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| Letzte Aktualisierung am: |
22.02.2010, von DerAtlas |
| Produktbewertung: |
5
5 |
| Empfehlung: | ja |
| Pro: | Erzählstil. Geschichte. Thema. |
| Kontra: | Ich sehe keine. |
Die wenigsten kennen wahrscheinlich den Namen Tschingis Aitmatow, dabei hat er mit "Dschamilja" laut des französischen Schriftstellers Louis Aragon "die schönste Liebesgeschichte der Welt" geschrieben. Doch hier soll es nicht um die schöne Kirgisin gehen, sondern um eine andere Erzählung des kirgisischen Nationaldichters.
/// Der Autor
Tschingis Aitmatow kam 1928 in Kirgisien auf die Welt. Nach einer landwirtschaftlichen Ausbildung und Arbeit in der Kolchose (staatliche Agrarbetriebe), studierte er in Moskau Literatur und arbeitete als Redakteur für eine kirgisische Literaturzeitschrift und die "Nowyj Mir" (sowjetische Literaturzeitschrift). Er übersetzte ebenfalls kirgisische Literatur ins Russische. Er schrieb vor allem Erzählungen, aber auch Romane, ein Drama und Essayistisches. Während der Perestroika unter Michail Gorbatschow setzte er sich für Demokratie und Rechtsstaat ein. Er starb 2008 an einer Lungenentzündung in Nürnberg. Seine Werke schrieb er vorrangig auf Russisch.
/// Die Erzählung
"Aug in Auge" (der russische Originaltitel bedeutet eigentlich übersetzt "Von Angesicht zu Angesicht") erschien 1958. Im Jahr 1989 erweiterte Aitmatow dann nochmals den Text (dazu später mehr) und die Übersetzung dieser Fassung (angefertigt von Hartmut Herboth) erschien 1989 im Züricher Unionsverlag.
Die Handlung berührt ein äußerst wichtiges und kontroverses Thema: Wie verhält man sich im Krieg? Dient man dem Staat oder desertiert man? Damit verbunden ist die Frage, ob man sich von anderen aushalten lassen darf, wenn man selbst in der Lage wäre, für sich zu sorgen.
Aber alles der Reihe nach: Ismail lebt mit seiner Frau Sejde, Kind und Mutter in einem kirgisischen Dorf. Als das Deutsche Reich die Sowjetunion im Jahr 1941 angreift ("Unternehmen Barbarossa"), werden auch die kirgisischen wehrtauglichen Männer und Jungen eingezogen, darunter Ismail. Seine Frau bleibt mit Säugling und der immer schwächer werdenden Schwiegermutter zurück. Die Zeiten werden immer ärger, der Hunger immer größer, der Tod rück immer näher. Da kehrt plötzlich Ismail zurück. Er ist desertiert, Seijde soll ihn versteckt halten. Heilfroh, dass ihr Mann gesund zu ihr heimgekehrt ist, versucht sie alles, um ihn durchzufüttern und unentdeckt zu lassen. Doch mit der Zeit und mit wachsender Ungehaltenheit seitens Ismails verstärken sich bei Sejde die Zweifel, ob denn das alles rechtens ist. Doch sie hat einen Plan: Ein Bruder von ihr lebt unweit in den Bergen, wo er und andere Kirgisen unabhängig vom sowjetischen Staat leben (dies ist jener erst 1989 zugefügter Teil, da Aitmatow hier Missstände in der Sowjetunion und ein Leben jenseits des Staates beschreibt). Als Ismail aber eine für Seijde unverzeihliche Tat begeht, trifft die gebeutelte Frau eine harte Entscheidung.
/// Die philosophische Frage
Aitmatow hat in diesem Werk eine wichtige Frage aufgegriffen. Was ist solidarisch und wie weit darf bzw. muss Solidarität gehen? Sind Deserteure Vaterlandsverräter oder Helden? Gleich vorweg - Aitmatow war ein hochgescheiter Mann: Er beantwortet die Frage nicht. Aitmatow schildert beide Seiten. Er beschreibt die ungeheure Freude Sejdes angesichts des unversehrt geflohenen geliebten Ehegatten. Er beschreibt aber auch die Ungerechtigkeit, die entsteht, wenn Unsolidarität von Solidarität lebt (der sogenannte "Trittbrettfahrereffekt"). Er beschreibt, wie Frauen, deren Männer an der Front kämpfen und sterben, in der Heimat darben, der Deserteur Ismail dagegen immer wohlgenährter wird. Er stellt auch auf der anderen Seite die Frage nach der Solidarität zwischen Mann und Frau. Wie weit darf die Gattenliebe gehen? Für Seijde wird die Frage beantwortet, aber keinesfalls auch für alle anderen Frauen oder Männer. Aitmatow stellt die richtigen Fragen. Er erstellt die richtigen Analysen. Er zeigt auch mögliche Reaktionen darauf. Aber nie erhebt er den Finger. Die moralische Bewertung - und das macht einen großen Autor aus - überlässt er dem Leser.
/// Die Sprache
Aitmatow hat einen ganz eigenen Schreibstil, der sich aus der kirgisischen Kultur und Erzählwelt speist und den der Übersetzer Hartmut Herboth sehr gekonnt ins Deutsche überträgt. Ein Auszug zur Leseprobe:
"Wie teuer einem ein Mensch ist, fühlt man in ganzer Schärfe erst bei der Trennung. All diese jungen Burschen, die jetzt lärmten, sich Scherzworte zuriefen und Lieder sangen, würden morgen dem Tod ins Auge schauen. Vielleicht waren sie einem gerade deshalb so lieb wie noch nie. Sie dachten in diesen Minuten weniger an sich, an ihr eigenes Schicksal, als an die Menschen, die im Ail [Dorf, Anm. DerAtlas] zurückblieben. Sie wünschten ihnen zum Abschied Gesundheit und Glück, und sie wollten für sie etwas Großes, Schönes vollbringen, ja sogar ihr Leben hingeben." (Seite 21)
Erzählt wird aus der allwissenden auktorialen Perspektive, aber mit einer besonderen Nähe zu Seijde. Sehr oft werdne ihre Gedanken geschildert. Die Sprache ist ungekünstelt, volksnah. Das machte ja gerade die Beliebheit Aitmatows aus ("Dschmilja" war z. B. in der DDR Pflichtlektüre in den Schulen). Er beschreibt keine utopische oder dystopische Welt, sondern den Alltag der Menschen seines, des kirgisischen Volkes. Und gerade das ist bekanntlich am spannendsten.
/// Das Fazit
Wenn "Dschamilja" für Aragon die schönste Liebesgeschichte der Welt ist, dann ist "Aug in Auge" für mich die bewegendste Geschichte, die das Gewissen des Menschen zum Thema hat. Aitmatow behauptet sich als hervorragender Erzähler und kluger Charakterzeichner. Er vermeidet Stereotype, Oberflächlichkeiten wie Urteile über das Verhalten von Menschen. Da die Erzählung nur 108 Seiten (inklusive Vorwort von Aitmatow) hat, ist dies nicht nur eine höchst lehrreiche, zum Nachdenken anregende, kurzweilige, sondern auch eine schnelle Lektüre.
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