Pro:
durchaus noble Aufmachung, Beilagen für die Kiddies
Kontra:
mangelnde redaktionelle Kompetenz und Aktualität
Empfehlung:
Nein
Dass die fernöstliche Anime- und Mangakultur hierzulande immer noch ein verpöntes Randgruppenhobby für Kinder oder Perverse ist – von diesen beiden Tatsachen ist eine nicht unbedingt ganz wahrheitsgemäß, go figure – ist kein Geheimnis. Über dieses Problem zu schreiben macht nicht unbedingt den größten Spaß, denn irgendwann ist man es leid, sich für etwas rechtfertigen zu müssen, das an und für sich keiner Rechtfertigung bedarf. Dennoch – zahlreiche Kommentare à la „also ich mag diese Mangas nicht“ von Menschen, deren Verständnis und Aufnahmefähigkeit wahrscheinlich noch nie über den Pokemon/Dragonball Horizont hinausging und auch wahrscheinlich nicht gehen wird, werden es wieder provozieren – dennoch fühlt man sich all zu oft in die Defensive gedrängt. In Japan gibt es halt nicht nur Anime für Kinder, sondern auch „erwachsenengerechte“ Unterhaltung, hierzulande hat man sich leider auf die jüngere Zielgruppe beschränkt. Dennoch: mittlerweile dürften wir alle so weit vernetzt sein, dass man die schrecklichen Mutationen, die der deutsche Markt hervorgebracht hat, weitestgehend ignorieren kann und sich auch an seiner Zielgruppe gerecht werdenden Japanimation erfreuen kann. Es mag – das bestreite ich gar nicht, und die folgenden Zeilen werden es wohl weiter untermauern – die leicht zu beeinflussenden Kiddies und eventuell auch ein paar Menschen mit, nun ja, ausgefallenerem Geschmack (Tentakel, anyone?) durchaus geben – aber muss man sie deshalb alle über einen Kamm scheren? Nein? Na also.
Und hier setzt die eigentliche Rezension ein (nachdem ich mich wieder einmal für etwas gerechtfertigt habe, das keiner Rechtfertigung bedarf), denn ein Spagat zwischen Credibility und Massenappeal – zwischen der Präsentation von wirklich anspruchsvoller östlicher Unterhaltung für einen westlichen Markt und simplem Yu-Gi-Oh-Kommerz – so ein Spagat ist keine einfache Sache. Wenige Fachzeitschriften nehmen sich der Sache an und die meisten scheitern gar spektakulär. So auch die AnimaniA, Deutschlands auflagenstärkstes Magazin, dass sich mit Anime und Manga beschäftigt. Seit 1994 ist die Zeitschrift auf dem Markt und erfreut sich seitdem zunehmender Beliebtheit. Für 3,90 € bekommt man beim Zeitschriftendealer seines Vertrauens ein knapp 70-seitiges Heftchen in die Hand gedrückt, das zuallererst einmal durch die noble Aufmachung (gutes Papier und Hochglanzcover) ins Auge fällt. Nach kurzem Blättern steht fest, dass das klare, mit zahlreichen qualitativ recht guten Bildern bestückte Layout ebenfalls zu überzeugen weiß. Ein Poster und diverse Sammelpostkarten als Beilagen sind zwar nicht unbedingt notwendig (für mich eigentlich eher überflüssig), aber der ein oder andere Fanboy wird sich sicherlich auch von den Beilagen zum Kauf verführen lassen...
(Ich sollte wohl anmerken, dass für diese Rezension die Juniausgabe 2003 von mir auf Herz und Nieren geprüft wurde. Als Grundlage für ein wirklich allumfassendes Urteil mag das etwas wenig sein, allerdings glaube ich nicht, dass die Qualität ausgabenabhängig ist und meine abschließende Bewertung sich somit bestenfalls um einen Punkt – nach oben oder gar nach unten – ändern würde.)
So weit, so gut. Der erste Eindruck ist durchweg vielversprechend, das Magazin ist gekauft, los geht’s. Positiv überrascht war ich übrigens von der geringen Anzahl ganzseitiger Anzeigen oder sonstiger Werbung (insgesamt 7 Seiten sind durchaus vertretbar). Die Themenauswahl klang vielversprechend und war auch der Grund für den Kauf. Ein Interview mit Hayao Miyazaki sowie ein Bericht über dessen oscarprämierten „Sen to Chihiro na Kamikakushi“ (Chihiros Reise ins Zauberland) waren schon Grund genug, weiterhin versprach man dem Leser Wissenswertes über VIVAs neue „Animeoffensive“, das geniale „Love Hina“, die Animatrix und andere Schmankerl. Ich könnte noch weiterhin um den heißen Brei reden und sämtliche Inhalte aufzählen (die allerdings auch auf www.animania.de aufgelistet sind), doch kommen wir gleich zur Conclusio: ich bin enttäuscht, und zwar maßlos. Der verlockende Artikel zum neuen Film Miyazakis ist gerade mal eine Seite lang und quasi reine Inhaltsangabe – nichts, was ich nicht schon vorher gewusst hätte. Das (schon nicht mehr ganz taufrische, da schon vor einigen Monaten geführte) Interview mit dem Meister selbst zeigt eindrucksvoll, wie man ein schlechtes Interview führt, indem man einfach Frage an Frage reiht und nicht einmal auf die Antworten seines Gegenübers eingeht. Der Programmdirektor von VIVA erweist sich als Dummschwätzer (Angel Sanctuary gehört zu den besten Animes überhaupt? Na dann is ja gut. Und Dein Lieblingsanime ist natürlich (!) Ghost in the Shell. Welch Überraschung. Baka.) und die „Love Hina“ Rezension könnte schlechter nicht geschrieben sein (Zitat: „Die Animationsqualität ist Durchschnitt auf hohem Niveau.“).
Apropos schlecht geschrieben: das trifft leider auch auf die restlichen Artikel zu. Besondere Kompetenz im Umgang mit der geschriebenen Sprache ist jedenfalls zu keinem Zeitpunkt erkenntlich. Beim Verfassen von Artikeln scheint man sch auch eher auf den Inhalt zu konzentrieren als auf ein aussagekräftiges Urteil. Zu den weiteren Inhalten lässt sich sagen: durchweg uninteressant. Die vorgestellten Serien (Ranma, Najica, One Piece) verfehlen mich in punkto Zielgruppe um mindestens fünf lange Jahre, das Special „Anime-Charaktere drücken die Schulbank“ haut mich ebenfalls nicht vom Hocker und die Berichterstattung über die aktuellen japanischen Anime ließ mich laut auflachen. „Witch Hunter Robin“ mag hierzulande noch längst nicht erschienen sein, aber aktuell ist die Serie auch in Japan seit einem halben Jahr nicht mehr. Wer „das Neueste vom Neuesten“ erfahren will, der liegt hier falsch.
Klar: dass man wenig bis gar nichts über anspruchsvollere Machwerke liest und stattdessen mit diversem Mainstreamtrash abgespeist wird, daran kann auch ein einzelnes Magazin nichts ändern, so lange die deutsche Veröffentlichungspolitik ihre Zielgruppe unter den 12-15jährigen sucht. Dennoch: wenigstens ein bisschen „Mut zur Lücke“ wäre wünschenswert.
Die redaktionellen Inhalte sind also mehr als mau, aktuelle Berichterstattung bekommt man auch nicht unbedingt. Hand aufs Herz: ist diese Zeitschrift vielleicht irgendwie überflüssig? Absolut. Besitzer eines Internetanschlusses finden im Netz alles, was das Herz begehrt.
Aktuelle, deutschsprachige Neuigkeiten gibt es bei www.animexx.de, wer der englischen Sprache mächtig ist, findet unter www.animetempy.com einen Riesenhaufen Reviews und unter http://www.point-blank.cc die neuesten Fansub-Veröffentlichungstermine (Fansubs, also von Fans angefertigte Übersetzungen nicht lizensierter Animeserien, die zudem „gratis“ im Internet erhältlich sind, werden in der AnimaniA übrigens totgeschwiegen. Stattdessen werden die abartig teuren Produkte des deutschen Vertriebs ACOG in den Himmel gelobt. Pfui!).
Wer es dennoch nicht lassen kann, der möge sich unter www.animania.de Klarheit verschaffen. Von dort aus lässt sich die Zeitschrift abonnieren (ein Jahresabo à 10 Ausgaben kostet derzeit 38,50 €), zudem sind alle wichtigen Kontaktadressen ersichtlich. Allein der desolate Zustand der Homepage sollte allerdings schon Abschreckung genug sein.
Was bleibt? Das irgendwie ungute Gefühl, 3,90 € umsonst investiert zu haben. Und die Gewissheit, dass es auch auf lange Sicht unmöglich sein wird, mittels derart amateurhafter Berichterstattung hierzulande auch nur den Hauch einer Chance zu haben, japanische Animationskunst vom Image des Kinderkrams zu befreien. Eine Zeitschrift wie die AnimaniA muss notgedrungen mit dem Mainstream schwimmen um überleben zu können, doch von einer sogenannten Fachzeitschrift erwarte ich etwas mehr. Insidertipps jenseits ausgetretener Pfade vielleicht, redaktionelle Kompetenz aber auf jeden Fall. Und so oft ich diese Zeitschrift auch durchblättere und mich über die bunten Bilder freue, einen guten Artikel habe ich bis jetzt noch nicht entdeckt. 2 von 6 Punkten.
Thomas Faust, 04.06.2003 (dieser Bericht ist auch bei www.ciao.com zu finden) weiterlesen schließen
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