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| Letzte Aktualisierung am: |
23.02.2010, von DerAtlas |
| Produktbewertung: |
2
2 |
| Empfehlung: | nein |
| Pro: | Wichtiges Thema. |
| Kontra: | Erzählstil. |
"Es war die Lerche, die Heroldin des Morgens, nicht die Nachtigall." (William Shakespeare: Romeo und Juliette, siebende Scene, übers. v. C. M. Wieland, Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/)
--------- EINLEITUNG ---------
Ich habe bereits hier zwei Romane, die den Holocaust am armenischen Volk im Jahre 1915 behandeln, vorgestellt: "Die vierzig Tage des Musa Dagh" von Franz Werfel und "Das Märchen vom letzten Gedanken" von Edgar Hilsenrath (Links siehe in meinem Profil). Während Werfel durch seine historische Tiefe und Charakterisierung beeindrucken konnte und Hilsenrath durch seine ausgefeilte Sprache und derben Zynismus, vermag Antonia Arslan mit ihrem Roman nichts von alledem. Es ist eine Enttäuschung auf allen Ebenen.
--------- DIE AUTORIN --------- Antonia Arslan (geboren 1938) ist Italienierin armenischer Abstammung. Ihr Nachname ist die durch ihren Vater abgekürzte Form des armenischen Namens Arslanian, um die armenische Volkszugehörigkeit zu kaschieren. Sie ist Professorin für moderne und zeitgenössische italienische Literatur an der Universität von Padua. Bei der Übersetzung von Gedichten des armenischen Nationalpoeten Daniel Varujan (ebenfalls im Zuge des Holocausts ermordet) entdeckte sie ihre armenischen Wurzeln wieder und beschloss ein Werk über den Genozid zu schreiben.
--------- DAS BUCH ---------
Der Roman erschien 2004 im italienischen Original als "La masseria delle allodole". Im selben Jahr wurde in Deutschland die Übersetzung von Maja Pflug veröffentlicht. Im Jahr 2007 wurde der Stoff von Paolo und Vittorio Taviani verfilmt, unter anderem mit Moritz Bleibtreu. Der Film wurde zwar auf der Berlinale gezeigt, hatte ansonsten aber in Deutschland kein Glück. Erzählt wird aus der Sicht eines allwissenden, die Zeitebenen überspringenden auktorialen Erzählers. Das Buch hat in der Taschenbuchausgabe 288 Seiten und ist in einen Prolog, zwei Teile (einen für Onkel Sempad, den anderen für Shushanig, Anmerkungen und Danksagung gegliedert. Es ist im Goldmann-Verlag erschienen.
--------- DIE HANDLUNG --------- Die Handlung ist nicht so einfach zu beschreiben. Es geht im Groben um die Familie Arslanian, also um die Geschichte der Familie der Autorin. Die Familie befindet sich teilweise in Italien, aber eben auch im Osmanischen Reich. Es wird die Zeit vor den Massakern beschrieben, der Beginn der Massaker und anschließend die Flucht der Überlebenden und nach Aleppo. Die einzelnen Figuren und Schicksalsschläge möchte ich hier gar nicht vorstellen. Für die Kritik ist dies nicht notwendig. Wer sich für die Geschichte interesssiert, sollte das Buch schon selbst lesen.
--------- DER STIL ---------
Meine größte Kritik an dem Buch bezieht sich auf den Stil des Buches. Es war mir natürlich klar, dass es sich um sogenannte "Frauenliteratur" handelt (ich bestreite ja, dass es so etwas im Kern gibt), dennoch hat es mich interessiert, wie dieses Thema in dem Buch dargestellt wird. Schon nach den ersten Seiten hat sich Enttäuschung eingestellt. Arslan schreibt äußerst unkonzentriert. Den Spannungsbogen kann sie nicht halten. Sie wechselt unmotiviert und undeutlich zwischen Ländern und Erzählsträngen, teilweise mitten im Absatz. Die Anzahl der Namen ist verwirrend, denn die Figuren selbst werden - vor allem die kleineren - nur oberflächlich porträtiert. Immerhin ist ein Stammbaum vorangestellt, so dass man sich einigermaßen in den Familienverhältnissen zurechtfindet. Die Sprache - ob der Übersetzung oder dem Original geschuldet, kann ich mangels Kenntnis des italienischen Originals nicht beurteilen - ist klischeehaft (z. B.: "Deshalb verläuft alles nach Plan, reibungslos, ohne wirklichen Aufruhr seitens dieses fügsamen, törichten Volkes.", S. 142). Es ist das krasse Gegenteil davon, was man von einer Professorin erwarten würde. Statt verkopfter, von komplizierten Satzkonstruktionen strotzender Fülle prallt der Roman mit Kitsch. Die Sprache wirkt teilweise auch recht unbeholfen, dies ist unabweisbar auch der Übersetzerin anzukreiden ("Ein Geschöpf der Diaspora, hatte sie keine Muttersprache mehr.", S. 10).
Unangenehm fällt auch das recht schlichte Denken der Autorin auf. Natürlich gab es auch im tiefsten Holocaust Menschen "auf der anderen Seite", die nicht mitgemacht haben. Aber das erinnert eher an eine Entschuldigung als an eine Anklage. Und da die Anklage noch zu keinem "Prozess" geführt hat, muss sie auch weiterhin erhoben werden. Immerhin stellt die Autorin die Mitverantwortung Deutschlands heraus, aber auch hier recht einfältig ("Die deutschen Verbündeten haben bis zum entscheidenden Moment Stillschweigen empfohlen, Ordnung, Organisation.", S. 101). Die Massaker selbst werden recht verklemmt und in nicht angemessenem Ton geschildert ("Nachdem man Krikor ausgezogen hat, werden ihm mit großem Vergnügen [...].", S. 127). Dabei hat doch Hilsenrath gezeigt, dass man Brisantes zupackend, samthandschuhfrei erzählen kann, ohne den Respekt vermissen zu lassen.
--------- FAZIT UND VERGLEICH ---------
Dieser Roman kommt stilistisch und inhaltlich weder an den Roman von Werfel noch an den von Hilsenrath heran. Es empfiehlt sich höchstens für jemanden, dem Werfel zu ausführlich, Hilsenrath zu anspruchsvoll ist. Eine literarische Offenbarung darf man jedoch nicht erwarten. Die zwei Sterne gibt es lediglich für das Thema. Dieses ist zu wichtig, um allein den Mangel an literarischer Qualität herauszustellen.
Übrigens hat sich mir der Titel nicht erschlossen. Es kommt zwar ein Haus der Lerchen, das von Sempad vor, ist aber nicht von zentraler Bedeutung für die Handlung und wird auch erzählerisch nicht "ausgeschlachtet". Diesbezüglich hätte man sehr viel poetischer werden können. Also auch hier eine Enttäuschung.
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