Daten zum Buch: zuerst erschienen bei Piper Nordiska, 2006 Verlag: Piper 2007 München Seitenzahl: 666 Serie Piper Bd.5049 Deutsch aus dem dänischen übersetzt von Ulrich Sonnenberg. ISBN-13: 9783492250498 ISBN-10: 3492250491
Der Autor "Christian Jungersen, 1962 in Kopenhagen geboren, studierte Rhetorik und arbeitete als Dozent an der Filmhochschule Kopenhagen. Er lebt als freier Schriftsteller in Dublin. Aufgewachsen in der dänischen Kleinstadt Humlebaek, arbeitete er nach einem Studium der Soziologie und Rhetorik als Dozent an der Filmhochschule Kopenhagen. 1999 erschien sein mit zahlreichen literarischen Preisen bedachter Debütroman. ‚Ausnahme', das derzeit in zahlreiche internationale Sprachen übersetzt wird, wurde mit dem Goldenen Lorbeer des dänischen Buchhandels ausgezeichnet. Der Übersetzer: Ulrich Sonnenberg, geboren 1955, arbeitete nach seiner Buchhändlerlehre mehrere Jahre in Kopenhagen und war bis Ende 2003 Verkaufsleiter der Verlage Suhrkamp und Insel in Frankfurt am Main. Seit Anfang 2004 lebt und arbeitet er als freier Übersetzer, Herausgeber und Publizist in Frankfurt am Main. " (Klappentext) noch Klappentext: "Das Böse steckt in uns allen und macht kaum jemals eine Ausnahme: Iben, Malene, Anne-Lise und Camilla arbeiten gemeinsam im Büro des dänischen Zentrums für Völkerrecht. Gegenseitig machen sie sich das Leben zur Hölle. Als eine von ihnen eine anonyme Todesdrohung erhält, gewinnt ihr Taktieren eine neue Qualität."
Von mir interpretierter Inhalt anne-lise, Bibliothekarin iben, Reporterin, Sachbearbeiterin malene, Reporterin, Sachbearbeiterin camilla, Sekretärin Paul (der Chef) - das sind die ProtagonistINNen. Abwechselnd werden ihre Gesichten aus ihrer Sicht erzählt. Paul tritt wenig in den Vordergrund, sein Büro hat eine Tür, die immer geschlossen ist.
Alle arbeiten im ‚Dänischen Zentrum für Information über Völkermord' (DZIV). Iben und Malene sind enge Freundinnen, sie erstellen die Berichte und Broschüren und bereiten die Tagungen vor, Anne-Lise ist die Bibliothekarin, Camilla ist die Sekretärin. Der Themenbereich an sich ist schon hochinteressant. Aber zunächst wird erzählt, wie Iben bei einem dienstlichen Auftrag in Kenia in die Hände von Entführern gerät. Mit ihrem Team erlebt sie Schlimmes, und sie geht als Heldin sozusagen hervor, weil durch ihr Verhalten allen anderen das Leben gerettet wird.
Das ist mit Unterbrechungen genau geschildert. Ihre Freundin und Kollegin Malene hat eine schwere Rheumaerkrankung, und sie benötigt oft die Hilfe ihrer Freundin bei einem Anfall, weil sie sich da kaum noch bewegen kann. Besonders, wenn der Freund von Malene auf Reisen ist.
Iben lebt alleine, ihr Leben spielt sich in ihrem Job und bei ihrer Freundin ab.
Anne-Lise kam zuletzt in das Team, und Malene und Iben haben sich irgendwie gegen sie verschanzt, und auch Camilla in ihre Gruppierung gezogen, sie schließen die Tür zur Bibliothek, grenzen Anne-Lise grundsätzlich von allem aus. Das nötige dienstliche besprechen sie nur mit ihr, aber denkbar knapp. Alle Kontakte, die normalerweise Anne-Lise als Bibliothekarin hätte, krallt sich Malene, so dass Anne-Lise zur Hilfskraft degradiert ist. Sie gibt bestimmte Begriffe aus den Büchern und Zeitschriften in den PC, wo sie sortiert werden und dazu dienen, dass später die Benutzer leichter Artikel über bestimmte Vorfälle in den Büchern und Veröffentlichen leicht zu finden sind. - Aber normal wäre es die Aufgabe Anne-Lises, Bestellung, oder Gespräch von Benutzern selbst zu führen, also die Kontakte zu vielen Leuten selbst zu haben. Anne-Lise ist also das Opfer.
Da ihre Probleme zunehmend auch ihr Privatleben belasten, hat sie einen befreundeten Therapeuten (Yngve) aufgesucht, und hier mal ein Auszug aus einem Gespräch mit ihm:
"……….ich nehme Mobbing bei meinen Patienten ebenso ernst wie Krebs oder eine Herzkrankheit. Und das muss ich tun." - Anne-Lise überlegt, ob Yngve - wenn er schwul ist - einen Freund hat. Er setzt seinen Monolog fort: "Die Leute bringen sich ganz real um. Und egal, wie sehr man vorbeugt und informiert, man muss der Tatsache in die Augen sehen, dass es ein Teil der menschlichen Natur ist."
was Yngve sagt, stimmt so gar nicht überein mit den Ansichten der Wissenschaftler, die im DZIV arbeiten. In den wissenschaftlichen Artikeln, die Anne-Lise gelesen hat, gehen die Genozidforscher davon aus, dass der Mord von gewöhnlichen Menschen an gewöhnlichen Menschen die Ausnahme von der Regel ist. Sie gehen davon aus, dass Zusammenarbeit und Freundlichkeit das eigentlich ‚Normale' im menschlichen Dasein sind. Kein Wissenschaftler schreibt über Mord als eine unumgängliche Konsequenz der ‚menschlichen Natur'. Aber Yngves Satz ‚Es ist die menschliche Natur' zieht sich durch die ganze, lange Konsultation. Anne-Lise und Henrik sitzen auf den harten Plastikbezügen der Stühle und hören ihn immer wieder wie ein dunkles naturwissenschaftliches Mantra:
"Wir essen, wir pflanzen uns fort, wir beschützen unsere Nächsten, wir stoßen die Andersartigen aus, und wir töten unsere Rivalen. Wir können versuchen, diese Natur mehr oder weniger effektiv zu bezähmen. Der Mensch unterscheidet sich dadurch vom Tier, ohne dass wir die Möglichkeit haben, uns durch Willenskraft über unsre Instinkte zu erheben. Keine andere Art als der Mensch wäre imstande, eine ganze Gesellschaft aufzubauen - wie den Vatikanstaat -, in der niemand Sex hat. Aber wenn einen Moment lang die Aufmerksamkeit nachlässt, knicken die meisten ein: Man ist untreu, man isst etwas Fettes oder nimmt einem Kollegen langsam das Leben. Das letztere ist allerdings derart tabuisiert, dass man es vorzugsweise im Zustand einer gewissen Geistesabwesenheit macht - denn man möchte selbst gar nicht wissen, was man tut. Damit musst du rechnen, Anne-Lise, das es deinen Kolleginnen genauso geht wie dir, wenn du abends hungrig vorm Fernseher sitzt, neben dir eine große Schale Chips, die du NICHT zu essen beschlossen hast. Du kannst an deinem Beschluss festhalten und wirst nicht zugreifen, solange du dich konzentrierst. Aber wenn der Film einen Augenblick so spannend ist, dass du dich selbst vergisst, streckst du deinen Arm nach der Schale aus, ohne dass du darüber nachdenkst. Und wenn der Film zu Ende ist, sind die Chips alle. Wahrscheinlich, ohne dass du so richtig gemerkt hat, wo sie geblieben sind. - So geht es deinen Kolleginnen mit dir. Vielleicht haben sie sich irgendwann mal entschlossen, freundlich zu dir zu sein, vielleicht aber auch nicht. In jedem Fall sehen sie dich als eine Rivalin, und manchmal, ohne dass sie es selbst merken. strecken sie ihre Arme aus. Und dann bekommst du einen Schlag. Das geht so automatisch, dass sie sich hinterher nur mit Mühe daran erinnern können, es getan zu haben."…………&helli p;
Da bekommt zunächst Iben eine E-Mail, wo sie bedroht wird, Absender ist nicht ausfindig zu machen, eine Erkennung des Kopfes wurde durch ein anonymisiertes PC-Programm verhindert. In panischer Angst rennt zu ihrer Freundin Malene. Aber die bekommt kurze Zeit später die gleiche E-Mail. - Beide wissen nicht von wem sie stammt. -Sie vermuten, dass ein Jugoslawe dahinter steckt, über den Malene und auch Iben mal negativ berichtet haben, er soll zum Völkermord in seiner Heimat beigetragen haben und lebt irgendwo unerkannt, agiert im Dunkeln. Das Schreiben über Täterprofile, deren Hintergründe usw. ist Teil der Arbeit des DZIV. Und das ist sehr interessant. In seinem Buch aus dem 1992 schreibt der amerikanische Professor Christopher Browning: "…..er beschreibt ein Bataillon von ungefähr 500 Reservepolizisten, die 1942 von Hamburg nach Polen versetzt wurden, um, wie sie glaubten, Wachdienst zu leisten. Das Bataillon bestand vor allem aus Nicht- Nazis im mittleren Alter, da alle jüngeren oder kriegstauglicheren Männer längst an die Front geschickt worden waren. Das Durchschnittsalter lag bei 39 Jahren. Das heißt, sie waren in einem Deutschland aufgewachsen, das noch nicht von den Nazis regiert wurde, und sie konnten ihre Ansichten und Haltungen noch vor der Machtergreifung entwickeln. Da die meisten aus der Hamburger Arbeiterklasse kamen, hatte ein großer Teil von ihnen wahrscheinlich kommunistisch oder sozialdemokratisch gewählt, als es noch möglich war. . . Mehrere Jahre nach Kriegsende wurden die Männer von der Staatsanwaltschaft in Hamburg gründlich verhört. Browning hat die alten und sehr ausführlichen Protokolle der Verhöre gefunden und systematisiert. Nach drei Wochen mit kleineren Auftragen in Polen wurden die 500 Männer an einem frühen Morgen zu dem Dorf Jozefow gefahren. Erst hier erfuhren sie, dass sie an diesem Tag die 1800 Juden des Ortes umbringen sollten. Ihr Major weinte, als er berichtete, was man in Berlin von ihm verlangt, und er betonte mehrfach, dass jeder zu anderen Aufgaben versetzt werden könne, wenn er den Major darum bat. Aber es waren von den 500 lediglich 10-13 Männer, die sich versetzen ließen."………… Es werden aber auch andere, alltäglich geschehene Ereignisse geschildert, wo Menschen einfach etwas Unfassbares, schreckliches, andere schädigendes tun. Sozialpsychologie ist das Hauptthema des Buchs. Nur seltsamerweise sind genau die Verhaltensweisen, die sie bei den Verbrechern der Völkermorde beschreiben, bei ihnen selbst zu finden!!! - Durch das Mobbing an Anne-Lise treiben sie diese fast in den Wahnsinn; das wohl wissend. Iben schreibt große Artikel, die sich damit befassen, es sind die wichtigsten auch zu lesen, immer im Wechsel zu dem Geschehen, was im Büro vor sicht geht, und werden dadurch um so makaberer. Mit Camillas Geschichte kommt ein Jugoslawe ins Spiel, dessen Geliebte sie mal war, und dem sie regelrecht hörig war. Und dieser gehörte zu einer Gruppierung dieses Jugoslawen, den Malene und Iben als Mailversender in Verdacht haben. Als aber eines Tages auch Camilla eine E-Mail erhält, die ähnlichen Text aufweist, und die auch nicht zurückzuverfolgen ist, gibt es einen Zusammenhang. Zunächst noch für den Leser im Dunkel. - Camilla hat ja niemals davon ihren Kolleginnen Iben und Malene erzählt. Von ihr ist lediglich bekannt, dass sie den Witwer ihrer Freundin geheiratet hatte, und mit den zwei Kindern eine bürgerliche Familie hat. Später ist dann aber zu erfahren, dass sie von dem Jugoslawen immer mal wieder angerufen wird, und wie in Trance trifft sie sich mit ihm in Hotels. Anne-Lise ist verheiratet, hat zwei Kinder. Durch das Mobbing gerät ihr ganzes Leben total durcheinander. Ein großer Teil des Buchs nimmt die Darstellung und Erklärung von Völkermorden ein. Dass es z.b. 30 Millionen Tote bei Kriegen gab, aber 60 Millionen Tote durch Völkermorde. Völkermord ist, wenn Machthaber, mit der Benennung ‚ethnische Säuberung' Menschen ermorden lassen, einkerkern lassen, im günstigsten Fall irgendwo neu ansiedeln will. Und Ergebnis ist dann bei den Berichten von Iben, dass grundsätzlich alle aus Egoismus handeln. - Und noch was wichtiges: dass ca. 20-30 % der Leute, die Befehle ausführen sollen, diese nicht nur ausführen, sondern auch noch selbst neue Gräuel und Folter erfinden. Dass auch ca. 10-30 % sich weigern, aber auch, dass ca. 30-40 % der Menschen den Befehlen gehorchen. Das alles ist in diesen ganzen Kapiteln sozialpsychologisch erklärt, untersucht und dokumentiert, oft mit Quellenangaben. Als dann auch noch ein Mord geschieht, und sich die Konstellation der vier Frauen im DZIV verschiebt, wird es sehr spannend und turbulent. Die Zusammenhänge, wer hinter allem steckt, wer die E-Mails verschickt hat, alles spitzt sich gegen Ende des Buchs unwahrscheinlich zu. Mehr zum Inhalt hier nicht von mir.
Meine abschließende Meinung Das ganze Buch las sich sehr, sehr spannend, sehr informativer Inhalt, verbunden mit dieser Situation dieser vier Frauen, die sich gegenseitig bis zum Unerträglichen mobben. Diese ganzen, kleinen und spitzen Geschehnisse in diesem Büro, wo zuerst die einen die eine mobben, dann zwei gegen zwei mobben, dann wieder umgekehrt. Der Schluss allerdings kommt doch ein wenig unglaubwürdig bei mir an; aber ich bin da großzügig, und schreibe es dem Stil des Autors zu, bzw. seiner vermutlich primären Absicht, ein spannendes Buch zu schreiben. Insgesamt ein sehr interessant gestaltetes Werk, die ganzen Zusammenhänge, die Lebensläufe und Agitationen der vier Frauen, verbunden mit der Arbeit im DZIV und daneben dann auch noch Probleme, die der Chef hat, weil die Zusammenlegung einiger Abteilungen droht. Aus ganz normalen Büroalltagen entwickelt sich ein Drama, ein Mobbing, das durch die ganzen anderen Begleitumstände eskaliert. Die Erfindung des Autors eines DZIV, (Dänischen Zentrum für Information über Völkermord) um einen realen Hintergrund zu schaffen ist gewagt, die Aussagen auch, es ist ja alles fiktiv. Was in diesem Zusammenhang stört ist die sprachliche Ausdrucksweise. Ist sie einmal wie eine Reportage geschrieben, dann wieder in der Vergangenheit, wirkt es leider etwas unbeholfen. Und mich hat nicht sehr gestört, dass fiktives mit realem gemischt war; leider häufig schwer zu erkennen. Ich denke der Autor hat das alleine der Dramaturgie zuliebe so gestaltet. Insgesamt, wenn ich die überwiegenden Vorteile dieses Buchs den paar negativen gegenüberstelle, kommt ein dickes Plus heraus. Und von mir eine heiße Empfehlung für Leser, die Spannung, Mord und Totschlag, Krimis, Thriller mögen.
--------------------------------------------- mehr von mir in meiner Homepage: http://giselasletterbox.rosslauer.de/ -- -------------------------------------------
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