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| erstellt am: |
18.01.2010, von LilithIbi |
| Produktbewertung: |
5
5 |
| Empfehlung: | ja |
„Dieser Mann hatte sich selbst längst aufgegeben. Er wusste schon lange nicht mehr, wonach er eigentlich suchte. Er war nur eine weitere verlorene Seele, die in der Weite dort draußen umherirrte. Ich war die Menschen so leid. Das ganze Elend der Welt, dieser Dreck, dieser Schmerz und all die Einsamkeit erfüllten mich mit einer ungeheuren Müdigkeit.“ _(Zitat, S. 20)
Zeilen wie jene sind es, dich mich an Büchern wie
==Atmen==
so derartig in ihren Bann ziehen, dass ich alles andere drumherum vergesse. Viel zu sehr kann ich mich in den einzelnen Satzfragmenten, Beschreibungen wie auch überrumpelnden Wendungen innerhalb des Romans wiederfinden.
Stefan Kalbers veröffentlichte sein 135 Seiten starkes Werk in der ersten Auflage im September 2008: nur zu selten findet man diese Art Bücher in den „normalen“ Buchhandlungen, wird meist erst im „Werbe“-Anhang anderer Exemplare aus dem U-Books-Verlag auf eben diese aufmerksam.
Mir persönlich lag jene Veröffentlichung schon recht lange am Herzen; da ich jedoch inzwischen das meiste über „tauschticket“ erstehe, dauerte es eine geraume Weile, bis sich jemand fand, der mir dieses Büchlein übereignen konnte.
Kaufbar ist das Taschenbuch für 9,95 EUR in allen allzu gängigen Internetversandhandlungen; wer sich über das gesamte Angebot des Verlages schlau machen will, riskiert am besten einen Blick auf deren Homepage.
==Die Story==
umfasst im Grunde lediglich 3 Tage des namenlosen Hauptprotagonisten; der sich, wie es oft in U-Books-Veröffentlichungen der Fall ist, mit kleinen Kriminaltaten über Wasser hält und sonst nichts besseres mit sich anzufangen weiß, als sich zuzudrogen, um der Kälte der Welt zu entgehen. Das ich persönlich von solchen „Ideen“ absolut nichts halte, brauche ich vermutlich nichtmal zu äußern; und doch muss ich gestehen, dass es mir eine gewisse, wenngleich absolut bösartige innere Befriedigung verschafft, dass ich bzgl. der Story-Entwicklung ein „tja, das kommt davon“ in meinem Kopf vernahm.
So oft ich dem Ich-Erzähler auch zustimmen mag, was die seinigen Gedankengüter, Schlussfolgerungen wie auch Sehnsüchte angeht; so finde ich es fast noch schlimmer, dass er fast sein ganzes Leben zugedröhnt verbringt. Es ist meiner Ansicht nach schlimm, gar nicht erst zu bemerken, was in der Welt so alles schief läuft; und doch ist es noch schlimmer, die Augen bewusst davor zu verschließen.
Tempo gewinnt die Erzählung zweifelsohne dadurch, dass der Hauptprotagonist wie auch der Leser überraschend feststellen muss, dass dessen Kumpel erstochen in der Badewanne liegt ~ was in etwa in der Nacht zuvor geschehen ist, erfährt man erst nach und nach....
==Die Umsetzung==
ist, wortwörtlich betrachtet, recht sprunghaft. Das Buch beginnt im „Hier und jetzt“, fährt fort mit den darauffolgenden Tagen, springt jedoch hier und dort zurück zu den vorangegangeen Geschehnissen. Entgegen des damit oftmals verbundenen typischen Umstands, dass der Leser hiervon genervt sein könnte bzw. gar den Überblick verliert, ist „Atmen“ weit entfernt. Dank der jeweiligen (datierten) Überschriften fällt es nicht schwer, sich zurechtzufinden; darüber hinaus schafft der Autor es, die Spannung mehr und mehr aufzubauen, selbst wenn manche Schilderungen sich rückwirkend als „Trip“ entpuppen und mich persönlich erstmal stutzig werden ließen. Es lohnt hier nicht nur, sondern ist darüber hinaus fast schon absolut erforderlich, hier und dort ein wenig zurückzublättern und sich zu vergewissern, dass der Protagonist immer noch am Boden liegt.
Aber das tut er ja in vielerlei Hinsichten.
Das Misstrauen, von dem der Ich-Erzähler geprägt ist, scheint an vielen Textpassagen angebracht, charakterisiert sich jedoch vor allem anhand der nachfolgenden Zeilen:
„Yvonne schien sich zu freuen, was mich zugleich irritierte und rührte. Ich war menschliche Nähe nicht mehr gewohnt. Ich hatte zu viel Distanz zwischen den Menschen und mich gelegt, als das ich diese Situation als eine Selbstverständlichkeit betrachten konnte. Ich war vielmehr darauf trainiert, immer auf der Lauer zu liegen, mein Gegenüber kritisch im Auge zu behalten. Im Grunde hatte ich mich selbst zum totalen Misstrauen erzogen. Yvonne erinnerte mich an Eigenschaften, dich ich schon so lange beerdigt hatte.“ _(Zitat; S. 41)
~ „Atmen“ ist kein gewöhnliches Buch, weist keine typische „huppala hier liegt ne Leiche was mach ich nun was hab ich gemacht?“ Handlung auf; vielmehr bietet Stefan Kalbers genau das dar, was die meisten der „U-books“ so besonders macht: eine irgendwie total abstrus-grotesk-skurille Schilderung eine Story, die man an für sich nur schwer beschreiben kann. Vielmehr lohnt es sich, ganz einfach mal hineinzusehen und für sich festzustellen, ob es einen in den Bann ziehen kann oder eher nicht ~ wobei ich zu behaupten wage, dass man entweder direkt versucht ist, den Roman gar nicht mehr aus der Hand zu legen oder aber ihn vom ersten Moment an unsympathisch findet.
==Summa summarum==
halte ich persönlich den Titel „Atmen – Jemand muss atmen“ für irgendwie nicht sonderlich gelungen; auch wenn ich mal wieder keinen besseren Vorschlag zur Hand hätte. Mir selbst offenbart sich in dieser Lektüre, ganz im Gegenzug zu dem Auftauchen des selben Satzes in dem Werk „Ein wenig sterben“, nicht wirklich, was in diesem Zusammenhang genau dahinter steckt; welche Botschaft in diesen Zeilen, die im Buch selbst sinniger hätten platziert werden können, verborgen liegt.
Wie es der Zufall so will gibt es in meinem Wohnort eine Mauer, auf die jemand vor Jahren „Atme!“ gesprayt hatte ~ und irgendwo wusste ich dortig direkt etwas mit diesem einzelnen Wort anfzufangen.
Kalbers hingegen macht mit dem Zusatz „Jemand muss atmen“ die eigentliche Wirkung des Satzes ein wenig kaputt; doch wer weiß schon, was andere Leser hinter diesen Zeilen sehen werden.
Insgesamt betrachtet war, ist und bleibt mir klar, dass ich das Buch nicht mehr hergeben, sondern vielmehr wieder und wieder lesen wollen werde. Aufgrund der manigfaltigen Passagen, die man am liebsten auswendig lernen würde sowie den dortig geschilderten Geschehnisse, die so frugal klingen, dass sie einfach nur wahr sein könnten, fühlt man sich den einzelnen Charakteren unsagbar nahe, selbst wenn man sie nichtmal sonderlich sympathisch findet.
Und wenn das nicht für eine Lektüre sprechen kann... was dann?
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