Testbericht über Wolfram von Eschenbach: Parzival (Auswahl)
Parzival für Gestresste
Letzte Aktualisierung am:
03.12.2009, von g0ldfish
Produktbewertung:
Empfehlung:
nein
Pro:
- evtl. hilfreich für Annäherung an das Original oder zur Vorbereitung auf ein Bühnenstück
- mit abstrichen: der Preis
Kontra:
- meiner Meinung nach misslungener Kompromiss:
- weder knappe Inhaltsangabe, noch ausreichende Textbezüge
- Aussparung der Gawein-Handlung
- zu knappe Metatexte
- Handlung kann nicht wirklich 'empfunden' werden
Im Jahr 2001 erschien Wolfram von Eschenbachs 'Parzival' im Reclam Verlag in Form eines Taschenbuches, in dem eine Auswahl bzw. eine Fokussierung auf die Parzival-Handlung gelegt wurde. Doch warum erschien es notwendig zu sein, die Handlung zu reduzieren? Warum wird nur ein Handlungsstrang eines Buches publiziert?
Der Aufbau des Buches
Auf 72 Seiten wird der Parzival in Auszügen wiedergegeben, indem Textauszüge mit zusammenfassenden Inhaltsangaben kombiniert werden, hauptsächlich um ein grobes Gesamtbild der Handlung zu entwerfen. Der Fokus wurde dabei meiner Meinung nach auf das dritte Buch, Parzivals Ausfahrt, und das neunte Buch, Zusammentreffen mit Parzivals Onkel Trevrizent, gelegt.
Über die gesamte Gawein-Handlung erfährt der Leser so gut wie nichts. In einem Satz wird die Handlung des siebten und achten Buches zusammengefasst und die Bücher zehn bis vierzehn mit vier Sätzen ‘abgespeist‘.
Ein Schema über die familiären Beziehungen des Geschlechts der Gralskönige und ein Nachwort von Walther Hofstätter sind metatextuelle Bezüge im Anhang, der fünf Seiten umfasst.
Der Inhalt des Buches
Auch ich werde den Parzival nicht in aller Ausführlichkeit wiedergeben, geschweige denn alle interpretatorischen Bezüge der wahrlich ausufernden Rezeptionsgeschichte aufzeigen, doch der Kern der Geschichte ist relativ simpel.
Parzival, von seiner Mutter Herzeloyde fern des Hofes erzogen, entdeckt während seiner Entwicklung hin zum Gralsritter seine königlichen Wurzeln und überwindet das Ideal des Artusritters. Interessant sind dabei die Stadien, die er dabei durchlaufen muss:
1) unerfahrener ‘Narr im Rittersgewand‘
2) vollwertiger Artusritter der Tafelrunde
3) Fall aus der Gesellschaft der Artusritter
4) ‘Heilung‘
5) Berufung zum Gralskönig
Wolfram betont also – im krassen Gegensatz zu Verfassern anderer höfischen Epen – die Instanz des Grals- und nicht des Artusritters. Da der ‘Parzival‘ das Ende der Epoche des höfischen Romans einläutet, kann deshalb ein inhaltlicher Paradigmenwechsel vermutet werden, hin zu einem stärker religiös-mythischen aufgeladenen als einem rein christlichen und vor allem ritterlich-tugendhaften Weltbild.
Der Preis
Die Ausgabe kostete im Jahr 2001 4DM bzw. 2,10€, wodurch der heutige Preis von 3,80€ schon etwas verwundert, doch natürlich immer noch sehr human ist.
Das Fazit
Wer sich schnell einen groben Überblick über die Parzival-Handlung verschaffen möchte, der sollte mit diesem Taschenbuch eigentlich ganz gut bedient sein. Doch meiner Meinung nach kann der Kompromiss, eine komplexe Handlung mit Textauszügen und komprimierten Inhaltsangaben bei gleichzeitiger Aussparung eines anderen Handlungsstranges wiedergeben zu wollen, nicht gelingen.
Wer einen Überblick haben möchte, sieht entsprechende Inhaltsangeben ein, die das Geschehen auf wenigen Seiten zusammenfassen; wer sich dem Text nähern will, schaut in das Original - und wer möchte schon nur eine ‘halbe‘ Handlung lesen?
Sicherlich ist dieses Buch eine übersichtliche Verkürzung der umfassenden Parzival-Handlung, aber weder eine bündige Handlungsübersicht, noch ein tiefes Textverständnis lässt sich dadurch gewinnen. So vergebe ich zum ersten Mal nur drei Sterne, denn meiner Meinung nach ist es für einen kurzen Überblick hilfreicher, kurze Zusammenfassungen zu lesen, und das komplexe Original, wenn man sich wirklich aus Wolframs ‘Parzival‘ einlassen möchte.
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