Der Morgen der Trunkenheit (Taschenbuch) / Fattaneh Haj Seyed Javadi Testbericht
Erfahrungsbericht von margy
der morgen der trunkenheit
Pro:
wortgewandte und wortgewaltige Sprache
Kontra:
persische Namen
Empfehlung:
Ja
# Taschenbuch: 416 Seiten
# Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 8 (22. Juli 2002)
# Sprache: Deutsch
# ISBN-10: 3518398997
# ISBN-13: 978-3518398999
# Originaltitel: Bandade Chomar
Preis: 10 €
Übersetzer: Susanne Baghestani
Der Buchumschlag erscheint in einem zarten lila. Vor einer Säule sitzt eine Frau in Schwarz gekleidet. Sie hält eine Schale in ihrer linken Hand und gießt sich Wasser über ihr Gesicht. Das schwarze Haar ist nach hinten zu einem Knoten zurück gekämmt.
Autor:
Fattaneh Haj Seyed Javadi, geboren 1945 in Schiraz, lebt in Isfahan. Sie studierte an den Hochschulen für Literatur und Fremdsprachen in Teheran und Isfahan und arbeitete mehrere Jahre als Lehrerin. Anfang der 90er Jahre übersetzte sie Jeffrey Arthurs Werk "Kain und Abel" ins Persische. Javadi ist verheiratet und hat zwei Töchter. Nach dem auch in deutscher Übersetzng sehr erfolgreichen Roman Der Morgen der Trunkenheit (1995, Insel 2000) wurde ihr zweites Buch In der Abgeschiedenheit des Schlafs (2002) ebenfalls zu einem Bestseller im Iran.
Inhalt:
Teheran Anfang der dreißiger Jahre. Nachdem die selbstbewusste Mahbube mit ihren fünfzehn Jahren den Sohn einer Prinzessin abgelehnt hat, weist sie auch ihren Cousin zurück, der in sie verliebt ist. Warum? Das Mädchen hat sich in einen jungen Schreiner verguckt, und sie besteht auf ihrer Wahl. Wider Willen ringt der Vater sich dazu durch, ihr nachzugeben. Die Tochter erhält zur Hochzeit ein Häuschen und monatlich Kostgeld, aber das Elternhaus darf sie nicht mehr betreten. Die persische Autorin zeigt, dass Mahbubes Leidenschaft den Bedingungen dieser Ehe nicht gewachsen ist. Die junge Frau findet sich mit Ärmlichkeit und verletzenden Umgangsformen nicht ab. Nachdem ihr Sohn im Alter von fünf Jahren ertrunken ist, hält sie nichts mehr. Als verlorene Tochter kehrt sie zurück - um die Nebenfrau ausgerechnet des abgewiesenen Cousins zu werden.
Textausschnitt:
Warum sollte sie nicht den Mann heiraten dürfen, den sie liebte? Sudabeh wehrt sich gegen ihre Eltern, die gewichtige Einwände gegen diese Liebesheirat haben - der Auserwählte wäre nun mal nicht standesgemäß. Aber das war gar nicht das gewichtigste Argument: nicht, dass er aus einer andere gesellschaftlichen Schicht stamme, würde ein glückliches Zusammenleben so erschweren, sondern sein fehlendes Interesse an allem, was Sudabehs Leben bislang geprägt hatte; Literatur, Studium, Kunst - das alles würde sie für ihn aufgeben.
Da erinnert sich Sudabeh an die ihre Tante; diese hatte doch auch schon, in ihrer Jugend, eine nicht standesgemäße Liebesheirat schließen dürfen! Und ihrem Urteil würde sie sich auch unterwerfen, verspricht sie. Also beginnt Mahbube zu erzählen - von der Zeit, als sie und ihre Schwestern erwachsen wurden.
Mahbube war attraktiv; an Heiratsbewerbern fehlte es nicht. Und ihre Eltern drängten sie auch nicht; sie musste den Prinzen nicht wählen, obwohl es eine sehr vorteilhafte Partie gewesen wäre, und auch sonst genoss sie eine Menge Freiheiten. Diese Freizügigkeit war es auch, die sie erstmals mit dem jungen Tischler Rahim in Berührung brachte; ein Geselle war er bloß, aber dieses Haar! Diese Augen! Und obwohl ihr die Unschicklichkeit ihres Handelns durchaus bewusst war, wählte sie fortan häufiger den Weg durch die Gasse, die an seiner Werkstatt vorbeiführte.
Dann kam die Zeit, als ihre Eltern keinen Grund mehr sahen, den Bräutigam abzulehnen. Mahbubes Cousin, Mansur, hielt um ihre Hand an - und diesmal wird ihr Nein nicht akzeptiert. Erst Mansur selbst, dem sie von ihrer Liebe zum Tischler erzählt, erlöst sie von der Aussicht, eine ungewollte Ehe einzugehen. Doch nun fängt die Tortur erst an. Der Standesunterschied wird ihr vorgehalten, seine Unfähigkeit, ihr den gewohnten Standard zu bieten, die Unschicklichkeit, die Schande - doch nichts kann sie von ihrem Vorhaben abhalten. Ihr Verfall, ihre Ausdauer geben schließlich den Ausschlag: ihr Vater kauft ein kleines Haus in der Stadt, kauft einen eigenen Tischlerladen für Rahmin, und lässt seine Tochter heiraten. Kein Vergleich mit den festlichen Zeremonien, die bei der Hochzeit ihrer Schwester gefeiert wurden; keine Segenssprüche des Vaters. Nur zwei Versprechen gab er ihr mit: Dass sie nie an den Mann gefesselt sein möge, den sie da heirate - und dass sie sein Haus nicht mehr betreten dürfe, solange sie es wäre.
Doch anfangs ist Mahbube glücklich. Glücklich, obwohl jetzt keine Dienerin mehr da ist, die das Essen bereitet, die das Geschirr spült, die das Haus sauber hält. Anfangs ist Rahmin noch voller Aufmerksamkeit, lässt nicht zu, dass die zarten Hände seiner Frau mit solchen Tätigkeiten belastet werden.
Doch langsam gewöhnt er sich daran, dass monatlich Geld ins Haus gebracht wird, vernachlässigt seine Arbeit - und vor allem: lässt seine Mutter beim jungen Paar einziehen. Und spätestens ab jetzt wird Mahbubes Leben zur Hölle, aus der sie erst Jahre später entkommen kann...
Schreibstil:
beeindruckend, spannend, überzeugend, interessant
Meinung:
In den 90er Jahren erzählt eine Iranerin, die sehr betagt ist, ihr Leben. Ihre Nichte hört ihr zu. Sie war die Tochter einer reichen Familie und stammte aus einem Adelsgeschlecht. So schildert sie ihr Leben in Teheran mit den Veränderungen, die Politik und historische Ereignisse mit sich bringen. Als junge Frau verliebt sie sich in einen Mann, der ihrem Stand nicht entspricht, aber für diese Liebe kämpft.
Der Roman ist verblüffend eindrucksvoll, lebensecht, voller Gefühle und Wärme gekennzeichnet. Es ist wunderbar, an der Geschichte der Mahbube teilzuhaben. Um ihre Liebe leben zu können nach eigenen Vorstellungen, heiratet sie gegen alle Regeln und Verbote diesen Mann und wird von der eigenen Familie verstoßen. Sie besitzt von einem Tag zum anderen nichts anderes mehr als das, was dieser Mann für sie bereit hält. Sehr ausgefeilt ist die Geschichte zu lesen. Die Beschreibungen über den Irak sind farbenprächtig, holen den Leser in die Welt der Schriftstellerin. Wir werden verführt oder auch entführt auf eine weite Reise in die Vergangenheit. Die Tradition und die Kultur, die Rituale und die Räumlichkeiten des Adels rollen sich auf wie ein orientalischer Teppich und wir tauchen ein. Die reiche Familie hatte sehr viele Bedienstete und ein Blumenmeer rund um das Haus. Ihre Mutter hieß Nazanin. Eine Lehrerin brachte ihr bei, einen wohlhabenden Haushalt zu führen. Der Vater las seinen Töchtern gerne Gedichte vor.
Die Autorin versetzt uns hier in die Märchen von 1001 Nacht. Ein Palast und sehr großer Reichtum. Prinzen werben um sie und auch ein Cousin macht ihr einen Heiratsantrag. Die 15 jährige Mahbube aber lehnt dankend ab. Sie lernte ja den Schreiner kennen, den sie uach gegen jede Vernunft heiratet. Der aber ist eher arbeitsscheu. Die Schwiegermutter lässt ebenfalls kein gutes Haar an dem Mädchen. Also kehrt sie eines Tages wieder zu ihren Eltern zurück.
Die Gefühle des Mädchens, das zwischen Liebe zu dem Mann, aber auch sehnsüchtig zurück in ihr altes Leben blickt, ist nachvollziehbar. Der Schmerz und die ineere Zerrissenheit sind spürbar. Die Geschichte fesselt und zieht in den Bann, so dass ich am liebsten immer weiter gelesen hätte.
Der Roman enthält eine Gliederung von 3 Kapiteln. Einmal geht es um Mahbube als Mädchen in Teheran, die eigenwillig, jedoch auch mutig in die Welt schaut. Sie ist in dieser Zeit sehr kindlich, jedoch begehrenswert, unschuldig und stark. Sie wächst zu einer jungen Frau heran, die das Schicksal einholt und sie reifen lässt.
Die wortgewaltige Sprache beeindruckte mich sehr und auch alle Darstellungen der beschriebenen Szenen. Die Frau blieb vor nichts verschont. Ich bewunderte ihren Mut und das Durchsezungsvermögen, ihren Weg zu gehen und aus ihren Fehlern zu lernen und Schlüsse zu ziehen. Sie selbst hielt die Fäden für ihr Dasein und Leben in der Hand, nicht die anderen.
Persische Namen sind in einem Glossar beschrieben.
38 Bewertungen, 9 Kommentare
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29.06.2010, 21:50 Uhr von Pumasun, Bewertung: sehr hilfreich
klasse Bericht, schön geschrieben. Lg
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29.06.2010, 20:03 Uhr von Striker1981, Bewertung: sehr hilfreich
SH und Liebe Grüße vom STRIKER ;)
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29.06.2010, 18:25 Uhr von topfmops, Bewertung: sehr hilfreich
Jeden Morgen besoffen ist auch ein geregeltes Leben.
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29.06.2010, 13:15 Uhr von austin77, Bewertung: sehr hilfreich
du liest bei mir und ich bei dir, so macht yopi Spaß. liebe Grüße
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29.06.2010, 10:29 Uhr von XXLALF, Bewertung: sehr hilfreich
und einen wunderschönen tag und ganz liebe grüße
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29.06.2010, 09:29 Uhr von Michaela2015, Bewertung: sehr hilfreich
guter Bericht, lg Michi
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29.06.2010, 09:26 Uhr von Dewin92, Bewertung: sehr hilfreich
schöner bericht...ich würde mich über gegenlesung sehr freuen ;)
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29.06.2010, 08:45 Uhr von Iris1979, Bewertung: sehr hilfreich
Super Bericht. LG Iris
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29.06.2010, 08:39 Uhr von catmum68, Bewertung: sehr hilfreich
sehr hilfreicher Bericht, LG


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