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| erstellt am: |
30.01.2010, von nebelkraehe |
| Produktbewertung: |
5
5 |
| Empfehlung: | ja |
| Pro: | authentisch Sprache |
Obwohl ich im Allgemeinen sehr gerne lese, quäle ich mich meistens nur durch die Schullektüren, die die Lehrer meinen uns aufdrücken zu müssen. In 2 Wochen soll das 300 Seiten starke Buch aus dem vorvorletzten Jahrhundert gelesen sein, parallel sei bitte noch eine Leseübersicht mit allen relevanten Aspekten anzufertigen. Das Internet wird nach Zusammenfassungen, Interpretationen und Charakterisierungen durchforstet um in der Klausur das Buch auch bis auf Detail analysieren zu können. Jeder Schüler kennt solche Situationen, und die meisten werden sie wohl hassen.
Bei „The Buddha Of Suburbia“ war das Ganze zum Glück ein wenig anders. Der Kurs durfte sich das Buch selber aussuchen, die Zeitplanung war sehr offen, und die Buchbesprechung geschah nicht in Hinblick auf eine Klausur. Wir sollten einfach lesen, ohne Leistungsdruck.
„My name ist Karim Amir, and I am an Englishman born and bred, almost.“
Hanif Kureishis Protagonist Karim Amir steht vor einem Wendepunkt. Seine ganze Jugend verbringt er in einem langweiligen Vorort zusammen mit seinem indischen Vater Haroon, seiner britischen Mutter Magrete und seinem Bruder Allie. Er möchte aus dieser Welt ausbrechen, träumt vom wilden Leben im Zentrum der Großstadt.
Als Karims Vater sich zum „Guru“ ernennt und seine Aufgabe darin sieht, seine spirituellen Weisheiten zu verbreiten, wird alles anders. Karim muss ansehen, wie die Ehe seiner Eltern zerbricht und zieht im Laufe der Handlung mit seinem Vater und seiner neuen Freundin Eva nach London um. Karim bricht die Schule ab, hilft zunächst seiner neuen Stiefmutter bei Renovierungsarbeiten und wendet sich dann relativ erfolgreich der Schauspielerei zu.
Dabei macht er seine sexuellen Erfahrungen, taucht in das Londoner Nachtleben ein, nimmt Drogen, findet neue Freunde und verliert sie wieder...
Der teilweise autobiographische Roman „The Buddha Of Suburbia“ handelt um einen Heranwachsenden auf der Suche nach seiner Identität. Kein Kind mehr, aber auch nicht erwachsen. Karim war noch nie in Indien, lebt seit seiner Geburt in England – und wird doch weder als Inder noch als Engländer voll akzeptiert. Er wird mir Rassismus und Vorurteilen konfrontiert und muss sich immer wieder als eine individuelle Persönlichkeit behaupten. Er ist ein Junge auf der Suche nach einer beruflichen Perspektive, auf der Suche nach seiner sexuellen Ausrichtung, auf der Suche nach seinem Platz im Leben. Er pendelt zwischen verschiedenen Szenen, Schichten, Milieus, zwischen verschiedenen Welten. Er treibt durch sein Leben voller Sex, Drugs und Rock ‚n’ Roll, findet Liebe und Zuneigung und verliert sie wieder, sucht nach einem Pfeiler, einer Säule, in seinem Leben, an der er sich festhalten kann. Am Ende scheint Karim schließlich die Spielregeln der Gesellschaft, der Erwachsenen, akzeptiert zu haben und hinterlässt den Leser mit dem Gefühl, dass zwar alles irgendwie chaotisch ist, aber es nicht so bleiben muss – und dass man trotzdem seinen Platz finden kann, wenn auch oft nur über zahlreiche Umwege.
Dementsprechend würde ich das Buch in erster Linie als Jugendroman bezeichnen, da viele Jugendliche sich in einer ähnlichen Situation befinden. Sie suchen ihre Identität, ihren Platz in der Gesellschaft – genauso wie Karim.
Die Charaktere, die im Laufe der Handlung auftauchen, sind allesamt dynamisch, interessant, einzigartig und exzentrisch, sie polarisieren. Es werden oft überspitzte Stereotypen dargestellt, dennoch gelingt Hanif Kureishi die Gradwanderung zwischen Vorurteil und Realität. Es wird ein Einblick in verschiedene Kulturen gewährt, und auch wenn an einigen Stellen Klischees bedient werden, hat man als Leser nicht den Gefühl, dass das Buch einseitig berichtet, sondern eher provozieren möchte, Verständnisprobleme zwischen den Kulturen darstellen möchte.
Das Buch ist überraschend offen und freizügig. Bei den Beschreibungen von Karims ausschweifenden Sexerfahrungen – ob im Bett, auf dem Boden, auf der Toilette, mit Mädchen, Jungen oder Hunden, zu Zweit, als Orgie oder nur als Zuschauer – wird kein Blatt vor dem Mund genommen. Die Sprache ist derb, unverhüllt und direkt, was die Erzählungen authentisch erscheinen lässt. Wen solche Ausführungen zuwider sind, sollte vielleicht die Hand von diesem Roman lassen.
Überhaupt ist die Sprache ein wichtiger Aspekt des gesamten Besuches. Sie ist ironisch, humorvoll, übertrieben, bissig, obzön, provozierend, direkt, offenherzig, authentisch. Die Sprache bringt den Leser häufig so schmunzeln, doch sie schockiert auch, polarisiert, bringt einem zum Nachdenken. Denn auch wenn der Roman oft mit Leichtigkeit geschildert wird, so schimmern doch deutlich die ernsten Probleme hindurch, mit denen sich die Charaktere rumschlagen müssen. Ein gutes Beispiel stellt Anwars Hungerstreik dar. Dieser verweigert die Nahrungszunahme, bis seine Tochter Jamilie sich dazu entschließt, einen von ihn ausgewählten Inder zu heiraten. Diese Situation wird teilweise durchaus lustig erzählt, doch gleichzeitig ist sie traurig, gar dramatisch.
Wie so oft in dem Roman wechseln Humor und Tragik, Absurdität und Realität, Ironie und Ernsthaftigkeit, Gefühle und Lächerlichkeit.
Das Buch zeigt Probleme von Einwanderer auf, die sich teilweise auch ins Deutschland der heutigen Zeit projizieren lassen. Vorurteile, Rassismus, das Zusammentreffen von verschieden Kulturen, von verschiedenen Denk- und Verhaltensweisen, die fehlende Toleranz, der Umgang mit Stereotypen, die soziale Ungleichheit.
Ein signifikanter Schlüsselbegriff zu „The Buddha Of Suburbia“ ist Veränderung. Entwicklung. Der Leser erfährt nicht nur, wie Karim sich vom orientierungslosen Jugendlichen zu einem Erwachsenen heranreift, der Ziele im Leben hegt, sondern auch wie sich die anderen Charaktere verändern. Ein Großteil, wenn auch nicht alle, wichtige Personen, die im Roman auftauchen, scheinen einen (neuen) Platz in der Gesellschaft zu suchen und finden ihn letzten Endes auch. Princess Jeeta entwickelt sich von einer von ihrem Ehemann dominierten Ehefrau zu einer emanzipierten und selbstständigen Frau, die ihr veraltetes Lebensmittelgeschäft modernisiert. Haroon verlässt seine Frau, zieht mit Eva zusammen und sieht in der Verbreitung seiner spirituellen und geistlichen Gedanken eine neue Aufgabe. Changez, zunächst ein deprimierter, von seiner Ehefrau Jamilia zurückgewiesenen Einwanderer aus Indien, findet auch seinen Platz als nicht leiblicher Vater eines Kindes und hegt seine enge Beziehung zu Shiko, einer Prostituierten. Ted, gelangweilt von seinem Job, startet mit Eva zusammen eine Karriere, indem sie gemeinsam Wohnungen umgestalten.
Ein weiterer Aspekt, den ich hier ansprechen möchte, ist die Darstellung von London in den 70er Jahren. Es wird nicht nur das Einwanderermilieu Londons portraitiert, sondern auch das bunte, laute, exzentrische Londonfeeling.
„The Buddha of Suburbia“ von Hanif Kureishi ist ein Roman, den ich jedem mit gutem Willen ans Herz legen möchte. Er ist humorvoll, und gleichzeitig sehr tiefgründig. Ich habe selten eine so gelungene Darstellung von der Vielfalt an sozialen Problemen, besonders in Bezug auf Einwanderer, gelesen. Das Buch ist einfach ehrlich, authentisch, es weckt Gefühle im Leser – sowohl positive als auch negative. Es ist so vielschichtig und beinhaltet so verschiedene Aspekte, dass ich noch viele Seiten über diesen Roman schreiben könnte.
Mit der englischen Originalausgabe wird übrigens jeder, der die Fremdsprache einige Jahre gelernt hat, keine Probleme haben – obwohl man in Gefahr gerät, den unterschwelligen Wortwitz und die Gesamtheit von Hureif Kureishis vielschichtigen Schreibstils nicht vollkommen zu verstehen. Die deutsche Übersetzung des Romanes heißt „Der Buddha aus der Vorstadt“.
Für alle, die das Buch gelesen haben und davon ähnlich begeistert sind ich, möchte ich noch die gleichnamige BBC-Serie ans Herz legen. Ich habe selten eine so gute Buch-Verfilmung gesehen.
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