildet - jedenfalls fast. Und dann schau ich auf der website des Verlages nach und auch da: Das Buch heisst ueberall 'Blinde Goettin' ohne Artikel - doch auf der Abbildung ist jeweils deutlich (anders als bei dem mir vorligenden Band, 6. Auflage 2004) zu lesen 'Die ...'. Mysterioes!
Natuerlich hab ich auch gleich nachgeschaut, wieviel das Buch kostet: Euro 8.95! Das mir vorliegende Exemplar aber kostete nur 8.90! 5 Cent mehr fuer ein Wort, noch dazu das vollkommen ueberfluessige 'Die'? Stolzer Preis pro verkauftes Buch. Auch so kann man's machen ...
Im Buch geht es hoch her und gleich zur Sache: eine Rechtsanwaeltin findet eine uebel zugerichtete Leiche. So uebel, dass ihr selbst auch ebenso wird und sie sich uebergeben muss - auf den Toten.
Leseprobe (1) aus dem Buch, Polizeibericht:
"Anwesend bei der Tatortbegehung war die Zeugin Karen Borg. Sie fand den Verstorbenen bei einem Spaziergang mit Hund. Die Leiche war bekotzt. Zeugin Borg sagt, dass sie das war."
[Ende der Leseprobe]
Ja - und auf den Fall angesetzt werden Kommissarin Wilhelmsen und u.a. der Polizeibeamte Hakon Sand, der mit Karen Borg studiert hat und die beiden haben eine immer noch waehrende komplizierte Beziehung.
Aber interessiert uns das wirklich? Uns interessiert vielmehr wie es im Krimi weiter geht: rasend interessiert uns das und ebenso geht es auch weiter, denn gleich wird ein junger Mann gefunden, an einer Strassenecke sitzend, der ueber und ueber mit Blut bespritzt ist, aber selbst nicht verletzt. Der Moerder? Es scheint so (und ist so). Aber er aeussert nichts, nicht mal seinen Namen will er nennen. Er will auch keinen Anwalt. Er will in eine Zelle und - erst Stunden spaeter bittet er um etwas zu trinken.
Aber mehr sagt er nicht, auch nicht zu Kriminalkommissarin Hanne Wilhelmsen. Der am Verhoer teilnehmende Hakon Sand verplappert sich dabei (er sollte eigentlich nur zuhoeren) und als der Verhoerte den Namen der Rechtsanwaeltin erfaehrt spricht er ploetzlich, wenn auch nur einige Worte: er verlangt diese als Verteidigerin. Aber warum?
Eine weitere Leseprobe (Gespraech zwischen Hakon Sand und Karen Borg)
LESEPROBE 2
»Schön, daß du da bist. Das freut mich«, sagte er plötzlich. Ihr kam es nicht so vor. Sein Willkommenslächeln war ziemlich dürftig nach vierundzwanzig Stunden Dienst. »Der Typ will einfach nichts sagen. Er wiederholt immer nur, daß er dich als Anwältin will.«
Karen Borg hatte sich eine Zigarette angezündet. Sie trotzte allen Warnungen und rauchte Prince in der Originalversion, mit dem Maximum an Nikotin und Teer und dem knallroten Etikett, auf dem die erschreckende Warnung des Gesundheitsministeriums stand. Niemand schnorrte bei Karen Borg Zigaretten.
»Ihr müßt ihm doch klarmachen können, daß das nicht möglich ist. Erstens bin ich Zeugin in diesem Fall, schließlich habe ich die Leiche gefunden. Und zweitens habe ich keine Ahnung mehr vom Strafrecht. Ich hab' mich seit dem Examen nicht mehr darum gekümmert, und das ist sieben Jahre her.«
»Acht«, korrigierte er. »Wir haben vor acht Jahren Examen gemacht. Du warst die Drittbeste unter Hundertvierzehn. Ich war Nummer fünf von hinten. Klar kannst du Strafrecht, wenn du willst.«
Er schien gereizt, und das war ansteckend. Plötzlich spürte sie die Stimmung, die sich während ihrer Studienzeit manchmal eingestellt hatte. Ihre stets hervorragenden Noten im strahlenden Kontrast zu seinem holpernden Gang durchs Studium, unterwegs zu einem Examen, das er ohne ihre Hilfe niemals bestanden hätte. Sie hatte ihn durch das ganze Studium gelockt, gezerrt und getrieben, als wäre ihr eigener Erfolg mit dieser Bürde leichter zu ertragen gewesen. Aus irgendeinem Grunde - sie hatten ihn nie ermitteln können, vielleicht, weil sie nie darüber sprachen - hatten sie beide das Gefühl gehabt, daß sie ihm dankbar sein müßte und nicht umgekehrt. Dieses
Gefühl, ihm etwas schuldig zu sein, hatte sie später immer geärgert. Warum sie während des gesamten Studiums unzertrennlich gewesen waren, hatte niemand begreifen können. Sie hatten nie etwas miteinander gehabt, höchstens mal eine Runde Knutschen im Suff; sie waren ein ungleiches Freundespaar gewesen, unzertrennlich, streitsüchtig, aber immer voller gegenseitiger Fürsorge, die sie vor den vielen tiefen Fallgruben des Studiums bewahrte.
»Und was deinen Status als Zeugin angeht, auf den scheiß' ich im Moment, ehrlich gesagt. Das wichtigste ist, daß der Typ endlich die Klappe aufmacht. Mit dem Zeuginnenkram befassen wir uns eingehender, wenn irgendwer das nötig findet. Und das dauert sicher noch lange.«
»Zeuginnenkram.« Sein juristischer Sprachgebrauch war nie sonderlich präzise gewesen, aber Karen Borg konnte das trotzdem nicht so ganz schlucken. Håkon Sand war Polizeiadjutant und offiziell ein Hüter von Gesetz und Ordnung. Karen Borg wollte gern weiterhin glauben, daß die Polizei die Juristerei ernst nahm.
»Kannst du nicht wenigstens mit ihm reden?«
»Unter einer Bedingung. Du lieferst mir eine glaubwürdige Erklärung dafür, daß er weiß, wer ich bin.«
»Das war mein Fehler.«
Håkon Sand lächelte mit der Erleichterung, die er immer empfunden hatte, wenn sie ihm etwas erklären konnte, das er zehnmal gelesen und doch nicht begriffen hatte. Er holte zwei Tassen Kaffee aus dem Vorzimmer. (...)
[Ende der Leseprobe]
Die Polizei tippt - richtig - es handelt sich um ein grosse Sache, eine Abrechnung, einen Racheakt, im Drogenmilieu. Aber was, wie warum.
Karen Borg uebernimmt die Verteidigung und es gelingt ihr schliesslich den jungen Mann zum Sprechen zu bringen, wie auch immer. Er nennt schliesslich auch seinen Namen (er ist Niederlaender), arbeitete als Drogenkurier, gibt zu dass er der Moerder ist, will aber sonst nichts, ausser dass Karen ihn verteidigt obwohl sie ihm erklaert, dass sie eigentlich Wirtschaftsaenwaeltin ist. Und dann hat er doch noch eine Bitte: er will in der Zelle im Polizeigebaeude bleiben und nicht ins Gefaengnis. Das wundert alle, denn die Zellen im Polzeipraesidum gelten als mehr als schlimm.
Dem geuebten Krimileser ist klar: der Junge hat offensichtlich Angst.
Warum, vor wem? Naja, das stellt sich allmaehlich heraus : vor anderen Anwaelten - denn ihm ist bekannt, dass einige in die Drogensache verwickelt sind - das sprach sich im Milieu herum.
Und siehe da: Karen Borg erhaelt einen Anruf von einem der bekanntesten Strafverteidiger Norwegens - er will den Fall uebernehmen!
Da klingeln alle Alarmglocken! Aha, der Leser weiss es: auch der ist in die Sache verwickelt und will verhindern dass der Angeklagte aussagt.
Dann wird noch ein Anwalt ermordet und es kommt zu weiteren Todesfaellen, u.a. im Gefaengnis (Ueberdosis Drogen - wie kommen denn die da hinein?).
Die Ermittler der Polizei finden einiges heraus, aber nicht genug.
Und dann, ja was soll ich da alles schreiben, eskaliert die Situation mehr und mehr: u. a. wird Kommissarin Wilhelmsen ueberfallen und niedergeschlagen und uebel zugerichtet, an einem Sonntag im Polizeipraesidium - ihr Buero wird durchsucht und Akten werden mitgenommen; Karen Borg wird von dem Staranwalt nochmals gedraengt ihm den Fall zu ueberlassen - lehnt aber wieder ab; und der Niederlaender - ja, er begeht Selbstmord, nachdem er Karen aber schon einiges unter dem Anwaltsgeheimis gesagt hat.
Ein kleine, aber bedeutende Rolle soielt auch noch ein Journalist.
Da ihr Klient tot ist, gibt Anwaeltin Borg seine Informationen an Polizei und Staatsanwalt weiter, und ein anderer Rechtsanwalt, der Leser kennt ihn schon, denn der hat offensichtlich die Drogen ins Gefaengnis gebracht, wird angeklagt - aber die Untersuchungshaft wird nach wenigen Tagen aufgehoben, da die Aussage von Karen Borg nicht zugelassen wird (u.a. Brechen des Anwaltsgeheimnisses, Hoerensagen) bzw. ein anderes Protokoll, eine Aussage wegen der Kommissarin Wilhelmsen extra in Karens Urlaubsort gefahren ist, wurde wiederum aus einem Buero der Polizei gestohlen...
Es wird immer verwirrter und der Leser ebenso. Eines ist klar: es geht in dem Fall bis ganz hoch hinauf!
Schliesslich ein Mordanschlag auf Karen Borg und da gibt es eine kleine Ueberraschung fuer den Leser. Doch dann geht alles seinen Gang bis zum Ruecktritt des Justizministers.
Absolut lesenswert! Und wirklich sehr gut geschrieben. Das anfangs erwaehnte Zitat (Leseprobe 1) sollte nur zeigen, wie die Polizisten ihre Protokolle abfassen...
Gozo-Bernie 19.06.07
|
|
Amazon.de
Niedrige Preise, Riesen-Auswahl und kostenlose Lieferung ab nur 20 EUR
|