Tellin' Stories - Charlatans
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Testbericht Tellin' Stories - Charlatans

(5,0 von 5)
Platz 425 in der Kategorie "CDs: Musik aller Interpreten".
Bewertung: Kundenbewertung 5,00 / 5,00 (5,0 von 5)
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Testbericht über Tellin' Stories - Charlatans

...an die Menschen, die wir lieben

erstellt am: 08.11.2002, von
Produktbewertung: Kundenbewertung 5,00 / 5,00 5
Empfehlung:ja
Die Charlatans haben sich 1989 im beschaulichen Wolverhampton/England (bei Birmingham) zusammengefunden. Fälschlicherweise wurde ihnen immer wieder das „Manchester-Raver-Prädikat“ aufgedrückt: Rave-Bewegung ja, Manchester nein - so lautet die korrekte Antwort. Bis dato haben die Jungs 7 Studioalben herausgebracht und gehören auch heute noch zu den beliebtesten und interessantesten Musiker der englischen Szene.
Im Frühjahr 1996, dem Zeitpunkt der Aufnahmen dieses Albums, geriet die Band auf recht tragische Weise zu größerer „Berühmtheit“: Keyboarder Rob Collins starb bei einem Autounfall. Groß war der Schmerz, noch größer die Trauer um das beliebte Bandmitglied - und die Angst der Fans, dass sich die Band auflösen könnte. Doch solche Gedanken schienen die Charlatans nicht zu haben: man setzte die Aufnahmen für einige Wochen aus, und holte sich schließlich Martin Duffy (von „Primal Scream“) als Übergangslösung ans Keyboard. Im Sommer 1996 stand die Band sogar schon wieder auf der Bühne: sie unterstützten Oasis als Supportact auf den legendären Knebworth Konzerten. Seit 1998 haut nun Tony Rogers für die Band in die Tasten - ein großer Charlatans-Fan.

Die 1996/97 Bandbesetzung sieht somit folgendermaßen aus:
>> Tim Burgess - Gesang, Mundharmonika
>> Mark Collins - Gitarre
>> Martin Blunt - Bass
>> Jon Brookes - Schlagzeug
>> Rob Collins - Keyboards, Hammond-Orgel, Hintergrundgesang (bzw. Martin Duffy)

Auf dem Plattencover sind -bis auf Rob- alle Bandmitglieder zu sehen. Sie tragen, ihre Stimmung verdeutlichend, alle schwarze Kleidung und schauen recht nachdenklich drein. Im unteren Bereich ist der weiße „Charlatans“-Schriftzug sowie der Titel des Albums zu sehen „Tellin’ stories“ - „Geschichten erzählen“.
Das Booklet ist passend zum Albumtitel wie ein Buch aufgebaut: hier und da finden wir Fotos der einzelnen Bandmitglieder (inklusive Rob), und die Texte wurden im Blocksatz abgedruckt, somit entsteht der Eindruck, als wäre jeder Song eine kleine Geschichte...


~~*~01~WITH NO SHOES~~
“With no shoes” handelt im weitesten Sinne davon, jemanden zu bekehren. Musiker tun das natürlich auf ihre ganz eigene Art und Weise: mit Alkohol, einer riesigen Portion Selbstsicherheit und purer Ironie (...fill my kidneys up with booze, today I’m baptising you - ich fülle meine Nieren mit Schnaps, heute taufe ich dich).
Der Song hat eine sehr einprägsame und fröhliche Melodie. Unterstützt wird das Ganze durch ein paar Loops von Tom Rowlands (der langhaarige Chemical Brother *g*) und Marks Country- und Akustikgitarren. Im Mittelteil ist dann eine Mischung aus HipHop-Scratches und eindringlichen Gitarrensoli zu hören - sehr faszinierend und überhaupt nicht peinlich. Wie der Titel es schon sagt, hier wird man absolut dazu verleitet, barfuß über die Wiesen zu laufen. Ein Song, der Frühlingsgefühle hervorruft - besser kann man ein Album nicht beginnen.

~~*~02~NORTH COUNTRY BOY~~
Back to the roots. Tim befindet sich hier in einem Zwiegespräch mit sich selbst: hey country boy what are you sad about (hey, Junge aus dem Norden, worüber bist du so traurig?)? Erinnerungen an die Heimat, den Norden Englands werden hier wiedererweckt [Tim Lebt heute in Los Angeles]. Dazu passend auch die typisch englische Gitarrenmusik: schleppendes Tempo, einfache Gitarren- und Hammond-Orgelmelodie und ein leicht melancholisch angehauchter Gesang. Wirklich überraschend ist das Stück nicht, nur im Schlussteil gibt es eine kleine Veränderung: hier wirkt das Lied plötzlich ganz locker und nicht mehr so bedrückend wie vorher.

~~*~03~TELLIN’ STORIES~~
Mein Lieblingslied 01. Tim singt mit inbrünstiger, eindringlicher Stimme, dazu spielen mehrere (Akustik-) Gitarren eine relativ schnelle Melodie. Hin und wieder werden ein paar Loops eingestreut und um dem Ganzen noch ein richtig schön-fieses Gänsehautgefühl zu verabreichen kommen noch ein paar tolle Gitarrensoli hinzu. Die Grundstimmung dieses Stücks ist wohl melancholisch, aber so wirklich ausmachen kann man das nicht, denn es hat auch seine überschwänglichen Momente: Live for the day, I see your heart is empty - lebe für den tage, ich sehe dass dein Herz leer ist...

~~*~04~ONE TO ANOTHER~~
Und noch einmal Loops. ;-) Die fröhliche Ohrwurm-Melodie wird vom Klavier und den Gitarren getragen, und um dem Stück einen schönen Nachdruck zu verleihen, wird heftig aufs Schlagzeug eingedroschen. Tims Gesang wirkt hierbei fast wie eine Art Rap:
One to another/Sister and a brother/Changing the way that you feel/Pleased to meet you/ Hope I never see you. Immer wieder schnelle Wechsel in Stimme und Rhythmus lassen das Lied fast zu einem Dance-Song werden.

~~*~05~YOU’RE A BIG GIRL NOW~~
Dieser Song handelt davon, wie schnell wir eigentlich heranwachsen bzw. wie sich Menschen über einen bestimmten Zeitraum zum Positiven verändern und wie überrascht man dann plötzlich darüber ist (Ooh! You’re a big girl now - Ooh! Du bist jetzt ein großes Mädchen). Außerdem scheint es mir so, als sei der Sänger in die schöne Fremde verliebt, da er davon singt mit ihr zusammen sein zu wollen.
Melodie sowie Gesang sind zuckersüß und lieblich, der Rhythmus wird hierbei von Bongos dazugesteuert, dadurch erhält das Lied einen sehr romantischen und träumerischen Charakter. Die Akustikgitarren und das Klavier bilden das Grundgerüst des Songs, der Gesang harmoniert perfekt mit den Instrumenten.
„And in your free world you will sail on...“ - In deiner freien Welt wirst du dahinsegeln… genauso kann das Lied beschrieben werden.

~~*~06~HOW CAN YOU LEAVE US~~
Lieblingslied 02. „Wie kannst du uns jetzt verlassen?“ - Das Lied scheint auf den ersten Blick als eine Art Nachruf auf Rob Collins, und da ich keine weitere Aussage zum Text gefunden habe, lasse ich meine Vermutung auch so stehen: I only wish you were here with us now, it’s only a good feelin’, I don’t want to believe it, how can you leave us, how can you bleed on us? - Ich wünsche mir nur, dass du jetzt hier bei uns wärst, es ist nur ein gutes Gefühl, ich möchte es nicht glauben, wie kannst du uns jetzt verlassen, wie kannst du jetzt auf uns bluten? - Ich denke, dass diese Zeilen, die Verzweiflung und die Ungläubigkeit der Bandmitglieder ausdrücken sollen. Die Melodie wirkt anfangs noch ganz fröhlich, sogar dahinplätschernd und mam mag daher wohl auch weniger glauben, dass es sich hier um ein eigentlich eher trauriges Lied handelt. Es ist Tims Gesang, der uns mit der nötigen Portion Eindringlichkeit „den Ernst der Lage“ versucht nahe zu bringen. Unterstützt wird er dabei durch Marks wundervolles Gitarrenspiel.

~~*~07~AREA 51~~
„Area 51“, ein Instrumentalstück, wartet mit einer Vielzahl von merkwürdigen Geräuschfragmenten und Soundkonstruktionen auf: hier ein paar starke Gitarrensoli, da ein paar irrwitzige Loops, dazu fette Drums, eine einprägsame Hammond-Orgelmelodie mit Echoeffekten und kreischenden Elementen. Das ganze wirkt recht eigensinnig, manchmal sogar etwas mystisch bzw. beängstigend - fast so wie die berühmt-berüchtigte Area 51 eben. ;-)

~~*~08~HOW HIGH~~
Lieblingslied 03. ein klassischer Rocksong wird dem Hörer hier geboten und da ich nun mal auf Gitarren stehe, ist das Lied ganz für mich gemacht. *g* Hier erwartet uns eine fette Gitarrenschrammelmelodie, mit einem starken Schlagzeug sowie ein paar eingeworfenen Klavierpassagen, die das Lied in seiner Leidenschaft unterstützen. Ein Hoch auf das Lebensgefühl bzw. die Schönheit des Lebens: How high! Oh I can kiss the sky, hang on to your hopes my darlin’ don’t let it slip away - Wie hoch! Ich könnte die Sonne küssen, halte an deinen Hoffnungen fest, mein Liebling, lasse sie nicht davonziehen.

~~*~09~ONLY TEETHIN’~~
Eingeleitet wird der Track durch ein paar Bongos sowie sanften Akustikgitarren, die schon im nächsten Augenblick durch E-gitarren und Gesang verstärkt werden. Die Soli stammen bei diesem Song von der Hammond-Orgel - klingt vielleicht etwas schräg, passt aber hervorragend zur Stimmung des Stücks: eindringlich und aufmunternd. Das Lied ist meiner Meinung nach aber etwas kurzweilig und deshalb auch nicht ganz so toll.

~~*~10~GET ON IT~~
Lieblingslied 04. “Get on it” scheint mir ein weiteres Stück zu sein, dass sich mit dem Tod Robs auseinandersetzt. Im Gegensatz zu „How can you leave us“ geht es aber hierbei darum, dass das Leben weitergehen muss - wie der Titel es schon sagt.
Der Song beginnt mit einem leicht quietschenden Mundharmonika-Solo, die Melodie liegt auf Gitarre und Orgel, und dazu wird ein schleppender Rhythmus gespielt. Tim erzählt uns dann mit eindringlicher Stimme, dass er uns nie alleine lassen wird, wobei man bei genauerem Hinhören feststellen wird, dass ihm öfters der Ton im Halse stecken bleibt (aus Traurigkeit vielleicht?). Zusammen mit den Gitarren intoniert er dann schließlich lauthals „Get on it“.
Im Schlussteil klingen die Jungs dann fast wie Pink Floyd in ihren besten Tagen: mystisch, melodisch, sphärisch - wie von einer anderen Welt. Plötzlich kehrt sich das Ganze aber wieder um und der typische Charlatans Sound erklingt von neuem. Voller Leidenschaft und Euphorie klingt das Lied schließlich in einem Wirrwarr aus Instrumenten aus.

~~*~11~ROB’S THEME~~
Lieblingslied 05. Das Intrumentalstück wird von Vogelgezwitscher und Tonbandaufnahmen einer Kinderstimme (Rob?) eingeleitet.
Wie der Titel schon sagt, soll uns dieses Stück an Rob Collins erinnern. Dabei wurde viel mit Loops gearbeitet und an manchen Stellen klingt es sogar ein wenig nach TripHop. Alles in allem ist das Lied recht sanftmütig, besinnlich, wenn auch leicht beängstigend. Auf jeden Fall bleibt dieser Track dem Hörer noch eine ganze weile im Ohr, sicherlich auch aufgrund des Wissens um die Hintergründe dieses Stückes...

Alle Songs wurden dem verstorbenen Bandmitglied Robert James Collins gewidmet.


FAZIT:
Trotz, oder gerade wegen, ihrer Trauerstimmung haben die Jungs ein wunderschönes melancholisch-fröhliches Meisterwerk geschaffen. Wie ihr ja schon bemerkt habt, gibt es auf diesem Album sehr viele Songs, die ich als meine Lieblingslieder hervorgehoben habe. Das mag wohl hauptsächlich an der abwechslungsreichen Trackliste liegen, aber auch an der umwerfenden Art und Weise wie hier mit Gefühlen und Stimmungen umgegangen wird. Mir scheint es fast so, als wenn für jede Gefühlsregung, jeden noch so abstrusen Augenblick im Leben ein Song dabei wäre und genau das ist es auch, was das Album in meinen Augen so bemerkenswert macht.
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