Thomas Klupp: Paradiso
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Thomas Klupp: Paradiso

Testbericht Thomas Klupp: Paradiso

  (gebundene Ausgabe)
Platz 17 in der Kategorie "Belletristik Romane & Erzählungen - P, Q".
Bewertung: Kundenbewertung 5,00 / 5,00 (5,0 von 5)
von 100% aller Autoren empfohlen (1/1).
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Testbericht über Thomas Klupp: Paradiso

...das ist die einzige Rettung, die es für mich gibt.

erstellt am: 10.08.2009, von LilithIbi
Produktbewertung: Kundenbewertung 5,00 / 5,00
Empfehlung:ja
Viele von uns kennen das ~ man stapelt sich mehr und mehr Bücher zuhauf, in der irrigen Annahme, diese alle „demnächst“ zu lesen, macht sich nicht einmal die Mühe, die Bücher wegzuräumen, eben weil man davon ausgeht, sie am Folgetag wieder hervorzuholen. Doch dann stehen der Leselust oder gar -sucht zig Außeneinflüsse entgegen, man schafft es grad noch, seine Zeit für sich mit Chips zu füllen oder das fragwürdige Büchlein „Die Verwandlung“ von Kafka zu lesen.

Als ich am vorgestrigen Abend schließlich endlich an das von mir lang herbeiersehnte
“Paradiso“ von Thomas Klupp
heranwagte, musste ich mich regelrecht zwingen, nach der ungefähren Hälfte das Buch aus der Hand zu legen um am Samstag um 5 Uhr aus dem Bett zu kommen. Obschon man sich mehr und mehr fragt, um was es in dem Buch überhaupt geht, ärgert man sich nichtmal ob dieses Umstandes, dass man nur cm für cm erfährt, bei wem es sich um den Hauptprotagonisten und Ich-Erzähler handelt, was er will, wohin er will und warum. Offen gestanden hat man nach der Beendigung der Lektüre immer noch kein ganzes Bild, kann sich nur in etwa die Lebensumstände des Erzählers Alex Böhm vorstellen. Und irgendwie reicht das auch.

Der Klappentext scheint hier recht dick aufzutragen: „Fünf Seiten gebe ich dem Leser. Wenn er sich bis dahin nicht von diesem Buch losreißen konnte, wird er von einem Sog verschlungen, einem Sog aus Amoralität, Lügen und Schamlosigkeit“. Klar ist das ganze ein wenig übertrieben, doch den Nagel auf den Kopf getroffen hat jeder Thomas Brussig, der jenen Text formulierte, nichtsdestoweniger.
Die eigentliche Story
lässt sich in wenigen Sätzen rasch zusammenfassen: Alex will mittels Mitfahrgelegenheit bei einem Förster zum Flughafen gelangen, um am nächsten Morgen mit seiner neuen Freundin Johanna, von der die „pausierte“ Freundin Lena nicht einmal weiß, nach Portugal zu fliegen. Doch der Förster lässt auf sich warten; und so steigt Alex bei einem alten Schulkameraden ein, der ihn obendrein in die falsche Richtung mitnimmt. Alex muss somit mehrfach umsteigen, fährt mit mehreren Personen mit und erinnert sich im Laufe seiner Tour an viele kleine und auch größere Erlebnisse in seiner Vergangenheit ~ und das wars dann sozusagen auch schon.

Nichtsdestoweniger möchte ich hinzufügen, dass es im Grunde ebenso darum geht, dass Alex sich mit seiner Vergangenheit, seiner Gegenwart, seinen zwischenmenschlichen Beziehungen, seinem Verhalten an sich, auseinander setzt und zu der ein oder anderen Erkenntnis erlangt.
Die Umsetzung
ist längst nicht so banal und unspektakulär wie das ganze nun klingt. Zwar ist richtig, dass im Grunde nicht viel passiert, doch die Erinnerungen, kombiniert mit dem sarkastisch-schonungslosen Sprachwitz fesselten mich von Anfang an. Hier und dort kann man herzhaft lachen, an anderer Stelle reißt man ungläubig die Augen auf und kann sich doch vorstellen, dass es genauso und nicht anders gewesen sein könnte. Dicker Pluspunkt vor allem, dass die Story an keiner Stelle zu übertrieben wirkt, dass alle Geschehnisse absolut lebensnah und nachempfindbar gestaltet wurden. Obendrein sagt mir persönlich sehr zu, dass die Gedanken des Hauptprotagonisten hier und dort von Tiefsinn zeugen und durchaus zum Nachdenken anregen:

„Er ist jemand, der einem verzeihen kann, und wenn er einem verziehen hat, ist die Sache ein für alle Male aus der Welt. Da gibt es nur ganz wenige Leute, die so sind: die einem wirklich verzeihen und später nicht bei jeder Gelegenheit so hinterfotzige Andeutungen machen und einen spüren lassen, dass sie in Wahrheit doch noch tief gekränkt und maßlos verbittert sind.“
(Zitat; S. 59)
Doch ebenso laden Alex'ens Gedanken regelrecht zum schmunzeln ein ~ und zur grinsenden Zustimmung meinerseits:
„Und das, obwohl ich fast immer sexuelle Szenen im Kopf habe, wenn ich mit Frauen zu tun habe, an der Filmhochschule, an der Kasse im Supermarkt, in irgendwelchen Kneipen und auch überlal sonst. Wie eine Sucht ist das, und ich frage mich schon, ob ich mir deshalb Sorgen um mich machen sollte, aber dann sage ich mir, dass es ja allen Leuten so geht. Zumindest allen Männern. Über die Frauen weiß ich leider nicht so genau Bescheid, weil die ein wenig anders funktionieren, wenn man den ganzen Untersuchungen glauben will, die es im Internet und sonst überall zu lesen gibt. Irgendwie subtiler oder komplexer vielleicht, und das kommt mir auch logisch vor, weil die besseren Menschen sind sie ja auf jeden Fall.“
(Zitat, S. 55)

~ Wer an dieser Stelle mutmaßt, dass Buch wäre aus der Sicht eines absolut treudoofen-Naivlings geschrieben, der irrt. Alex macht sich zu so vielen Sachen Gedanken, dass ich ihn am liebsten einmal persönlich treffen würde. Irgendwie schwimmt dieser Charakter genau auf meiner Wellenlänge, was mir den Roman somit noch sympathischer macht.
Nicht minder hervorzuheben ist die eigene Logik des Erzählers. Im 4. Kapitel nimmt die etwas schräge Patrizia Alex mit, scheint sich gut mit ihm zu verstehen und will schlussendlich noch etwas mit ihm trinken gehen. Alex sagt zu, folgt aber seinem eigenen Instinkt und klettert schließlich durch das Toilettenfenster der Kneipe in die Freiheit:

„Zwar muss ich noch ein paar mal an Patrizia denken, wie sie in diesem trostlosen Cocaraccha allein vor ihrem Kirschsaft und meinem fast vollen Bier sitzt und es gar nicht wahrhaben will, was sie sich da für einen Menschen ins Auto geladen hat, aber besonders lange denke ich nicht an sie. Ein bißchen ist sie ja auch selbst daran schuld. Sie hätte mich ja einfach an der Ausfahrt rauslassen können, und das ganze wäre nie passiert.“
(Zitat; S. 86)
Alex selbst sieht sich als jemand, der immer das Gute in einer Sache sieht ~ doch im Laufe der Geschehnisse nebst der Beobachtung seiner Gedankengänge kommt der Leser schließlich zu einem etwas abweichenden Ergebnis.

Mir persönlich sagt das Buch durch die Bank mehr als zu; lange hatte ich nicht mehr so eine filigrane Freude an einem Roman, der zugleich ernsthaft, tiefsinnig und bösartig-schwarzhumorig bestückt, - um nicht zu sagen: ganz einfach ehrlich – ist.
Die gesamten 200 Seiten des Romans lesen sich flüssig; an keiner Stelle betrachtete ich das Geschriebene mit Unmut oder gar Enttäuschung. Lediglich das Ende erfolgt etwas arg abrupt, mit mehreren Fragezeichen versehen obendrein; doch ich schätze, anders hätte es auch gar nicht sein können. Da in „Paradiso“ keine wirkliche Geschichte erzählt wird, es keinen richtigen Anfang gibt, kann es auch kein richtiges Ende gibt. Vielmehr handelt es sich bei „Paradiso“ um einen Auszug, um eine Beobachtung einer Person über einen gewissen Zeitraum hinweg. Irgendwo ist das bei jedem Buch der Fall, klar, doch hier gibt es kein happy end und auch kein trauriges Ende, nichtmal IRGENDEIN Ende, eben weil es lediglich darum ging, dass Alex zum Flughafen gelangt ~ oder Johanna ganz einfach sitzen lässt, wie er es zwischendurch immer wieder einmal in Gedanken durchspielt.

Summa summarum
könnte ich noch x-Textstellen zitieren, die mir besonders inne gingen. Ob nun aufgrund des Gedankengutes oder der grenzdebil-faszinierenden Ausdrucksweise des Autoren, der mich oftmals dazu brachte, einige Absätze aufgrund der Genialität gleich mehrfach zu lesen.

Absolut abraten würde ich von der Versuchung, die Innenseite des Buchumschlages zu lesen ~ die ganze Geschichte wird hier einmal zusammengefasst und auf den Punkt gebracht, erklärt somit zwar auch den Buchtitel, nimmt aber gewissermaßen die ganze Spannung heraus. Ich persönlich lese solche Texte so gut wie nie und bin froh, diesen hier erst nach Beendigung der Lektüre buchstäblich wahrgenommen zu haben.
Von der Art und Weise her lässt sich „Paradiso“ mit „Ich, Oliver Tate“ vergleichen; doch auch wer jenes Werk nicht kennt und liebt der sollte ruhig mal einen tieferen Blick hinein werfen.
In beide Bücher.

Ergo des Ergos: „Paradiso“ wurde nicht nur in der „Neon“ hochgelobt, sondern bekommt von mir eine nicht minder dicke Empfehlung und einen festen Platz in meinem krachevollen Bücherregal; obendrein bin ich mir sicher, das ich jene Veröffentlichung über kurz oder lang mehrfach erneut lesen werde; schon allein wegen Zeilen wie den nachfolgenden:
„Dann kommt mir aber noch ein Gedanke in den Sinn. Er hört sich aufs Erste vielleicht etwas seltsam an, ich sage ihn aber trotzdem mal. Und zwar glaube ich, dass es für Jugendliche, für ihre Entwicklung und ihre Weltsicht und alles, besser ist, irgendwann einmal zu versuchen, eine Tankstelle in die Luft zu sprengen, als so ein frustrierter Konsolenspieler zu werden. Wirklich. Ich glaube, dass die ganzen Leute später nicht so vollkommen kaputt durch die Welt laufen würden, wenn sie so was mal ausprobiert hätten. Diese ganzen Spiele und auch die Fernsehformate, die in den vergangenen Jahren so erfolgreich waren, würden dann überhaupt nicht funktionieren, und die bereiten die Gesellschaft ja in aller Konsequenz auf den nächsten Krieg und die nächsten Konzentrationslager vor, so viel ist sicher.“
(Zitat, S. 137)
LilithIbi
Yopi Autor - LilithIbi
"Man braucht nicht glücklich zu sterben, wenn's soweit ist, aber man muss zufrieden sterben, denn man hat sein Leben von An-fang bis zum Ende gelebt, und Ka wird mit allem gedient." (Roland von Gilead)
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Gozo-Bernie
Gozo-Bernie, 14.08.2009

weiterer Gruss aus der Heimat von
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Kommentare über diesen Testbericht
Gozo-Bernie, 14.08.2009: weiterer Gruss aus der Heimat von
telestrada.it
Kleinnightwish, 14.08.2009: ganz viele liebe grüße von der angi
tina08, 11.08.2009: Viele Grüße .... Tina
morla, 11.08.2009: wünsche dir einen guten wochenstart lg. petra
Lale, 10.08.2009: Besten Gruß die Lale.
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