Das andere Universum (gebundene Ausgabe) / Frederic Brown Testbericht

Leider kein Preis
verfügbar
Auf yopi.de gelistet seit 10/2010
Produktübersicht
5 Sterne
(0)
4 Sterne
(0)
3 Sterne
(0)
2 Sterne
(1)
1 Stern
(0)
0 Sterne
(0)
Meinung schreiben
Verdienen Sie bis zu 5,00 € pro Erfahrungsbericht! Als Community-Mitglied erhalten Sie für Ihren Erfahrungsbericht einmalig 5 Cent und zusätzlich 0,5 Cent pro positiver Bewertung innerhalb der nächsten 6 Monate.
Erfahrungsbericht
Summe aller Bewertungen
  • Aufmachung:  gut
  • Niveau:  anspruchslos
  • Unterhaltungswert:  hoch
  • Spannung:  hoch
  • Humor:  durchschnittlich
  • Wie ergreifend ist die Story?:  berührt kaum
  • Stil:  ausschmückend

Erfahrungsbericht von mima007

Metafiktion gegen die Klischees der Science Fiction

  • Aufmachung:  gut
  • Niveau:  anspruchslos
  • Unterhaltungswert:  hoch
  • Spannung:  hoch
  • Humor:  durchschnittlich
  • Wie ergreifend ist die Story?:  berührt kaum
  • Zielgruppe:  jedermann
  • Stil:  ausschmückend
  • Seitenzahl:  100 bis 200

Pro:

spannend, unterhaltsam, witzig, romantisch, kompetent übersetzt

Kontra:

gibt’s nur noch bei Booklooker, Ebay & Co. , wirkt heute veraltet und harmlos

Empfehlung:

Ja

Der Blitz einer gigantischen Explosion blendet Keith Winton, und unvermittelt findet er sich in einem anderen Universum wieder: einer Parallelwelt, die zwar fast so aussieht wie seine, die aber von Aliens besucht wird und sich im Krieg mit mysteriösen Arcturiern befindet. Man will ihn töten, weil er eine verbotene Halbdollarmünze verkaufen will, und er gerät in die verdunkelten Straßen des nächtlichen New York, wo unsichtbare Kreaturen ihm nach dem Leben trachten. Des Rätsels Lösung muss auf bei der Raumflotte zu finden sein. Doch wie soll er dorthin gelangen? Als einfallsreicher Chefredakteur fällt ihm auch dazu etwas ein…

Der Autor
°°°°°°°°°°°°°

Fredric William Brown (1906-1972), ein Journalist aus Cincinnati, Ohio, gehörte laut Heyne SF-Lexikon „zu den wenigen Autoren, die auch lustige und gelegentlich satirische Texte schreiben konnten“. Der vorliegende Roman „What mad universe“, sein Debüt von 1949, nimmt das Genre auf die Hörner. Das Paralleluniversum ist mit SF-Klischees nur so gespickt.
Ein weiterer lustiger Roman ist „Martians, Go Home“ (1954 im Magazin, 1955 als Buch; dt. als „Die grünen Teufel vom Mars“). Sie könnten als Vorlage für Tim Burtons Mars-Film gedient haben. Sie treiben die Erdenbürger in den Wahnsinn, indem sie ihnen jedes Privatleben nehmen und auch sonst höchst despektierlich auftreten.
Browns „ernsthafte“ Romane sind „The lights in the sky are stars“ von 1953, „Rogue in space“ (1957) und „The mind thing“ (1960). Sie fallen gegenüber den zwei Debüts ein wenig ab. Ich selbst kennen Fredric Brown als meisterhaften Autor von Kurzgeschichten, der selbst noch in zwei kurzen Sätzen Witz, Horror und Staunen hervorzurufen wusste: “Nach dem letzten atomaren Krieg war die Erde ein toter Stern; nichts wuchs mehr, kein Tier hatte überlebt. Der letzte Mensch auf der Erde saß allein in einem Zimmer. Da klopfte es an der Tür...“

In Sammlungen wie „Angels and spaceships“ (1954), „Honeymoon in hell“ (1958) sowie „Nightmares and Geezenstacks“ (1961) sind kurze und längere Skizzen zu finden, wobei die dritte auch phantastische und Krimi-Stories enthält. Denn Brown schrieb auch ein gutes Dutzend vorzügliche Kriminalromane sowie mit „The Office“ einen Mainstream-Roman. Seine bekannteste Kurzgeschichte dürfte „Arena“ aus dem Jahr 1944 sein, die mehrfach verfilmt wurde. (Siehe meinen Bericht zu Isaac Asimovs Auswahlband „Science Fiction aus den goldenen Jahren“.)

Handlung
°°°°°°°°°°°°°

Keith Winton ist der erfolgreiche Chefredakteur des Science-Fiction-Magazins „Erstaunliche Geschichten“. Auf dem feudalen Landsitz seines Verlergers L.A. Borden erholt er sich von den Strapazen des Verlagsgeschäfts, dem er sonst in New York City nachgeht. Hier verbringt auch seine Kollegin, die attraktive Betty Hadley, das Wochenende und spielt eine Partie Tennis mit ihm. Sie gibt das Magazin für romantische Liebesgeschichten heraus. Keith hofft, sie bald wiederzusehen, als sie abreist. Während er sich auf der Terrasse den leserzuschriften widmet, wartet er auf die vür den Nachmittag angekündigte Explosion auf dem Mond. Eine neuartige Raketen soll dort eine gewaltige elektrische Ladung zu Entladung bringen und zur Erde zurückkehren.

Das wissenschaftliche Experiment hat ungeahnte Folgen. Die lunare Entladung verändert Keiths Universum ebenso wie die nachfolgende Explosion der Rakete über L.A. Bordens Lansitz – mit Keith mittendrin. Als er aus seiner Bewusstlosigkeit wieder erwacht, findet er keine Menschenseele um sich herum. Er geht zur Straße und stoppt den erstbesten Wagen: Es ist ein altes klappriges Modell T von Ford, eine „Tin Lizzy“. Der Farmer bringt ihn nach Greenefield, die nächste Kleinstadt.

Die Stadt sieht aus wie sonst auch, bis auf die altmodischen Autos auf den Straßen und die Kleider der Passanten. Der Münzautomat nimmt keine Cents und Dollars an, aber als Keith im Drugstore Wechselgeld haben will, schaut ihn der Verkäufer verschwörerisch an und schaut sich vorsichtig um: Er würde den Vierteldollar von 1935 ja gerne unter der Hand erwerben – wären 1000 Credits in Ordnung? Sammlerpreis, versteht sich. Keith schaut nur erstaunt, solange, bis er den Verkäufer auf 2000 Credits hochgetrieben hat. Man hat hier keine Dollars mehr, soso. Aber wenigstens kann er jetzt telefonieren. Betty Hadley ist leider nicht im Verlag zu erreichen. Wenigstens gibt es sie noch.

Es erweist sich als Fehler, auch noch einen Halbdollar wechseln zu wollen. Diesmal schreit der Verkäufer Zeter und Mordio, er werde von einem arkturischen Spion angegriffen. Ein purpirfarbenes Monster stürzt sich auf Keith, der reaktionsschnell die Kurve kratzt. Ein Schuss verletzt ihn am Oberarm, bevor er untertauchen kann. Wenigstens kommt er am nächsten Tag unbehelligt nach New York City, allerdings an strengen Personenkontrollen vorbei. Erschüttert stellt Keith fest, dass alle Bürger – und Cops sowieso – ungestraft sofort auf einen arkturischen Spion feuern dürfen.

Wenigstens kommt er abends lebendig in New York an, doch der Bahnhof ist voller Liegen, auf denen Bürger schlafen. Warum schlafen sie nicht zu Hause? Als er sagt, er wolle weiter, erklärt man ihn für lebensmüde, hindert ihn aber nicht daran, das Gebäude zu verlassen. Dumm nur, dass es draußen stockdunkel ist und er nicht mal die Hand vor Augen sehen kann. Von den einst so strahlend hell erleuchteten Straßen am Broadway keine Spur. Nicht einmal Mond und Sterne sind zu sehen.

Mit einem entzündeten Streichholz macht er sich auf den Weg, um seine eigene Wohnung im Greenwich Village zu erreichen. Doch er kommt keine fünf Schritte weit, als er bereits von einem kerl mit einer Keule überfallen wird. Er kann sich des Angriffs erwehren, doch wenig später hört er in der Finsternis, wie ihm jemand nachschleicht…

Mein Eindruck
°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Wen dieses Szenario, das der Autor anno 1949 (Magazinfassung) entwarf, an den Zweiten Weltkrieg erinnert, liegt völlig richtig. Im Gewand eines SF-Romans, der sich in einem SF-Roman mit doppeltem Boden versteckt, treten dem Leser die Schreckgespenster des Krieges entgegen, den die Amerikaner seinerzeit überwunden zu haben glaubten – nur um dann in den Koreakrieg und anschließend in den Vietnamkrieg einzutreten.

Natürlich erlebten die Amerikaner selbst keinerlei Verdunkelung, wie sie während der Krieges in Europa obligatorisch war. Deshalb kann der Autor diese bizarren Szenen auch als Zukunftsmusik verkaufen. In Wahrheit sind sie jedoch ernste Warnungen vor einer Wiederholung des soeben Überlebten.

Nicht umsonst beginnt die Geschichte mit zwei gigantischen Explosionen. Selbst wenn die erste nur auf dem fernen Mond stattfindet, so ereignet sich doch die zweite unweit von New York City – ein Mentekel, das dem Leser den Horror einer Atombombenexplosion naherücken soll . Der Autor stand offensichtlich – wie sicher nicht wenige seiner Leser – unter dem Eindruck der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki. Das Atomzeitalter, das er so für unsere Zeit ankündigt, verheißt nichts Gutes. Noch immer spielt der Mensch mit Kräften herum, die er nicht kontrollieren kann.

Wie in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts spielt sich in der Geschichte ein intergalaktischer Krieg ab. Die Arcturier greifen an! E.E. ‚Doc’ Smith würde jetzt die Lensmen von der Galaktischen Patrouille aussenden, um die schröcklichen Aliens mit den Glubschaugen – die Bug-eyed monsters (BEMs) – in die Schranken zu weisen und die Hegemonie der Erde wiederherzustellen.

Jetzt trifft es sich gut, dass „unser Mann vor Ort“ sich bestens mit Science Fiction auskennt. Dass allerdings die besagten Monstren friedlich durch New Yorker Straßen laufen, jagt auch ihm erst mal einen Schrecken ein. Das ganze Szenario des Krieges mit Aliens kommt ihm aus den wilden Geschichten seiner Autoren dennoch vertraut vor. Selbst die Jagd nach Spionen ist in Zeiten des Krieges nicht unbekannt. Mit dem Unterschied, dass Keith Winton jetzt der Gejagte ist. Das macht seinen Aufenthalt in der Stadt etwas pikanter.

Die Tatsache, dass er sich nun in einer Parallelwelt befindet, geht ihm erst allmählich auf. Womöglich gibt es ihn auch hier bereits? Und vielleicht sogar die süße Betty Hadley? Beide trifft zu, wie er halb besorgt, halb entzückt herausfindet. Doch wie an die Angebtete herankommen? Am besten als Autor von SF-Geschichten, denkt er sich, und liefert seinem Gegenstück ein paar hingeklopfte Stories ab. Ganz schlechte Idee! Sein Gegenstück erkennt nämlich eigene Machwerke darin und verdächtigt nun Keith ebenfalls als arkturischen Spion…

Metafiction

Der Roman über ein angeblich bizarres und verrücktes Universum ist in Wahrheit auch ein Kommentar über Science Fiction selbst, also Metafiction. Keith findet heraus, dass seine Parallelwelt von den Gedanken, Wünschen und Vorstellungen eines seiner eigenen leser geprägt ist, also von einem SF-Fan. Kein Wunder also, dass es hier von Versatzstücken nur so wimmelt: intergalaktischer Krieg, Superwaffen, Psi-Roboter, BEMs – und natürlich Weltraummädchen (spacegirls).

Dem Comic-Leser von damals waren Weltraummädchen durchaus vertraut. Sie hießen seinerzeit „Wonderwoman“ und „Supergirl“, ja, sie wurden sogar verfilmt. Allerdings durften die Ärmsten keine Bikinis tragen wie Betty Hadley, sondern mussten eine Art Ganzkörperkondom drüberziehen, um ihre weiblichen Rundungen zu verbergen. Nach dem Motto: Bitte nur retten, nicht schmusen! Betty hingegen hat’s gut: Neben dem trägerlosen Bikini braucht sie nur ein heißes Höschen sowie hohe Schaftstiefel zu tragen, fertig ist die Weltraum-Montur.

Der Autor macht sich hier natürlich über die Klischees lustig, die der SF-Leser, der Keiths Parallelwelt entwarf, am liebsten sind. Hier richtet sich sein Roman auf versteckte Weise gegen seinen eigenen Leser. Für den intelligenten Leser – soll’s ja auch geben – war das natürlich ein ironischvergnüglicher Leckerbissen.

Wie die Geschichte ausgeht? Gut natürlich! Schließlich hat Keith ja hilfreiches Wissen in seinem Hinterkopf, mit dessen Hilfe sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen lassen: Er vernichtet damit das arkturische Supermegagigaraumschiff – und lässt sich von der Explosion zurück in seine eigene Welt versetzen. Und dort erwartet ihn bereits sehnsüchtig – na, wer wohl?

Unterm Strich
°°°°°°°°°°°°°°°°°

Der temporeiche und spannende, kurze Roman präsentiert zwei Universen, die in sich geschlossen sind. Zunächst ist da die erste Geschichte um Keith Winton, den Chefredakteur eines SF-Magazins. Ihn verschlägt es in ein Paralleluniversum, das sich als Fiktion eines seiner SF-Leser entpuppt. Als er zurückkehrt, wird auch sein eigenes Universum als Fiktion erkennbar. Beide Universen sind Wunscherfüllungsmaschinen.

Was sagt dies über unsere eigene Welt aus? Sie ist nichts anderes. Nur mit dem Unterschied, dass das individuelle Universum des Einzelnen (idios kosmos) sich ständig mit dem Universum der Gemeinschaft (koinos moskos) auseinandersetzen muss und somit reguliert wird. Aber welche Wünsche und Träume und Ziele setzt sich diese Gemeinschaft?

Dies hinterfragen Geschichten wie diese, indem sie Metafiction erzählen und sichtbar machen: Alle unsere Universen sind nicht das, was sie an sich sind, sondern, was wir in ihnen sind. Und somit werden sie sowohl hinterfragbar als auch relativiert. Es sit nicht die SF allein, die Träume spinnt, die „ver-rückt“ wirken.

Als eifriger Leser von SF bin ich mit den Versatzstücken vertraut, die der Autor in dem integrierten Paralleluniversum seinem Helden präsentiert. Doch statt blasiert zu sein, ist Keith erstens verwundert und zweitens amüsiert. Er findet sich nicht wie ein Dick’scher Held völlig entfremdet, sondern wie zu Hause. Daher kann er auch im Bezugsrahmen der anderen Welt aktiv werden. Er darf sich seine Ahnungslosigkeit nur nicht anmerken lassen. Das macht die Story doch recht vergnüglich und spannend. Bis zum Schluss bleibt offen, ob er die Erde 2.0 retten kann und ob er zu seiner eigenen Erde 1.0 zurückgelangt.

Daher bleibt das Buch bis zum Schluss spannend. Allerdings sind die Ideen uns heute allzu vertraut und könnten banal wirken. Deshalb fällt die Bewertung nur durchschnittlich aus.

Fazit: drei von fünf Sternen.

Michael Matzer © 2010ff

Info: What mad universe, 1949; Heyne, 1970, München, Nr. 06/3215; 141 Seiten, aus dem US-Englischen von Werner Gronwald; ohne ISBN.

51 Bewertungen, 15 Kommentare

  • hexi5

    28.01.2011, 14:28 Uhr von hexi5, Bewertung: sehr hilfreich

    lieben Gruß und noch einen schönen Wochenstart^^

  • hameln58

    18.11.2010, 11:37 Uhr von hameln58, Bewertung: sehr hilfreich

    Liebe Grüße .... Gina

  • Sommergirl

    12.11.2010, 11:55 Uhr von Sommergirl, Bewertung: besonders wertvoll

    klingt ganz spannend

  • Zatzeck0805

    28.10.2010, 21:52 Uhr von Zatzeck0805, Bewertung: besonders wertvoll

  • Tweety30

    28.10.2010, 18:42 Uhr von Tweety30, Bewertung: besonders wertvoll

    BW und liebe Grüße!

  • hundeliebe02

    28.10.2010, 14:10 Uhr von hundeliebe02, Bewertung: besonders wertvoll

    Liebe Grüße Edith und Claus

  • katjafranke

    27.10.2010, 20:46 Uhr von katjafranke, Bewertung: besonders wertvoll

    Liebe Grüße KATJA.....

  • morla

    27.10.2010, 19:26 Uhr von morla, Bewertung: sehr hilfreich

    lg. ^^^^^^^^^^^^^petra

  • catmum68

    27.10.2010, 18:41 Uhr von catmum68, Bewertung: besonders wertvoll

    besonders wertvoller Bericht, LG

  • Lale

    27.10.2010, 18:15 Uhr von Lale, Bewertung: besonders wertvoll

    Allerbesten Gruß *~*

  • tina08

    27.10.2010, 17:22 Uhr von tina08, Bewertung: sehr hilfreich

    Viele Grüße ..... Tina

  • XXLALF

    27.10.2010, 17:01 Uhr von XXLALF, Bewertung: besonders wertvoll

    und ganz liebe grüße

  • KaTaRaGiRl

    27.10.2010, 16:59 Uhr von KaTaRaGiRl, Bewertung: besonders wertvoll

    Ich würde mich sehr über Gegenlesungen freuen. glg

  • topware2002

    27.10.2010, 16:52 Uhr von topware2002, Bewertung: besonders wertvoll

    Ich kann zwar mit dem Thema ansich nichts anfangen, aber Dein Bericht hat ein BW verdient.

  • Lanch999

    27.10.2010, 16:49 Uhr von Lanch999, Bewertung: besonders wertvoll

    Klasse Bericht! BW und LG von Lanch999 Würd mich freuen wenn du bei meinen Berichten vorbeischaust! :D