Pro:
eine der schönsten Landschaften Europas
Kontra:
man braucht dort 2-3 Wochen Zeit und passendes Wetter
Empfehlung:
Ja
Frankreich ist groß und bietet viele Möglichkeiten. Doch wer einen Urlaub in Frankreich in Erwägung zieht, denkt hierzulande in erster Linie an Südfrankreich mit der Côte d'Azur. Denn dort kann man sich meist auf der Sonnenseite wähnen, die nicht nur das Wetter sozusagen garantiert, sondern die auch von Orten wie Cannes, Nizza oder Monaco repräsentiert wird, wo die Reichen und Schönen bevorzugt anzutreffen sind. Natürlich fahren auch viele Franzosen dorthin in Urlaub, eben aus besagten Gründen. Dennoch steht die Bretagne als beliebtestes Ferienziel unserer westlichen Nachbarn dem sonnigen Süden des Landes in nichts nach. Denn auch hier gilt: Manche mögen's heiß, aber längst nicht alle.
So bestand auch bei mir seit geraumer Zeit der Wunsch, mal den äußersten Nordwesten Frankreichs zu erkunden. Des Fliegens müde, suchte ich Reiseziele, die auch mit dem Auto in angemessener Zeit erreichbar sind. Zwar hatte ich angedacht, mich dabei gegebenenfalls dieses Mal auch nur auf Deutschland zu beschränken. Doch wie bereits an anderer Stelle erwähnt, trieb es mich aufgrund aufkommender großer Hitze dann doch noch weiter westwärts und ans Meer.
Unser Auftakt am Mont Saint-Michel am Rande der Normandie war verheißungsvoll (siehe Beitrag "Die Pyramide im Meer"). Nun ziehen wir weiter gen Westen die Küste entlang. Wir passieren das reizende Seebad Cancale, bekannt als Zentrum der Austernzucht, und gelangen bald zur Pointe du Grouin, einem Kap, das Aussicht auf die Bucht von Mont Saint-Michel bietet. Vielleicht kann man bei klarer Sicht von hier aus sogar den Berg des heiligen Michaels sehen. Doch die hohen Temperaturen, die selbst hier in der Bretagne fast die ganze Zeit unseres Aufenthalts herrschen (bis zu 30°C), bescheren viel Dunst und damit mäßige Fernsicht. Wir unternehmen hier nur einen kleinen Rundgang am Kap, es ist am Vormittag noch nicht einmal übermäßig heiß, doch wir merken schon, dass die extreme Schwüle uns beiden heute sehr zu schaffen machen würde.
Bald erreichen wir Saint-Malo, eine Perle der Bretagne. Ich will mir hier nicht jede Stadt anschauen, aber Saint-Malo muss man gesehen haben! Saint-Malo ist eine alte Seeräuberstadt, Piraterie war einst ihre größte Einnahmequelle. Wie Saint-Michel war die Stadt einst eine Insel, zwei Dämme verbinden sie heute mit dem Festland. Die Korsaren sicherten ihre Festung mit einer hohen Mauer, die noch heute existiert und die Altstadt umschließt. Den besten Eindruck von Saint-Malo erhält man, indem man auf den Stadtmauern einmal ganz herum geht. So verbringen wir hier 1-2 Stunden und erhalten auf diese Weise herrliche Einblicke in das Altstadtzentrum ("Intra Muros") und Ausblicke auf Küste und Meer. Man trifft hier nicht nur auf lateinische Bezeichnungen, sondern vor allem auch auf keltische. Ortsnamen sind in der ganzen Bretagne immer auf französisch und auf bretonisch angeschrieben. Dabei wird sich derjenige, der mit der französischen Sprache nicht oder nur wenig vertraut ist, mit dem Bretonischen wesentlich leichter tun, denn es wird gesprochen wie geschrieben (z.B. "Kemper" statt "Quimper") und oft stellt die bretonische Schreibweise quasi eine Lautschrift der französischen Aussprache dar. Überhaupt ist man hier noch viel traditionsbewusster und heimatverbundener als es der Franzose ohnehin schon ist. Gerade den Einwohnern Saint-Malos sagt man nach, dass sie zuallererst "Malouins", dann Bretonen und schließlich Franzosen sind. Und danach kommt bei der "Grande Nation" ja ohnehin bei sehr vielen nichts mehr.
Über einen der Dämme, der ein Gezeitenkraftwerk enthält, verlassen wir Saint-Malo in Richtung Westen und schon sind wir in Dinard, das zu den elegantesten Seebädern der Bretagne zählt. Besonders Engländer sollen sich hier seit eh und je sehr wohl gefühlt haben, egal, ob es sich um Angehörige des Adelsstands oder der schreibenden Zunft handelt. So zog es u.a. Thomas Edward Lawrence ("Lawrence von Arabien") und Agatha Christie immer wieder hier her. Zwischen den vom Meer während der Ebbe zurückgelassenen Felsen sehen wir am Hafen unzählige Überreste von Hummern und anderen Schalentieren, als hätten die Restaurants die Überreste von den Tellern ihrer Gäste wieder ins Meer geworfen. Wir sehen wunderschöne breite Strände, die aufgrund der bestehenden Ebbe weit ins Meer gehen, wenn auch längst nicht mehr so weit, wie wir es am Mont Saint-Michel erlebt haben. Meereswasserschwimmbecken in Strandnähe sollen dem Badebegeisterten den Einstieg näher bringen.
Als nächstes fahren wir weiter nach Süden. Der Weg nach Dinan führt etwas ins Landesinnere. Dinan ist eine alte Stadt mit Häusern aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Doch die wenigen Kilometer Entfernung zum Meer haben die Hitze regelrecht zum Stehen gebracht. Beim Anblick eines uralten Holzhauses in der Rue L'Apport wird mir fast etwas mulmig, da ich mir vorstelle, dass solche Häuser bei der außergewöhnlichen Hitze leicht einem Brand zum Opfer fallen können. Aber offenbar haben sie Jahrhunderte unbeschadet überstanden. Die Stadt ist sicher einen längeren Rundgang wert, aber die Temperaturen sind auch am Nachmittag gegen 16 Uhr kaum zu ertragen, so dass wir die Überlegung, den Tag hier ausklingen zu lassen, schnell verwerfen. Es zieht uns doch wieder ans Meer, und somit steuern wir als nächstes das Cap Fréhel an, das wir nach 1-2 Stunden erreichen. Dort suchen wir uns ein Quartier in einem kleinen Ort in der Nähe des Kaps.
Während unserer kleinen Frankreich-Reise haben wir meist in Zwei-Sterne-Hotels gewohnt. Gerade diese Kategorie findet man in den kleinen Städtchen der Bretagne am häufigsten vor, und wir waren ausnahmslos damit zufrieden. Für ein Doppelzimmer inkl. Bad und WC (in Frankreich meist getrennt) zahlt man um die 50€ (Stand: Juni 2005). Dabei kann man meist zwischen Doppelbett ("Un grand lit") und getrennten Betten ("Deux lits") wählen. Oft gibt es einen kleinen Fernseher, der aber meist nur französische Sender empfängt. Das Frühstück ist jedoch in Frankreich im Zimmerpreis i.d.R. nicht mit inbegriffen, sondern es werden pro Person typischerweise 6€ berechnet. Dafür erhält man fast immer Kaffee oder Tee, Baguette, Croissants, leicht gesalzene Butter und Marmelade. Buffets mit umfangreicher Auswahl und englisch-amerikanisches Frühstück sind eher selten bzw. nur in Hotels mit mehr als zwei Sternen anzutreffen.
Während man in Frankreich also relativ gut und preisgünstig übernachten kann, kommt einen ein Restaurantbesuch um einiges teurer. Aber ich bezahle lieber etwas mehr für ein gutes Essen, als dass ich mein Geld in ein teures Hotelzimmer investiere. Die Speisekarte in den meisten Restaurants hier in der Bretagne besteht aus je 4-6 Fleisch- und Fischgerichten. Dazu gibt es eine Auswahl von Vor- und Nachspeisen. Jedes Restaurant in Frankreich bietet jedoch auch 2-4 verschiedene Menüs in verschiedenen Preisklassen an. Die Zahl der Gänge liegt dabei zwischen 3 und 5, die Preise zwischen 15 und 40€ pro Person. Im Gegensatz zu anderen Ländern kann man hier in den meisten Hotelrestaurants sehr gut essen. Wir haben in der Tat fast immer auch dort zu Abend gegessen, wo wir gewohnt haben, und somit beziehen sich die hinsichtlich des Essens hier gemachten Angaben vor allem auf die angegliederten Restaurants von Zwei-Sterne-Hotels. Innerhalb eines Menü-Ganges kann man meist zwischen 3 Gerichten wählen. "Fisch oder Fleisch?" ist hier stets die Frage, Vegetarier werden sich etwas schwer tun und werden wohl meist mit Salat vorlieb nehmen müssen. Wenn ich Fisch sage, meine ich damit natürlich auch Meeresfrüchte. Schließlich lebt man diesbezüglich hier im Paradies. Somit habe ich die Gelegenheit genutzt und hier so manchen Meeresfrüchteteller verdrückt, wobei es mir besonders Austern angetan haben, weil ich da den Geschmack des Meeres regelrecht in mich hineinsaugen kann. Dazu sei ein Hinweis zum "Werkzeug" erlaubt. Man erhält hier bei Bestellung von "Fruits de mer" stets 4 Spezialwerkzeuge: eine dreizackige Austerngabel, mit der man quasi die Nabelschnur zwischen Auster und Muschelschale durchtrennen kann, ferner eine schmale, langstielige Schneckengabel für die normalen Meeresschnecken, dann eine Nadel, mit der man die ganz winzigen Schnecken ("Bulots") mit etwas Übung und Geschick aus dem Gehäuse pulen kann, und schließlich eine Art Nussknacker, mit dem man sich an die Hartschalentiere wie Hummer, Langusten und Taschenkrebse macht. Garnelen ("Langoustines") schält man am besten mit der Hand. Hier am Cap Fréhel, habe ich, da noch unwissend, die Gelegenheit verpasst, "Andouille" zu essen, eine bretonische Spezialität, die eine Wurst aus Schweineinnereien darstellt. Wenn ich jetzt an dieser Stelle eine bestimmte Dame grüße, weiß sie bestimmt, dass sie gemeint ist. Sie möge mir meine Vorliebe für derartige "Sauereien" bitte nachsehen. Auch wenn das Essen in französischen Restaurants nicht ganz billig ist und Getränke in Frankreich seit je her als teuer galten, konnte ich jetzt feststellen, dass man eine gute Flasche Wein im Restaurant durchaus für 10-12€ erhalten kann, während man dafür in Deutschland doch eher mehr bezahlt. Da ich ja hier meist Fisch bzw. Meeresfrüchte gegessen habe, habe ich auch meist Weißwein bestellt. Dabei konnte ich feststellen, dass sich mein Geschmack - obwohl sonst begeisterter Rotweintrinker - mehr und mehr zu trockenen, fruchtigen Weißweinen hin entwickelt. War dort bislang der Chardonnay mein eindeutiger Favorit, so konnte ich jetzt hier eine für mich neue Rebsorte entdecken. In der Bretagne trinkt man u.a. bevorzugt Wein von der Loire, zumal diese ja dort in den Atlantik mündet. Und da hat es mir jetzt der Muscadet besonders angetan, der vor allem zu Meeresfrüchten ganz hervorragend schmeckt. Als ich einmal zum Essen ein kleines Fläschchen Rotwein getrunken habe, wurde dafür eine Rotweinsteuer erhoben, die in bar zu entrichten war (dürfte bei ca. 20% des Flaschenpreises gelegen haben).
Ja, die Erinnerungen an Tisch und Bett müssen natürlich auch festgehalten werden. Aber jetzt geht es weiter. Wir fahren am nächsten Morgen wie geplant zum Cap Fréhel. Um in das unter Naturschutz stehende Gelände einfahren zu dürfen, müssen wir einen kleinen Obulus entrichten. Am Kap steht ein alter Leuchtturm 72m über dem Meer. Von hier hat man ringsherum einen herrlichen Ausblick. Auch wenn wir uns hier noch an der Smaragdküste (Côte d'Emeraude) befinden, schimmert die felsige Oberfläche hier oben rosarot. Ein vorgelagerter Felsen erweist sich als Zuhause und Brutstätte unzähliger Seevögel (vornehmlich Möwen). Die Menge aller Vornamen würde wahrscheinlich nicht ausreichen, ihnen allen einen anderen Namen zu geben. Ob sie deshalb alle Jonathan heißen?
Wir fahren die Küste weiter in Richtung Westen und gelangen dadurch auch etwas weiter nach Norden an die Côte d'Armor. Von der Pointe l'Arcouest kann man zur Ile Bréhat übersetzen. Das Auto muss man auf dem Festland lassen. Denn Bréhat ist autofrei. Die Insel gilt wegen ihres milden Klimas, der fehlenden Abgase und der dadurch prächtig gedeihenden Pflanzenwelt als ein Highlight der Bretagne. Wer hier in der Gegend ist, wird auf Postern und Postkarten immer wieder Aufnahmen der Ile Bréhat und der umliegenden Inselwelt sehen. Diese Bilder vermitteln einem das Gefühl, die Malediven seien hier. Allerdings mit mehr Felsen und Steinen anstelle von Sand. Demzufolge ist hier sicher auch ein mehrstündiger Schiffsausflug vorbei an Küste und Inselwelt besonders bei klarer Sicht sehr lohnenswert. Wir inspizieren die Küste, werden hier aber bezüglich Sandstränden nicht fündig. Somit beschließen wir weiter zu fahren und nach einem gemütlichen Ort Ausschau zu halten, wo wir länger als eine Nacht bleiben wollen. Unsere Wahl fällt auf das Seebad Perros-Guirec, das noch ca. 30km weiter westlich liegt. Da wir Freitag haben und das Wochenende vor uns liegt, wollen wir beizeiten ein Quartier suchen. LosGatos' Freundin zeigt sich spendabel, deshalb darf es heute ein Stern mehr sein, der sich sowohl im Preis (mehr als das Doppelte) als auch vom Gebotenen her (Meerblick, Balkon, Terrasse, Satelliten-TV) gegenüber nur 2 Sternen deutlich abhebt. Am Nachmittag nehmen wir einen kleinen Imbiss in einem Strandlokal. Wir probieren eine weitere bretonische Spezialität: Galettes. Dieses sind Pfannkuchen aus Buchweizenmehl und haben daher einen dunklen Teig. Im Gegensatz zu Crèpes werden sie nicht mit einer süßlichen, sondern einer mehr herzhaften Füllung versehen, im einfachsten Fall nur mit Butter, ansonsten mit Schinken, Käse, Pilzen. Da ich immer besonders gerne authentische Speisen zu mir nehme, entscheide ich mich für eine Galette Bretonische Art, d.h. auf diese Weise bekomme ich endlich Gelegenheit, die Andouille zu probieren. Dazu trinke ich eine Tasse Cidre, den sprudelnden Apfelwein aus der Bretagne. Eine wirklich schmackhafte Kombination, an die ich mich gewöhnen könnte. Später auf unserer Rückreise habe ich übrigens an einer Autobahnraststätte noch mal eine ganze Andouille gegessen. Zumindest in dieser Fast-Food-Variante schmeckte diese Wurst aus Schweineinnereien eher gewöhnungsbedürftig, um nicht zu sagen widerlich. Aber die damit gefüllten Galettes sind, wie gesagt, hervorragend. Hier schmeckte die Andouille eher wie etwas herzhafteres Corned Beef. Mir läuft beim Schreiben dieser Zeilen und beim Abspulen meiner Erinnerungen immer noch das Wasser im Munde zusammen. Und so ein Tässchen Cidre (man trinkt ihn stilecht aus einer Bolée) wäre jetzt auch was Schönes (dabei wollte ich da zuerst gar nicht ran). Aber ohne Seeluft würde mir das jetzt sicher nicht so richtig schmecken. Am nächsten Tag probiere ich hier auch noch Galettes mit Lauch und Jacobsmuscheln, einer herausragenden Spezialität dieser Region. Allerdings gibt es frische Jacobsmuscheln nur in der kalten Jahreszeit ab Herbst.
Am zweiten Tag in Perros-Guirec erkunden wir die nähere Umgebung. Hier ist in erster Linie ein Spaziergang auf dem 6km langen direkt am Meer entlangführenden Zöllnerpfad, der die Orte Perros-Guirec und Ploumanac'h verbindet, unbedingt zu empfehlen. Wir befinden uns hier an der Côte du Granit Rose. In der Tat bietet diese Küste eine Ansammlung riesiger rötlich gefärbter Granitfelsen. Nicht nur, dass sie für eine stimmungsvolle Farbgebung sorgen, ihre oftmals sonderbare Anhäufung lässt Formen entstehen, die der Phantasie freien Lauf lassen. Ich habe z.B. einen Löwen, eine Schildkröte, eine Flasche und nicht zuletzt einen riesigen Pilz ausgemacht, der freilich keiner Fistel schmeicheln kann. Denn hier beißt man gegebenenfalls nur auf Granit. Es ist klar, dass der Finger hier permanent den Auslöser der Kamera bedient. Vor Ploumanac'h liegt ein Schloss auf einer Insel im Meer, die man bei Ebbe fast trockenen Fußes schwimmend erreichen kann. Hier soll der Roman "Quo vadis?" geschrieben worden sein.
Unser Weg führt uns nun noch weiter nach Westen, so dass wir uns langsam aber sicher im äußersten Nordwesten Frankreichs befinden. Wir fahren hier die Côte des Abers ab, empfinden diese aber weniger spektakulär als erhofft. Wir erwägen, den Tag in Brest abzuschließen. Frankreichs westlichste Großstadt ist mir vor allem als Geburtsstadt des Häuptlings der Apachen, der mit bürgerlichem Namen Pierre Brice heißt, bekannt. Als wir durch die Stadt fahren, empfinden wir wenig prickelnde Atmosphäre. Auch der Reiseführer kann uns einen weiteren Besuch dieser Stadt nicht schmackhaft machen. Weitaus verheißungsvoller erscheint uns eine eingehende Visite der südlich von Brest gelegenen Halbinsel Presqu'Ile de Crozon. Man erreicht sie von Brest aus entweder per Fähre oder über den Weg über die Hängebrücke Pont de Térénez bei le Faou bzw. von Süden kommend über den Landweg. Wir fahren über Pont de Térénez und steuern das Seebad Camaret-sur-Mer an.
Dort wollen wir gleich nach einer Unterkunft Ausschau halten. Denn es ist Sonntag und da gibt es sicher auch Tagesausflügler. Am Hafen fallen mir gleich 3 Hotels, die direkt nebeneinander liegen, ins Auge. Spontan sage ich, dass ich ins Hotel "Le Styvel" möchte, da es mich einfach optisch anspricht. LosGatos' Freundin meint zwar, das läge zu dicht an der Straße. Aber es ist schließlich das Ende der Straße und keine Durchgangsstraße. Wir bekommen dort ein Zimmer. Es ist sehr klein, aber es hat Meerblick. Dann machen wir einen Spaziergang am Hafen. Welches ist dein Boot, will sie wissen. Such dir das schönste aus, sage ich. Wir besuchen einen Hafenkapelle. Hier hängen Schiffsmodelle an der Decke. Aus Lautsprechern ertönt leise sehr besinnliche Musik. In diese Kirche würde sogar ich öfters reingehen. Vor dem Abendessen möchte ich noch einen Pastis zu mir nehmen. Einen mit Meerblick. Dann gehen wir in unser Hotelrestaurant. Obwohl es kurz nach Öffnung noch fast leer ist und wir Hotelgäste sind, haben wir Glück, noch einen der letzten nicht reservierten Tische zu ergattern. In der Tat füllt sich das Lokal innerhalb kürzester Zeit bis auf den letzten Platz. So etwas spricht für ein Lokal, obwohl es hier genug andere Möglichkeiten gibt. LosGatos' Freundin wählt im Rahmen ihres Menüs als Vorspeise zwei Scheren eines Taschenkrebses ("Tourteau"). Obwohl sie keine passionierte Anhängerin von Meeresfrüchten ist. Mit Hilfe des Werkzeuges knackt sie die Scheren und ist von dem Inhalt begeistert. Es ist soviel enthalten, dass auch ich in den Probiergenuss komme. Einfach phantastisch. Auch dieser Geschmack liegt mir noch heute auf der Zunge. Das beste Meeresgetier, was ich je gegessen habe! Franzosen an Nachbartischen vertilgen riesige Portionen von Miesmuscheln mit einer ordentliches Portion Pommes dazu. Das wäre auch etwas gewesen. Aber morgen haben wir sicher wieder Hunger.
Am nächsten Tag nehmen wir uns die Halbinsel etwas genauer vor. Wie ein Dreizack ragt sie ins Meer. Dementsprechend gibt es allein hier viele Kaps anzusteuern. Pointe des Espanols an der Nordseite ist weniger spektakulär. Von hier aus hat man einen schönen Blick auf Brest, gute Sicht vorausgesetzt. Das Kap selbst hat aber nicht viel zu bieten. Ganz anders dagegen Pointe de Pen-Hir in der Nähe von Camaret-sur-Mer sowie Poinr de la Chèvre und Pointe de Dinan. Die drei sollte man auf keinen Fall auslassen. Tolle Steilwände, Erika-bewachsene Küstenstreifen sowie ein natürlicher Brückenbogen, der das "Schloss Dinan" mit dem Festland verbindet. Für diese Halbinsel kann man durchaus einen Tag einplanen. Am Nachmittag sind wir damit durch. Was als Nächstes? Die Pointe du Raz etwas weiter südlich? Kaps haben wir für heute eigentlich genug. Station in Quimper machen? Die Hitze wird immer brütender. Besichtigungen, die nicht direkt am Meer liegen, machen einfach keinen Spaß. Kurzentschlossen entscheiden wir uns für den Weg nach Hause. Im Nachhinein reut es mich etwas, dass wir nicht auf Presqu'Ile de Crozon geblieben sind und dort einfach Strandurlaub gemacht haben. Somit zerplatzt mein Traum von Tourteaux und Miesmuscheln wie eine Seifenblase.
Die Bretagne, das ist weit mehr als bizarre Küsten, Meeresfrüchte und Cidre. Wir haben nur einen Ausschnitt gesehen und uns Appetit auf mehr geholt. Sicher hat die Bretagne auch ihren Reiz, wenn das Wetter etwas rauer ist und das Meer am Toben ist. Überall sieht man Bilder mit prächtigen Aufnahmen. Auch kulturell wird viel geboten. Jede Menge Burgen, Schlösser, Museen und Kirchen sowie Pfarrhöfe und Kalvarienberge. Sehenswürdigkeiten sind für mich bereits viele bretonische Wohnhäuser. Ich bin von dieser Bauweise fasziniert. Außenputz ist hier fremd. Die Häuser sind aus großen, oft unregelmäßigen grauen Steinen erbaut. Von der Form sind sie meist höher, als dass sie breit sind. Hier ist jedes Home wirklich ein Castle. Nicht zu vergessen ist die Steinkultur. Megalithen, Menhire und Dolmen sind riesige Steine, die vor Tausenden von Jahren quasi als Denkmäler aufgestellt wurden. Und wer Wanderungen liebt, kommt hier natürlich auch auf seine Kosten. Liebhaber schottischer Küstenlandschaften werden sich hier auch wohlfüllen. Und gegenüber Schottland hat die Bretagne einen unschätzbaren Vorteil: hier gibt es was anständiges zu essen. Wir kommen wieder.
Copyright LosGatos
Erstveröffentlichung 10.7.2005
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