Vermutlich hat es schon der eine oder andere bemerkt, dass es mir besonders wichtig ist, Bücher für Kinder vorzustellen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Kinder jede Menge Bewegung an frischer Luft benötigen und sich ordentlich austoben können müssen. Ich hatte selbst so eine Kindheit, da ich in einem kleinen Ort aufgewachsen bin, der mit Wald und Wiesen umgeben ist. Zu jeder Jahreszeit haben wir draußen gespielt, im Wald Mooshäuschen gebaut, uns in Indianer oder Polarforscher verwandelt und sind dabei sogar des öfteren Risiken eingegangen, über die ich jetzt als Erwachsene beinahe lieber nicht nachdenken möchte. So wäre ich um ein Haar beinahe im eiskalten Wasser unseres Flüsschens bei Schneeschmelze aus eigener Unvorsichtigkeit ertrunken, was meine Mutter gar nicht so witzig fand. Die Jungen aus dem Nachbarort übten sich während ihrer Spiele an nicht ganz ungefährlichen Klippen oder erforschten die (natürlich nicht zum Betreten freigegebenen) Karsthöhlen unseres Wohngebiets. Es gab regelrechte "Kriege" zwischen Ober-und Unterdorf, die die Jungen (und nicht nur die) mit selbstgebauten Bögen und Pfeilen oder Steinschleudern (sogenannten Zwillen) halb im Ernst austrugen...und sich kurz darauf natürlich wieder bestens vertrugen.
Kurzum: unsere Spiele im Freien hätten auch gut und gerne manchmal nicht so glimpflich ausgehen können. Würde man aber uns als Erwachsenen heute fragen, würde wohl jede/r von uns sagen, dass er eine wunderbare Kindheit hatte. Wir waren einfach frei in unseren Spielen und konnten unsere Fantasie ausleben. Hüpfekasten, Himmel und Hölle, Völkerball usw. konnte man damals noch mitten auf der Strasse spielen, die Spielfelder dafür wurden mit Kreide auf den Asphalt aufgemalt und WENN mal ein Auto durch wollte, hatte der Fahrer gefälligst zu warten, bis wir so gnädig waren und zur Seite gingen.
Die Erwachsenen stellten im Sommer einfach Stühle vors Haus, sahen uns beim Spielen zu und hielten Schwätzchen mit den Nachbarn. Manchmal mussten wir nach den Ladenschlußzeiten mit großen Schüsseln zum schon geschlossenen Milchladen gehen, klingeln und fragen, ob wir für die und die Strasse eventuell noch Eis bekommen könnten. Schweine wurden für mehr als eine Familie gemästet und jeder, der dabei und beim Schlachten geholfen hatte, bekam seinen Anteil von uns Kindern vorbeigebracht. Nachbarschaftshilfe war selbstverständlich, selbst wenn man diesen oder jenen nicht so recht leiden konnte und wir Kinder konnten - bis auf wenige Ausnahmen - sicher sein, jederzeit von Erwachsenen Hilfe zu bekommen, wenn es notwendig war. Es war wirklich eine tolle Zeit und ich finde es schade, dass viele Kinder so etwas leider gar nicht mehr in diesem Sinne erleben können. Es ist traurig, dass es Initiativen wie www.notinsel.de - so gut sie auch gedacht sind - geben muss, um Kindern das Gefühl der Sicherheit wieder geben zu können.
In was für eine Gesellschaft haben wir uns verwandelt, wo Kinder mit Waffen zur Schule gehen und Polizisten und Sicherheitspersonal auf dem Schulhof patrouillieren müssen, damit Kinder unbeschwert spielen können? Umso wichtiger ist es allerdings für die heutige Elterngeneration, ihren Kindern ein gesundes Maß an Bewegung an frischer Luft und auch genügend Ruhephasen zu verschaffen und das nicht nur aus ernährungsspezifischen Gründen. Für Geist und Seele ist das ebenso wichtig, für die Ausbildung eines gesunden Selbstbewußtseins und das Erkennen eigener Stärken, Talente und auch der eigenen Schwächen. Das kann man nicht nur den Kindergärten und Schulen überlassen. Genauso, wie viele Ärzte jetzt allmählich umdenken und von einer Symptombehandlung auf eine ganzheitliche Behandlung des Menschen umschwenken, wäre es wünschenswert, wenn diejenigen, die das Beste für Kinder wollen, auch eben das ganze Kind fördern und eben so individuell annehmen, wie es eben ist. Lesen, vorlesen, träumen dürfen und sich sogar mal langweilen dürfen neben aller Action gehört dazu.
Nicht umsonst gibt es auch ein altes afrikanisches Sprichwort, das lautet: "It takes a village to raise a child" (Übersetzt: Man braucht ein ganzes Dorf um ein Kind großzuziehen). Wie stark genau das auf die Geschichte zutrifft, die mit dem nachfolgenden Buch vorgestellt wird, werden wir sehen.
Ich möchte nun diesmal ein englischsprachiges Buch vorstellen, das mir gerade in diesem Sinne sehr zu Herzen gegangen ist und klar gemacht hat, was damit gemeint ist. Die Handlung spielt zwar zu Beginn des zweiten Weltkriegs, hat aber nur sehr am Rande damit zu tun. Wichtig und eindringlich erzählt ist eine ganz andere Botschaft und diese betrifft starke Kindesmisshandlung an Leib, Geist und Seele durch die eigene Mutter. Da es nicht für jeden so einfach ist, sich damit auseinanderzusetzen, weise ich darauf lieber vor meiner Buchvorstellung hin und betone, dass der Inhalt des Buches wirklich extrem zu Herzen geht. Ich gebe zu, dass ich mehrmals nicht nur hart schlucken mußte, sondern tatsächlich zu Tränen gerührt war.
Nach dieser Warnung möchte ich nun das Buch vorstellen, weil ich nicht nur der Ansicht bin, dass es unheimlich gut und lesenswert ist, sondern es sich auch lohnt, es in der Originalsprache zu lesen. Das Buch ist nämlich auch vom Schreibstil und vom Gebrauch der Sprache her ein richtiges kleines Kunstwerk, das ich mal versuchen werde, mit Hilfe einer Buchvorstellung zu würdigen.
Vorab jedoch noch eine Bemerkung: Das Buch gibt es auch in deutscher Übersetzung: "Der Junge aus London" - ISBN: 3423700564
Doch zunächst:
***Die sachlichen Buchdaten***
Autor: Michelle Magorian
Titel: Goodnight Mr. Tom
Erscheinungsdatum: 2. Oktober 1998
Verlag: Puffin
Sprache: Englisch
ISBN-10: 0141301449
ISBN-13: 978-0141301440
Größe und/oder Gewicht: 17,6 x 11,2 x 2,2 cm
Seitenanzahl: 304
Einband: TB
***Autorenportrait***
Michelle Jane Magorian (* 6. November 1947 in Southsea, Portsmouth) ist eine britische Autorin und Schauspielerin.
Sie wuchs in Singapur auf, lebte dann einige Zeit in Australien und später in Paris, wo sie Schülerin Marcel Marceaus war und Gesangs-, Ballett- und Schauspielunterricht nahm. 1982 erhielt sie für ihr 1981 erschienenes Buch "Goodnight Mr. Tom", das in deutscher Sprache unter dem Titel "Der Junge aus London" erschien, den Guardian Award. Der Roman handelt von einem Jungen, der während der Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs aus London evakuiert wird und von einem vereinsamten alten Mann aufgenommen wird. Er wurde 1998 mit John Thaw verfilmt, war 2008 auch als Bühnenstück zu sehen und ist mittlerweile in 13 Sprachen übersetzt worden. Ein anderes Werk, das sich ebenfalls mit dem Zweiten Weltkrieg befasst, ist "Back Home". Michelle Magorian wurde zu diesen Büchern durch die Erzählungen ihrer Mutter über ihre Zeit als Krankenschwester inspiriert.
Michelle Magorian lebt mit ihren beiden Söhnen in New Hampshire.
Eine kleine Leseprobe gibt es, wenn man bei Amazon.de auf das Buchcover klickt.
***Buchcover und allgemeine Gestaltung***
Das Coverbild zeigt einen alten, weisshaarigen Mann und einen Jungen vor dem Hintergrund von Schutt, wie es im Krieg bei zerbombten Städten zum Alltagsbild gehörte. Beide hocken auf der Strasse und der alte Mann umarmt den Jungen fürsorglich. Das Bild gibt einen guten Hinweis auf das Verhältnis der beiden Protagonisten im Verlauf der Geschichte zueinander.
***Mit meinen Worten***
William Beech wird kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und der Kriegserklärung Englands an Deutschland, wie damals viele Kinder, von London in die kleinen Dörfer abseits des großen Kriegsgeschehens verschickt. Dies geschah, um die Kinder vor den Luftangriffen der Deutschen zu schützen. Man vermutete völlig zu Recht, dass die großen Städte Englands und besonders natürlich London Ziel der deutschen Kampfflieger sein würden.
William wird in das Dorf Little Weirwold (der Ort ist fiktiv) verschickt und einem alten Dorfgrantler, Thomas Oakley, zugeteilt, der durch den tragisch frühen Tod seiner Frau und ihrem einzigen gemeinsamen Kind ein zurückgezogenes Leben mit seinem Hund Sammy führt und von den Dörflern als eigenbrötlerischer Kauz abgestempelt ist. Jedenfalls von denen, die, wie es so oft vorkommt, nur einen oberflächlichen Blick auf ihre Mitmenschen werfen. Er selbst war mit dieser Rolle bisher allerdings auch selbst hochzufrieden.
Nun steht da allerdings plötzlich dieser schmächtige, blasse Junge vor ihm, für den er sorgen muss, weil seine Mutter großen Wert darauf legte, dass William zu gottesfürchtigen Leuten käme. Was sie darunter versteht, werden wir im Verlauf der Geschichte noch sehen. Thomas Oakleys Haus steht jedenfalls neben der Dorfkirche und dem Friedhof und daher wird ihm William übergeben.
Williams Mutter ist mit der Erziehung des Jungen allerdings offenbar völlig überfordert gewesen und hat bei ihm bislang - gelinde ausgedrückt - so ziemlich alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann, so dass aus William ein scheues, in sich gekehrtes, äußerst mißtrauisches Kind wurde, dessen Körper sich mit dem einzig ihm zur Verfügung stellenden Mittel wehrt: Bettnässen, Appetitlosigket, Sprach-und Lernschwierigkeiten usw.
Gleich bei Williams Ankunft wird Thomas überdeutlich klar, wie es um William steht. Er sieht die Blutergüsse und schlecht verheilten Schrammen an Williams Armen und Beinen, obwohl dieser sich alle Mühe gibt, sie zu verbergen. Als Thomas aber z.B. mit dem Schürhaken das Holz im Ofen besser verteilen möchte, damit das Feuer vor allem den ständig zitternden Jungen wärmt und zu diesem Zweck zu dem Gerät greift, schreckt William gleich extrem zusammen und kotzt sich die Seele aus dem Leib vor lauter Angst vor Schläge. Buchstäblich im letzten Moment kann Thomas Williams Kopf aus dem Fenster halten, damit nicht alles im Wohnzimmer landet.
Als er William für die Nacht in die extra vorbereitete Dachkammer bringt, legt sich William sofort unter das Bett und kann gar nicht glauben, dass das Zimmer wirklich sein Raum sein soll und er zwischen sauber gewaschenem Bettzeug schlafen darf. Seine Mutter hatte ihm immer wieder im wahrsten Sinne des Wortes eingebläut, dass in Betten nur Tote schlafen würden. Wenn er nicht absolut mucksmäuschenstill war, schlug sie ihn mit einem Ledergürtel, an dem eine große Metallschließe angebracht war. Diesen Gürtel hatte sie, zusammen mit ganz wenigen Kleidungsstücken William in einem Rucksack mitgegeben und auf einem Zettel vermerkt, wozu der Gürtel gedacht sei. Thomas Oakley allerdings sagt William klipp und klar, dass er nicht gewillt sei, ein Kind zu schlagen, womit und weswegen auch immer.
Anfangs näßt William sich noch jede Nacht ein, kann kaum Nahrung zu sich nehmen ohne diese bei nächster Gelegenheit zu erbrechen und saugt jede noch so kleine Freundlichkeit, die man ihm erweist wie ein ausgetrockneter Schwamm in sich auf. Thomas Oakley wäscht und badet ihn vorsichtig, um ihm bei den vielen Prellungen, die er hat, nicht weh zu tun, kauft ihm Kleidung und erkundigt sich beim Dorfarzt, welche Nahrung er William am besten geben sollte und wie er seine vielen Wunden schonend und nachhaltig behandeln soll. Er erzählt William - wie von Williams Mutter gefordert, die die gesamte Welt für Teufelswerk hält - Geschichten aus der Bibel, achtet aber darauf, dass es fröhliche und schöne Geschichten sind. Das Wichtigste ist aber, dass er William einfach in seinen Tagesablauf mit einbezieht, dessen Bettzeug und den Schlafanzug ohne Kommentar wäscht und ihn nie direkt darauf anspricht, dass William mit seinen fast neun Jahren weder lesen noch schreiben kann.
Thomas macht sich natürlich immer öfter so seine Gedanken und ermahnt sich innerlich immer wieder, den Jungen nicht allzu sehr ins Herz zu schließen, da er ja davon ausgehen muss, dass William irgendwann wieder zu seiner Mutter zurück muss. Aber sein über vierzig einsame Jahre so perfekt geschützt geglaubtes Herz ist längst geschmolzen wie Butter in der Sonne. Vor allem, wenn er sieht, dass William absolut erstaunt und ungläubig ist, wenn man ihm auch nur einen Apfel schenkt und ihn dabei mithelfen lässt, einen Luftschutzbunker zu bauen und niemand ihn schlägt, wenn er sich dabei auch mal schmutzig macht.
An Williams neuntem Geburtstag wird er von mehreren Dorfbewohnern beschenkt und bekommt seine absolut erste Geburtstagsüberraschungsparty. Zusätzlich zu warmer Kleidung, die Thomas bei einer selbststrickenden und selbstnähenden Nachbarin in Auftrag gegeben hat, bekommt William sogar die alten Malfarben seiner verstorbenen Frau Rachel, die sehr gerne malte, neues Papier und Pinsel mit dem Hinweis, dass er einfach Bescheid geben solle, wenn er irgendwas noch brauche. William ist völlig überwältigt. In Williams alter Schule in London durften nur die Kinder malen, die schon lesen und schreiben konnten.
Als die Schule beginnt, wird William den Jüngeren zugeteilt und als Thomas sieht, wie traurig es William macht, gleich wieder von den gerade erst neuentdeckten Freunden in seinem Alter getrennt zu werden, ermuntert er William, mit den anderen Kindern nach der Schule etwas zusammen zu unternehmen und erlaubt ihm ohne große Diskussion, dass die Kinder sich in Williams Dachzimmer treffen können. Auch übt er auf ganz sensible Art mit ihm Schreiben und Lesen. An jedem Gegenstand in der Wohnung darf William z.B. kleine Schildchen anbringen, um sich Schreibweise und Aussprache merken zu können und macht dadurch bald enorme Fortschritte. In Punkto Malerei erweist sich William sogar als richtiges Naturtalent.
Das Wunder geschieht ganz allmählich und sanft: Das durch so ein schreckliches Ereignis wie einen Krieg erzwungene Zusammenleben der beiden Haupt-Protagonisten sorgt ganz natürlich und sanft dafür, dass William ein selbstbewußterer kleiner Junge wird, Mr. Tom ein netter, freundlicher und sozial eingestellter, verantwortungsvoller Opa, Freund und sozial engagiertes Mitglied der Gemeinde. Thomas ist regelmäßig geschockt, dass selbst minimale Kleinigkeiten, die William erlaubt oder geschenkt bekommt, auf so große Freude und ungläubiges Staunen bei dem Jungen stoßen.
Dann lernt William außer einigen anderen Dorfkindern auch noch Zacharias kennen, der das absolute Gegenteil von William ist. Seine Eltern sind Entertainer und reisen viel, gerade jetzt in Kriegszeiten und haben den offenherzigen, fantasiereichen und immer zu abenteuerlichen Unternehmungen aufgelegten Zacharias ebenfalls in Little Weirwold gelassen. Mit Zachs bedingungsloser Freundschaft und Thomas Oakleys feinfühliger Liebe blüht William förmlich auf und entwickelt sich sichtbar prächtig, gesundet mit jeder Minute an Körper, Geist und Seele. Aber ihr kleines Paradies inmitten einer völlig übergeschnappten Welt ist mehrfach bedroht. Williams Mutter beordert den Jungen zurück nach London und hat laut Gesetz ja auch alles Recht dazu. Obwohl Thomas Oakley gar kein gutes Gefühl dabei hat, muss er William zu seiner Mutter reisen lassen.
Mehr sei hier aber nicht mehr verraten, außer, dass noch einiges in dem Roman passiert, was zu Herzen geht. Man liest aber am besten selbst, wie diese wirklich spannende und sehr unter die Haut gehende Geschichte ausgeht. Es ist nämlich einfach nur lesenswert, klasse geschrieben und nachhaltig beeindruckend!
***Stilistische Besonderheiten***
Das Buch ist aus der Perspektive eines allwissenden Erzählers geschrieben. Eigentlich entsteht durch diese Perspektive selten ein hohes Identifikationspotential und es kommt wahrscheinlich bei diesem Buch auch sehr darauf an, in welchem Lebensabschnitt man selbst sich befindet, wenn man es liest. Mich als Mutter von zwei Kindern hat es fast innerlich zerrissen, wenn ich mir die Behandlung dieses liebenswerten, kleinen Jungen bildlich vorstellte. Diese Misshandlung wird nie genau beschrieben, sondern man liest ja "nur" von den schrecklichen Reaktionen Williams, sein Erbrechen, sein Zurückzucken bei kleinen Aufmerksamkeiten, sein ungläubiges Staunen, wenn jemand ihm etwas Gutes tut...aber das wirkt, finde ich, doppelt bedrückend. Ein schriftstellerischer Kunstgriff, der mich innerlich den Hut vor Hochachtung ziehen lässt.
Wie sich die beiden Hauptprotagonisten im Verlauf der Geschichte gegenseitig aus ihrer Isolation helfen, ist derart einfühlsam, liebenswert und auch sehr spannend geschrieben und dazu noch - trotz oder gerade durch die Verwendung von Slang-Ausdrücken - in einem guten, flüssigen Englisch geschrieben, dass ich es Euch gerne empfehle, in der Originalsprache zu lesen. Mein ältester Sohn meinte, nachdem er das Buch ebenfalls gelesen hatte, dass das Buch eventuell durch die Verwendung der Slang-Ausdrücken nicht gerade geeignet sei für Leseanfänger von Literatur in der englischen Originalsprache.
Nun, da muß ich ihm recht geben...das Buch ist wohl eher etwas für ein wenig fortgeschrittenere Leser in Bezug auf die Sprache, aber die Verwendung der Slang-Ausdrücke, die im Verlauf der Geschichte weniger werden, haben einen Sinn, wie ich meine. Man kann nämlich auch an der sprachlichen Entwicklung der Protagonisten deren menschliche Entwicklung und soziale Öffnung gegenüber den anderen Dorfbewohnern sehr gut nachempfinden. Will sagen, dass das Buch ganz bewußt so und nicht anders geschrieben wurde, um etwas auch stilistisch anhand der Sprache zu verdeutlichen. Anfangs wird von beiden Protagonisten sehr spartanisch mit Worten umgegangen und je mehr die Beziehung der beiden wächst, umso mehr und besser reden sie auch miteinander. Außerdem fühlt sich Thomas Oakley ja auch verpflichtet, William zu helfen, richtig lesen und schreiben zu lernen und bemüht sich dann schon deswegen um korrekte Ausdrücke und Sätze.
Wunderbar gemacht von der Autorin!
***Fazit***
Dieses Buch ist es meiner Meinung nach wirklich nicht nur wert, auf Deutsch oder Englisch gelesen zu werden, sondern hat wohl auch aufgrund seines pädagogischen Wertes einen Platz in der modernen Schullektüre verdient, genau wie "Die Welle" und einige andere mehr.
Hervorheben möchte ich nochmal besonders, wie hervorragend diese Schriftstellerin etwas sagt, ohne es direkt zu sagen und gerade dadurch die Botschaft sogar noch eindringlicher wirkt und den Leser tief ins Herz trifft.
Einen besseren Roman zu den Themen wie Kinder aufwachsen sollten und wie Zivilcourage aussehen sollte, wenn man als Erwachsener mitbekommt, dass ein Kind seelisch und/oder körperlich misshandelt wird, habe ich noch nie gelesen. Der Roman hat weder in dieser Hinsicht noch in Bezug auf die Kriegsgeschehen irgendetwas Reißerisches an sich, sondern zeigt unaufdringlich aber sehr intensiv, was Extremsituationen mit Menschen anstellen können. Insgesamt kann man durchaus sagen, dass die Geschichte hervorragend dazu geeignet ist, zu zeigen, wie Körper, Seele und Geist jedes Menschen untrennbar miteinander verwoben sind und welch fatale Auswirkungen es immer hat, wenn auch nur ein Teil davon Not leidet.
Wirklich starke und große Probleme, die von außen an uns herangetragen werden, kann man nur in einer starken Gemeinschaft lösen und ertragen und es ist kein Zeichen von Schwäche, sich gegenseitig zu brauchen und zu helfen. Ein jeder nach seinen Möglichkeiten. So jung William auch ist, schafft er es doch, Thomas Oakley zur Community von Little Weirwold zurückzubringen, wovon jeder profitiert. Ohne Thomas Oakley, seine Fürsorge und liebevolle Aufmerksamkeit und die selbstverständliche Integration des Jungen in die Bevölkerung der Gemeinde würde William nicht mehr leben.
Eine bessere Bestätigung des afrikanischen Sprichworts "It takes a village to raise a child" kann ich mir nicht vorstellen.
Überaus empfehlenswerter Roman!
Herzlichen Dank für das Lesen und Bewerten meines Berichts
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