Pro:
Sympathische Protagonistin, Spannung, leicht zu lesen
Kontra:
Konventionelles Strickmuster, konstruiert
Empfehlung:
Ja
Zur Gliederung des Berichts:
1) Produktdetails
2) Die Autorin
3) Inhalt
4) Kurze Leseprobe
5) Bewertung
6) Fazit
1) Produkdetails:
Die deutsche Ausgabe erschien 2004 im Heyne-Verlag. Die gebundene Ausgabe umfasst 430 Seiten und kostet 21 Euro, die Taschenbuchausgabe 8,95 Euro.
Der Originaltitel lautet: "Nighttime Is My Time".
ISBN-Nummer (der Taschenbuchausgabe): 3453431529
2) Die Autorin:
Mary Higgins Clark (Jahrgang 1929) zählt zu den erfolgreichsten Thrillerautorinnen der Welt. Bereits als Kind begann sie zu schreiben, doch erst 1956 verkaufte sie ihre erste Kurzgeschichte. Nach dem Tod ihres ersten Mannes verfasste einen Historienroman, dem jedoch kein großer Erfolg beschienen war. 1975 erschien ihr erster Thriller "Wintersturm", der zum Bestseller avancierte. Seitdem verfasste sie Dutzende von Krimi- und Thrillerromanen, die regelmäßig die Spitzenplätze der Bestsellerlisten belegen. Mehrere ihrer Romane wurden für das TV verfilmt. Sie lebt heute mit ihrem zweiten Ehemann und ihrer Familie in New Jersey.
Weitere bekannte Romane von ihr sind u.a.: "Das fremde Gesicht", "Schlangen im Paradies", "Schlaf wohl, mein süßes Kind", "Schwesterlein, komm tanz mit mir", "Vergiss die Toten nicht" und "Das Haus auf der Klippe".
3) Inhalt:
Dr. Jean Sheridan, eine erfolgreiche Historikerin Ende Dreißig, kehrt zu ihrem zwanzigjährigen Abschlussjubiläum an der Stonecroft Academy in ihre Heimatstadt zurück. Bei einem großangelegten Klassentreffen soll sie mit sechs anderen Absolventen für herausragende berufliche Leistungen geehrt werden. Doch das Treffen wird überschattet: Fünf ihrer Schulfreundinnen sind in den letzten Jahren ums Leben gekommen. Für Jean birgt das Treffen noch weitere düstere Erinnerungen: Kurz vor ihrem Abschluss starb ihr damaliger Freund bei einem Autounfall, Jean trug das gemeinsame Kind in aller Heimlichkeit aus und gab es zur Adoption frei. Auch heute noch trauert sie ihrer Tochter, die sie bei sich "Lily" nennt, und ihrer verlorenen Liebe hinterher. Umso erschreckender sind die Faxmeldungen, die Jean in letzter Zeit erhält. Alle enthalten Drohungen gegen ihre Adoptivtochter. Jean hofft, dass es sich bloß um einen bösen Scherz handelt und versucht, sich auf dem Treffen abzulenken.
Sie ahnt nicht, dass die Todesfälle kein Zufall waren. Einer ihrer ehemaligen Mitschüler ist ein skrupelloser Mörder, der sich nach und nach an allen rächt, die ihn seinerzeit zurückgeiwsen haben. Er nennt sich "die Eule", nach seinem Spitznamen aus der Kindheit. Wie ein Raubvogel schlüpft er nachts in die Rolle des Jägers und überwältigt seine Opfer. Jean Sheridan, ihre Adoptivtochter und Jeans Freundin Laura sind die letzten auf seiner Liste, an denen er seine Rache vollziehen will. Als Laura schließlich spurlos verschwindet, ahnt Jean, dass einer der ehemaligen Klassenkameraden dahintersteckt und die anderen Frauen ermordet wurden. Aber wer ist der Täter? Im Verdacht stehen vor allem der zynische Bühnenautor Carter Stewart, der schadenfrohe Komiker Robby Brent, der TV-Psychologe Mark Fleischerman, der unterkühlte TV-Manager Gordon Amory und der skrupellose Geschäftsmann Jack Emerson.
Verzweifelt versucht Jean, den Täter zu entlarven, bevor er sein Werk vollendet. Ihr zur Seite steht Detective Deegan, ein älterer Polizeibeamter, sowie der vorwitzige Schülerzeitungsreporter Jake Perkins. Die Zeit drängt, denn es schwebt nicht nur Laura, sondern auch Jeans Tochter in höchster Gefahr ...
4) Leseprobe:
Die Eule hatte ihren Käfig beinahe verlassen. Er war im Begriff, sich von ihr zu trennen. Stets konnte er den Augenblick spüren, an dem sich die völlige Trennung vollzog. Sein eigenes saftes, liebevolles Ich - die Person, die er unter anderen Umständen vielleicht geworden wäre - begann, sich zurückzuziehen. Er hörte und sah sich selbst lächeln und scherzen und empfing die Wangenküsse einiger Frauen aus seiner ehemaligen Klasse.
Und dann entschwand er in die Nacht. Er spürte die samtweiche Oberfläche seines Gefieders, als er zwanzig Minuten später in seinem Wagen saß und auf Laura wartete. Er sah zu, wie sie aus dem Hintereingang des Hotels schlüpfte und sich vorsichtig umsah, um niemandem zu begegnen. Sie war sogar so schlau gewesen, sich einen Regenmantel mit Kapuze über ihr Abendkleid zu streifen.
Dann war sie an der Wagentür und öffnete sie. Sie ließ sich neben ihn auf den Vordersitz gleiten. "Entführ mich, Liebling", sagte sie lachend. "Ist das nicht lustig?"
(S. 99)
5) Bewertung:
Weder der Titel noch die Autorin waren für mich der Grund, das Buch in die Hand zu nehmen. Stattdessen war es das Cover, das meinen Blick auf sich zog: Eine wunderschöne schneeweiße Eule in Großaufnahme, so dass nur mehr ihr Schnabel und ihr linkes Auge zu sehen sind, sorgt beim Betrachter für Aufmerksamkeit. Der Blick auf den Klappentext war dann nur noch reine Formalität, denn der Name Mary Higgins Clark steht gewöhnlich für solide, wenn auch nicht außergewöhnliche Thrillerkost. Es sind auch hier wieder einmal bewährte Zutaten, auf die die Autorin zurückgreift und die sie in einen unterhaltsamen, allerdings nicht mehr als durchschnittlichen Roman umsetzt.
Identifizierung durch Sympathiefiguren
Wie so oft dreht sich die Handlung um eine junge, sympathische Frau, die ohne eigenes Verschulden in eine gefährliche Lage gerät. Auch Jean Sheridan hebt sich nicht weiter von dem Strickmuster anderer Higgins Clark-Heldinnen ab. Die Protagonistin macht es dem Leser leicht, sich mit ihr zu identifizieren. Jean ist erfolgreich und ehrgeizig, dabei aber frei von Arroganz, sondern angenehm bodenständig. Obwohl zwanzig Jahre ins Land gegangen sind, trauert sie immer noch um ihre verstorbene Jugendliebe Reed, und die zur Adoption freigegebenen Tochter, die sie bei sich zärtlich "Lily" nennt. Voller Zärtlichkeit denkt sie an ihre unbekannte Tochter, von der sie nicht einmal weiß, welchen Namen ihr ihre neuen Eltern gegeben haben. Der Roman ist somit nicht nur Thriller, sondern enthält auch einige melodramatische Komponenten und es kommt zumindest soviel Mitgefühl für die Hauptfigur auf, dass man ihr eine versöhnliche Begegnung mit ihrer verlorenen Tochter wünscht.
Die zweite Sympathiefigur ist der väterliche Detective Sam Deegan, zu dem Jean sofort Vertrauen fasst. Deegan ist mehr als ein unermüdlicher Ermittler; er steckt auch darüberhinaus viel persönliches Interesse in die mysteriöse Mordserie; nicht zuletzt deshalb, weil die Todesfälle offenbar in Zusammenhang mit einem ungeklärten Mord stehen, der ihm seit zwanzig Jahren keine Ruhe lässt ...
Für Humor sorgt vor allem der junge Schülerzeitungsreporter Jake Perkins, der in seinen hartnäckigen Rechermethoden seinen älteren Kollegen in nichts nachsteht. Mit viel Witz und Genuss durchschaut er die arroganten Teilnehmer des Klassentreffens und bringt mit seinen forschen Fragen so manchen Interviewparter in Verlegenheit. Übertrieben wird dieses freche Auftreten nur am Schluss, als sich Jake selbst angesichts eines Wettlaufs auf Leben und Tod noch detailliert in seinen brisanten Informationen ergehen will.
Auf Eulenjagd
Um die Spannung zu erhöhen, greift Mary Higgins Clark tief in die Trickkiste: In fast jedem zweiten Kapitel wechselt der personale Erzähler von der Protagonistin Jean Sheridan zum Mörder hinüber, allerdings ohne dabei seine Identität preiszugeben. Der Killer ist nur "die Eule", sein richtiger Name fällt nie. Dem Leser ist kaum möglich, den Täter hinter diesem Decknamen vorzeitig zu erraten. Jeder aus dem engeren Kreis ist aus diversen Gründen gleich verdächtig. Weder der Leser noch Jean Sheridan können mit Gewissheit sagen, wem von ihm zu trauen ist. Die Hinweise auf die Täterschaft sind dünn gesät und so allgemein gehalten,. dass sie auf jeden Verdächtigen zutreffen könnten. Nahezu alle von ihnen haben sich im Erwachsenenleben um 180 Grad gewandelt, haben eine schwere Kindheit hinter sich und machen sich durch gewisse Bemerkungen oder Handlungen verdächtig. Leichte Gruselmomente kommen auf, wenn der Mörder sich seine Eulenmaske überzieht und jenen Spruch aufsagt, der ihm damals nach einer Theatervorstellung zu seinem Spitznamen verhalf: "Ich bin die Eule und ich lebe in einem Baum ..."
Leider steckt in diesem Punkt auch ein erhebliches Manko des Buches: Die Autorin ist so sehr darauf bedacht, den Leser aufs Glatteis zu führen und den Täter geheim zu halten, dass sie zu betrügerischen Mitteln greift und es mit der Informationsverweigerung auf die Spitze treibt. Selbst als die entführte Laura ihren Peiniger erkennt und der Leser Einblick in ihre Gedanken bekommt, fällt nicht sein wahrer Name; selbst hier, bei sich, nennt ihn Laura nur "die Eule". Und wenn sie denn mal trotz seines Verbots seinen wahren Namen ausspricht, so erfährt der Leser natürlich nur, dass sie "immer wieder seinen Namen flüsterte". Das Bemühen der Autorin um Spannung in allen Ehren, aber dass selbst sein Opfer seinen Namen nicht in Gedanken nennt, lässt die Handlung an diesen Stellen zu unrealistisch und konstruiert erscheinen.
Konstruiert sind auch die zahlreichen Scheinbar-Hinweise und falschen Fährten, die allzu offensichtlich dazu dienen, jeden der Verdächtigen mal kurz in Licht zu rücken. Im Laufe der Handlung fällt bei jedem von ihnen mindestens ein Satz oder ein Gedanke, der ihn mit dem Täter in Verbindung bringt, meist als Cliffhanger formuliert, um dem Leser besonders nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben. Gerade diese Ausgewogenheit der Verdachtsmomente sorgt dafür, dass die Auflösung, wer sich tatsächlich hinter der "Eule" verbirgt, längst nicht so spektakulär ist wie die eigentliche Mörderjagd selbst. Keiner der in Frage Kommenden drängt sich dem Leser als Täter-Kandidat auf. Allenfalls einen von ihnen wünscht man sich nicht als Mörder, beim Rest spielt es keine große Rolle, ob er sich als Schuldiger entpuppt oder nicht. Zwar gibt seine Identität letztlich Sinn, alle offenen Fragen werden zufriedenstellend geklärt, aber es fehlt ein letztes Aha-Erlelbnis, eine finale Wendung oder Überraschung als abschließende Krönung.
Leichtverdauliche Thrillerkost
Unterm Strich bietet der Roman einem versierten Thrillerleser nichts Neues, verlässt sich auf vertraute Strickmuster von netten Charakteren bis hin zum versöhnlichen, beinah schon kitschigen Ende, ohne dabei nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben oder gar für echte Überraschungen zu sorgen. Durch den einfachen, glatten Schreibstil und die geradlinige Handlung ohne größere Abschweifungen lässt sich der Roman in wenigen Tagen verschlingen. Da er keine hohen Anforderungen stellt, ist er sowohl für Gelegenheitsleser als auch als Urlaubslektüre ideal geeignet. weiterlesen schließen
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