Pro:
angenehme Konsistenz, feine Pigmentierung, guter Farbabrieb, hohe Ergiebigkeit
Kontra:
nichts
Empfehlung:
Ja
Das Gespenst von Canterville aus Oscar Wildes gleichnamiger Erzählung hat ein Faible für Aquarellfarben: Nacht für Nacht schleicht sich der rastlose Geist ins Zimmer der 15-jährigen Virginia E. Otis und bedient sich heimlich aus deren Farbkasten. Den nächtlichen Besucher treiben dabei freilich weniger die künstlerischen Ambitionen um als die leidige Pflicht: Nacht für Nacht muss aufs Neue der Blutfleck in der Bibliothek aufgefrischt werden, den einer von Virginias Brüdern bei Tage immer wieder mit dem Kraftreiniger "Paragon" entfernt.
So gehen Virginia nacheinander erst die Rottöne aus, dann auch das Smaragdgrün und schließlich das Chromgelb. Irgendwann sind dann nur noch Indigo und Chinaweiß übrig, und Virginia wird in ihren künstlerischen Anstrengungen darauf zurückgeworfen, Landschaften im Mondschein zu malen - etwas, das sie laut eigenem Bekunden ganz und gar nicht gern tut, weil der Anblick solcher Bilder schwermütig mache. Und leicht zu malen seien solche Szenen auch nicht.
Sollte ich Virginia nun wünschen, sie hätte solch einen Kasten mit Künstler-Aquarellstiften ihr eigen nennen können, wie ich ihn habe? Zum einen hätte es wohl etwas länger gedauert, bis Virginia die Farben ausgegangen wären. Die Kehrseite der Medaille: das Canterville-Gespenst hätte noch ungleich mehr Schaden angerichtet, denn mein Kasten bietet mir sage und schreibe nicht weniger als 100 Farben. Was das Gespenst von Canterville dazu wohl gesagt hätte? Die Cantervilles, behauptet das Gespenst, hätten das blaueste Blut in England. Den Farbton hätte es sicher auch in meinem Farbkasten gefunden, denn auch in dem ist Blau nicht einfach Blau, sondern Ultramarin, Kobalt, Phthalo oder Türkis - und von den meisten dieser Töne gibt es sogar noch eine hellere Variante. Das gilt natürlich auch für sämtliche anderen Farben: sie alle gibt es einer Vielzahl von Abstufungen.
Gute Unterbringung
So viele Stifte wollen natürlich erst einmal untergebracht sein. Meine Stifte habe ich in einem dunkel gebeizten, zweistöckigen Holzkoffer bekommen. Die Unterbringung ist gleichermaßen edel wie platzsparend: Der Koffer ist zwar stolze 48 cm breit und 31 cm tief, aber im geschlossenen Zustand gerade mal drei cm hoch. Ihr durchdachtes, repräsentatives Heim haben die Stifte meines Erachtens aber auch voll und ganz verdient. Das kann ich jetzt, nachdem ich ein paar erste Bilder mit den Stiften gemalt habe, guten Gewissens sagen.
Bevor ich die Stifte aber in Gebrauch genommen habe, hat der schön anzuschauende Kasten erst einmal gut und gern zwei Jahre bei mir herumgestanden. Danach befragt, warum ich die Stifte nicht benutze, habe ich meist etwas davon genuschelt, mir fehle die rechte Zeit und Muße. Das war aber nur die halbe Wahrheit. In Wirklichkeit nämlich hatte ich Hemmungen. Ich war einfach zu schüchtern, den ersten Strich zu wagen. Wann immer ich den Kasten aufklappte, überkamen mich Gefühle von Ehrfurcht, ja, Andacht: So viele wunderschöne Stifte - und alle lagen sie jungfräulich und unberührt vor mir. Und es war an mir, ihnen die Unschuld zu rauben. Ich würde der erste sein, der ihren schlanken Leib umfassen würde, um sie mit dem Kopf zuerst auf das grobe Aquarellpaper zu pressen und an ihnen zu reiben, bis sich die weiße Unterlage endlich von ihren Pigmenten färben würde.
Muffensausen
Und was, wenn dann das Ergebnis unbefriedigend ausfiele? Was, wenn mir die Perspektive nicht gelänge? Wenn die Schatten zu tief ausfielen, die Farben zu bunt oder mir sonst etwas an unserem gemeinsamen Zeichenakt nicht zusagte? Ich wüsste dann sehr wohl, wo der Fehler zu suchen sei: Wo es an der Begabung fehlt, da helfen auch die schönsten Stifte nichts. Ich wusste das - aber wussten das auch meine 100 Jungfrauen? Würden am Ende sie sich unzulänglich finden? Nicht auszudenken, solche eine traumatische Erfahrung. Sicher würde es ihnen die Mine brechen. Das habe ich nämlich schon des öfteren feststellen müssen: Man zeichnet mit Buntstiften ein Bild - ist mit dem Ergebnis unzufrieden - verbannt die Schachtel mit den Stiften in die hinterste Ecke eines dunklen Schranks - und wenn man sich ihrer das nächste Mal annimmt und versucht, sie anzuspitzen, hat man das Malheur: die Stifte werden nicht spitz, sondern werfen den Kopf ab. Gebrochene Stifte ohne eine Zukunft.
Irgendwann habe ich mir dann aber doch ein Herz gefasst. Ich habe es uns gemütlich gemacht, habe die an vier Seiten zu einem Block geleimten Seiten weißen, rauen Aquarellpapiers hervorgeholt und leise Musik aufgelegt. Ich habe das Umgebungslicht gedämpft, und nur die kleine Schreibtischlampe durfte ihren hellen Schein auf das weiße Blatt werfen.
Danach habe ich, wie so oft schon, den zweistöckigen Kasten aufgeklappt und habe geflüstert: Diesmal gilt's - jetzt bin ich so weit.
Zuerst habe ich mit ein paar schnellen Bleistiftstrichen die wichtigsten Linien meines Bildes skizziert. Nur ganz leicht und nur sehr andeutungsweise. Gerade so, dass man sie noch sieht. Ich möchte hinterher nicht radieren. Meine Hilfslinien dürfen Teil des Bildes werden, und wenn sie tatsächlich hie und da noch zu erahnen sind, dann macht das auch nichts. Oft wirkt ein fertiges Bild umso lebendiger, wenn an manchen Stellen noch die Skizze durchschimmert.
Der große Moment ist da
Und dann war endlich der große Moment gekommen. Ich habe einen der Stifte aus dem Kasten genommen und endlich den ersten Strich zu Papier gebracht. Sehr sanft und ohne zuviel Druck auszuüben. Bevor ich den Stift wirklich aufs Papier gesetzt habe, habe ich die Linie, die ich ziehen wollte, erst einmal in Gedanken gezogen. Und dann gleich noch einmal, und währenddessen habe ich den Stift wenige Millimeter über dem Papier in der Schwebe gehalten und ihn die Bewegungen nachvollziehen lassen, die ich in Gedanken machte. Erst dann habe ich den Stift wirklich in Berührung mit dem Papier gebracht und meine Gedankenlinie auf dem weißen Blatt nachgezogen (der Regisseur James Cameron macht das ähnlich; die Szene in "Titanic", in der er seinen Helden Jack eine Aktzeichnung der schönen Rose anfertigen lässt, habe ich als eine kleine Liebeserklärung an den Akt des Zeichnens selbst empfunden).
Erst habe ich mir die Bereiche meines Motivs vorgenommen, die vergleichsweise hell bleiben sollten. Überall anders habe ich, Schicht um Schicht verschiedener Farben übereinanderlegend, immer weiter nachgedunkelt, bis schließlich aus einer ehemals weißen Fläche eine geworden war, auf der die Unterschiede zwischen lichten Flächen und Schattenflächen gut genug austariert waren, um im Betrachter den Eindruck einer Ähnlichkeit zwischen dem Bild und dem gewählten Motiv zu erwecken.
Als das Werk dann vollbracht war, habe ich es erst einmal beim reinen Zeichnen belassen. Will sagen: Ich habe die Farben nicht nachträglich noch mit Wasser vermalt. So wagemutig war ich dann doch nicht, denn bevor ich die Albrecht Dürer Künstleraquarellstifte kennen lernen durfte, hatte ich lediglich Erfahrungen mit herkömmlichen Aquarellfarben gesammelt. Lange Jahre habe ich einen kleinen Malkasten besessen, der mir ein gutes Dutzend Farben bot. Mein Eindruck: Für die ersten Schritte reicht das. Um sich in der Aquarelltechnik zu erproben, ist so ein Kasten mit einem vergleichsweise begrenzten Farbspektrum sicherlich gut geeignet (und für den mobilen Einsatz ist er wirklich ideal). Früher oder später werden dann aber die Beschränkungen offenbar, die mit einer beschränkten Auswahl an Farben zwangsläufig einhergehen: Aquarellfarben tendieren dazu, schmutzig zu wirken, sobald man mehr als zwei Farbschichten übereinander legt. Wenn man nicht aufpasst, büßen die Farben dann viel von ihrer Leuchtkraft ein. Viele der Bilder, die ich im Laufe der Jahre mit meinem kleinen Aquarellkasten der Firma Lucas gepinselt habe, sind mir für meinen Geschmack etwas zu düster geraten - oder, im Gegenteil, etwas zu farbig.
Faber sorgt für Farbe - hundertfach
Die 100 Farben in meinem Kasten erlauben da schon mehr Variationen. Noch habe ich zwar längst nicht alle Farben durchprobiert, aber ich freue mich schon jetzt auf mein nächstes Bild. Es ist ein gutes Gefühl, sich an Dschungelmotive wagen zu können, ohne befürchten zu müssen, dass der Regenwald hinterher doch wieder nur aus zwei Grüntönen besteht, an denen man durch die Beigabe von Gelb und Braun ein wenig herumgedoktert hat. Ich freue mich auf Wasseroberflächen, für die mir ein Dutzend Blautöne zur Verfügung steht. Ich muss sie nicht alle benutzen. Aber es ist gut, zu wissen, dass sie da sind, wenn ich sie brauche.
Die Qualität der Stifte bietet mir die hohe Güte, die ich vom Hersteller Faber Castell gewohnt bin. Bislang kannte ich zwar nur die Graphitstifte (vulgo: Bleistifte) von Faber Castell, aber die benutze ich, in diversen Stärken, seit Jahr und Tag gern. Meine Farbstifte stehen in punkto Qualität ihren grauen Brüdern in nichts nach. Deshalb werde ich, wenn ich dereinst den ersten von ihnen in Grund und Boden gemalt und gespitzt haben sollte, natürlich auch nur das Original aus dem Hause Faber Castell nachkaufen.
Im Laufe der Jahre habe ich umfangreiche Erfahrungen mit Buntstiften verschiedener anderer Hersteller gesammelt - unterm Strich waren sie alle unbefriedigend, und meine Einsicht lautet: hier am falschen Ende zu sparen, rächt sich bereits beim ersten Malversuch. Billige Buntstifte haben oft, so habe ich das empfunden, die Konsistenz einer bestimmten Art von Wachsmalkreide, die ihre Farbe nur höchst widerwillig ans Papier abgibt. Gerade hellblaue Stifte sind da, so mein Eindruck, zuweilen hartnäckig bis zum Dorthinaus. Andere Farben wiederum zeigen sich hinsichtlich ihrer Beschaffenheit unberechenbar schmierig. Die Stifte von Faber Castell, die ich bisher verwendet habe, waren da schon pflegeleichter und sind offensichtlich sehr viel feiner pigmentiert als mancher Resterampen-Billig-Import aus Fernost.
Richtig interessant wird's dann freilich, wenn noch Wasser ins Farbenspiel kommt, denn wie die Bezeichnung Aquarellstift verrät, sind sämtliche Stifte mit Wasser vermalbar. Ich würde den Begriff "vermalbar" allerdings durch "verwendbar" ersetzen - man muss ja nicht erst ein Bild mit den Aquarellstiften fertig stellen, um das Werk dann nachträglich mit ein paar Pinselstrichen aufzuhübschen. Meine diesbezüglichen eigenen Versuche stecken zwar noch in Kinderschuhen, aber demnächst werde ich mal dies und das durchprobieren - zum Beispiel werde ich einmal testen, wie sich die Stifte auf feuchtem Untergrund machen. Ich denke, da lassen sich sehr lebendige Effekte erzeugen; gerade für Landschaftsbilder müsste sich die Kombination von feuchtem Untergrund und Aquarellstift gut eignen.
Derzeit befinde ich mich allerdings in einem Übergangsstadium: zum einen verwende ich die Aquarellstifte wie gewöhnliche Buntstifte, zum anderen aber auch nach Art der mir bekannten Malkasten-Farben: Erst feuchte ich einen Pinsel an, dann nehme ich Farbe von der Spitze der Stifte ab - eine ebenso effiziente wie Ressourcen schonende Methode.
R e s ü m e e :
Ich kann die Albrecht Dürer Künstleraquarellstifte wirklich nur empfehlen. Was der doppelstöckige Kasten mit 100 Farben gekostet haben mag, an dem ich in diesen Tagen viel Freude habe, weiß ich nicht, und ich möchte es auch nicht wissen. Schließlich war der Kasten war ein Geschenk von einer Person, die mir sehr nahe steht und die so freundlich war, meine Talente so zu überschätzen, dass sie glatt in einen Laden mit Künstlerbedarf spaziert ist und den wunderschönen Holzkoffer für mich erstanden hat. Ob ich der Ehre würdig bin, weiß ich nicht - aber dass ich meinen Kasten in Ehren halte, versteht sich von selbst. Soweit ich weiß, schlägt der Nachkauf eines einzelnen Stiftes aber mit etwa € 1,50 zu Buche - man kann sich also vorstellen, in welcher Preislage sich mein Doppelstöcker bewegen dürfte.
Bisher habe ich nur Freude an meinem Kasten mit 100 Faber Castell Albrecht Dürer Künstleraquarellstiften gehabt - und kann deshalb guten Gewissens meine unbedingte Empfehlung aussprechen: Wenn Aquarellstifte, dann welche von Faber Castell. weiterlesen schließen
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